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Menonitas no Brasil

Mennoniten in Brasilien

   Nachrichten und Mennonitische Geschichte 

11.05.2026


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Editor: Udo Siemens

Nova edição: segundas, às 13 hs

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Prediger Ekkerhard Friesen, Australien, bei einem Besuch bei Schuster Penner, Xaxim, zu dem ich immer ging wenn ich starke, wiederstandsfähige Schuhe brauchte


 

 

Deutsche im Sonnenland

 Walter Quirings Reise 1932/33

in die eben gegründeten Kolonien

der Mennoniten in Paraguay und Brasilien

 



Hier
 

​​​​

Einwanderung und Anfänge

der Mennoniten in Brasilien

Teil 4

     

    Der folgende Text wird nur mit A.R. unterzeichnet. Viele Texte in der damaligen Mennonitischen Rundschau wurden anonym veröffentlicht. Am Krauel wusste dann wohl jeder Leser, wer sich hinter diesen Anfangsbuchstaben verbarg.

    Der Schreiber beginnt seinen Text mit einem Loblied auf die neue Heimat.

Brasilien, das Land, wo sich die Berge reihen,

wo der Urwald mit seinen stolzen Riesen steht.

Brasilien, wo die Sonne wärmt und der Regen oft in Strömen,

wie man es nur so sagt, hernieder kommt.

Brasilien, wo der Gnadenbogen (Regenbogen) sich in solch einer Pracht

von einem Ende des Firmaments bis zum anderen Ende hoch über Berge und Bäume spannt.

Brasilien, wo eine Schar unserer Brüder aus Russland Zuflucht fand.

Brasilien, wo es immer „drock“ ist, wie man es nur so sagen hört.

   Nach zwei Jahren in Brasilien ist A.R. voller Staunen über dieses Land. Die Berge, der Urwald, die Sonne, der Regen, es ist alles anders als die Herkunftsheimat Russland. Auch fällt ihm auf, dass es in Brasilien "drock" zugeht, es gibt keine Pausen mehr wie in Russland, wo der lange Winter das Tempo des Bauers zwangsweise verlangsamt wurde. Hier läuft man nun das ganze Jahr.

       Na, wirklich hier in Brasilien ist immer Arbeit, weil alles im Anfang und Werden ist.

      Viel ist schon getan worden in der Zeit, seit unsere Leute hierher kamen. Noch nur kaum 2 Jahre ist es, als sie durch die Wälder mit ihren Sachen auf dem Rücken zu ihren Farmen gingen. Da war kein Weg und schöner Steg, nur ein Fußweg durch den Wald durchgehauen und so wurde alles getragen nach den neuen Heimstätten von den Baracken, wo sie untergebracht waren als sie herkamen. Jetzt ist schon ein Weg, wo sogar Autos auffahren, wenn es nicht zu sehr regnet.

     Ich wollte nicht die Strapazen dieser Gründungsväter durchgemacht haben, aber einen Ausflug in jene Zeit würde sicherlich bei einem jeden von uns grosse Bewunderung hervorrufen, was diese Mennoniten in so kurzer Zeit zustandegebracht haben.

      Es sieht schon nach einer Kolonie aus, die im Werden ist. Jeder hat schon sein Häuschen, die meisten haben schon ringsum geräumt und Blumenbeete angelegt. Hühner und Enten tummeln sich auf den meisten Höfen. Es ist eine große Hilfe, wenn Eier und noch mal Geflügel für den Tisch da ist. Das Hauptessen ist ja Aipim, schwarze Bohnen und Korn, der Reis kommt auch schon zum Küchenzettel. Wird schon viel gepflanzt, gedeiht auch sehr, nur wollen die Vögel viel Schaden machen. Bis zum 15. April muss der Mais eingebracht sein, sonst nehmen die Vögel alles. Kartoffeln gedeihen auch gut, doch sind sie teuer und da das Geld so knapp ist, können nicht alle Saat kaufen. Doch will's Gott, wird es ja mit der Zeit besser werden. Gemüse wächst auch gut; aber auch da sind Feinde, die viel vernichten, die sogenannten Schlepper (Ameisen). Diese können in einer Nacht einen Garten ruinieren. Wo immer wir sind, ruht der Fluch auf der Menschen Arbeit und im Schweiße deines Angesichtes sollst du dein Brot essen, bleibt wahr. Doch gottlob, wir wissen, es kommt eine andere Zeit nach diesen Tagen, droben bei unserem Herrn, da schweigen die Klagen.

      Unsere Väter waren sich dessen bewusst, dass Mühe und Arbeit eine bessere Zukunft bringen würden. Das ist ein Generationenwissen, dass bei vielen Hiesigen fehlte. Sie sahen, wie Brasilianer sich mit dem täglichen Auskommen begnügten und nicht auf eine bessere Zukunft hin arbeiteten. Viele dieser Mennoniten haben diese bessere Zeiten nicht erlebt. Aber ihre Kinder. Doch diese haben es vergessen, wie schwer die Anfänge ihrer Eltern waren. 

     Der Mais ist wieder gepflanzt, steht auch sehr schön. Wenn der Herr es segnet, haben die Leute wieder auf ein Jahr Brot. Gegenwärtig ist Heuzeit. Es muss ja alles noch mit der Hacke bearbeitet werden und das Unkraut wächst sehr stark. Manche Schweißtropfen kostet es, ehe die Ernte eingeheimst kann werden.

      In Russlang gebrauchten viele schon Traktore, um immense Felder zu bestellen. Mitten all den Stoppeln konnte am Krauel kein Pflug gebraucht werden. Man erntete nur so viel, wie man mit seiner Hacker bearbeiten konnte.

      Haben aber auch schöne Versammlungen und Gesangchöre. Der Chor in Waldheim singt sehr schön, auch die Versammlungen sind rege. — Hier sind (nun soll man’s Dörfer nennen) drei beim Alto Rio Krauel. Witmarsum, dann Waldheim in Witmarsum und jetzt ist noch Gnadental hinzugekommen. Die Ansiedlung ist groß und ein jeder wohnt auf seiner Farm und so ist es wegen den Schulen nicht anders möglich, als dass sie auf mehreren Stellen sind. Gegenwärtig sind 3 Schulen hier, eine in Waldheim, eine in Witmarsum und eine in Gnadental. Die Regierung hat einen brasilianischen Lehrer bereitgestellt (Herr Martins (Der von B.H.Unruh ernannte Kolonieleiter) hatte darum gebeten und sie haben es getan), welcher die Kinder Portugiesisch lehrt. Paar Wochen zurück hatten die Schüler in Waldheim einen Schülerabend, machten es schön. Die Altdeutschen, die hier wohnen, wundern sich, wie die Mennoniten so auf Schulen halten und erst Schule bauen, ehe sie sich selbst Häuser bauen. Nun es ist wohl so wie jemand sagte: „Weil unser Volk auf Schulbildung hält, steht es höher als viele andere.“ Vorigen Sonntag war hier in Waldheim eine Predigerkonferenz, manches wurde durchgenommen. Möge unser Volk zum Segen werden, hier in Brasilien. Hier ist noch viel dunkle Nacht und viel Gelegenheit, für Jesus zu zeugen.

    "Altdeutsche", es wohnten in der Umgebung Deutsche, die aber früher eingewandert waren und nicht aus dem Deutschen Reich gekommen waren, wie z.B. all jene Deutschstämmige, die in Ländern ausserhalb des deutschen Reiches gewohnt hatten so wie z.B. die Donauschwaben.

      Mennoniten müssten also auch als "Altdeutsche" bezeichnet werden, denn sie kamen aus Russland. Wer direkt aus Deutschland kam, wurde "Reichsdeutscher" genannt.

      Unsere Leute sind ja wie man es nur so sagt aus allen Gegenden von Russland hier zusammen gekommen und müssen sich erst zusammen gewöhnen. Manches muss abgerieben werden und muss Zeit haben, bis es sich zusammenschmilzt. Im großen Ganzen geht es sehr gut und mit Gottes Hilfe wird es immer weiter gehn. Armut ist da, doch hungern hat noch niemand brauchen, doch wer nicht arbeiten will, hat auch nicht zu essen, das ist buchstäblich wahr. Schwer ist es wenn die Arbeitskraft oder der Arbeiter krank wird, da ist es schlimm. Um in solchen Fällen zu helfen, haben die Brüder beschlossen die Eier, die die Hühner am Sonntag legen zusammenzubringen und zu verkaufen und das Geld dazu benutzen. Die Eier sind nur billig, aber es gibt doch was auf solche Art. Denn das Geld ist noch nur knapp, jeder hat mit sich selbst zu tun.

      Der Schreiber dieses Textes zeigt jetzt schon ein tiefes Verständnis dafür, warum die Mennoniten am Krauel so viel untereinander gestritten haben: sie waren "aus allen Gegenden von Russland" gekommen, hatten dabei unterschiedliche Auffassungen von Richtig und Falsch, darum musste - so sieht er es treffend - manches erst"abgerieben werden und muss Zeit haben, bis es sich zusammenschmilzt".

     So ein wenig, wie es hier bei unseren Leuten ist. Nur vielleicht noch ein Weilchen und dann kommt die Ruhe. Nicht immer währt der Pilgerlauf, einmal kommt die Heimat doch. Ob in Süd-Amerika, ob in Nord-Amerika, wir alle, die wir Jesu Eigentum sind, eilen einem Ziele zu. Darum wollen laufen, damit wir das Ziel nicht versäumen. A. R.

MR 1932-12-07

      Darin hat der Schreiber sich gründlich geirrt. Diese Ruhe kam nicht. Das Streiten währte 20 Jahre lang, bis die (kleine) Mennonitengruppe Brasiliens definit auseinandersprengte und sich in drei verschiedenen Orten niederliess.

    Hat sich diese ersehnte Ruhe heute eingefunden? Leben wir Mennoniten vereint? Wenn ich mir die wachsende Zahl von Gemeinderichtungen ansehe, dann habe ich den Eindruck, dass die Unruhe ein grundlegendes Merkmal ist, das uns weiter auseinandertreibt. Bis es keine Mennoniten mehr geben wird.



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Âncora 1

Deutsche im Sonnenland

 Walter Quirings Reise 1932/33

in die eben gegründeten Kolonien

der Mennoniten in Paraguay und Brasilien

Teil 3

     Dr. Walter Quiring machte 1932/33 eine Reise nach Süd- und Nordamerika. Über ein Jahr lebte Herr Quiring bei mennonitischen Glaubensgenossen im Chaco von Paraguay und reiste von dort über Argentinien und Uruguay nach Brasilien, wo er etwa drei Monate lang in den mennonitischen Hansakolonien arbeitete.

    Er schrieb danach ein Reisetagebuch, das im "Boten" veröffentlicht wurde. Ich gebe es etwas gekürzt wieder.

 

5. Die Stadt der „guten Lüfte“

       Die ärztliche Untersuchung wird schon am Abend vor der Ankunft in Buenos Aires noch auf dem Schiff vorgenommen. Sie besteht für mich darin, dass der Arzt, offenbar ein Jude (damals war man in Deutschland extrem judenfeindlich), mich begrüsst und dann neben meinen Namen ein Kreuz hinzeichnet.

      Während ich morgens meine Koffer packe, sehe ich zwischendurch immer wieder zum Fenster hinaus. Die auf dem flachen Strande ausgebreitete argentinische Hauptstadt kommt immer näher. Der lehmig-gelbe La Platafluss ist hier immer noch sehr breit, wenn auch schon bedeutend schmäler als etwa vor Montevideo.

     Als die „Lipari“ am Pier anlegt, bin ich mit dem Packen gerade fertig. Man bittet mich in den Rauchsalon. Passkontrolle. Meine Papiere werden in Ordnung befunden, und ich darf anstandslos passieren. An einem der Tische hat die „Argentinische Nationalbank“ eine „Abteilung“ eröffnet, und Postbeamte laufen umher und bieten ihre Dienste an.

     Ich stelle noch während der Fahrt fest, dass das nächste Schiff nach Asunción erst in einer Woche geht, und bin darum besorgt wegen der Unterbringung meiner Schützlinge Niebuhr und Mierau. Die deutsche Gesandtschaft hat fürsorglich einen Beamten an den Hafen geschickt, und wir verhandeln mit dem Kapitän der „Lipari“, der sich schließlich bereit erklärt, die Flüchtlinge die ganze Woche unentgeltlich auf seinem Schiff zu belassen.

     Der erste argentinische Gepäckträger haut mich gründlich übers Ohr. Ich verwechsle den argentinischen Kurs mit dem paraguayischen und zahle ihm ohne weiteres die verlangten fünf Pesos, – gleich etwa fünf Reichsmark. Also besser aufgepasst in Südamerika!

     Im „Deutschen Hospiz“ finde ich ein Zimmer, aber als der Pförtner die Tür zu ihm öffnet, frage ich unwillkürlich: „Ein besseres haben Sie wohl nicht?“ Gleich aber bedauere ich die Frage und nehme das Zimmer doch. Unser deutscher Maßstab, den wir an die äußeren Dinge des Lebens zu legen gewohnt sind, muss jetzt außer Kraft gesetzt werden. Es kann nur gut sein, wenn ich mich rechtzeitig auf den wilden Chaco einstelle.

      Nachdem ich ein Bad genommen und zu Mittag gespeist habe, gehe ich hinaus, die Stadt anzusehen. Ich wandere die Hafenstraße entlang dem Stadtinneren zu. Auch hier liegt Kneipe an Kneipe, deren Besitzer durch alle möglichen Mittel bemüht sind, Kundschaft anzulocken. Hier steht vor der Tür eines Kellerlokals ein Riesen-Negerweib (dürfte man heute nicht mehr so sagen, damals aber wurden Menschen anderer Hautfarbe abschätzig behandelt) und zeigt ihre blendend weißen Zähne. Gleich daneben hockt ein feister Mulatte und schlägt die Trommel, dass das Pflaster dröhnt. Aus einem verräucherten düsteren Speiseraum dringt Blasmusik, die mich zwingt, den Schritt zu beschleunigen. So steht vor jedem Lokal ein oft phantastisch aufgeputzter Ausrufer, der seinen Nebenbuhler im Schreien zu überbieten versucht und die Genüsse seines „Salons“ in verlockendsten Bildern ausmalt.

      Auf den Straßen höre ich viel deutsch sprechen, und es ist erfreulich zu sehen, dass unsere Landsleute hier im allgemeinen scheinbar in guten Verhältnissen leben. Ganz anders die vielen russischen Emigranten; diese zählen ihrem Äußeren nach zu dem ärmsten Proletariat.

     Die Straßen sind alle außerordentlich stark belebt. Unter den Kraftwagen überwiegt das nordamerikanische Erzeugnis. Auch Pferdedroschken sind hin und wieder noch zu sehen. Jedes bessere Haus hat seinen eigenen uniformierten Pförtner, der vor dem Hauseingang auf dem Gehweg steht und sich langweilt. Auf uns wirkt diese lange Reihe überflüssiger Wachtposten recht komisch und protzenhaft.

     Da man in Buenos Aires links fährt und rechts überholt, fühlt sich der Fremde auf den Straßen zuerst etwas unsicher, umso mehr als die Wagen keine Fahrtrichtungsanzeiger haben und auf die Fußgänger auch nicht die geringste Rücksicht nehmen. Das Publikum auf den Straßen macht hier einen bedeutend besseren Eindruck als das in Rio. Argentinier scheinen nicht so viel Negerblut zu haben als die Brasilianer (Argentinien hatte keine Sklaverei gehabt. Wie er es aber sagt, weist auf sein rassistisches Gedankengut hin, das dann in den kommenden Jahren mit Hitler seine Blüte erlebte). Sie sind im allgemeinen größer und kräftiger und sehen europäischer aus. Schwarze und Mischlinge sind hier auf den Straßen so gut wie gar keine zu sehen. Nur im Hafenviertel tun die Schwarzen die niedrigsten Dienste. Auch als Stiefelputzer, deren Gewerbe hier zu blühen scheint, sehe ich sie an den Straßenecken sitzen.                     

     Auf vielen Plätzen der Stadt sind etwa einen Meter hohe Marmorbecken aufgestellt, aus denen ein Wasserstrahl hochspringt. Viele der Vorübergehenden bücken sich, um auf diese gesundheitlich einwandfreie Weise ihren Durst zu stillen.

     Es fällt mir auch auf, dass hier morgens so viele Kinder in weißen Kitteln einherlaufen, und ich lasse mir erzählen, dass alle Schulkinder diese Tracht tragen müssen, aus Gründen der Sauberkeit und dann auch, um die sozialen Unterschiede wenigstens äußerlich etwas zu verwischen.

     Am zweiten Abend habe ich in meinem Hotel eine überraschende Begegnung. Ich komme aus meinem Zimmer, um in den Speiseraum zu gehen und treffe an der Pförtnerloge mit einem Herrn zusammen, der den Pförtner nach einem Herrn Quiring fragt.

     „Sie meinen vielleicht Herrn Quiring, dort kommt er eben die Treppe herunter.

     Der Fremde kommt mir einige Stufen entgegen und stellt sich vor: „Nelson Litwiller ist mein Name. Ich bin mennonitischer Missionar aus Nordamerika.“

     Ich bin ob dieses Zusammentreffens sehr erstaunt und lade Herrn Litwiller ein, in mein Zimmer zu kommen. „Woher wissen Sie denn, wer ich bin und dass ich hier wohne?“ frage ich ihn.

     „Ja, das ist eine etwas verwickelte Geschichte,“ erzählt er halb deutsch, halb englisch. „Ich las vor längerer Zeit in der „Deutschen La Plata Zeitung“, dass in Buenos Aires wiederholt Russlandmennoniten angekommen seien, um in den Paraguayischen Chaco weiterzureisen. Ich nahm mir damals vor, nach solchen Transporten zu forschen, wenn ich einmal wieder nach der Hauptstadt kommen sollte. Gestern nun fragte ich in der französischen Schiffsgesellschaft nach, da ich wusste, dass die letzte mennonitische Gruppe aus China auf einem französischen Schiff gekommen war. Und richtig, gerade am Vortage war die „Lipari“ eingelaufen. Sofort fuhr ich an den Hafen und fragte mich zu ihren beiden Mennonitenfamilien durch. Diese erzählten mir auch von Ihnen. Ein liebenswürdiger Zufall kam mir zu Hilfe, und so habe ich Sie gefunden...

      Litwiller kam schon 1925 nach Argentinien, und zwar im Auftrage der „Mennonite Board of Missions and Charities“, um hier eine mennonitische Mission ins Leben zu rufen. Im Laufe der nächsten Jahre wurden weitere sechs mennonitische Missionare aus Nordamerika in den amerikanischen Süden entsandt, die unter der spanischen Bevölkerung zu arbeiten begannen und bald eine eingeborene Mennonitengemeinde gründen konnten. Diese zählt heute bereits rund 500 getaufte Mitglieder. In ihrer Gemeinde sind alle Schichten und Berufe vertreten: Bauern, Arbeiter, Lehrer, Handwerker usw. Leiter der weit zerstreuten Gesamtgemeinschaft ist T. K. Hershey.

     Seit 1928 unterhält diese Mennonitengemeinde zusammen mit der nordamerikanischen Missionsgesellschaft eine eigene Bibelschule, die durchschnittlich von 7-8 Schülern besucht wird. In Cavadore arbeitet bereits der erste eingeborene Mennonitenprediger, ein Italiener von Geburt. Jedes Jahr kommen die Vertreter der Gemeinden auf der „Konferenz der Mennonitenkirche Argentiniens“ zusammen.

     Litwiller erzählt mir auch mancherlei von den Altkoloniern in Canada und rät mir, den Trauring im Chaco doch lieber nicht zu tragen, der weiße Kragen dagegen wäre „keine so große Sünde“. Und die Armbanduhr könne ich ja während meines Aufenthaltes dort auch in die Tasche stecken. Eine Empfehlung sei übrigens auch meine absolute „Bartlosigkeit“, meint er.

     Noch am selben Abend reiste Litwiller heim nach Pejuahu. Auf der Fahrt an die Bahn lässt er sich ausführlich auseinandersetzen, was ich von der Menschwerdung Christi und vom Tausendjährigen Reich halte.

     Tagsüber fahre und gehe ich nach dem Stadtplan durch die Straßen der Stadt, die vielfach Einbahnstraßen sind. Viele Straßen sind sehr eng, und wiederholt passiert es mir, dass ich auf dem Bürgersteig von der Straßenbahn gestreift werde, so nahe müssen sie an die Häuser heran. Das Straßenpublikum scheint völlig undiszipliniert zu sein, denn die Fußgänger halten weder rechts noch links, weichen aber bereitwillig und höflich aus.

      Zufällig komme ich eines Tages auch an dem vornehmsten Café der Stadt, das neben dem Parlament liegt, vorbei. Ich gehe hinein, um eine Tasse Kaffee zu trinken. Als ich eintrete, richten sich viele Blicke erstaunt und neugierig auf mich. Anfangs stutze ich, denn in dem vornehm ausgestatteten Raum sitzen nur Damen. Aber sie sehen durchaus ehrbar aus, und ich nehme an einem der freien Tische Platz. Gleich stecken neben mir einige Mädchen die Köpfe zusammen und kichern.

     Da kommt auch schon der befrackte Kellner auf mich zu und beginnt höflich auf mich einzureden. Aber ich verstehe kein Wort, schneide seinen Redeschwall schließlich ab und bestelle einen Kaffee. „Señor, Deutsch? Alemán?“ fragt er sichtlich ratlos und winkt einen seiner deutschsprechenden Kollegen herbei.

     „Verzeihen Sie, Herr,“ sagt dieser, „aber wir müssen Sie leider ersuchen, diesen Raum, der nur für Damen bestimmt ist, zu verlassen und im Nebenraum Platz zu nehmen.“

     „Ja, warum denn?“ frage ich erstaunt.

     „Sie sind offenbar noch nicht lange in Buenos Aires,“ antwortete er, „bei uns sitzen nämlich Herren und Damen in getrennten Räumen. Das mag Sie wundern, aber das ist so Sitte hier zu Lande und hat seine guten Gründe.“

      Also siedle ich um.

      Außerordentlich reich ist die Auswahl an Kuchen und süßem Gebäck in den Cafés. Da kommen wir in Deutschland nicht mit, – zudem sind die Kuchen nicht einmal halb so teuer wie bei uns.

     Auch hier beherrschen Lotterielos-Verkäufer und Wechselstuben vielerorts das Straßenbild. Die Erdnusshändler gehen, eine verrostete Trommel mit ihren Schätzen um den Hals gehängt, durch die Straßen und blasen in ein Horn, um die Vorübergehenden aufmerksam zu machen.

     Als ich einmal wieder in den Speiseraum meines Hotels komme und meine deutsche Reisemütze an den Kleiderhaken hänge, hält es der Wirt doch für notwendig, mich auf einen Verstoss gegen Mode und gute Sitte in Buenos Aires aufmerksam zu machen. Solche Mützen wie meine trügen in ihrem Lande, so deutet er schonend an, nur – die Strolche. Er persönlich hege natürlich kein Vorurteil gegen dieses europäische Kleidungsstück, aber es könne vorkommen, dass man mich wegen meiner Mütze unhöflich behandle. Tatsächlich stelle ich dann auf den Straßen fest, dass alle Passanten ohne Ausnahme im Hut einherlaufen.

     Am 9. Juli abends soll unsere Reise nordwärts weitergehen. Die „Stadt Asunción“, wie unser Flussdampfer heißt, liegt ziemlich weit außerhalb der Stadt. Während der ziemlich schnellen Fahrt dorthin springen immer wieder Gepäckträger auf das Trittbrett des Wagens, um sich so einen Verdienst zu sichern. Aber nun mache ich den Preis vorsichtshalber doch im voraus ab.

     Das hellerleuchtete, ganz neue schmucke Schiff steht bereits abfahrtbereit. Niebuhr kommt mir auf der Treppe entgegen: von hier wollen wir zusammen in einer Klasse reisen. Als der die Fahrkarten kontrollierende Beamte sieht, dass wir uns kennen, fragt er mich: „Mennonita?“ Und als ich bejahe, erhält ein Matrose den Auftrag, mich in die Kabine der anderen Mennonitas zu führen. Niebuhrs und Frau Mierau haben sich schon eingerichtet. Ich höre, dass den anderen Reisenden der Zutritt zu unserem Abteil, in dem 36 Betten stehen, während der ganzen Fahrt verboten bleiben wird. Die Mennonitas sollen ungestört unter sich sein.

    Lange stehe ich wieder draußen auf dem Achterdeck und schaue auf die lichtübergossene Stadt hinüber. Immer näher komme ich jetzt meinem Chacoziel. An den Oberschulzen von Fernheim habe ich von Buenos Aires gedrahtet und ihm unsere Ankunft gemeldet.

 

 

6. Asunción

     Morgens ist das erste, was ich tue, einen Blick zum Fenster hinauszuwerfen. Ich sehe über eine weite Wasserfläche, die ferne abgegrenzt wird von niedrigem, frischgrünem Buschwald. Der Paraná führt gerade Hochwasser, und seine Ufer sind weithin überschwemmt und vom Schiff oft kaum zu sehen. Natürlich ist der Fluss nirgends reguliert, und seiner Ausdehnung sind darum keine Grenzen gesetzt. Stellenweise verengert sich das Flussbett etwas, und ich sehe am Ufer zerstreut ärmliche und vernachlässigte Farmen liegen: meist eine dürftige Bretterbude, einen winzigen Schuppen und ringsum ein Stückchen bebautes Land.

      Hunderte Kilometer weit sind die Ufer völlig flach, bestanden nur mit niedrigem Buschwerk oder Schilf. Nur ganz selten steigen sie etwas an und sind dann meistens mit höheren Bauminseln bedeckt. Das Wasser selber ist auch hier von derselben schmutzig-gelben Farbe wie weiter unten. Dass an dem weithin versumpften Ufer ab und an noch kleine Farmen liegen, wundert mich; wahrscheinlich wurden sie vom Hochwasser überrascht und liegen sonst weiter weg vom eigentlichen Fluss.

     Ich sitze bei dem warmen sonnigen Wetter draußen und unterhalte mich mit deutschen Kolonisten, die nach Paraguay reisen. Schon auf der „Lipari“ fiel mir auf, was ich überall bestätigt sehe: die freiwilligen Auswanderer gehören meist zu den wertvollsten Vertretern der Nation. Schon ihr Äußeres ist kennzeichnend: oft hohe Stirn, starkes, energisches Kinn und gute Haltung.

     Dem Personal im Speiseraum falle ich wegen meiner Lebensweise auf. Dass ich gerade die ihrer Meinung nach besten, weil stark gewürzten Speisen ablehne, wundert sie, auch, dass ich nicht so viel Fleisch essen mag wie die anderen.

      „Der Bote" Mittwoch, den 25. Dezember 1935

 

      Als ich am ersten Abend in den Waschraum gehe, hält mich ein Mulatte an und fragt, was ich denn da für ein Ding in der Hand habe. Ich zeige ihm mimisch, dass ich mit dem merkwürdigen Gegenstand meine Zähne bürste. Das scheint ihm ganz neu zu sein, und er erzählt von dieser eigenartigen Einrichtung lebhaft seinen Kollegen. Einer von ihnen aber scheint diese seltsame Angewohnheit der Europäer schon zu kennen und meint wichtig: „Alemán, Deutscher!“ als wolle er ausdrücken, dass man den Deutschen derartige ungereimte Schlauheiten schon zutrauen dürfe (wiederholte Male weisen deutsche Texte jener Jahre auf die vermeintliche Überlegenheit der deutschen Rasse).

      Gleich in der ersten Nacht bleiben die Maschinen unseres Dampfers plötzlich stehen, dabei aber schaukelt der Schiffskörper wie ein Betrunkener. Was ist los? Ich springe auf und stürze ans Fenster. Wir liegen mitten im Fluss still. „Festgefahren!“ ruft draußen jemand.

      Der Flussgrund ist hier sehr sandig und verändert sich durch die starke Strömung und die jedes Jahr sich wiederholenden Überschwemmungen, so dass in der breiten Fahrrinne immer wieder Lotungen vorgenommen werden müssen. Die ersten Anläufe, sich vom Grund wieder zu lösen, sind erfolglos. Die Maschinen laufen wohl mit Volldampf voraus, aber der Kasten rührt sich nicht von der Stelle. Doch dann gibt es nach sehr vielen Versuchen plötzlich einen Ruck, und wir sind frei.

      Von Zeit zu Zeit hält unsere „Stadt Asunción“, um Post und Fracht abzugeben oder aufzunehmen. Oft ist die Haltestelle nur ein weltvergessenes Stückchen Urwald. Einige Wellblechschuppen, eine Schmalspurbahn, die irgendwohin in den Busch führt, und einige Farmer, für die das Einlaufen des Dampfers jedesmal ein Erlebnis bedeutet – das ist der ganze Hafen. –

     Die Landschaft bleibt sich tagelang völlig gleich: überschwemmte, buschbestandene Ufer, immergrüne Inseln und vereinzelte Farmen. Der Sonnenuntergang ist für mich jeden Tag von neuem ein eigenes, schönes Erlebnis. Der große, rote in sich selber erglühende Feuerball scheint dann über dem Horizont für Augenblicke stehen zu bleiben, um die jungfräuliche Landschaft noch einmal verschwenderisch in Licht und Farbe zu tauchen. Auch den Abgestumpftesten unter den Reisenden nimmt dieses prächtige Farbenspiel gefangen. Und dann kommt plötzlich und unvermittelt die Dunkelheit. Es ist völlig windstill und der Fluss darum spiegelglatt. Ich habe mir auf Deck eine leere Kiste in einen Winkel gestellt, auf der ich abends stundenlang allein sitze und in den Urwald hinausträume.

     Kurz vor Asunción beginnt sich die Landschaft zu verändern. Das linke Flussufer steigt etwas an, und an einer Stelle schiebt sich sogar eine starke Erhöhung bis an den Fluss herunter. Die Bäume sind hier höher, und auch die Farmen sehen nicht mehr so erbärmlich aus wie weiter unten. Zwar sind die Häuschen für unsere Begriffe auch hier nur dürftig, aber das Klima macht festere Steinbauten auch entbehrlich.

     Am Fuße des erwähnten kleinen Berges liegt die erste Farm, die etwas gepflegter aussieht: ordentliche, wenn auch kleine Holzhäuschen und ein prachtvoller Bananenhain. Ein winziges Stückchen Kultur, dem Urwald abgerungen, und ringsum die kraftatmende Wildnis.

     Weit ab am Horizont sehe ich zwei Funktürme hochragen, auch eine Kirche beginnt sich dort abzuheben. Allmählich werden auch die Siedlungen dichter, wir passieren so etwas wie eine Vorstadt, und da sehen wir nach einer Biegung des Flusses plötzlich Asunción vor uns liegen.

     Unwillkürlich denkt man bei ihrem ersten Anblick an eine kleinasiatische Stadt. Niedrige, fast ausnahmslos einstöckige Häuser aus Backsteinen, weiß, gelb und rötlich gestrichen, ohne Dach und mit vergitterten Fenstern, so stellt sich uns die Hauptstadt von Paraguay vor.

     Wir werden schleunigst in den Wartesaal der 1. Klasse gebeten, um Pässe und Fahrkarten kontrollieren zu lassen. Vor einem Tisch, an dem einige schwarzhaarige, recht braune Beamte sitzen, drängen sich die Fahrgäste.

     Da höre ich aus der Menge heraus plötzlich fragen: „Wer ist Dr. Quiring? Sind die Mennoniten auch hier?

     Vor mir taucht ein kleiner, beleibter Herr auf, unrasiert, mit zerfranster Krawatte und schmutzigem Kragen. „Simon (natürlich!) ist mein Name, ich komme von der deutschen Gesandtschaft und möchte Ihnen behilflich sein.“ Das ist noch die Auswirkung der Fürsorge von Ohm Unruh, der unsere Ankunft hierher gemeldet hat.

      Wir kommen ohne Schwierigkeiten durch die Sperre, und ich verabrede mit Herrn Simon, dass er mich am Nachmittag abholen werde, um mich in unsere Gesandtschaft zu führen. Da unser Anschlussdampfer erst am anderen Tage weitergehen soll, haben wir Zeit genug, die Stadt anzusehen.

      Als Niebuhr und ich am Vormittag das Schiff verlassen, sehen wir an der Treppe drei Männer wartend stehen, in denen auf den ersten Blick Mennoniten zu erkennen sind. „Wann daut nijh Mennisten sent,“ sagt Niebuhr, „sen etj en Chines.“ Und da kommen die drei auch schon auf uns zu. „Fast, Martens, Unger“, stellen sie sich vor.

     Es gibt in Asunción bereits eine kleine Mennokolonie, die damals 23 Personen zählte. Herr Fast lädt uns ein in seine Wohnung, und bald sitzen wir bei ausgezeichnetem Obst im kühlen Zimmer. Aber da Fast um zwei Uhr im Geschäft sein muss, brechen wir bald auf. Man lädt uns ein zum Abendessen und meint, dass sich wahrscheinlich die ganze mennonitische Kolonie versammeln werde.

     Fast erwirkt uns noch die Erlaubnis, auf das Dach der höchsten Kirche der Stadt zu klettern, um von dort einen Ausblick zu genießen. Und wirklich: der Aufstieg hat sich gelohnt. Ein weiter, weiter Blick öffnet sich uns oben. Vor uns liegt die verhältnismässig kleine Stadt mit dem breiten Fluss, an dessen rechtem Ufer der Chaco beginnt. Riesengroß ist der Chaco, siebenmal größer als die Schweiz und zehnmal so groß als Holland, und doch ist er fast völlig unbesiedelt. Nur unsere deutschen Kolonien liegen einsam mitten in seinem Herzen.

     Die Sonne brennt hier schon ordentlich auf die Straßen nieder – trotz des Winters. Wir bekommen eine kleine Vorstellung davon, was die Sonne hier erst im Sommer leisten muss.

    Bis zum Abend spazieren wir durch die Stadt. Beim Überqueren der Straßen tun die Fußgänger gut, sich in Acht zu nehmen, um sich auf dem erbärmlichen Pflaster nicht die Füße zu verrenken. Auch auf der Hauptstraße der Stadt ist dies nicht besser, so dass die Kraftwagen immer auf den Schienen der Straßenbahn fahren.

     Frauen begegnen uns, seitwärts auf einem Esel reitend, auf dem Kopf einen schweren Korb und im Mund eine dicke, braune Zigarre. Und spucken können die Paraguayerinnen, nicht schlechter als unsere Hamburger Matrosen. Vor die Karren, deren Räder wegen der bei schlechtem Wetter grundlosen Straßen sehr hoch sind, sind Esel gespannt, die sich träge durch die Straßen schleppen.

     Herr Simon erzählt nun, dass in Asunción schon lange ein Vertreter der Altsiedlung Menno wohne, ein Herr Johann Priess. Sofort mache ich mich zu ihm auf den Weg und treffe ihn im Hotel „Buenos Aires“ auch zu Hause. Er ist ein Mann über fünfzig Jahren, recht zurückhaltend und spricht unser Chortitzaer Plattdeutsch ganz ausgezeichnet – langsam und bildhaft. Er erzählt mir einiges von ihrer Ansiedlung und meint auch, dass die kanadischen Mennoniten mich als Gast gern aufnehmen würden. Monatelang sitzt er nun schon in Asunción, um eine Angelegenheit ihres Waisenamtes zu regeln. „Aoba en dissem Launt haft aules Tit“, meint er mit einer charakteristischen Handbewegung.

     Als wir abends zu Fasts kommen, sind dort bereits eine Anzahl Gäste versammelt. Der Abend verspricht sehr interessant zu werden. Nachdem ich einiges von Deutschland erzählt habe, beginne ich zu fragen, und meine Freunde erzählen gern und anschaulich vom Chaco. Ein kleiner Teil der Unzufriedenen ist von Fernheim in das östliche Paraguay ausgewandert. Einige von diesen Familien wohnen jetzt im Norden des Landes bei dem Städtchen Concepcion und ein kleinerer Teil hier in der Hauptstadt. Hierher kommen auch immer mehr Mädchen aus Fernheim, um hier in Stellung zu gehen.

     Frau Fast setzt uns auch einen Paraguaytee, den Mate, vor, den wir mit stiller Neugierde kosten. Die Einheimischen trinken ihn aus kleinen, oft sehr hübschen Flaschenkürbissen durch ein etwa 15 cm langes Saugrohr, die Bombilla, das aus Blech oder Silber gefertigt wird. Auch die berühmten Gallettas, ein Walnussgroßes, meist steinhartes Dauergebäck, lernen wir hier kennen. „Aber wer schlechte Zähne hat, muss dabei verhungern,“ meint die Hausfrau.

     Fast zeigt mir in einem Album einige Chacoaufnahmen, wobei ich zufällig auch zwei Bilder entdecke, die uns in unserer großen Zerstreuung als „Volk ohne Heimat“ so augenfällig darstellen. Das eine zeigt den Ältesten der Memriker Gemeinde Jakob Pätkau, mit dem ich vor zwanzig Jahren auf der Schulbank in Chortitza gesessen bin, und das andere die Schwester seiner Frau, ein Fräulein Janzen, das unterdessen auf der Durchreise von Russland nach Kanada in Deutschland einen meiner Bekannten, Heinrich Wiebe, geheiratet hat, der in der Nähe Stettins ein großes Gut verwaltet. Vor vierzehn Jahren arbeitete ich mit ihm in Süddeutschland zusammen. Frau Wiebes Vater wohnt in Kanada.

     So umspannen unsere Verwandtschaftsbande die ganze Welt: Asien, Europa, Nord- und Südamerika, und über kurz oder lang kommen auch Afrika und Australien wahrscheinlich noch an die Reihe.

„Der Bote" Mittwoch, den 01. Januar 1936

 

      Am zweiten Tage müssen wir in Asunción umsteigen, nachdem unser Gepäck im Zollamt flüchtig durchgesehen worden ist. Kurz vor der Abreise erscheint Herr Simon und überbringt mir von der Gesandtschaft einen vom Kriegsminister unterzeichneten Passierschein. Wie wichtig dieses Schriftstück für mich noch werden sollte, ahnte ich damals noch nicht.

      Auch nördlich von Asunción erleben wir eine Landschaft, die sich wenig von derjenigen zwischen Buenos Aires und der paraguayischen Hauptstadt unterscheidet. Der Paraguayfluss, der den Chaco vom sog. östlichen Paraguay trennt, ist hier zwar nicht so breit wie der Paraná, aber die schmutzig gelben Wasser umspülen noch hier niedrige mit krausem Buschwerk bestandene Ufer. Aber diese Einförmigkeit ist keinen Augenblick langweilig und wirkt auf den aus der Enge kommenden Europäer wie ein erfrischendes Seelenbad.

      Am zweiten Reisetag beginnt sich eine hohe Palmenart mit großen herabhängenden Samenbüscheln zu zeigen, die von da ab das Landschaftsbild beherrscht.

     Die Häfen Conception und Pinasco sind die einzigen Haltestellen bis Casado, unserem Zielhafen, und kaum hat unsere „Stadt Conception“ festgemacht, als Gepäckträger, Obst- und Zigarrenverkäufer auf unser Schiff drängen.

     Landsleute sind in Conception bei unserer Ankunft keine zu sehen, aber, da radelt auch schon ein blonder Germane auf einem arg mitgenommenen Fahrrad daher und kommt aufs Schiff. Es ist ein Unger, ein Bruder meines Bekannten in Asunción, der den Chaco verlassen hat, weil er dort für sich und seine Mutter, wie er erzählt, keine Lebensmöglichkeiten sah. Heute wohnt er mit Mutter und Schwester in einer verlassenen Ziegelei bei der Stadt und lebt vom Ertrag einer kleinen Hühner- und Schweinezucht. Mit Ungers wohnen noch acht Familien aus dem Chaco in der Nähe dieser Stadt.

     Trotzdem unser Dampfer noch neu und ziemlich sauber ist, beherbergt er eine Unmenge kleiner Ameisen, die recht lästig werden können. Bei der Mahlzeit ist es ratsam, jeden Bissen vor dem Genuss zu untersuchen, wenn man die kleinen Wichte nicht mitspiesen will.

     Mit uns reist von Asunción eine Frau Pankratz aus Fernheim. Sie hat sich im Asuncióner Krankenhaus einer Operation unterziehen müssen, und fährt nun wieder zu ihrer Familie. Viele Fragen über den Chaco muss sie in den Tagen beantworten, aber sie hat dafür auch sehr aufmerksame Zuhörer.

     Am Hafen Pinasco sehe ich die ersten Chacoindianer – mittelgroße, kupferbraune, muskulöse Burschen. Ihre Gesichter zeigen auch nicht die geringste Spur von Intelligenz, doch mag daran ihr Leben unter den weißen nicht ohne Schuld sein. Mit viel Geschrei und jungenhaftem Geschubse laden sie schwere Mehlsäcke aus.

     Um Mitternacht des dritten Tages werden wir geweckt; wir sind am Ziel unserer Flussreise, im Hafen Casado.

 

 

7. Du bist Du, Chaco.

      Wir haben schon am Abend vorher unsere Sachen gepackt und können daher sofort an Land gehen. Auf der Landungsbrücke stehen einige Zivilpersonen, mehrere Offiziere und aus irgendeinem Grunde ein kleines Militärkommando. Wir nähern uns nunmehr dem Kriegsgebiet. Unter den Wartenden fallen mir zwei deutsche Gesichter auf, über die uns die Frage: „Se se Mennisten?“ bald Klarheit verschafft. Es sind zwei junge Männer aus Fernheim, Martens und Neufeld, die hier in Casados Gärtnerei Arbeit gefunden haben.

     Der Hafen gehört nämlich einem Argentinier, Casado, dem auch das Land unserer Chacosiedler ursprünglich gehört hat. Sein Verwalter, ein deutscher Schweizer, sagt mir, dass nächsten Morgen früh ein Militärzug chacoeinwärts fahre und dass uns die Militärbehörden sicherlich gestatten würden, diesen zu benutzen. Der fahrplanmässige Zug, der nur einmal in der Woche verkehre, sei erst in fünf Tagen fällig.

     Die beiden Fernheimer begleiten uns durch die Dunkelheit in das „Hotel“. Vor einem schräg abfallenden Wellblechdach, das von vier Pfählen getragen wird, bleiben sie stehen – wir sind am Ziel. Aber unser „Hotel“ ist bereits besetzt, es ist bis an den Rand gefüllt mit Wagen, alten Maschinen, Kisten und verschiedenem Gerümpel, auch eine Badewanne hat sich hierher verirrt. Und auf alledem thront eine Menge Hühner, die durch lautes Gegacker gegen unseren Einzug Einspruch erheben.

      „Es ist nur sehr prost hier,“ meint Martens, „aber…“

      „Allerdings,“ denke ich, sage aber nichts. Aber was bedeutet auf einer langen Reise schon eine schlaflose Nacht. Schlafen können wir im Chaco. Und als Ersatz habe ich diese wundervolle Tropennacht. Der Stimmungsmacher Mond spiegelt sich in dem nahen Fluss, am jenseitigen Ufer schimmert bläulich ein Berg durch und das harte Laub der fremdartigen Bäume raschelt wie wenn man durch ein trockenes Maisfeld wandert. Alles atmet eine ganz neue, eigenartige Stimmung.

      Aber da heißt es plötzlich, wir würden in dem „neuen“ Hotel erwartet, und wir machen uns voller Erwartung dorthin auf den Weg. Tatsächlich, da taucht aus der Dunkelheit ein Gebäude auf, das man zur Not auch als Hotel ansprechen könnte – ein weitläufiger, einstöckiger Backsteinbau mit zwei Seitenflügeln. Warum man uns hierher gelotst hat, sollen wir gleich erfahren.

     Wir haben nämlich kaum den Hof betreten, als uns eine Anzahl Soldaten umringt; auch zwei Offiziere erscheinen von irgendwoher und bedeuten mir mitzukommen. Sie führen mich in ein Zimmer, in dem unter Moskitonetzen einige Männer schlafen.

     Ob ich „mennonita“ sei, wollen sie wissen, und ob ich für die Militärzone einen Passierschein habe. Zum erstenmal zeige ich das Schreiben des Kriegsministers und sehe gleich, dass es wirkt, wie der Zauberspruch im Märchen. Immer wieder lesen die Offiziere den Ausweis. Sie scheinen ihren eigenen Augen nicht zu trauen, aber er ist echt, der Schein, und man muss mich schließlich meines Weges ziehen lassen.

      Eine Zeitlang stehen wir auf dem Hof und warten auf das Ergebnis der Verhandlungen, die Martens mit einem Hoteldiener führt. Schließlich werden drei Eisenbetten unter das Schattendach auf der Straßenseite des Hotels gestellt, und man wünscht uns gute Nacht. So gut es geht, richten sich die Frauen mit den kleinen Jungs auf den Betten ein. Und wir? Wir sehen uns unterdessen nach einem nicht zu unbequemen Winkel um. Es ist zwar nicht kühl, aber die aufreizend summenden Mücken werden schon dafür sorgen, dass wir den Zug nicht verschlafen.

      Da lädt mich Martens ein, in ihrem Zimmer zu übernachten. Nach längerer Wanderung den verträumten Fluss entlang kommen wir an ein niedriges Häuschen, das aus nur einem Zimmer besteht. Martens zündet die „Lampe“ an, eine kleine Ölfunzel im Tintenfläschchen, und bittet mich, Platz zu nehmen. Aber wo? Stühle und Bänke sind keine zu sehen, und der Tisch, eine umgestülpte Kiste, ist mit verschiedenem Kram belegt. Die eine Wand nimmt das einzige von einem Mückennetz überzogene Bett ein; an der Tür hängen durcheinander einige Arbeitskleider. Die jungen Leute laufen übrigens in Quanzügen einher, eine Mode, die ich später in Paraguay noch häufig beobachten sollte.

      Martens fragt viel und recht klug über Deutschland, während Neufeld ganz im Banne eines Paketes steht, das ihm seine in Asunción dienenden Bekannten durch uns geschickt haben. Endlich um drei Uhr begeben wir uns zur Ruhe. Ich muss es mir trotz meines Protestes in ihrem Bett bequem machen, während sich meine Gastgeber auf dem Fussboden einrichten. Aber da unser Zug schon um fünf Uhr abfahren soll, bin ich um halb fünf schon wieder wach. Ich gehe hinaus in die wunderbare, tropenwarme Nacht und geniesse einige Minuten diese abgeklärte, unbeschwerte Stille.

      Wunschgemäss wecke ich die Mennisten oder versuche das zu tun. Aber das ist nicht so einfach. Wohl fünfzehnmal rufe ich, bis einer von ihnen, es ist Neufeld, schließlich aufwacht. „Kein Auge habe ich diese Nacht zugemacht,“ sagt er und reibt sich die Augen. Ich überlasse es ihm, Martens zu wecken. Aber dessen Schlaf ist nicht minder gesund. schließlich packt Neufeld seinen Kameraden an der Schulter und rüttelt ihn: „Woetes, opschtaonen, de Ditschlän-da es aul wajh“, da fährt Martens erschrocken auf. „Watt es Di dann, etj ha äwa-haupt nijh jeschlaopen“, sagt er, als er uns marschbereit sieht.

     Auch unsere „Hotelgäste“ haben nicht schlafen können. Alle sind im Gesicht von den unzähligen Mückenstichen angeschwollen, und wir sehen schon hier, dass unser Blut für das Gift dieser Peiniger besonders empfänglich ist.

„Der Bote" Mittwoch, den 08. Januar 1936

 

      Um sieben Uhr kommt endlich unser Zug, eine lange Reihe schmaler Güterwagen, mit einem Personenwagen vorn, der fast spielerisch klein aussieht. In diesem dürfen wir Platz nehmen, während einige spanische Arbeiterfamilien hinausgewiesen werden auf die offenen Wagen. Auch einige Offiziere mit ihren Burschen steigen ein.

     Bald geht es auch los, im Schneckentempo allerdings, aber wir wissen, dass wir für die 145 km lange Strecke den ganzen Tag brauchen werden, und fassen uns darum in Geduld. Schon nach wenigen Minuten sind wir mitten drin im dichtesten Urwald. Das also ist der Chaco! Das Gelände ist eben wie ein Tisch, und wir sehen die Bahnlinie schnurgerade nordwestwärts in den Chaco führen. An beiden Seiten der Bahn liegt der dichte, trockene Buschwald, über den hier und dort auch ein höherer Baum hinausragt. Alle Fenster in unserem geräumigen Abteil sind von den „mennonitas“ besetzt, und Frau Pankratz hat jetzt Mühe, alle unsere Fragen zu beantworten.

    „Ha, schau, Mama, ein Baum mit einem dicken Bauch,“ ruft der kleine Peter, und zeigt auf einen merkwürdigen Baum am Buschrand.

     „Das ist ein Flaschenbaum,“ belehrt uns Frau Pankratz, „der ist von innen ziemlich weich, und wir machen aus ihm ohne viele Mühe Wassertröge. Sehen Sie dort ganz oben die Kapseln? In diesen hat der Baum eine ganz feine Wolle oder Seide, aus der man ganz gut Kissen machen könnte. Und das dort, der dunkle Baum mit den langen Nadeln, das ist ein Tintenbaum. Seine Asche, die weiß ist, gibt eine gute Farbe, mit der wir unsere Zimmer streichen...“

    Da sehen wir auch den zweiten und dritten Flaschenbaum. Ein Vogel hat in die Wölbung des einen ein Loch gebohrt, das nun den Eingang zu einer sicherlich bequemen Wohnung bietet.

    Die Frauen erkennen am Waldrand Gewächse, die sie selber in Russland einmal in Töpfen gezogen haben, so den Kugel- und den Feigenkaktus. Auch der hohe Säulenkaktus mit den aufwärtsstrebenden klobigen Armen, den ich bis dahin nur in Botanischen Gärten gesehen habe, kommt hier in wahren Prachtexemplaren vor.

     Bald nimmt uns dieser eigenartige Krüppelwald völlig gefangen. Was da auch alles in der Luft umherfliegt! Das ist ja das reinste Vogelparadies. Störche, Reiher, Geier und buntgefiederte Papageien in großen Scharen sehen wir, alle können sich in dem Riesenbusch, von Menschen nicht gestört, einrichten.

     Auf einer kleinen Urwaldblösse wird von der schnaufenden Lokomotive sogar ein stattlicher Strauß aufgescheucht, und als wir ihn mit lautem Hallo begrüßen, schüttelt er missbilligend den Kopf.

     Wir staunen auch darüber, wie geschickt die Chacovögel ihre Nester zu bauen verstehen. Hier hängen einige Nester, kunstvoll aus Reisig gefertigt, wie Päckchen von den Ästen herunter, andere sind sorgfältig auf stärkere Äste gebaut, und sehen aus wie kleine runde Backöfen.

     „In diesen wohnt der Töpfervogel,“ erzählt Frau Pankratz und zeigt auf die zierlichen Lehmhäuschen.

     Hier und dort erhebt sich nicht weit vom Bahndamm ein Ameisenhaufen, etwa einen Meter hoch und vielleicht acht Meter breit. Zierlich wirken dagegen die hübschen, oben runden Termitenhügel, die von diesen Schädlingen vielfach auf Bäume geklebt werden.

     Hin und wieder hält unser Schnellzug, und schmutzige, halbnackte Indianerweiber kommen an den Zug, um ihre Tagesration Fleisch in Empfang zu nehmen. Ihnen auf dem Fuß folgt überall ein Rudel magerer, immer hungriger Hunde. Die Indianer schlagen hier im Walde die rote Quebracho (sprich Kebratscho), aus der im Hafen Gerbstoff für die Lederindustrie gewonnen wird. Ihre Wohnungen bestehen lediglich aus einem Balkendach. Hin und wieder besitzt einer der Rothäute auch schon eine einfache Holzkiste, deretwegen die Bolschewisten ihn sicherlich zum „Kulaken“ stempeln würden.

     Niebuhr will sich einen Hund kaufen, aber die Indianer mögen sich von ihren Lieblingen nicht trennen. Unter dem primitiven Schattendach spielen nackte Indianerkinder mit einem Ameisenbär, dessen lange Schnauze und langen Schwanz auch wir bewundern.

     Die Bahn läuft ein Stück nordwestlich und strebt dann genau westwärts in den Chaco hinein. Das Gelände verändert sich bis in die Kolonien auch nicht ein bisschen. Es ist völlig eben, und wir können darum viele Kilometer weit den Bahndamm entlang in den Urwald hineinschauen. Auch der trockene Dschungelwald verändert sich landeinwärts wenig: es ist ein verkrüppeltes Dorngestrüpp, durchsetzt mit einzelnen höheren Bäumen.

     An den Seiten der Schmalspurbahn ziehen sich etwa zehn Meter breite, waldfreie, grasbestandene Streifen hin. Die mitfahrenden Offiziere machen sich einen Spass daraus, brennende Streichhölzer aus dem Zug zu werfen, und bald ist der Bahndamm hinter uns auf weite Strecken in Feuer und Rauch gehüllt. Der trockene Krüppelwald aber fängt nicht Feuer – für uns ein neues Rätsel.

     Tagsüber macht das Mategefäß, in diesem Falle ein abgesägtes Rinderhorn, kameradschaftlich die Runde. Wer mit im Raum ist, bekommt eine Ladung davon ab. Auffüllen und richten muss das Horn der barfüßige Bursche, der meist selber erst einige Züge tut, um das Röhrchen auf seine Durchlässigkeit zu prüfen.

      Wiederholt begegnen wir auf der Strecke jungen Leuten aus Fernheim, die auf den „Stationen“ im Vieh-, Quebracho- oder Gärtnereibetrieb Casados angestellt sind.

     Gegen Abend schaut Frau Pankratz immer häufiger zum Fenster hinaus und meint schließlich: „Jetzt können wir nicht mehr weit weg sein von km 145, ich sehe schon den Wasserturm.“

     Aber ich bemühe mich vergebens, so etwas wie einen Turm zu entdecken, bis ich herausbringe, dass das erhöhte Blechdach, das den Brunnen schützen soll, hier den anspruchsvollen Namen Wasserturm führt.

     Unser Züglein verlangsamt sein Tempo allmählich noch mehr, bis wir schließlich vor einem Wellblechschuppen halten. Das ist die Station „km 145“, und wir sind am Ziel. Unser Wagen wird losgekoppelt und vor die Tür des Schuppens geschoben, wo wir aussteigen. Der Bahnvorsteher, ein bärbeißiger Schweizer in recht mitgenommener Kleidung und barfuß, erlaubt uns, bis zum nächsten Morgen einen leeren Frachtwagen zu beziehen.

Fortsetzung folgt​




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