Menonitas no Brasil
Mennoniten in Brasilien
Nachrichten und Mennonitische Geschichte
08.06.2026
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Editor: Udo Siemens
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Deutsche im Sonnenland
Walter Quirings Reise 1932/33
in die eben gegründeten Kolonien
der Mennoniten in Paraguay und Brasilien
Hier
der Mennoniten in Brasilien
Teil 8
Die Frau im Urwald ist eines der schönsten und beeindruckensten Texte der Urwaldmennoniten Brasiliens. Suse Hamm ist eine, die ihrem Mann beisteht. Sie meistert Haus und Familie, aber auch die Rosse, das Arbeitsfeld ihres Mannes. Sie sieht die Hindernisse. Sie vertraut auf Gott und auf ihre eigenen Fähigkeiten, die schwierige Lage zu meistern.
Die Frau im Urwalde
Unser Leben hier im Walde ist so einfach, schlicht, prosaisch! Und doch macht uns Frauen gerade dieser Umstand so viel zu schaffen. Man hat sich lange Zeit nicht damit abfinden können. Waren wir nicht in ganz anderen Verhältnissen aufgewachsen? Unsere Voreltern hatten uns drüben so schöne ebene Wege gebahnt! Darum, will man die Arbeit der Hausfrau im Urwalde recht schätzen, muss man etwas zurückgreifen in das geregelte Hauswesen der Frau in der schönen, ebenen Ukraine vor der Revolution.
Man vergegenwärtige sich die so praktische und urgemütlich eingerichtete Bauernwirtschaft. Die Frau konnte darin ihr Arbeitsfeld so gut übersehen. Bis zum 1. Oktober (Ende des 7. Dienstjahres) war fast alle Außenarbeit erledigt: Die Ernte war eingeheimst, die Schweine waren für den Winter geschlachtet, Früchte und Gemüse eingemacht und das ganze Haus gesäubert. Alles war gemütlich und behaglich zum Winter eingerichtet. Großmutter saß strickend am Ofen und schmunzelte die Wiege ihres Lieblings, die erwachsenen Töchter machten Handarbeiten. Dazu summte der Teekessel seine Weise und es brodelte tief drinnen in der Ofenröhre der russische Borschtsch. Am Mädchenstübchen saß Waranja (das Dienstmädchen) flickte Säcke und sang dazu das wehmütige kleinrussische Volkslied: „Satschem menja matj rodila, satschem menja Bog…“ — „Waranja, buli choroscho imet’ la?“ — „O, da, mamascha, tak soloto, tak rumnjany!“ — „Dobre, dobre, Waranja, ty ushe wyutschila chleb pekti!“ — — O, diese Gemütlichkeit im ganzen Betrieb! Wie stolz und froh ging die Frau dann durch die Räume und freute sich der tadellosen Ordnung und des Besitzes. —
Denn wurde sie hinausgestoßen in die Fremde, und das wehe Gefühl, heimatlos zu sein, hat sie ganz besonders hart gepackt. Ein Schrei ging durch ihre Seele: „Herr, Gott, du Allmächtiger, lass uns eine Heimat finden! Schenke uns den eigenen Herd und lass uns noch einmal eigenes Brot essen!“ —
Etwa drei Jahre später sehen wir dieselbe Frau vor einem selbstaufgerichteten Lehmhaufen stehen. Sie ist reisemüde, Leib und Seele sind müde. Aber jetzt durchzuckt sie ein inneres Glücksgefühl, denn sie steht im Begriff, ihren eigenen Herd zu pflegen. — Von der niedrigsten Stufe hat sie anfangen müssen. War's nicht Menschen des 20. Jahrhunderts unwürdig, fast dem Zigeunerleben gleich! Davon zeugen der dem Verfall preisgegebene Blätterrand – primitive Hütte –, der eingescharrte Lehmherd und der Backofen. Beinahe will einem das Vieh dauern, das jetzt in dem Rancho untergebracht wird.
Doch, als sie den ersten Schritt in das Dickicht des Urwaldes tat, hat sie sich gleich gesagt: Wenn wir den Kopf hängen lassen, dann ist alles verloren. Da hat sie sich mit Mut und Unternehmungslust ausgerüstet, und über das alles setzt sie das große Vertrauen zu dem, der uns bisher nie verlassen noch versäumt hat. — O, war der Anfang schwer! Im allgemeinen Schuppen, der weder Fenster noch Türen hatte, wurde gewohnt. Auf Bretterlagen, die mehrstöckig gebaut waren, schlief Familie an Familie, nur durch Decken getrennt. Im Freien wurde gekocht, Kisten und Kasten dienten beim Essen als Tisch. — War das ein Chaos! Dieses wirre Durcheinander von Lachen, Weinen und Schreien der Kinder und durch alles hindurch das erschütternde Stöhnen und Wimmern unseres Sterbenskranken. Man hatte immer das Gefühl, als säße man auf Rostow am Don (großer Eisenbahnknotenpunkt in Südrussland) im Wartesaal und wartete auf den Zug, der uns heim bringen würde. Na, heim! ach, könnte man heimgehen!
Nach zwei Stunden Weges durch den Urwald haben zwei liebe, schwielige Hände einen Platz gelichtet. Erst einmal nur so viel, dass man etwas vom Blau des Himmels über sich erblicken kann. Dorthin hat sie im Geiste das süße Etwas, das man Heim nennt, hingetragen und es behutsam auf die rauhe Erde gelegt. Da ist es nach und nach hell in ihr geworden. Es wurde ihr plötzlich klar: Dieses süße Etwas muss Wurzel fassen und groß und immer größer werden, so groß, dass Vater, Mutter und alle Kinderchen sich hineinmuscheln können und sagen: „Hier, ja, hier ist es schön und traut, hier sind wir daheim!“ — — — Ei, ei, wie man noch bei all dem Lärm träumen kann! — und unterdessen haben ihr die Hunde des benachbarten Siedlers die Knochensuppe aus dem Kochtopf genascht! — Nur ja nicht träumen, o Menschenkind, nur nicht darüber nachdenken, wie weit entfernt noch das ersehnte Ziel ist. Mit frohem Mut und fester Hand ans Werk, dann wird’s schon gelingen!
So, also zurück zur Baracke. Von dort aus ging der Mann auf Arbeit in den Wald. Die Frau ist aber nicht zurückgeblieben. Gerade die Frauen, Mütter vieler Kinder, kämpfen sich so heldenhaft durch. Wo erwachsene Kinder in den Wald gingen, da konnte die Mutter eher ruhig in dem Schuppen bleiben. Anders dort, wo der Mann allein zu gehen hatte. Der Wald so dicht, die Bäume so dick, und er so allein, so mutterseelenallein.... Nein, nein, das durfte nicht sein! Schnell wurden die Kleinsten satt gemacht, den etwas größeren Kindern oder einem Großmütterchen zur Obhut übergeben. Abends vorher hatte man schon das Brot bei Laternenlicht gebacken. Die Bohnen waren unterdessen auch schon weichgekocht. Noch ein paar haltbare Sandwiches, dann ist der Proviantkorb bereit. Eine feste Mütze oder ein Tuch fest um die Stirn gebunden, hohe Stiefel an den Füßen, die Fäustel (Waldsense) über die Schulter, — So steht sie da, um ihrem einsamen Manne zu Hilfe zu eilen. Ihre Augen glänzen, ein Gedanke nur beseelt sie: Ich will hin und ihm helfen! Dieser Gedanke macht’s, dass sie so tapfer und flink ausschreitet, die schmale Pfade entlang, durch Morast und Pfützen.
Endlich, nach zwei Stunden Weges, hat sie die Stelle erreicht, wo ihr Mann arbeitet. Ein erstauntes: „Wie—, du willst mir helfen?“ — und „Du kannst doch nicht!“ — „Wir werden einmal sehen, es wird schon gehen!“ Sie verschwindet fast in dem Dickicht des Waldes, ein wirres Durcheinander von Bäumen, Strauch, Rohr, Lianen und sonstigem Zeug umgibt sie. Aber immer geübter wird der Griff, immer flinker die Fäustelhiebe. Es dauert nicht lange und es ist eine schöne Fläche gelichtet. Im Herzen des Mannes, der hinter ihr dem Waldriesen zuleibe geht, wird es immer lichter und heller. — Hier, gerade hier im Walde, hat sich die Frau als Weib dem Manne gegenüber so gut bewährt. Sie war ihm mehr als Weib, sie war ihm ein treuer Kamerad! Wie war es möglich, in kurzer Zeit so viel zu leisten? — Schulter an Schulter kämpfte mit dem Manne die Frau. Wollte Kraft und Mut des Mannes versagen, dann griff mit herzlichem Frohmut, ja mit einem Lied auf den Lippen die Frau zu dem Werkzeug des Mannes, und weithin hallten die Hiebe, geführt von kleiner, doch mutiger Hand. Diese hat früher kein derartiges Werkzeug berührt. In ihrem Köpfchen spukt’s. Da werden Pläne geschmiedet, wie sie so Hand in Hand mit ihrem Manne ein kleines, warmes Nest bauen will, so ein trautes Heim für sich und ihre Lieben.
Und da wird's warm in ihr, so warm, als säße sie mit ihrem Manne am Kachelofen daheim, in alter Zeit. — Der dumpfe Krach des gefällten Baumriesen bringt sie in die rauhe Wirklichkeit zurück. Der Abend naht, sie müssen zum Schuppen, zu ihren Kindern. Wie werden diese die Mutter vermisst haben! Wie werden sie sich freuen, wenn sie Vater und Mutter sehen! Dort angekommen, setzt sich der Mann auf einen Baumstamm und stützt sein müdes Haupt in beide Hände. Klein-Liesel fragt: „Papa, hast du Zahnschmerzen?“ Die Mutter sieht es, sie weiß, was ihn bedrückt. Schnell wird, so gut die Vorräte an Mehl und Fett es erlauben, sein Leibgericht bereitet. Dann geht sie, selbst gequält von Sorgen, aber doch mit einem freundlichen Gesicht, zu ihrem Manne, legt ihm die Hand leicht auf die Schulter: „Peter, komm an den Tisch, lass das unnötige Sorgen!“ Er blickt auf, schaut in die freundlichen Augen seiner Frau, und es ist ihm, als hätte er sie jetzt nach Jahren erst recht kennen gelernt. „Du mein guter Kamerad, du meine treue Gefährtin!“
Nach Einbruch der Dunkelheit folgt das Brennen. Eifrig läuft auch die Frau mit brennender Fackel die Pfade entlang und zündet an, damit Flamme mit Flamme sich begegne. Es ist ein Knallen, Knattern und Prasseln, wie aus unzähligen Maschinengewehren. Erschreckt flieht das Wild vor dem vernichtenden Geiste. Und die beiden Menschenkinder? Je verheerender die Flamme, desto freundlicher blicken sie drein. Bald setzt das Räumen ein. Gewöhnlich wird solche Arbeit erst nach einem Regen gemacht, damit Asche und Ruß abspülen können. Hier reichte die Geduld aber nicht so weit. Sobald die beiden wegen der Glut hintreten konnten, wurden die nicht verbrannten Äste zu großen Haufen geschichtet und diese dann angezündet. Plötzlich hält der Mann bei seiner eifrigen Arbeit inne: „Grete, höre einmal, lege dein Beil etwas zur Seite. Sieh her, hier auf diesem Platz bauen wir unser Hüttchen auf!“ Sie legt still die Axt hin und geht zu ihm. Zwei mit Ruß bedeckte Menschen schauen sich verklärt in die Augen: „Peter, Peter, ist es nicht dennoch schön?“ — — „Ja, Grete, von der Arbeit kommt der Glanz!“ — — Zu zweit schleppten sie die schweren Stämme heran und bauten sich ein Gerüst. Dann suchte der Mann die Dachpalmblätter, die Frau band sie an die Stangen. Das war das erste „Heim“. So folgt Arbeit auf Arbeit, ohne Pause, ohne schöne Winterruhe, wie Anno dazumal...
Drei Jahre später. Noch immer sieht man die Frau in der Roça arbeiten. Ist niemand zur Aufsicht des Kindes da, so wird es kurzerhand mitgenommen. Im Korb oder Kiste kann es sich die Zeit vertreiben. — Der Wald ist wohl schon etwas zurückgewichen. Die Familie aber ist größer geworden. Ein Kind ist auf dem Arm, das andere klammert sich an die Schürze der Mutter. Und sie selbst? Sie klammert sich an den, der da sagt: „Meine Kraft ist in den Schwachen mächtig.“ In dieser Kraft hat sie sich durch all das hindurchgerungen, was sich ihr hemmend in den Weg stellte. Noch immer ist es ein stilles, hartes Ringen, um ihren Kindern gemeinsam mit ihrem Mann ein leichteres Dasein zu schaffen. Ist’s nicht der Mühe wert gewesen? Steht nicht da, wo vor drei Jahren dunkler Urwald rauschte, ein nettes Häuschen mit Glasfenster und Veranda? Vor dem Haus blühen die allverschiedensten Blumen, und die junge Zypresse wiegt stolz ihre Krone im Walde, als hätte auch sie etwas zum Werden und Wachsen beigetragen. — Der Herd ist schon von Ziegeln gebaut. In der Küche steht zierliches Geschirr, ein Geschenk vom Deutschen Roten Kreuz. Im Schlafzimmer stehen schon ganz richtige Bettgestelle, zwischen denselben von Gasolinkisten verfertigte Nachttische. Na sogar ein Wäscheschrank aus demselben Material ist vorhanden. An den Fenstern hängen Gardinen. Wer weiß, in welchem deutschen Hause sie einst gehangen! Dank dem unbekannten Spender, der mit dazu beigetragen, das Urwaldhäusel behaglich zu machen! Am Anziehendsten ist das Wohn- und Esszimmer. Dort versammelt sich die Familie, um nach Müh' und Arbeit den Feierabend zu genießen. Das Wort „Feierabend“ hat für uns einen ganz besonderen Klang. Dann wird der Tisch weiß gedeckt. In einem Krug steht der Rosenstrauß. Die Hausfrau, in sauberem Kleid und weißer Schürze, schneidet den Apfelsinenkuchen oder trägt den kalten Braten auf. In diesem Zimmer wird alles, Freude wie Leid, miteinander besprochen, die Briefe aus der alten Heimat und aus dem guten deutschen Lande werden vorgelesen. Dann wird das Abendgebet gesprochen, — und das kleine Völkchen geht zur Ruhe. Lange sitzen noch Vater und Mutter zusammen, freuen sich dessen, was sie schon erreicht und schmieden Pläne für die Zukunft.
Wenn dereinst die Kinder flügge geworden sind und sie hinausmüssen in die Fremde, dann werden ihnen die stillen, trauten Stunden des Feierabends wie ein Licht auf dem Wege leuchten, sie vielleicht vor Irrwegen schützen. Gott gebe es! — Ich möchte einem jeden meiner Kinder zurufen: Arbeitet so viel und so sehr, wie Gott euch Kraft dazu gibt, aber haltet auch hoch den Feierabend, gebt demselben eine schöne, anziehende Gestalt!
Suse Hamm.
— Die Brücke,
(Witmarsum, Hansa Hammonia, Santa Catharina, Brasilien.)
MR 1933-11-01
Es ist wirklich schade, dass Suse Hamm kein Tagebuch hinterlassen hat. Sie ist nicht nur mutig und fähig mit ihrem Alltag fertig zu werden, sondern beweist auch einen bewundernswerten Blick, ihre Umwelt zu erkennen, Gefühle zu beschreiben und Wege zu bahnen in jener so fremden und menschenfeindlichen Welt.
Dadurch stärkt sie die ganze Familie, vertieft die Beziehung mit ihrem Mann, schafft eine Atmosphäre der Hoffnung und Zuversicht auf eine bessere Zukunft nicht nur für sich, sondern für alle Mennoniten.
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Festa da Colheita na Igreja Irmãos Menonitas da Colônia Pioneira, RS

Deutsche im Sonnenland
Walter Quirings Reise 1932/33
in die eben gegründeten Kolonien
der Mennoniten in Paraguay und Brasilien
Teil 7
Dr. Walter Quiring machte 1932/33 eine Reise nach Süd- und Nordamerika. Über ein Jahr lebte Herr Quiring bei mennonitischen Glaubensgenossen im Chaco von Paraguay und reiste von dort über Argentinien und Uruguay nach Brasilien, wo er etwa drei Monate lang in den mennonitischen Hansakolonien arbeitete.
Er schrieb danach ein Reisetagebuch, das im "Boten" veröffentlicht wurde. Ich gebe es etwas gekürzt wieder.
Immer neues Getier entdecke ich in Busch und Kamp, Getier, das mich für meine Arbeit brennend interessiert. Auch die großen Schmeißfliegen haben sich in Maßen eingefunden, so dass die Benutzung einer gewissen Örtlichkeit mancherorts eine gefährliche Angelegenheit ist.
Keinen Augenblick dürfen Schwerkranke jetzt allein gelassen werden, denn überallhin legen die Fliegen in einem unbewachten Augenblick ihre gefährlichen Eier ab: in die Nase, zwischen die Zähne oder sonst an irgendeine wunde oder offene Stelle.
Eines Tages hält vor der Tür des Konsums ein Ochsenfuhrwerk. Auf dem Bretterwagen liegt weich gebettet ein Kranker, ein „Charbiner“. Seine Frau sitzt neben ihm auf der Kante des „Dungbrettes“ und wischt sich ab und zu die Tränen.
Der Mann ist einige Tage krank gewesen, erzählt man mir, und unbemerkt haben sich dabei in seiner Nase Maden entwickelt.
Am Abend vorher hat sich die Frau neben das Bett des Mannes gekniet, um zu beten, und als sie aufsteht, sieht sie zufällig, dass es in der Nase ihres Mannes von Maden wimmelt. Daher kommt also auch sein heftiges Nasenbluten und der üble Geruch. Die Maden können den Gaumen völlig durchfressen und verursachen bei ihrem Zerstörungswerk schwere Blutungen.
Ein Schrecken durchzuckt die Frau, und sie macht sich gleich heftigste Vorwürfe. Schonend teilt sie ihre Wahrnehmung dem Manne mit. Gleich morgens fahren sie in die Stadt. Aber wer soll ihnen hier helfen? Ein Arzt ist nicht da, und man schickt den Kranken daher nach Rosenort zu Frau Derksen, der Hebamme.
Diese sieht sich den Schaden an und erkennt sofort: hier kann nur ein Arzt helfen. Ohne Operation sind die Maden nicht zu entfernen, sie sitzen schon zu tief drin. Auch im Unterkiefer haben sie sich bereits festgesetzt, bis in den Hals hinein.
Aber ein Arzt ist nicht da, und größte Eile tut Not. Wie helfen? Sollte sie vielleicht selber...? Aber die große Verantwortung? Und wenn der Kranke ihr unter den Händen stirbt?
Ganz offen spricht sie mit den Leuten. Aber diesen ist das Wie völlig gleichgültig. Sie wollen nur geholfen sein.
Und Frau Derksen wagt es. Sorgfältig bereitet sie alles vor. Und der gefährliche Eingriff glückt. Über sechzig ausgewachsene Maden entfernt sie aus dem Rachen und Hals des Kranken. Und in wenigen Wochen kann der Mann wieder arbeiten.
Das sind die harten Notwendigkeiten des Urwaldes. Jene Wildnis erfordert ganze Männer. Und ganze Frauen etwa nicht? Ich habe sogar den Eindruck, dass die Frauen hier noch weit schwerer zu tragen haben als die Männer. Meine Hochachtung vor diesen deutschen Kolonistinnen wächst mit jedem Tage. Mit einer imponierenden Selbstverständlichkeit meistern sie ihren harten, kämpfereichen Alltag. Und sie empfinden diesen Kleinkampf nicht als Pflicht, sondern als Berufung, als Schicksal.
Aber auch nicht Stumpfsinn ist dieses Verhalten, sondern Opferbereitschaft, Seelengröße, die auch den allerschwierigsten Verhältnissen gewachsen ist.
Tag um Tag sehe ich meine Nachbarin in praller Sonnenglut am Herd stehen und für die große Familie das Mittagessen kochen. Wenn der Mann heimkommt, sind die Zimmer aufgeräumt, die Kinder sauber angezogen und das Essen dampft auf dem Tisch. Müde zum Umfallen ist sie zwar, die Mutter, denn die Hitze vor dem Herd unter freiem Himmel zehrt die Kräfte förmlich auf. Aber sie schweigt, drängt ihren Mann nicht. Er wird schon von selber darauf kommen, dass ein Schutzdach gebaut werden muss. So ist der Inhalt ihres Lebens Arbeit, Arbeit immer für andere. Arbeit früh und Arbeit spät, Arbeit am Werktag und am Sonntag, Arbeit in Hitze, Sandsturm und Dürre. Und dabei die vielen Kinder, zehn, zwölf, auch vierzehn.
Und dabei hat die Frau meistens noch Kraft genug, den Mann bei schweren Schicksalsschlägen aufzurichten. Sie, die bei tausend Gelegenheiten lernen musste, den Schmerz — körperlichen und seelischen — zu unterdrücken und standhaft zu ertragen, sie ist innerlich über den Mann hinausgewachsen, sie ist stärker als er: So sind unsere deutschen Frauen im Urwald!
Immer wieder muss Frau Derksen helfen, immer wieder auch in Fällen, die unbedingt in die Hand eines Arztes gehören. Aber soll man die Menschen sterben lassen, ohne wenigstens den Versuch gemacht zu haben, sie zu retten? Und sie wagt es, wagt es oft und immer wieder. Und sie hat eine glückliche Hand. Manche verdanken ihr das Leben.
Schon monatelang hören die Fernheimer etwa 30 km westlich von der Ansiedlung Geschützdonner und das Scheppern der Maschinengewehre, aber der Krieg ist immer noch nicht erklärt.
In unserer Stadt wimmelt es seit langem von durchziehenden Soldaten. Es sind meist mittelgroße bis kleine, sehr lebhafte junge Burschen, in zerrissenen graugrünen Uniformen, vielfach barfuß. Aber vergnügt sind die Soldaten, fast ausgelassen, und immer höflich.
Dabei stehlen sie wie die Raben, trotz der angeborenen Höflichkeit. Alles Essbare, das in den Bereich ihrer Hände kommt, lassen sie wenn irgend möglich unbemerkt mitgehen. Und das ist kein Wunder. Viele Wochen leben sie nun schon in der Hauptsache von Rindfleisch und den Ballettas, einem steinharten, etwa walnussgroßen Dauergebäck, das nur aus Wasser und Mehl hergestellt wird.
Mit meinen Spaziergängen im Busch ist es vorbei. Überall dort, wo die Wege auf den Stadtkamp münden, sind Militärposten aufgestellt. Wer passieren will, muss sich ausweisen oder unzweideutig als Chacokolonist zu erkennen sein. Niemand würde mir glauben, dass ich aus lauter Freude an dem elenden Busch auf den engen Schneisen hin und her laufe. Übrigens haben die Militärbehörden keine Ahnung, dass sich hier so nahe an der Front ein Ausländer aufhält.
Gleich in den ersten Tagen wird bei uns das Wasser knapp. Wir haben nur einen Brunnen, und ihn umlagern von früh bis spät tausende Soldaten.
Frau Neufeld ist es geglückt, früh morgens einige Eimer voll Wasser zu erbetteln; die stehen nun im Schlafzimmer als „eiserne Nation“. Aber die Kolonisten verstehen es, auch aus dieser an sich wenig erquicklichen Lage Kapital zu schlagen. Ein schwunghafter Handel mit Lebensmitteln blüht auf. Mutter backt „Tsiropsnät“ aus schwarzem Mehl, packt Eier, Fleisch, Brot, Erdnüsse, Syrup und andere Leckerbissen zusammen, Vater fährt einfach auf die Landstraße und bietet den Soldaten seine Ware an. Bald hängen die grauverstaubten Soldaten wie große Traubenbündel an seinem Wagen. Sofort hat der Siedler alle Hände voll zu tun. „Junges, Paust mau got op, daut nuscht wajhtjemmt“! Und die Jungs passen auf: krampfhaft halten sie Beutel und Säcke fest, ohne doch verhindern zu können, dass sich in irgendeinem günstigen Augenblick eine der vielen ausgestreckten braunen Hände in die Beutelöffnung schiebt und eine Handvoll der knusprigen „Päpanät“ mitgehen lässt. In kürzester Zeit ist er ausverkauft. Da fährt auch schon sein Nachbar heran. „Hast Du noch waut?“ „Aules fekoft, Mensch, bloss Bataten ha etj noch enen Sack voll.“ „Na mau häa doamet, de Jungs tjepen aules!“
„Der Bote" Mittwoch, den 25. März 1936
Und wirklich: auch die Süßkartoffel gehen ab wie frische Semmel. Da die Soldaten wenig Geld haben, erklärt sich der Kolonist bereit, die Kartoffel zu vertauschen.
„Für Säcke und Flaschen auch?“ „Jawohl, auch für Säcke und Flaschen! Nur her damit!“
Und gleich ist der Tauschhandel im Gange. Und wirklich gute Säcke sind es, die ihm da angeboten werden, genau solche, wie auch er einen hat. Und die Sorte kennt er, die ist noch aus Deutschland. Auch die guten Flaschen freuen ihn; es sind alles die deutschen aus dickem Glas mit dem praktischen Verschluss.
Da ist um seinen Wagen ein Betrieb wie auf dem Jahrmarkt. Die Soldaten drängen und schubsen, feilschen und handeln und halten sich in ihrer südländischen Überschwänglichkeit dabei die Seiten vor Lachen.
Was die nur haben? Und wo die hier auf der Landstraße alle die Säcke hernehmen!
Einige Soldaten sitzen hinten auf dem Wagen, während der Kartoffelsack vorne auf der „Unterlage“ steht. Unser Kolonist lässt die eingehandelten Säcke und Flaschen jedesmal von den Jungs hinten unter das Segeltuch schieben.
Mindestens zwanzig Säcke und zehn Flaschen muss er schon eingetauscht haben. Und immer noch mehr Säcke bieten die Soldaten an. Zehn Hände möchte er jetzt haben und noch mehr Süßkartoffeln.
„Scheenste Sati sen daut,“ denkt er, „paußen kratzt to mine.“ Aber dann ist auch er ausverkauft. Seine Bataten sind alle.
Im Nu sind auch die Soldaten verschwunden. Haben die es plötzlich eilig! Sie packen ihre am Wegrand umherlegenden Gewehre und schließen sich den in aufgelöster Ordnung vorbeimarschierenden Kolonnen an. Aber auch im Weggehen prusten sie immer wieder los, stolpern übermütig vorwärts und lachen, lachen.
„Tjinja sen daut, aoba nijh Manna. Sollen die lachen. Ich jedenfalls habe ein gutes Geschäft gemacht.“
Und zufrieden wendet er die Ochsen heimwärts, nachdem er im Konsum noch einige Besorgungen gemacht hat.
Gut, dass er auf den Gedanken gekommen ist, nebenbei ein bisschen zu schachern. Die Pesos sind sehr knapp, und er wird sie wohl gebrauchen können, und dann die Säcke! Gerade die brauchte er ja nötig. Und seine Frau wird sich über die vielen Flaschen freuen. Es sind genau solche, wie er eine mit Milch mitgenommen hat.
Die Jungens sitzen hinten im Wagen und sind mit ihren Vonbons beschäftigt. Die haben sie fürs Aufpassen gekriegt.
„Na, Junges, wa Ji nijh bäta oppausse tjenne, näm etj Ju nijh mea met. De Soldaote ha je ons aule Satj on Buddeln foetjeichloale ...“
Wenn nur die Soldaten selber keinen Mund halten.
Auch bei uns in der Stadt blüht seit einigen Tagen der Handel. Die Siedler kaufen von den Truppen die mageren, abgehetzten Mähren, die sich kaum noch auf den Beinen halten. Man hätte sie ja ohnedies zurücklassen müssen. Um ein Butterbrot kaufen sie die Pferde für zehn Hühner, etwas Kartoffeln, ein Dutzend Eier, einige Pesos oder auch etwas Syrup, auf den die Soldaten versessen sind.
Aber das dicke Ende kommt auch hier nach. Wenn der stolze Besitzer, den elenden Klepper mühsam hinter sich herschleifend, an den Posten am Busch herankommt und der am Halse des Pferdes die Militärmarke sieht, verlangt er einen Passierschein. Gut, der kann beschafft werden. Um das Pferd nicht wieder zurückschleppen zu müssen, bindet er es in der Nähe des Postens an einen hohen Baum, und macht sich auf den Weg in die Stadt. Zum Glück lagern die Soldaten noch am Brunnen. Bereitwillig wird ihm ein Papier ausgestellt, etwas formlos zwar, ohne Stempel, aber immerhin, es ist doch ein Ausweis.
Aber als der Posten am Busch den Zettel liest, will er sich ausschütten vor Lachen. Zufällig ist es ein deutscher Kolonist aus Ostparaguay, der auch spanisch liest.
„Diese Bande! Wissen Sie, was da auf Ihrem Zettel steht?“ fragt er den verdutzten Kolonisten. „Hören Sie: „Der Käufer meines alten Racers kann mir dreimal unentgeltlich den Buckel runterrutschen!“ Das ist Ihr Ausweis! Aber damit Sie zum Ärger nicht auch noch den Schaden haben, will ich Sie passieren lassen. Hauen Sie also ab mit Ihrem Staatsgaul! Das nächste Mal müsste ich Sie allerdings zurückschicken.“
Ein anderer Siedler schickt seinen Sohn mit dem Fuhrwerk und Militärgaul heim; er selber will noch ein zweites Pferd dazukaufen und dann nach Hause kommen. Lange muss er zwar warten, aber dann hat er doch Glück. Er kauft zu seinem ersten einen zweiten Schimmel.
Vergnügt langt er zu Hause an. Seine Jungs kommen ihm mit langen Gesichtern schon auf der Straße entgegen.
„Na, maut es?“ fragt er ahnungsvoll, „Woa es de Schemmel?“
„Ja, der Schimmel, die Soldaten haben ihn uns gleich hinter der Stadt wieder abgenommen. Uns aber ließen sie nicht mehr umkehren.“
Aufmerksam betrachten die Jungen den vom Vater mitgeführten Schimmel.
„Ja, Papa, weißt Du was? Das ist ja derselbe Schimmel den Du zuerst gekauft hattest. Schau hier, diese Narbe, die habe ich mir gut gemerkt...“
„Was?! Das ist doch unmöglich, Junge!“
Aber je länger er sein Pferd betrachtet, desto ähnlicher werden sich seine beiden Schimmel.
„Na, immerhin,“ überlegt er, „auch der eine Schimmel ist immer noch billig, wenn es mir gelingt, ihn wieder hochzupäppeln...“
Nur kommt ihm seine eigene Lage irgendwie sonderbar bekannt vor, als habe er das alles schon einmal früher erlebt. Aber wie war das bloß? Richtig, da hat er's.
Noch in Russland war das, da haben sie in der Schule eine Geschichte durchgenommen, wo auch jemand sein eigenes Pferd zum zweitenmal kaufte.
„So bin ich wenigstens nicht der Erste...“, tröstet er sich.
„Der Bote" Mittwoch, den 1. April 1936
Um dem störenden Rummel der „Stadt" zu entgehen, siedle ich Ende Oktober nach Kleefeld „aufs Land" über. Aber da komme ich aus dem Regen in die Traufe. Es ist gerade die schlimmste Zeit der ermüdenden Zeit glutheißen Sandstürme. Mit einer wahren Besessenheit rast der Sturm über den offenen Kamp und reißt wahre Wolken von Staub mit sich. Und dabei brüllt die Sonne von früh bis spät förmlich auf die Erde nieder. Tag um Tag messen wir 42 Grad C im Schatten. Einmal lege ich das Thermometer in die Sonne auf die Erde und lese nach wenigen Minuten, 57 Grad ab.
„Dauts wada sche weem fendöog".. sagt Pöttker, mein Wirt, und fährt sich mit dem Hemdärmel über das schweißnasse Gesicht.
Eine ganz neue Seite ist das, von der ich den Chaco jetzt kennenlerne: wild, leidenschaftlich, erregt und rücksichtslos herrschend. So zeigt er sich immer im Spätwinter und im Frühjahr.
An geistiges Schaffen ist natürlich nicht zu denken. Auch die Bauern halten sich nach Möglichkeit im Hause auf. Von früh bis spät bläst der Sturm mit vollen Backen den feinen Sandstaub durch das Drahtgitter auch in mein Zimmer herein. Sich vor ihm zu schützen ist ganz unmöglich. Schließe ich die Fenster mit den Binsenmatten, so glaube ich im Zimmer bald ersticken zu müssen.
Nichts bleibt auf dem Arbeitstisch mehr liegen, alles muss beschwert werden, um es nicht fortfliegen zu lassen. Das Papier in der Schreibmaschine banne ich mit einigen Wäscheklammern. So kann ich zur Not schreiben.
Auch manche an sich völlig gleichgültige Angelegenheiten werden hier zu schwierigen Problemen. So ist es mit einer gewissen Örtlichkeit auch bei Pöttkers, wie fast überall noch in Fernheim sehr schlimm bestellt. Längst hat der Sturm die Bittergraswände weggeblasen, und nun steht das wackelige Gestell weithin sichtbar kahl und offen im hinteren Garten.
„Wa Ji Jü en bät betjen, se Ji nijh to tjannen," tröstet Pöttker.
Bis in den Busch sind es etwa 500 m. Aber um dorthin zu gelangen, müssen erst verschiedene Hindernisse genommen werden. So umgestürzte Baumstämme, ein Haufen trockenen Strauchwerkes und schließlich ein widerspenstiger Stacheldrahtzaun. Und auch über dem stillen Busch glutet drückend die flammende Chacosonne.
Eine Augenweide bei diesen Kannosagängen ist die herrliche Pöttkersche "Baschtan". Kopf an Kopf liegen hier die prachtvollen grüngesprengelten Arbusen und reifen unseren hungrigen Wünschen entgegen.
Nachmittags etwa um fünf legt sich der Sturm, und der Chacoabend bricht herein mit einer verklärten Ruhe und einem heiteren Frieden, wie wir sie in Europa nie erleben. Das Quecksilber sinkt zwar auch nachts nicht unter 33, aber trotzdem kommt es uns draußen schon angenehm kühl vor. Nun ist es drinnen wärmer als im Freien, weil die heißen Wände nicht so schnell abkühlen können. Meistens nehmen wir das Nachtessen jetzt draußen ein, und nachher mache ich zwischen Haus und Straßenzaun einen langen Spaziergang auf und ab, auf und ab. Immer weiter zögere ich das Zubettgehen hinaus. Im Zimmer erwartet mich drückende Schwüle und ein heißes Bett. Und eine Gelegenheit, sich durch Dusche oder Bad zu erfrischen, gibt es nicht.
Abgespannter noch als vorher fahre ich nach zehn Tagen wieder in die „Stadt“ zurück.
In meinem Zimmer ist alles mit einer grauen Staubschicht bedeckt. Und auf dem Fußboden wimmelt es von Ameisen und anderem Ungeziefer. Alle die großen und kleinen Gesellen haben sich's in meiner Abwesenheit wohl sein lassen.
Ich lege meine Sachen ab, ziehe den schweren Fensterladen hoch und beginne zuerst den Kampf um mein Zimmer mit Scharren und Trampeln. Aber die Eindringlinge wollen sich nicht so leicht verdrängen lassen. Doch dann scheinen sie den Ernst der Lage endlich zu begreifen. Alles rennt wild durcheinander. Anstatt aber schleunigst zu verschwinden, dringen aus den vielen in meiner Abwesenheit neu entstandenen Eingängen immer mehr Ameisen heraus. Sie quellen förmlich an die Oberfläche.
Aber als das trampelnde Ungeheuer gar nicht aufhört, packt sie doch das Entsetzen. Sie haben begriffen: „Der schreckliche Deutsche ist wieder da!" Nun endlich stürzt alles Hals über Kopf in die Löcher zurück. In knapp zwanzig Minuten habe ich die Schlacht gewonnen. Meine Schuhsohlen aber sind feucht und glitschig geworden.
Dann kommen die Spinnen an die Reihe. Groß, flach und dünn wie die Schneide eines Tischmessers, so sitzen sie lauernd in den zugesponnenen Ecken. Hei, wie die flitzen! Eine Anzahl rettet sich in den Konsum hinüber. Die meisten aber ereilt das Schicksal.
Dann habe ich Ruhe und mein Zimmer wieder für mich allein. Nachts leuchte ich das Gelände einige Male mit der Taschenlampe ab. Aber die Ameisen haben offenbar beschlossen, diese verrufene Gegend endgültig zu verlassen. Nur einer von den langen, giftigen Vierzigfüßern schiebt sich neben meinem Bett langsam die Wand hinauf, und auch er muss in dieser unruhevollen Nacht sein Leben lassen.
An Schlafen ist bei dieser Schwüle nicht zu denken. Um elf Uhr sind es im Zimmer immer noch 35 Grad. Etwa um Mitternacht macht unser Federvieh im nahen Hühnerstall, der hart am Buschrand liegt, wieder einmal größten Lärm. Im Nu ist der junge Neufeld auf den Beinen und stürzt, mit Taschenlampe und Buschmesser bewaffnet, auf den Stall zu, um unseren Hühnerbraten vor den Buschräubern zu verteidigen.
Aber diesmal ist es weder Fuchs noch Wildkatze, die sich ein Frühstück holen wollen, sondern eine etwa zwei Meter lange Schlange. Ihr ist es trotz ihrer Dicke geglückt, sich durch die engen Latten zu zwängen, und nun versucht sie, eine der wild durcheinander flatternden und aufgeregt gackernden Hühner zu packen.
Als ich dazukomme, ist der Kampf schon beinahe beendet. Gerade trifft die Schlange noch ein wohlgezielter Schlag der etwa einen Meter langen Matschetta (Machetta), und dann baumelt der lange Körper schlaff von der Stange herunter.
Wir hängen die Schlange vor dem Hause auf einen Baum, um sie am Morgen besser untersuchen zu können. Ließen wir sie auf der Erde liegen, so wäre sie morgens bestimmt verschwunden. Die "Totengräber", etwa 5 cm lange schwarze Käfer, mit spitzem Horn auf der Nase, besorgen in kleineren Fällen rasch und geräuschlos das Geschäft des Leichenbestatters. Sonst ist der paraguayische Gesundheitspolizist der Aasgeier.
„Der Bote" Mittwoch, den 8. April 1936
Als ich einmal feststellen will, wie weit die Käfer ihre Beute bergen, muss ich fast einen Meter tief graben, um an die Schlange heranzukommen. Gerade zieht an unserer Küche auch ein Zug Ameisen vorüber. Am Tage wäre das für sie wegen der Hühner zu gefährlich. Kleine Blattstückchen schleppen sie diesmal mit. Und es sieht so aus, wie eine lange Reihe Fahnenträger, die in einem Festzug mitmarschieren. Während ich die Trägerreihe mit der Taschenlampe ableuchte, läuft mir ein kleiner, gelblicher Skorpion in den Lichtkegel der Lampe. Wie keck der sein gefährliches Schwänzchen in die Höhe hält. Obschon er vom Hause weg in den Busch strebt, muss auch er sterben.
Alles spricht seit Wochen und Tagen nur noch von dem allseits sehnlichst erwarteten Regen. Er muss doch endlich einmal kommen. Und er kommt! Es ist anfangs November an einem Donnerstag. Schon am Vormittag beginnt es ringsum am Horizont zu dunkeln. Blitze flammen auf, fern hören wir auch Donnergrollen, dann aber wird es wieder still. Die charakteristischen Wolken am nördlichen Horizont aber halten sich.
Ich habe mich nach dem Nachtessen unter das Blechdach auf das Ende unseres Schuppens geflüchtet, in der Hoffnung, dort etwas Zugluft zu finden, als ich plötzlich einen heftigen, fast eiskalten Windstoß verspüre. Was das bedeutet, weiß ich schon. Mit einem Satz springe ich auf und renne meinem Zimmer zu. Im Vorbeilaufen löse ich mit einem Griff den Strick, der meinen Fensterladen hochhält, und krachend fällt der schwere Deckel nieder.
Das alles dauert nur Sekunden, aber schon ist der ungebärdige kalte Südwind, der Pampero, da. Jahrzehnte alte Bäume knickt er manchmal wie Strohhalme, und es scheint ihm Spaß zu machen, all den Staub wieder nordwärts zu peitschen, den sein heißer Bruder in wochenlanger Arbeit hinuntergesät hat.
In wenigen Minuten stürzt die Quecksilbersäule auf 40, dann auf 35, 30, 25... Grad. Und während es draußen nun für unser Empfinden geradezu eisig kalt ist, sitze ich drinnen bei 38 Grad wie im Brutkasten, nass wie aus dem Wasser gezogen. Plötzliche Abkühlung kann jetzt Lungenentzündung und Siechtum bedeuten.
Und dann rauscht der ersehnte Regen nieder, als rinne er durch ein groblöcheriges Sieb. Hier regnet es wirklich „Bindfaden“, und in wenigen Minuten steht unser Hof unter Wasser. Aber so rasch, wie es hereinbricht, verschwindet das Gewitter auch wieder. Es war nur ein Vorbote der Regenzeit. Wieder beginnt sofort die Tropensonne zu drücken — hart und herrisch. Und was die durstige Erde nicht sofort aufzunehmen vermag, leckt in kürzester Zeit blitzsauber die strenge Sonne auf. Die Chacobauern freuen sich auch über einen kleinen Regen, denn nun können sie wieder einen oder zwei Tage säen.
Mitte November verlasse ich Philadelphia endgültig und siedle nach Lichtfelde über. Das Ansiedlungsarchiv habe ich durchgearbeitet und meine Arbeit skizziert. Jetzt brauche ich nur noch von Zeit zu Zeit in die „Stadt“ zu fahren. In Lichtfelde hoffe ich ruhiger arbeiten zu können und auch weniger Nerven zu verbrauchen. Bei Aron Fröse miete ich ein kleines Zimmerchen – drei Schritt breit und sechs lang. Bett, Tisch und Hocker haben gerade Platz, in einer Ecke auch noch die Koffer. Weil das Haus keine Bodendecke hat, lasse ich für mein Zimmer eine Decke aus leichtem Nesselstoff herstellen, um dem Ungeziefer den Zugang etwas zu erschweren. Vor die Tür wird ein dünner Vorhang gehängt und vor das Fenster von außen ein alter Mantel. Sogar eine Dusche kann ich mir hier einrichten lassen.
Gleich am ersten Sonntag fahre ich nach Schönwiese hinüber, wo eine „Bruderschaft“, die hier „Gemeindestunde“ heißt, stattfinden soll. Schon um zwei Uhr nachts wird es im Hause unruhig. Die Ochsen müssen zeitig auf die Weide gebracht werden, und dann wird der Wagen, in dessen Besitz sich immer vier Wirte teilen, geholt und gerichtet.
Um vier Uhr hat es doch keinen Zweck mehr, im Bett zu bleiben, und ich mache mich allmählich fertig. Meine Wirtin setzt mir noch eine Tasse Kaffeeprips vor, und schon meldet Kornelius: „Daut Ochsomobil es red!“
Aber gleich unser Start lässt auf eine „Fahrt mit Hindernissen“ schließen. Der eine Ochse weigert sich entschieden, zu so früher Stunde den Hof zu verlassen. Weder Güte noch Gewalt vermögen es, ihn in seinem offenbar festen Entschluss wankend zu machen. Aber dann zieht er plötzlich ganz von selber an und strebt in kurzen Schritten der Straße zu.
Gern benutze ich jede Gelegenheit, mit Ochsen zu fahren. Dabei lässt es sich so schön träumen. Zu Fuß ginge die Reise allerdings schneller. Dreieinhalb Stunden brauchen wir für die zwölf Kilometer.
In der Tat: ohne Reiz ist so eine schneckelangsame Ochsenfahrt durch den vergreisten Busch keineswegs. Auch in diesem Krüppelwald lässt sich mancherlei beobachten. Hinreißend schön sind im Chaco immer die Sonnenaufgänge. Der ganze Osten flammt in purpurroter Glut, und der obere Buschrand ist in ein feines rosiges Rot getaucht. Scharf und hart kommen mir in den Früh- und Abendstunden immer die Umrisse der Bäume in diesem trockenen Dschungel vor. Ganz anders als in Deutschland. Verschiedenartige Vogelstimmen dringen aufwärts, erst hier, dann weiter drin im Busch, und unwillkürlich gehen die Gedanken mit ihnen über die Strauchwüste hinaus ostwärts.
Mein Fuhrmann aber hat für diese einzigartige Stimmung des versonnenen Urwaldes gar nichts übrig. Seine ganze Aufmerksamkeit gilt den störrischen Ochsen. Besonders der bunte Lertochte ist ein fauler Halunke. Immer wieder versucht er umzukehren, und zweimal gelingt ihm das auch. Dass Kornelius und ich dann aus Leibeskräften an der Leine ziehen und zerren, stört ihn nicht im geringsten. Sein Maul scheint gefühllos zu sein. Dann knirscht Kornelius mit den Zähnen, dass sie knacken. „Na, warte...“ höre ich ihn denken. Er steigt ab und schneidet sich einen Stock, spitzt ihn zu und beginnt damit die magere Lende des bunten zu „sticheln“. Dieser ärgert sich, schlägt aus, dass zweimal die Stränge reißen und vom Querbalken Splitter fliegen, versucht wieder umzukehren, aber das lästige Ding ist immer wieder da. Erst als er sich entschließt, vor dem unheimlichen „Spickerich“ auszurücken, wird es gut. Jetzt kommen wir rascher vorwärts. Manchmal geht der Schritt der Ochsen sogar in Trab über, aber dann sind ihre dicken Bäuche hinderlich, die wie Gummibälle aufeinanderstoßen und die Ochsen aus der Fahrbahn drängen.
Leider verscheuchen wir durch unsere weithin hörbaren Kuhglocken alles Wild, und während der ganzen Fahrt bekomme ich nur eine lange, schwarze Schlange zu Gesicht, die sich vor unserem klappernden Gefährt eiligst in Sicherheit bringt.
„Der Bote" Mittwoch, den 15. April 1936
Fortsetzung folgt
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