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Menonitas no Brasil

Mennoniten in Brasilien

   Nachrichten und Mennonitische Geschichte 

22.06.2026


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Editor: Udo Siemens

Nova edição: segundas, às 13 hs


Nun wird es richtig kalt.
Ein Foto von Elizabeth Berg Klassen, Aceguá, RS

 

 

Deutsche im Sonnenland

 Walter Quirings Reise 1932/33

in die eben gegründeten Kolonien

der Mennoniten in Paraguay und Brasilien

 



Hier
 

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Einwanderung und Anfänge

der Mennoniten in Brasilien

Teil 10

    Zuerst ein Ausschnitt aus einer Todesanzeige aus der Mennonitischen Rundschau vom 24. Januar 1934. Da gibt ein trauender Mann, Jakob Wiens, bekannt:

​​      ... Sie hat sehr viel aushalten müssen, so dass es ihr viel zu lange dauerte, bis der Herr sie endlich heimholte. Nun schaut sie, was sie hier geglaubt. Sechs Kinder sind ihr vorangegangen und fünf sind noch hier.

MR 1933-11-08

​​     Seine Frau war schon in Russland an Krebs operiert worden, sei auch geheilt gewesen, aber dann in Brasilien kam es wieder zum Vorschein. "Schon im vorigen Frühling dachte sie, wenn die Bäume erst grünen würden, die, welche die Blätter verlieren, dann würde sie heimgehen. Aber der liebe himmlische Vater hatte es anders beschlossen, sie sollte noch ein Jahr bei uns bleiben."Sie hinterlässt 5 Kinder, aber sechs waren ihr schon im Tode vorausgegangen. Es fällt auf, wie oft der Tod die Mennoniten damals besuchte.

    Ein zweiter Ausschnitt klingt heute merkwürdig und dürfte wohl kaum jemandem bekannt sein. Da teilt ein Leser aus Californien eine alte mennonitische Regel mit, von der wir heute nichts mehr wissen:

      Alle Organisationen der Welt, auch wir Mennoniten, haben Regeln, die ab und zu öffentlich und sonderlich geschärft werden. Mancher Leser wird noch wissen, wie es unsern Großvätern Gewissenssache war, der Jugend einmal im Jahre alle 18 Regeln vorzulesen. Ich weiß, mancher Hörer war froh, wenn der Prediger endlich Jeremia 18 am letzten las. Reedley, Calif., den 31. März 1934.

   MR 1934-04-18

    Die Mennoniten hatten also "18 Regeln", die den Mennoniten "einmal im Jahr vorgelesen" wurden. Hattest Du schon mal was davon gehört? Welches waren diese "mennonitische Regeln"? Ich fragte die KI und sie gab mir folgende Antwort: Hier!


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Deutsche im Sonnenland

 Walter Quirings Reise 1932/33

in die eben gegründeten Kolonien

der Mennoniten in Paraguay und Brasilien

Teil 9

     Dr. Walter Quiring machte 1932/33 eine Reise nach Süd- und Nordamerika. Über ein Jahr lebte Herr Quiring bei mennonitischen Glaubensgenossen im Chaco von Paraguay und reiste von dort über Argentinien und Uruguay nach Brasilien, wo er etwa drei Monate lang in den mennonitischen Hansakolonien arbeitete.

    Er schrieb danach ein Reisetagebuch, das im "Boten" veröffentlicht wurde. Ich gebe es etwas gekürzt wieder.

Bei den „Charbinern“

      Die vier „Charbiner“-Dörfer Orloff, Blumenort, Karlsruhe und Schönau liegen etwa 6-10 km östlich von Rosenfeld. Mitte Februar mache ich mich zum erstenmal dorthin auf den Weg. Die Straße führt genau ostwärts durch den Busch über einige Kämpe und durch kleine Waldinseln an das erste Dorf Orloff heran. Wieder einmal bin ich allein in meinem verwunschenen Busch, der mich nie mehr loslassen wird. Seine Wirkung ist schwer in Worte zu fassen, er wirkt auf mich etwa wie das Nibelungenlied, wie die Odyssee. Keine fünfzig Meter weit kann man in ihn hineinsehen, so verflochten und dicht verfilzt ist er. Sehr wahrscheinlich ist oft auch Wild in der Nähe, aber es braucht sich nur etwas zu ducken, um sich vor unseren Blicken zu verstecken.

      Nach zweistündiger Wanderung auch durch viel Sumpf, wobei meine Schuhe wiederholt volllaufen, liegt Orloff unerwartet vor mir. Auf den ersten Blick sieht man zwar, dass diese Siedler noch nicht sehr lange hier sind, aber sie haben doch schon Ungeheures geschaffen. Es wird nicht mehr lange dauern, bis sie die „alten“ Dörfer eingeholt haben.

     Auch hier ist die recht saubere Straße schon von einem Stacheldrahtzaun eingefasst. Rechts und links liegen ziemlich weit auseinander die kleinen Lehmhäuschen. Auf einem Hof spielen am Hühnerstall einige kleine Jungs. Ich winke sie zu mir heran. Der kleinste sieht fast aus wie ein Indianer. Ein Hemdchen von grauer Schutzfarbe ist seine ganze Bekleidung. Aus dem schmutzigen Gesicht sehen mich zwei entzündete Augen scheu an. Aber es gelingt mir nicht, aus den kleinen Kerls auch nur ein Wort herauszubringen. Nur dass der eine Jasch heißt, bringe ich in Erfahrung.

     Ein anderer kleiner Jakob, der mit einem Stock klappernd am Zaun entlang geht, weiß schon besser Bescheid. „De Leera waont hinja Grootmemmau...“ Nun bin ich im Bilde. Leider komme ich dort recht ungeschickt. Vor einigen Tagen hat der Storch eine kleine Olga gebracht und Unger „spielt Muddatje“, wie er sagt.

    „Schauen Sie mal her,“ erklärt er, „so sieht das aus, wenn wir Männer einmal den Haushalt machen sollen. Hier, darf ich vorstellen, das ist mein Stübchenreich – Kleider, Lebensmittel, Schuhe, Geschirr, ein Blech mit Streuselkuchen, ein anderes mit Zwieback, die auch auf den Ofen warten, ein buschriges Mädchen und zwei schreiende Amazonenpapageien.

    Frau Unger muss noch das Bett hüten. Wie sich unsere Kolonisten doch im Urwald zu helfen wissen. Auch „dieses Bett“ zeigt das wieder. Auf zwei etwa einen halben Meter hohe Luftziegelwände hat Unger dünne Baumstämme gelegt, die mit einer Lage Bittergras bedeckt sind. Neben dem Bett hängt an Stricken eine flache Margarinekiste vom Balken herunter, die Wiege mit der kleinen Olga. Am Fenster steht auf drei Stöcken der „Lisch“, ein etwa 20 cm dicker ziemlich großer, runder Scheit, von einem Flaschenbaum abgesägt. In den Ecken des Zimmers sehe ich die mir schon bekannten „Schränke“ und „Kommoden“ aus umgestülpten Kisten. Eine am Bein verletzte Henne hat das Vorrecht, drinnen zu wohnen und fängt aus Dankbarkeit die Fliegen.

     Unger vergisst über unserer Unterhaltung seinen Streuselkuchen, der mittlerweile in den Ofen geschoben wurde, und muss nun feststellen, dass er recht schwarz geworden ist. „Ooba noch goot to äten,“ tröstet er seine beunruhigte Frau aus dem anderen Zimmer und lächelt mir durch die Tür verschmitzt zu.

      Unger ist ein bekannter Meisterschütze und ein leidenschaftlicher Jäger. Wie gut der Mann beobachtet! Ich höre ihm aufmerksam zu, wenn er all die feinen Züge des Busches so treffend schildert und seine vielen Jagderlebnisse zum Besten gibt.

„Der Bote" Mittwoch, den 20. Mai 1936

 

     Auch sein Sohn Jasch (fast in jedem Hause gibt es hier einen Jakob!) ist Naturforscher. Ich erzähle beiläufig, dass ich gern einmal eine der so gellend pfeifenden Zikaden sehen würde. Still geht der Jasch hinaus und kommt nach etwa einer halben Stunde wieder. In der geschlossenen Hand hält er eine Zikade, einen „Tjnirpja“, wie er sagt. Es ist eine etwa 3 cm lange, dicke grünlich-blanke Fliege mit großen Flügeln.

     Zwischen Hinterleib und Brust hat sie eine quergespannte Haut eingebaut bekommen, durch die sie das Pfeifen zuwege bringt. Während unserer recht gründlichen Untersuchung verspürt sie natürlich keine Lust, ihre Kunst zu zeigen. „Doa mot ene emma eescht ent drafche, dann deit se,“ meint Jasch, und ehe ich ihm wehren kann, hat er „gedrafche“. Das Ergebnis ist ein abgebrochener Flügel und dadurch lebenslängliche Invalidität. Gerade gelingt es mir noch, ihr Leben zu retten.

     Etwas zu spät breche ich auf und muss nun ein Stück weit im Dunkeln durch den Wald gehen. Gut, dass ich meine Taschenlampe mitgenommen habe; so kann ich die über den Weg gespannten Spinnennetze rechtzeitig erkennen und unter ihnen durchkriechen, wenn ich sie nicht mit dem Stock zerstören will.

     Schon nach einigen Tagen, an einem Sonntag früh, reise ich für einige Wochen zu den „Charbinern“. Kollege Kliewer ist so freundlich, mich hinüberzufahren.

     In Orloff gehen die Leute gerade zur Kirche, als wir ins Dorf kommen. Unser Ziel ist diesmal Blumenort. Ich will zu dem ehemaligen Gruppenführer Jakob Siemens, der die Kolonisten zu Beginn des Jahres 1932 aus Charbin in der Mandschurei hierher in den Chaco geführt hat.

     Wir treffen nur Frau Siemens zu Hause an. Sie lässt ihren Mann ohne unser Wissen sofort aus dem Gottesdienst holen.

     Ganz zufällig kommen wir gleich auf das „Noafrädmen“, da mir die Ähnlichkeit der Frau Siemens mit einer meiner Schwestern auffällt. Und wirklich: bald haben wir ausgeknobelt, dass Frau Siemens meine Base („Nichte“, wie wir falsch sagen) ist.

     Das werden sicherlich schöne Tage hier, nach diesem Empfang zu urteilen.

     Mittagessen: Rollkuchen und Arbusen. In diesen Dörfern werden die Wassermelonen nicht gestohlen, wie an der Heerstraße.

     Gegen Abend machen wir einen ersten Gang durch das Dorf. Ungeheuer geschafft haben diese Einwanderer in der kurzen Zeit! Wer jetzt mehrere erwachsene Arbeiter hat, ist weit im Vorteil. Alle Familien sitzen schon in richtigen Wohnhäusern. Und überall sind neben der anderen dringlichen Arbeit auch die Gärten noch rechtzeitig bestellt worden, wozu das Land erst vorbereitet und teilweise sogar gerodet werden musste. Kafir und Mais stehen vielversprechend. Erdnüsse sind zum Teil schon geerntet und liegen in Säcken aufgeschichtet unterm Schattendach. Meine Hochachtung für diese Chacobauern steigt mit jedem Tage. Ohne Einschränkung bewundere ich ihre wirtschaftliche Tatkraft und ihre Anpassungsfähigkeit. Was diese betrifft, dürfen sie sich unter den anderen Auslandsdeutschen wohl sehen lassen.

     Abends gehen wir in die Schule, wo Gesang, Gedichte usw. geboten werden. Die neue Schule ist übrigens ein schmuckes, schilfgedecktes Luftziegelhäuschen. Vor der Tür liegen die „Schulbänke“ – einen halben Meter hohe, schwere Klötze.

    Im Chaco ist es geradezu ein Glück, in einem nach Nordosten gelegenen Zimmer schlafen zu dürfen. Das gewährleistet noch am ehesten einen erfrischenden Schlaf, weil die Luft in diesen Zimmern freien Durchzug hat. Anders wacht man wie zerschlagen wieder auf.

„Der Bote" Mittwoch, den 20. Mai 1936 

 

 

      Von Haus zu Haus besuchen wir die Leute am anderen Tage. In manchen Häusern ist man ob unseres Besuches überrascht, in anderen bestürzt. Eine Frau ist ganz verwirrt und fängt aufgeregt zu kehren an – immer auf einem Fleck. Als sie aber sieht, dass der „Deutschländer“ auch plattdeutsch kann und sogar zu lachen versteht, ist die Verlegenheit rasch überwunden.

     Wohl noch niemals wurden unsere Kolonistenfrauen vor so schwierige Aufgaben gestellt, wie gerade im Chaco. Ihre Leistungen hier sind vielfach beinahe übermenschlich groß. Man wird das nicht wahr haben wollen, aber es ist so: die Hauptlast trägt auf dieser Ansiedlung die Frau! Keinen Augenblick ist sie frei, wenn kleine Kinder da sind, was beinahe immer der Fall ist, nicht einmal nachts. Die vielen Kinder müssen betreut und Haus, Küche, Geflügel, Schweine und Kühe versorgt werden. Dazu kommt die ermüdende Hackarbeit in stechender Sonnenglut. Auch dort steht die Chacofrau „ihren Mann“. Aber Mutter kann alles. Sie kann auch dann sogar noch gütig und freundlich sein, kann trösten und helfen, wenn sie müde ist zum Umfallen und Mühe hat, ihre Gedanken zusammenzuhalten.

      Einer der Kolonisten hat sich sogar schon eine Zuckerrohrpresse angefertigt und auch eine Hobelbank. Stolz zeigen sie mir auch ihre beiden roten Ferkel, ihre ersten auf der neuen Ansiedlung, und das bunte Kälbchen, das ausgelassen an einem Strick zerrt.

     Wohl ist das Wohnhaus schon fertig, aber die Inneneinrichtung fehlt vorerst vollkommen. Auch hier besteht der Tisch aus einigen Kistenbrettchen, die über vier in den „Fußboden“ gesteckte Pfähle gelegt sind. Und die Betten? Dünne Baumstämme über aufgestapelte Lehmziegel gelegt. Was mir besonders in die Augen fällt, ist das kleine Bücherbrett dort in der Ecke. . .

     In Orloff werde ich von einer Familie Derksen eingeladen. Derksens sind ehemalige Orenburger, die lange in Sibirien gewohnt haben. Auch ihre Gastfreundschaft ist von fürsorglicher Aufmerksamkeit. Vor allem sind sie besorgt um mein körperliches Wohlergehen. Fünf bis sechsmal am Tage setzen wir uns an den Tisch, um eine der wundervollen ziegelroten oder auch rohseidengelben Arbusen zu verzehren. Leider ist es wieder sehr heiß und stürmisch, obzwar die Einwanderer bis dahin um diese Jahreszeit noch niemals Sandstürme erlebt haben. In einem geschnitten liegenden Zimmer etwa nach dem Mittagessen ausruhen zu wollen, ist zwecklos. Man hat dann das Gefühl, im Backofen zu liegen und geht bald wieder ins Freie. Derksen hat es über Mittag sogar schon unterm Bett versucht, aber auch dort hat er es nur wenige Minuten ausgehalten. Erträglicher ist es, wie gesagt, in den nach Nordosten gelegenen Zimmern. Dort spürt man auch in stillen Tagen fast immer einen leichten Luftzug. Vorsicht ist dabei allerdings geboten. Ehe man sich’s versieht, hat man eine Erkältung eingesteckt, die hier allerdings auch sehr rasch wieder ausgeschwitzt wird.

      Uhren scheinen hier rar zu sein, und wir haben bald gelernt, uns nach der Sonne zu richten. Diese steht übrigens auf Mittag genau senkrecht über uns, so dass die Gegenstände keinen Schatten werfen. Am besten halten sich auch im Chaco die aus Russland mitgebrachten Kröker- und Mandtleruhren; die anderen bleiben bei dem ewigen Sandsturm bald stehen und müssen immer wieder gereinigt werden.

      Eine wahre Plage ist in dieser Jahreszeit der „rote Hund“. Nur wenige bleiben von ihm verschont, und ich höre immer ein leises Bedauern aus der Frage:

      Oft höre ich, wie die Leute nachts aufstehen und leise hinausgehen, um sich in einem Trog, einem ausgehöhlten Flaschenbaumstamm, abzuwaschen. Das verringert den Juckreiz und ermöglicht einige Stunden Schlaf. Viele erkälten sich dabei und ziehen sich die im Chaco besonders unter den Kindern weitverbreitete sehr schmerzhafte Augenkrankheit zu.

      Das sind wahre Tantalusqualen, wenn sich jemand so gern kratzen möchte und es doch, etwa in Gesellschaft, nicht gut tun kann. Die Kinder weinen viel und sind „schlimm“. Der kleine Abram Unger hat sich das ganze Gesicht verkratzt und ist nun mit einer dicken Krustschicht bedeckt.

      Auch in Karlsruhe, so genannt zu Ehren des Karlsruher Professors Unruh, und in Schönau, halte ich mich einige Tage auf, werde herzlich aufgenommen und ausgezeichnet bewirtet. Auch dort sind sowohl Hühner als auch Arbusen vorzüglich gediehen.

      Von Schönau besuche ich auch den ersten „Kanadier“, Isaak Funk, dessen Vater in Rosenfeld in Manitoba wohnt. Er unterhält nicht weit von Schönau eine Viehfarm, wo er für geringe Entschädigung Vieh aus den Dörfern wartet und pflegt.

      Der Weg zu ihm führt über einen niedrigen Schilfkamp, der wohl der landschaftlich schönste in Fernheim genannt werden kann. Auch in dieser Strauchwüste sind gelegentlich reizvolle Bildchen und Baumgruppen zu sehen. Um diese zu entdecken, muss man allerdings auch einen Blick für das weniger in die Augen fallende Schöne haben. Funks Haus liegt ganz drin im Busch unter dickbäuchigen Flaschenbäumen. Es ist das erste wirklich zweckmäßig eingerichtete Tropenhaus, das ich hier sehe — mit breiten Fenstern, die fast bis auf den Erdboden reichen. Das ermöglicht auch in schwülen Nächten einen leichten Durchzug und dadurch einen erträglichen Schlaf.

      Zwei schöne Ferienwochen erlebe ich bei den gastfreien und unverdrossenen „Charbinern“ und fahre dann, um viele Eindrücke und Beobachtungen reicher, wieder in mein Hauptquartier nach Lichtfelde zurück. Die Zeit meines Aufenthaltes in Fernheim geht allmählich zu Ende. Es ist schon Mitte März 1933, und immer glaube ich, irgendeine Frage oder Erscheinung noch besser kennen lernen zu müssen. Und Woche um Woche verzögert sich meine Weiterreise zu den Kolonisten aus Kanada. Anfangs Mai aber betrachte ich meine Arbeit bei den Russlanddeutschen doch als beendet und treffe Vorbereitungen für die Übersiedlung in das benachbarte Menno, auf dessen Bekanntschaft ich mich schon lange freue.

 

 

Bei den Mennoniten von gestern

      Endlich ist es soweit. Der Kliewersche Wagen wartet auf der Straße: ein Maultierfuhrwerk, im Chaco ein seltener Luxus. Nun wird unsere Fahrt statt zweier nur eine Stunde dauern.

     Meine Bekannten in Fernheim sind sehr skeptisch, ob man mich in Menno überhaupt aufnehmen wird. „Nein, auch nicht für eine einzige Nacht nehmen die kanadischen Mennoniten Sie auf,“ meint Willms und packt einen meiner schweren Koffer, um ihn an die Straße zu schleppen. „So jedenfalls nicht: mit Trauring, Armbanduhr, weißem Kragen und dieser Brille. Und dann: Material sammeln, Forschen, Ausfragenlassen – nein, da kommen Sie in Menno bestimmt an die Unrechten... Die sind einem Deutschländer gegenüber verschlossen wie die Rothäute. Ein Glück, übrigens, dass Sie nicht auch noch einen Schnurrbart tragen, sonst wären Sie dort geradezu staatsgefährlich.“

      Aber ich höre gar nicht mehr zu. Das alles habe ich in Fernheim in vielen Abwandlungen immer wieder anhören müssen, und jedesmal ist mein Entschluss, jenen offenbar verkannten Menschen ganz tief ins Herz zu schauen, fester geworden. Und dann die erwarteten Hindernisse, die reizen auch; nun erst recht. . . Gelegenheit genug, in das benachbarte Menno zu gelangen, hatte ich in den zehn Monaten zwar gehabt, aber ich wollte von dem in Aussicht stehenden starken Erlebnis nichts vorwegnehmen und mir so einen einheitlichen Eindruck sichern.

„Der Bote" Mittwoch, den 27. Mai 1936

 

       Es ist bereits drei Uhr nachmittags, als wir aufbrechen, aber noch brennt die Chacosonne mit unverminderter Heftigkeit auf den vertrockneten Krüppelwald nieder. Die engen Waldwege sind von dem letzten tropischen Regen stark aufgeweicht, und vorsichtig tasten sich unsere Maultiere durch die knietiefen Wasserlöcher. Einige Militärautos, mit blassen Verwundeten und ausgelassenen Urlaubern besetzt, überholen uns auf den Kampen, und jedesmal grüssen die Soldaten mit viel Geschrei und Armbewegungen zu uns herüber: „Bondia, mennonitas!“

     Endlich sehe ich weit vorne unsere schmale Wegschneise in einen Kamp münden, auf dem einige von Menschenhand eingerammte Pfähle zu unterscheiden sind. Das muss Schöntal sein, und bald sind wir auf der Dorfstraße, die nur daran zu erkennen ist, dass an ihren Seiten Häuser liegen, deren Vorgärten ein Stacheldrahtzaun abgrenzt. Sonst ist sie mit hohem Kampgras bedeckt, und auch die weitläufigen Bäume haben die Siedler stehen lassen.

      Schon von weitem fällt auf, dass die Häuser hier größer und nicht so dürftig sind wie in Fernheim; fast alle haben Blechdächer, von denen einige sogar gefärbt sind: rot oder auch schwarz.

     Hoffnungsvolle Gärten sind hier überall im Entstehen, während in Fernheim im allgemeinen noch die wie Unkraut wuchernde Rizinusstaude vorherrscht. Sogar einige hübsche Paraisoalleen, prächtige Schatten­spender, sehe ich, aber auch Obstbäume – Apfelsinen, Zitronen und Mammonen, deren Früchte so groß werden wie Melonen und auch ähnlich schmecken, und großblätterige Bananenstauden bilden auf einigen Höfen hübsche Haine, und nur selten nehmen hier im Vorgarten noch die Knollenfrüchte ein – Mandioka und Bataten.

      Mein Ziel ist das für Chacoverhältnisse stattliche Schrödersche Haus dort nicht weit vom Eingang des Dorfes. Der Besitzer, Prediger Johann Schröder, ein hochgewachsener, etwa siebzigjähriger Vater, ist gerade im Garten mit dem Beschneiden seiner jungen Weinreben beschäftigt.

      Langsam kommt er mir bis an die Gartenpforte entgegen.

     „Willkommen“, sagt er schlicht, „Ihr seid wohl der Deutschländer; wir haben von Euch schon gehört. Kommt ins Haus.“

      Da sieht er auf dem Wagen meine Koffer.

     „Die nehmen wir gleich mit ins Zimmer,“ meint er wie selbstverständlich, und geht an den Wagen. Unwillkürlich denke ich da an die düstere Voraussage Willmsens.

      Mein Blick hängt an dem klugen, etwas eckigen Gesicht Schröders. Solch heiterer Ernst pflegt Überwindern eigen zu sein. Man spürt in der gesammelten Haltung dieses Ohms einen Charakter, und weiß, dass diese natürliche Würde Ausdruck einer Persönlichkeit ist. So etwa stelle ich mir auch unsere Vorväter in Preussen vor, als Träger einer gestaltenden Idee, die sie auch äußerlich formte.

      Ohm Schröder führt mich durch einen Vorraum ins Haus, nachdem er meinen Fuhrmann vom Hofe geleitet und das Tor geschlossen hat.

      Im ersten Zimmer, das offenbar als Speiseraum dient, waltet eine Mumtje von behäbigem Umfang. Herzlich sagt sie „Schendank“, als ich ihr die Hand reiche, und redet mich fortan mit „Er“ an. Gerade ist sie dabei, die Päpanat aus dem Ofen zu ziehen, und bald mischt sich der altbekannte Duft mit dem eines echten Bohnenkaffees. Dazwischen höre ich das anregende Klappern der Tassen. . .

      Die Luft in diesem Hause ist heimelig und warm, und ich fühle mich vom ersten Augenblick an wie bei guten Freunden. Es geht mir in Menno überall so: immer fasst man zu diesen instinktsicheren, noch wenig belasteten Menschen sofort Vertrauen, und es bedarf nicht erst langer Umwege, um ihnen innerlich näher zu kommen.

      Bald sitzen wir am Kaffeetisch. Dass in Menno nicht genötigt wird, soll ich gleich bei dieser ersten Gelegenheit lernen. Als Ohm Schröder sieht, dass ich etwas zögere, mir den Milchnapf vom anderen Ende des Tisches heranzuholen, sagt er trocken: „Ihr (er sagt Jie, und spricht das Alt-Danziger Platt mit einem Wohllaut, dass es meinen Germanisten-Ohren klingt wie Musik) wartet doch nicht etwa, dass man Euch nötige. Wer bei uns nicht herzhaft zulangt, bleibt eben hungrig. „Help yourself“, sagten wir in Kanada.“ Das ist deutlich, und ich richte mich in Zukunft danach.

      Übrigens: schon in den ersten Tagen fällt mir die sehr starke Durchmischung ihres kernigen Plattdeutsch mit den vielen Fremd- und Lehnwörtern auf: lateinischen, französischen, litauischen, polnischen, russischen und englischen und neuerdings auch schon spanischen. Und niemand erkennt im Chaco die großen Gefahren dieser Entwicklung. Auch die im allgemeinen fortschrittlichen Lehrer in Fernheim nicht.(Quiring äußert hier seine Angst, die Mennoniten könnten durch die allmähliche Anpassung ihr Deutschtum verlieren. Er dachte, es wäre möglich, hier in Südamerika "Deutsch zu bleiben" so wie es den Vorfahren in Russland gelungen war.)

       Unversehens bricht die Dämmerung herein, und wir begeben uns aus dem Garten, den Ohm Schröder mir gezeigt hat, in die große „Stube“. Mumtje stellt eine Petroleumlampe mit weißem Schirm auf den Tisch und legt sich ihr Strickzeug zurecht. Ich bringe das Gespräch auf die schweren Jahre der Einwanderung und Ohm Schröder erzählt bereitwillig langsam und anschaulich, und kein Wort in seinen knappen, festgefügten Sätzen ist überflüssig.

      Und als wir abends, ihrer Hausordnung gemäß, früh ins Bett gehen, weiß ich:

      Mit diesen Menschen werde ich sehr gut auskommen, dieses sind die unbewussten Träger unserer besten Überlieferung, und hier bin ich zu Hause.

      Sonntag früh rüsten wir zum Kirchgang. Fast geniere ich mich jetzt wegen meiner europäischen Erscheinung. Irgendwie fühle ich, dass man meinem grauen Sommeranzug, der farbigen Krawatte usw., hier nicht wohl will. Umständlich beobachtet Ohm Schröder übrigens, wie ich meinen Selbstbinder falte; er selber trägt ein schwarzes Vorhemd, ein „mennischtje“, schwarzen Gehrock und schwarze Tuchmütze. Auch Mumtje ist schwarz gekleidet und hat ein dunkles Tuch umgebunden.

      So gehen wir drei los, in der Hand das dicke alte Gesangbuch. Frau Schröder bleibt bald wie zufällig etwas zurück, denn hier haben die Männer den Vortritt, und die Frauen gehen auch auf der Straße immer hinterher.

      Bald gesellt sich zu Mumtje eine Nachbarin, die auf dem Kopf eine große, schwarze Bandhaube trägt. Eine ähnliche Mütze habe ich noch bei meiner Großmutter gesehen.

„Der Bote" Mittwoch, den 3. Juni 1936

 

 

      Die Schule liegt mitten im Dorf, und von beiden Enden der Straße streben ihr kleinere und größere Gruppen zu. Ohm Schröder der geht zuerst ins „Ohmsstübchen“ zu den Vorsängern, um sich mit ihnen wegen der zu singenden Lieder zu besprechen.

      Das Schulzimmer ist von innen nicht geweißelt. Vorn auf einer quer durch das Zimmer reichenden gemauerten Erhöhung, hier Katheder genannt, steht der Predigertisch mit einem Pult, und eine lange Bank für die Vorsänger. Links sehe ich einen offenen Schrank mit Schiefertafeln, Gesangbüchern und Bibeln. Vorn an der Wand hängt unter Glas ein großes, bedrucktes Blatt, auf dem ich noch gerade entziffere: „Schulregeln“.

      Bald geht die Tür aus dem „Ohmsstübchen“ auf, und herein­schreiten die Vorsänger und nehmen auf ihrer Bank Platz. Ein allgemeines Räuspern und Schnäuzen hebt an in der Versammlung.

      „Aus tiefer Not schrei ich zu Dir! Nummer 328!“ sagt der zuoberst sitzende Vorsänger, Omtje Wiebe, abgemessen, leise und mit Nachdruck an. Nachdem er die Nummer noch einmal wiederholt hat, setzt der Gesang ein: zuerst die Vorsänger: langsam singen, etwas schnarrend und mit vielen „Schnörkeln“. Bald fällt die erste Stimme ein, dann mehrere, und erst von der zweiten Strophe an singen alle mit. Gesungen wird nur einstimmig, denn ein mehrstimmiger Gesang wäre gegen die Überlieferung. Übrigens wird auch in allen evangelischen Kirchen Deutschlands nur einstimmig gesungen.

       Als ich einmal einen Ohm frage, warum sie einen mehrstimmigen Gesang, wie er in Fernheim gepflegt wird, eigentlich ablehnen, wird er sehr ernst. „Das will ich Dir einmal erklären. Du musst nicht glauben, dass wir einen schönen Gesang nicht verstehen oder ihn nicht würdigen können. Nein, der Grund unseres Verhaltens ist ein anderer. Es ist doch so: wir gehen in die Kirche, nicht um unseren Ohren einen Genuss zu verschaffen, sondern um Gottes Wort zu hören.

      Die Lieder, die wir singen, sind für die jeweiligen Umstände und den zu behandelnden Text passend gewählt. Nicht die Melodie ist die Hauptsache, sondern der Inhalt. Indem wir diesen alle durch den einstimmigen Gesang in uns aufnehmen, bereiten wir uns gemeinschaftlich vor auf das, was wir hören wollen.

      Noch eines will ich Dir sagen. Unsere alten Choräle sind so schön, dass sie auch einstimmig gesungen, immer noch viel wirksamer sind, als die leichten Hopser vierstimmig vorgetragen. . .“

     Auch von einem zweiten Lied finden wir noch fünf Strophen; dann erhebt sich Ohm Schröder. Er legt eine vergilbte Niederschrift vor sich auf das Pult, faltet sie auseinander, streicht sie umständlich glatt und beginnt zu lesen: „Jelefte Brieder, wir hauben heite die Ortitjeln vorjülesen. Aeuf dauss wir auch den gaunsen Nußen dauvon hauben, will ich Eich iöogen, müssen wir dauss tün wie jen Monöorch...“

     Zuerst glaube ich an ein Versagen meines Gehörs, aber dann begreife ich rasch: der alte Prediger spricht das überlieferte Hochdeutsch, das vor dreißig Jahren auch in Russland gelegentlich noch bei ganz alten Leuten zu hören war. „Das ist das eigentliche Hochdeutsch, das allein richtige,“ erklärt mir einige Tage später einer meiner neuen Bekannten. „Nicht Ihr in Deutschland, sondern wir hier im Chaco sind die Träger des ursprünglichen Deutsch. Euch war die schlichte deutsche Sprache nicht mehr gut genug; Ihr wurdet stolz, und darum sprecht Ihr heute dieses komische Deutsch, das entstellte.

      Und sie sagen statt „a“ fast regelmäßig „au“, vor „r“ wird „a“ zu „ao“, vor „g“ zu „öo“ usw. „U“ erscheint immer als „ü“, „e“ z. B. hingegen, geht in „äe“ über usw. Dieses Deutsch wird auch in fast allen Schulen der Ansiedlung gelehrt. Oft werde ich wegen der Aussprache als Schiedsrichter angerufen, und mein Ansehen kriegt jedesmal einen argen Stoß, wenn ich Partei nehme für einen der Ketzer, die es wagen, nicht „hauben“, sondern „haben“ und statt „klüg“ richtig „klug“ auszusprechen.

     Da die „Glaubensartikel“ verlesen werden, dauert der Gottesdienst heute von 9 bis 12 Uhr. Dann sehe ich, wie Ohm Schröder das letzte Blatt wendet. Zwischendurch knien wir einmal zu einem stillen Gebet, das hier nie stehend oder sitzend und auch nie laut verrichtet wird. Nachdem wir dann zum Schluss noch einmal kniend gebetet haben, singen wir noch ein Lied, und Ohm Schröder spricht, während die Gemeinde sitzen bleibt, den Segen.

      Am Montag reite ich nach Osterwick, um mich dem Ältesten Martin Friesen vorzustellen. Der Weg führt über einen langen, parkartigen Kamp zuerst nach Blumengart, das fast genau so aussieht wie Schöntal; nur die Häuser sind hier nicht so stattlich. Ich reite auf einen Hof, dessen Tor offen steht, und frage nach dem Osterwicker Weg. Es ist der „Storemann“, auf den ich gestoßen bin. Gern gibt er mir Auskunft, und wir unterhalten uns einige Minuten.

      Es fällt mir bald auf, dass die „Kanadier“ im allgemeinen gesünder aussehen als die „Russländer“, was zum Teil damit zu erklären sein mag, dass jene die Not in Sowjetrussland nicht durchzumachen brauchten und dass sie hier die allerschwersten Jahre bereits hinter sich haben.

     Nach etwa drei Kilometern zweigt von meinem größeren Weg, der an die Bahn führt, nach rechts ein kleinerer ab nach Osterwick. Bald kann ich das ganze Dorf überblicken. Auch diese Siedlung macht einen guten Eindruck, nicht zuletzt natürlich durch die großen Häuser und die schönen Gärten. Mehrere Bauern haben im Vorgarten geradezu prachtvolle Bananenhaine. Mir scheinen einige viel zu groß zu sein für eine Familie, denn verkaufen kann man die Frucht hier nirgends. Auch sonst sehe ich in den Gärten viele größeren Obstbäume.

      Einen baumlangen Kerl, dessen schmales „friesisches“ Gesicht und langer Schädel mir auffallen, frage ich auf der Straße nach Ohm Martin. An dessen Tor sei ich soeben vorbeigeritten, sagt er.

     Kehrt also. Das tut mein Falber gern. Jedes Gehöft hat im Chaco, des umherstrolchenden Viehs wegen, ein verschließbares Tor. Das wird von Reitern meistens vom Pferd herunter geöffnet. Die Tiere kennen das schon und gehen willig ganz nahe an den Zaun heran.

     Auf dem Ende des Hauses stehen drei kleine Mädels und schauen mir neugierig entgegen. Eine legt die Hand über die kranken Augen und die anderen bohren mit dem Finger in der Nase. Ein Junge kommt mir entgegen. „Es Pepau tüs?“ frage ich. „Jao, de es bennen.“ Ich steige ab. Da fährt mir ein bissiger Köter an die Beine. Meine Peitsche, eine biegsame Gerte vom wilden Apfelsinenbaum, saust durch die Luft. Geschickt weicht der Hund aus. Dass er nicht nur bellt, wie die entarteten Indianerhunde, sondern mutig zupackt, imponiert mir. Diese Rasse ist hier selten. Irgendein deutscher Schäferhund war hier sicher Ahnherr. Der Junge bindet meinen Falben an den „Wolm“.

„Der Bote" Mittwoch, den 10. Juni 1936

 

Fortsetzung folgt​




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