Menonitas no Brasil
Mennoniten in Brasilien
Nachrichten und Mennonitische Geschichte
25.08.2025
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Editor: Udo Siemens
Nova edição: segundas, às 13 hs

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Flucht aus der Hölle Stalins
Ich veröffentliche nun die zweite Folge der Geschichte von der Flucht aus Stalins Hölle wie sie von Tatiana Tchernavin erzählt wurde. Sie ist Künstlerin, ihr Mann Wissenschaftler, sie gehen gewissenhaft ihren Aufgaben im sowjetischen Russland nach. Aber Stalin braucht Sündenböcke für die Fehlschläge seiner Entscheidungen. Irgendwann werden also die Wissenschaftler und Intelektuelle dafür verantwortlich gemacht. Sie und ihr Mann kommen darauf ins Gefängnis.
Die mennonitische Zeitung "Der Bote", bringt ihre Geschichte ab dem 28.11.1934.
Zum Anfang der Erzählung hier!
Tatiana selbst saß fünf Monate im Gefängnis, um gezwungen zu werden, ihren Mann zu denunzieren. Sie wurde jedoch freigelassen, nachdem Wladimir verurteilt und nach Solovski (ungefähr hier) gebracht worden war. Die innere Stärke ihres Schreibens wurzelt tief in der Fähigkeit der Autorin, ihr eigenes Leid in ein konzentriertes Beispiel für Elend und allgemeine Armut zu verwandeln, das stellvertretend für das ganze Land stand, das sich nun zu einem wahren Massengefängnis entwickelte. Die Tschernavins sprachen „für die Stummen“, tatsächlich aber für die Menschheit, und trotz ihrer indirekten Anrede zielten ihre Erzählungen darauf ab, ihre Mission zu erfüllen, indem sie Details über das Massenleiden sammelten, um die öffentliche Stimme im Westen gegen das Sowjetregime zu mobilisieren.
Ich werde verhaftet
Es war an einem Sonnabend. Ich hatte am Tage Lebensmittelpakete für meinen Mann abgeliefert, was so viel heißt wie: Ich hatte einen halben Tag lang vor dem Gefängnis Schlange gestanden. Der Abend verlief ohne Zwischenfall. Ich sehnte mich nach dem Bett. Mein Junge hatte seine Hosen zerrissen, und ich musste sie flicken.
Ich war mit der Arbeit erst gegen ein Uhr fertig. Da klingelte es scharf. Ich öffnete und sah den Hausmeister und zwei GPU-Leute in Uniform vor mir.
Also: Es ist aus.
Ich hatte immer noch nicht die Hoffnung verloren, dass man mich mit der Verhaftung verschonen würde. Die Vorstellung, dass mein Mann keine Hilfe durch Lebensmittelpakete mehr bekommen sollte, und dass mein Junge unter fremden Menschen allein bleiben würde, war mir nie in den Kopf gekommen. Mein liebes, rosiges Kind, wie kann ich dich mitten in der Nacht verlassen!
Ich konnte mich kaum auf den Beinen halten, nahm mich aber zusammen, um vor den GPU-Leuten keine Schwäche zu zeigen.
Wir gehen in mein Zimmer. Einer der GPU-Leute überreicht mir einen rosafarbenen Zettel, das ist die Durchsuchungs- und Verhaftungsorder.
„Bitte sehr!“
Der Hausmeister wagt nicht, mich anzublicken. Der alte Mann hat Mitleid mit mir. Er schämt sich, bei der Vernichtung einer Familie zugesehen zu haben. Der zweite GPU-Mann sieht sich im Zimmer um und wartet wie ein Jagdhund auf einen Befehl seines Vorgesetzten. Er schickt sich an, in das Zimmer meines Jungen zu gehen.
„Drüben ist das Zimmer meines Sohnes, wollen Sie vielleicht die Freundlichkeit haben, ihn nicht aufzuwecken, solange Sie hier beschäftigt sind“, sage ich.
Sie willigten wortlos ein.
Der Vorgesetzte GPU-Mann fordert mich auf, mich neben meinen Schreibtisch hinzusetzen und beginnt, in den Schubladen herumzuwühlen. Der andere nimmt sich meinen Bücherschrank vor. Beide schweigen. Das Zimmer verwandelt sich aber mit fabelhafter Schnelligkeit in ein Chaos. Aus dem Bücherschrank wird alles auf den Boden geschmissen: Dante, Petrarca, Boccaccio, Rousseau, Voltaire, Delisle. Die Reihe der stattlichen Bände ist zu groß, und so werden aus ihr nur Stichproben genommen. Wie freute ich mich, sie bei den Antiquaren für wenig Geld erstehen zu können. Der Anblick der verbogenen und zerstörten schönen alten Einbände ist schmerzhaft. Nach den Büchern kommen die Notenhefte an die Reihe. Der Deckel des Klaviers wird gehoben, und die auf ihm liegenden Notenblätter fliegen auf den Fussboden.
Der andere GPU-Mann ist immer noch mit meinem Schreibtisch und meiner Kartothek beschäftigt. Blaue, gelbe und weiße Zettel, mit verschiedenen Daten und Aufzeichnungen, die jahrelang von mir gesammelt und in alphabetischer Reihenfolge oder nach sachlichen Gesichtspunkten geordnet waren, geben jetzt nur mehr einen wüsten Papierhaufen ab. Die mühselige Arbeit der langen Jahre ist dahin!
So dauert es noch eine Zeit.
Ich brauche meinen Jungen noch nicht zu wecken. Er schläft und ahnt noch nicht, was ihn erwartet. Mag der GPU-Mann noch lange in den Sachen wühlen, mag er verderben und zerknüllen, was er will. Schade, dass nicht alles ins Feuer fliegt, sondern auf dem Fußboden liegen bleibt. Es wäre mir lieber, wenn es verbrennen würde, so wie meine Liebe zum Heim, zu den Büchern, zu der Arbeit verbrennt.
Nun haben die zwei ihr Werk vollbracht. Es ist Zeit, meinen Jungen zu wecken.
Er wollte nicht aufwachen. Ich küsste und streichelte ihn, er wandte sich aber von mir ab und drückte immer wieder die Augen zu, ohne verstehen zu können, was ich von ihm wollte. Die GPU-Leute aber haben wenig Geduld. Sie warteten einen Augenblick, stürmten dann ins Zimmer.
Der Junge wachte auf, blass vor Schreck.
„Mutti, wollen sie dich verhaften?“
„Ja, Liebling.“
Er weinte und jammerte nicht, er schmiegte sich nur an mich an, umarmte mich und starrte erschrocken den GPU-Mann an, der in den tintenbefleckten Schulheften wühlte.
„Machen Sie sich fertig! Aber schnell!“
Ich machte mich von dem Jungen los und holte etwas Wäsche aus der zerwühlten, umgeworfenen Kommode.
„Unterzeichnen Sie, bitte, das Protokoll!“
Ich setze meine Unterschrift unter die Erklärung, dass bei der Durchsuchung meiner Wohnung nichts beschlagnahmt worden war, und dass ich gegen das Gebahren der GPU-Leute keine Beschwerden habe.
„Gehen wir!“
Es ist also aus.
Noch einmal küsse ich meinen Jungen, noch einmal gehe ich durch die arg zugerichteten Zimmer. Von der Straße werfe ich dann einen letzten Blick nach den beleuchteten Fenstern. Wo nimmt der Mensch nur die Kraft her, um alles zu überstehen? Ich weiss es wirklich nicht.
Ein geschlossenes Gefangenenauto wartet auf uns. Es ist ein unheimliches Vehikel. Der große fensterlose Wagen mit schmalen Bänken an den Seiten erinnert sehr an die Fuhrwerke, mit denen die Hunde eingefangen werden. Er schaukelt wie ein Schiff auf unruhiger See. Sein Geratter und Schleudern ekelt mich ebenso an wie das widerliche Hupen.
Endlich halten wir. Ich höre, wie das Tor aufgemacht wird. Dann fährt das Auto in den Gefängnishof ein.
Es ist ein düsterer, von hohen und finsteren Gebäuden umgebener Platz. Eine schmutzige, von den schweren Stiefeln der Gefangenenaufseher zertretene Treppe, ein eisernes Gitter und hinter diesem eine Tür. Jetzt bin ich in der Wachstube. Freche, neugierige Gesichter verschlafener Wächter, stinkende, verqualmte Luft. Ich bin völlig abgestumpft. Das Gefängnis wartet auf mich, ich kann ihm nicht entrinnen.
Jetzt setze ich mich auf eine Bank in der Kanzlei. Ein feister GPU-Mann, der vor mir am Schreibtisch sitzt, putzt gähnend seine Nase. Ein verschlafenes, zerzaustes Mädel mit geschminkten Lippen und manikürten Nägeln gähnt hinter einem anderen Tisch. Sie haben keine Eile, meine Personalien aufzunehmen. Ich laufe ihnen ja nicht weg. Wieviel Personen müssen sie nach mir noch vornehmen. Die Zeit vergeht. Zehn, zwanzig Minuten. Es ist bald drei Uhr.
Der Dicke hat sich endlich aufgeschwungen, mich vorzunehmen, und händigt mir einen Fragebogen ein. Ich fülle den Fragebogen aus und muss abermals warten. Die Uhr schlägt drei. Die Kanzleibeamten dämmern dahin. So viel Zeit geht verloren, und zu Hause wurde ich so gedrängt, dass ich nicht einmal etwas zu essen mitnehmen konnte.
Zwanzig Minuten nach drei Uhr griff der Dicke träge nach dem Telephonhörer.
„Fertig? Was? ... Sofort!“
Er gähnte, rauchte noch eine Zigarette, stand schwerfällig auf und wies mich zur Korridortür. Dort vertraute er mich einem verschlafenen Wächter an. Ich musste vorangehen. Der Wächter kommandierte: „Die Treppe hinunter!“ „Nach links!“ „Rechts!“
Es wird immer unheimlicher, weiter zu gehen, und der Weg wird immer düsterer, immer enger. Plötzlich verliere ich die Gewalt über mich: ein sinnloser panischer Schrecken hat sich meiner mit solcher Wucht bemächtigt, dass es mir schwindelt. Ich sehe zwar vor mir nichts Furchtbares, nur einen langen, schmutzigen Korridor mit schwärzlichem Asphaltfußboden und ein lautes, summendes Heizungsrohr, sonst gar nichts. Aber ich wurde von der Furcht vor dem Kerker, von der Angst um meinen Mann, dessen Leben offenbar auf dem Spiele stand, und um meinen hilflosen, dem Schicksal preisgegebenen Jungen übermannt. Ich hatte die Kraft gefunden, diese Angst während der Durchsuchung meiner Wohnung und während meiner Verhaftung zurückzudrängen. Aber beim Anblick des trostlosen Riesengefängnisses schoss sie jäh hoch.
„Links gehen!“
Wir traten in einen niedrigen, kühlen Korridor. Irgendwo in der Nähe war offenbar ein Fenster offen. Mein Herzschlag wurde gleichmäßiger, und ich nahm mich zusammen.
Noch eine Treppe, und wir sind in einer eigenartigen Halle. Unten sehe ich eine Plattform, rechts eine drei Stockwerke hohe Mauer, und links drei übereinander gelagerte eiserne Galerien, hinter denen die tief eingeschnittenen Zellentüren sichtbar sind. Die eiserne Decke hat an der Treppe ein Loch, durch das noch weitere zwei Stockwerke sichtbar sind. Die Mauern sind bleigrau angestrichen. Alles übrige ist aus Eisen.
In dieser düsteren Halle herrscht Grabesstille. Ein Aufseher kam mir in weichen Schuhen mit lautlosen Schritten entgegen. Das elektrische Licht war ausgeschaltet, nur eine kleine, verrußte Petroleumlampe, die auf einem Tischchen stand, verbreitete ihr fahles Licht. Der Wächter schickte meinen Begleiter mit wortloser Geste fort, suchte meine Sachen durch und flüsterte mir zu.
„Mantel ablegen!“
Ich legte ab. Er betastete meinen Mantel.
„Hut und Überschuhe ab!“
Auch diese werden genau durchsucht.
Ich hörte das Rasseln im Zellenschloss. Die Tür ging auf, wurde aber sofort wieder zugeschlossen. Dreimal rasselte der Schlüssel hinter meinem Rücken, und dann wurde alles still. Ich stand in meiner Zelle. Meine Kräfte waren zu Ende.
Eine qualvolle Nacht.
In der Zelle war es kalt und feucht. Die Strohmatratze auf der eisernen Bettstelle war unsäglich schmutzig und von herabtriefendem Wasser durchnässt. Ich machte mir widerwillig das Bett und legte mich, ohne mich auszuziehen, hin und deckte mich mit meinem Mantel zu. Ich hatte keinen anderen Wunsch, als die Augen zuzudrücken, ich wollte nichts mehr sehen, nichts mehr hören.
Wir waren in der Zelle zu zweit. Die andere Frau lag in ihrem Bett neben der Tür. Sie lag unter einem prachtvollen Pelz, unter dem nur eine Spitzenhaube hervorlugte, und rührte sich bei meiner Ankunft überhaupt nicht.
Es war ein seltsamer Kontrast: der kostbare Pelz und die stinkende, kalte Gefängniszelle. Man lässt dem Gefangenen die Kleidung, in der sie verhaftet worden sind.
Nachdem die Schritte des Aufsehers endlich verhallt waren, richtete sich meine Zelleninsassin im Bett auf und blickte mich interessiert an. Ich sah eine junge, sehr schöne Frau vor mir. Ihr Gesicht war so blass und schmal, ihre dunkel umrandeten Augen drückten ein solches Leid aus, dass sie mir nicht wie eine Lebende, sondern wie eine tragische Figur der Bühne vorkam.
„Schon lange in Haft?“ fragte sie mich im Flüsterton, als ob wir schon seit langem bekannt wären.
„Soeben verhaftet!“
„Und ich sitze schon seit einem Jahr. Mein Gott! Mein Gott! Ein ganzes Jahr. Ich habe keine Ahnung, wie und wovon sie leben.“
Wir schweigen beide. Man darf im Gefängnis nicht an die Kinder denken. Die Erinnerung an ihre lieben Gesichtchen mit den angstvollen Augen ist unerträglich. Tränen fließen der Frau über die Wangen, das Gesicht aber bleibt unbeweglich wie eine tragische Maske.
„Es bleibt uns nichts übrig als zu sterben“, sagt sie ziemlich laut.
„Warum?“
„Wir haben es nicht verstanden, unsere Söhne zu retten. Wir hätten unsere Männer preisgeben müssen um unserer Söhne willen. Jetzt wird die GPU uns alle vernichten.“
„Ist es denn besser, wenn ich sterbe?“ frage ich und zittere dabei vor Angst.
„Ja, es ist besser“, sagt sie mit Überzeugung. „Sobald wir tot sind, sind unsere Kinder Waisen.“
Vielleicht hat sie recht. Ich denke daran, dass Kinder der Verbannten nur die niederen und höheren Schulen besuchen dürfen, zu dem akademischen Studium aber nicht zugelassen werden. Selbst die Laufbahn eines qualifizierten Arbeiters bleibt ihnen verschlossen. Sie werden von einer Fabrik zur anderen gejagt. Die Familien der 48 erschossenen Wissenschaftler wurden nach entlegenen Provinznestern verbannt. Vielleicht werden unsere Kinder es in der Tat leichter haben, wenn wir sterben und von den Behörden vergessen werden.
„Ich habe es schon versucht“, sagte sie mit derselben Seelenruhe.
„Was denn?“
„Mir das Leben zu nehmen. Dreimal.“
„Und?“
„Es ist mir nicht geglückt. Ich werde es aber trotzdem durchsetzen. Man muss Geduld haben.“
Ich erhebe mich, um sie zu sehen. Ihr Gesichtsausdruck ist ruhig, die Augen klug. Sie spricht von Selbstmord wie von einer Aktion, die der sorgfältigen Überlegung bedarf.
„Sich die Adern öffnen, das geht schwer. Es ist kein warmes Wasser da, und das Blut gerinnt. Ich hatte mich furchtbar geschnitten und Gott weiß wieviel Blut verloren, aber gestorben bin ich trotzdem nicht. War bloss lange Zeit im Krankenhause.“
„Womit haben Sie sich denn geschnitten?“ frage ich unwillkürlich mit ihrem sachlichen Ton.
„Mit einer Glasscherbe.“
„Wo haben Sie die hergenommen?“
„Eine Fensterscheibe zerschlagen. Übrigens habe ich eine Scheibe für alle Fälle aufgehoben... Ich wollte mich auch erhängen, aber das ist nicht so einfach. Einmal wäre es beinahe geglückt.“
„Wieso?“
„Unter verschiedenen Vorwänden habe ich mir ein paar Binden erschlichen und daraus einen Strick gedreht. Dann habe ich ihn am Spülkasten des Klosetts angeknotet; dann mir eine Schlinge um den Hals gelegt. Sicherheitshalber drei Pulver Veronal genommen. Mit der Schlinge um den Hals sprang ich vom Klosettsitz ab.“
„Wieso glückte es nicht?“
„Meine Zellengenossin wachte auf, als ich röchelte. Sie sehen, ich bin hochgewachsen“ – sie dehnt sich in der ganzen Länge ihres Bettes aus. „Vermutlich habe ich mit den Füßen den Boden berührt, und das hat meinen Tod verhindert.“
Ich hörte ihr mit derselben Ruhe zu, mit der sie erzählt. Sie führt mich in das Leben im Gefängnis ein wie man einen Ausländer in die Sitten eines für ihn fremden Landes einführt.
„Es wäre wohl das Gescheiteste, sich zu Tode zu hungern“, fährt meine Zellengenossin fort. „Mit dieser Methode kommt man am sichersten zum Ziel.“
„Wird denn das Hungern geduldet?“
„Ich hungerte zwanzig Tage, bevor die Gefängnisverwaltung zu Gegenmassnahmen griff. Ich nahm die Speisen entgegen, goss aber alles ins Klosett. Einmal wurde ich zum Verhör beordert, ich war aber schon so schwach, dass ich mich nicht auf den Beinen halten konnte. Da machte man kurzen Prozess mit mir. Ich kam ins Krankenhaus, die Ärzte nahmen sich meiner mit der zärtlichsten Energie an. Ach, wenn Sie eine Ahnung hätten, wie gut der Wein nach langem Hungern schmeckt. Ein kleines Glas wirkt wie eine ganze Flasche Sekt.“
Ihre Augen funkelten schalkhaft.
„Ist das Hungern qualvoll?“
„Nein, das kann ich nicht behaupten. Nur in den ersten Tagen, aber später wird man von der Schwäche übermannt, man glaubt zu schlummern. Ich träumte von schönen Dingen, vom wirklichen, schönen Leben, von meinem lieben süßen Jungen. Ach, wenn ich nur wieder daheim wäre. Ich würde für meinen Sohn leben, würde mein ganzes Leben für ihn opfern.“
„Vielleicht werden Sie bald freigelassen. Ihr Prozess muss doch schließlich einmal zu Ende gehen.“
„Nein!“ erwiderte sie bitter. „Sie kennen die Leute nicht, Sie werden mich niemals freilassen, weil ich ihnen nie die lügnerischen Geständnisse machen werde, die sie von mir verlangen. Nein, nur der Tod kann mich retten.“
Gegen Morgen schlummerte ich unter meinem warmen Mantel ein. Ich träumte, dass ich daheim auf dem Sofa eingeschlafen wäre, aber vergessen hatte, das Licht auszudrehen. Ich strecke meine Hand nach der vermeintlichen Tischlampe aus und wache von der Empfindung der Kälte auf.
„Was wollen Sie?“ fragte mich die Zellengenossin, die jetzt auf ihrer Bettstelle hockt und mich aufmerksam anblickt.
„Ich dachte, ich hätte vergessen, das Licht auszudrehen.“
„In meiner Zelle wird das Licht nachts nicht ausgeschaltet. Sie müssen schlafen. Morgen werden Sie zum Verhör beordert werden.“
Das Verhör
Zum ersten Verhör ging ich ruhig. Ich bildete mir ein, dass die Verhöre einen einigermassen sachlichen Charakter tragen und wenigstens teilweise zur Aufklärung des wahren Sachverhalts beitragen müssten. Meine Verhaftung war zwar ein deutliches Anzeichen dafür, dass die Lage meines Mannes sich verschlimmert hatte; aber ich hoffte, ihm helfen zu können, hoffte, vieles vorbringen zu können, das für seine Unschuld zeugte. Ich ahnte nicht, dass meine Verhaftung nur den Zweck hatte, von meinem Mann ein „Geständnis“ zu erzwingen.
Auch wurde es mir nicht bekannt, dass nach meiner Verhaftung der Kommissar meinem Mann anheimgestellte, seine Schuld zuzugeben und dafür zu zehnjähriger Verbannung nach Solowki verurteilt zu werden, um diesen Preis aber meine Freilassung zu erkaufen. Falls mein Mann diesen Vorschlag ablehnte, drohte ihm die Erschießung. Das teilte er ihm sachlich mit, die Ehefrau würde dann für zehn Jahre nach Solowki verbannt und der Sohn in einem Heim für verwahrloste Kinder untergebracht werden.
Der Kommissar, zu dem ich geführt wurde, war ein junger Mann mit einem beruflich steifen, ausdruckslosen Gesicht. Er empfing mich schweigend.
Zuerst musste ich einen Fragebogen ausfüllen.
„Ihre soziale Herkunft?“
„Mein Vater war der Sohn eines Bauern. Er war Professor. Seine Biographie können Sie im Konversationslexikon nachschlagen.“
„Waren Sie schon einmal verhaftet?“
„Nein.“
„Sind Sie strafrechtlich verfolgt worden?“
„Nein.“
„Wer verkehrte bei Ihnen in der letzten Zeit?“
„Von den Bekannten niemand. Unsere sämtlichen Verwandten aber habe ich ja im Fragebogen angegeben.“
Diese Antwort gab dem Kommissar zu einer zurechtweisung Anlass: „Bedenken Sie, dass die Sowjetregierung zwar streng, aber auch gerecht ist. Sie nutzen sich unendlich, wenn Sie mit uns aufrichtig sind. Gegen Unaufrichtigkeit werden entsprechende Maßnahmen ergriffen. Sie haben einen Sohn.“
„Bitte, stellen Sie präzise Fragen an mich, ich werde Ihnen gern antworten“, erwiderte ich mit betonter Höflichkeit, um ihn nicht zu reizen.
Der Kommissar entschloss sich, sachliche Fragen an mich zu richten. Es wurde ihm endlich klar, dass ich von den dienstlichen Geschäften meines Mannes absolut nichts wusste. Wir hatten zweimal den Besuch eines Kollegen meines Mannes gehabt – und da dieser Kollege in der Liste der 48 Erschossenen angeführt war, so sollten wir seine Mitschuldigen sein. Das Verhör verlief vollkommen resultatslos.
Auf dem Rückweg nach meiner Zelle wurde ich beinahe von einem kleinen, hässlichen Männchen überrannt, das aus einer Tür stürmte. Es schrie die Wärter an: „Schnell Wasser bringen!“ Durch die offen stehende Tür erblickte ich eine nicht mehr junge Frau, die in einem hysterischen Anfall mit dem Kopf an den Tisch schlug. Ein goldener Kneifer baumelte an einer dünnen schwarzen Schnur. Die Tür wurde schnell zugeschlagen, die „Technik“ der Verhöre aber leuchtete mir ein.
Nach ein paar Tagen wurde ich selbst zum Kommissar bestellt. Er hieß Lebedew.
Dieser Lebedew stürzte sich sofort in einen schweren, pompösen Sessel und brüllte mich an: „Spionin!“
Seine unruhigen, widerlichen Augen bohrten sich in mich ein. „Jawohl, Spionin!“ kreischte er nun. „Durch Sie wurden die Beziehungen zu den ausländischen Kapitalisten aufrechterhalten.“
Er wollte mich offenbar mit seinem Geschrei, seinen wilden Gesten und Blicken zu Boden schmettern, auf eine Antwort kam es ihm nicht an. Es ist unmöglich, den wüsten Schwall von Beschimpfungen, Drohungen und sinnlosen Phrasen wiederzugeben, mit denen er mich überschüttete. „Spioninnen werden erschossen, meine Dame! Nur sieben Kopeken kostet die Kugel. Ich werde selbst schießen. Ja, ja, ich selbst, werte Bürgerin. Mit dieser Hand!“ Er zeigte eine schmutzige kleine Hand in einer schmutzigen Manschette. Es war ein widerliches, aber eigentlich kein erschreckendes Schauspiel. Alles roch zu sehr nach einer schlechten Schmiere.
„Neun Jahre schon bin ich auf meinem Posten. Wie?! Das gefällt Ihnen nicht?! Na, warten Sie noch ein Weilchen! Wir sind schon noch mit ganz anderen Leuten fertig geworden! Winseln werden Sie noch vor uns – jawohl, winseln! Mit dem Fingernagel sollte man euch alle zerdrücken wie die Läuse!“
Er machte mit seinem schmutzigen Daumen eine ausdrucksvolle Geste. „So wird’s gemacht! Ja, so!“
Es war eindeutig klar, dass der ganze Wortschwall nur dazu bestimmt war, mich aus der Fassung zu bringen.
„Eine feine Familie seid Ihr, Professoren, Wissenschaftler! Hole euch der Teufel! Ich spucke auf eure Wissenschaft! Erschießen wird man euch und basta! Ausrotten muss man euch – dann seid ihr fort!“
So dauerte es von neun Uhr abends bis Mitternacht. Ich hörte nur Drohungen und Beschimpfungen. Von einem Verhör war keine Rede.
Als diese Qual vorüber war, erschien mir die Zelle wie ein stilles Refugium. Das Rasseln des Schlüssels im Türschloss klang wie eine beruhigende Melodie.
Die Anklage
Ich machte sieben Verhöre durch. Sie setzten mich immer stärker in Erstaunen. Die Kommissare drohten mit Erschießung, brachten aber keine einzige sachliche Frage vor. Was mir eigentlich zur Last gelegt wurde, erfuhr ich nie.
Die meisten Frauen, mit denen ich bei unseren Spaziergängen im Hof zusammentraf, waren nur wegen ihrer Männer, Brüder, Väter eingekerkert. Es war eine Maßnahme, die sich ausschließlich gegen den Hauptangeklagten richtete. Die Frauen der Gefangenen wurden zwar ab und zu mit Verhören belästigt, hauptsächlich aber wurden sie einfach da behalten, um den Hauptangeklagten zu beeinflussen und einen Druck auf ihn auszuüben. Bei der Urteilsfällung wurden die Frauen in der Regel um eine Stufe milder bestraft als die Männer. Dass sie mit der Anklage, die gegen ihre Männer erhoben worden war, nicht das Geringste zu tun hatten, interessierte diese sogenannten „Richter“ nicht. Erhielt der Mann zehn Jahre Verbannung, so wurde die Frau zu fünf Jahren verurteilt. Die übrigen Verwandten wurden nach entfernten Gegenden verbannt.
Mein Schicksal entschied sich verhältnismäßig bald. Etwa drei Wochen nach meiner Verhaftung wurde ich zu dem ersten Kommissar beordert. Er war kurz vorher in sein Arbeitszimmer gekommen und leerte soeben seine Aktentasche. Einen der vielen rosaroten Zettel, die er aus der Aktentasche ausschüttete, reichte er mir, ohne ein Wort zu sagen. Das waren offenbar Anklagen, der Einfachheit halber en gros angefertigt. Auf meinem Zettel, der eine hohe Nummer trug, hieß es, dass mir Mitwirkung an der wirtschaftlichen Gegenrevolution zur Last gelegt werde.
„Was soll ich damit machen?“ fragte ich.
„Bitte, unterzeichnen Sie die Erklärung, dass die Anklage Ihnen zur Kenntnis gebracht wurde.“ Ich tat es.
„Bitte, gehen Sie jetzt in Ihre Zelle zurück.“
Ich folgte auch diesem Befehl. Seitdem wurde ich nicht mehr verhört. Die Sache schien mit der Bekanntgabe der Anklage ihr Ende genommen zu haben. Ich hatte jetzt bloß noch auf das Urteil zu warten, das ebenso widersinnig sein musste, wie die Anklage.
Und dann blieb ich Woche um Woche in der Zelle, wartete und wartete. Viereinhalb Monate verstrichen. Man schien mich vergessen zu haben.
In den Gefängnissen der Zarenzeit, über deren Grausamkeit die heutigen Machthaber so viel geschrieben haben, nahm die Untersuchungshaft einen schnellen Verlauf, und der Verurteilte wusste im voraus, dass er sich mit jedem Tage seiner Freilassung näherte. In der Sowjetunion dauerte die Untersuchungshaft in der Regel fünf bis sechs Monate, in einzelnen Fällen bis über ein Jahr. In den zaristischen Gefängnissen waren die politischen Gefangenen nicht sehr zahlreich, und sie gehörten alle, wenn nicht gerade staatsfeindlichen Parteien, so doch aktiven politischen Gruppen an. In der Sowjetunion übersteigt die Gesamtzahl der Gefangenen, mit Einschluss der Verbannten in den Konzentrationslagern, eine Million. Nur die allerwenigsten von ihnen, vielleicht einer von tausend, gehören einer Organisation an. Ohne Gerichtsverfahren werden Bauern verbannt. Gebildete Spezialisten machen mit ihren Angehörigen eine langwierige Untersuchungshaft durch.
Ich verlor nach und nach jede Hoffnung auf Freilassung und sah mir die Verhältnisse im Gefängnisse näher an. Das Regime, dem wir unterworfen waren, verfolgte den Zweck, den Willen, die Arbeitslust, das Selbstwertgefühl im Menschen auszutilgen.
Vier Steinmauern, eine niedrige gewölbte Decke, sechs Schritt in der Länge, zwei in der Breite. Zwei eiserne Bettstellen mit schmutzigen Matratzen, ein Tisch mit einem zusammenklappbaren eisernen Hocker, ein Heizungsrohr, ein Becken mit Wasserhahn und ein Klosettsitz. Das war alles.
Das Fenster, unsere einzige Freude, befand sich oben unter der Decke und war stark vergittert. Die eiserne Zellentür flößte uns Grauen ein. Niemand glaubte mehr daran, dass sie sich eines Tages auftun würde, um uns in die Freiheit zu lassen. Aber in so mancher Nacht wurden wir durch sie zum Verhör geschleppt. Und vielleicht war die Stunde nicht mehr fern, da man uns durch sie zur Erschießung schleppte.
Kaum begann die Nacht, so hörte man draußen schon Soldatenschritte. Der diensttuende Aufseher holte einen Gefangenen zum Verhör. Die Gefangenen hockten auf ihren Betten und hörten in ungeheurer Aufregung zu. Er steigt die Treppe hinauf, noch eine, dort gibt es eine Wendung, er stolpert. Bleibt er an meiner Zellentür stehen? Nein, er geht weiter. Es kommt vor, dass er haltmacht, um den Zettel in seinen Händen noch einmal durchzulesen. Der Schalter knackt, das Licht flammt in der Zelle auf und blendet die Augen. Das Guckfenster in der Tür schiebt sich auf, und man erblickt ein stures Gesicht. „Ihr Name? Zum Verhör!“ So schleppen sich in diesem steinernen Sarg Tage, Wochen, Monate dahin.
Es ist Morgen. Sieben Uhr. Aufstehen!
Das Aufstehen ist eine bittere Angelegenheit, wenn man keine Beschäftigung oder Arbeit, sondern nur vierzehn leere Tagesstunden vor sich hat. Durch die Tür wird eine abgenutzte Bürste zum Fegen des Fussbodens gereicht, dann bekommt man ein Stück Schwarzbrot, vierhundert Gramm pro Tag. In großen Kannen wird heißes Wasser gebracht. Jede Gefangene bekommt einen Blechbecher voll. Eine halbe Stunde später werden je vier Frauen vom diensttuenden Aufseher zum Spaziergang abgeholt, der fünfzehn Minuten dauern darf. Der Gefängnishof ist dreißig Schritt breit und sechzig Schritt lang. Er ist von fünftöckigen Mauern umringt. Vom Himmel ist nur ein kleiner Fetzen sichtbar.
Sprechen dürfen wir nicht.
Ein freundliches Zulächeln — das war alles, was wir uns erlauben konnten. Unter der Gefahr, den Spaziergang entzogen zu bekommen, blickten wir oft aus den Fenstern nach dem Hof hinaus. Wir sahen wenig - und doch zuviel, vielzuviel. Und manchmal sogar etwas, das wie eine Freude war. Zwei gefangene Frauen, die sich in gemeinsamer Zelle befanden, wurden glücklich entbunden und gingen mit ihren Babys im Hof spazieren. Wir bekamen auch Kinder in vorgerückterem Alter zu sehen. Eines Tages hörten wir eine helle Kinderstimme.
„Ein Junge?“
„Ja, ein Junge.“
Wir hatten beide kleine Jungen zu Hause, und das Herz erbebte vor Glück, dieses Stimmchen zu hören.
„Ein Bauernjunge geht mit seiner Mutter spazieren, spielt mit ihr. Jetzt läuft er“, rief ich meiner Zellengenossin zu.
„Lassen Sie mich auch sehen!“ drängte sich die Frau. „Ja, wirklich! Ein Bub, er sieht wie ein Sechsjähriger aus. Komischer Kerl. Er hat eine Riesenmütze auf, wohl von seinem Vater. Sehen Sie sich seine geflickten Filzstiefeln an.“
„Was soll das heißen?“ staunten wir. Und schnappten vor Erregung nach Luft.
„Vermutlich hat man seine Mutter verhaftet, und der Vater war schon vorher verbannt worden. Es blieb nichts anderes übrig, als den Jungen ins Gefängnis mitzunehmen.“
Ich kann es gar nicht schildern, wie ich mich nach dem Knaben sehnte, wie süß es war, seine Stimme zu hören.
Er blieb etwa drei Wochen im Gefängnis, dann kam ein anderer Junge. Dieser war ein stiller, sauberer Knabe in gutem Matrosenanzug, zweifellos aus gebildeter Familie. In den ersten Tagen schmiegte er sich an seine Mutter an und hatte große Angst vor dem Aufseher. Bald aber bekam er Gesellschaft. Ein Mädel wurde seine Gespielin. Es war älter – etwa 8 Jahre – und kühner. Beide tummelten sich während der erlaubten halben Stunde im Hof, um nachher den ganzen Tag in der stickigen Zelle zu sitzen. Sie warteten auf den nächsten Verbanntentransport.
Zum Mittagessen trug man einen Kessel mit stinkender Kohlsuppe auf, ab und zu konnte man in der Suppe ein zähes Stück Fleisch von der Größe eines Kubikzentimeters entdecken.
Nach dem Essen durfte man sich für zwei Stunden hinlegen. Unser Schlaf war immer schwer. Wir wurden von qualvollen Träumen gemartert. Um vier Uhr wurden wir geweckt. Der Abend war schon leichter. Wir plauderten von der Vergangenheit. Das Leben von einst erscheint uns so reich, so voll und so abwechslungsreich!
Fortsetzung folgt
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