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Menonitas no Brasil

Mennoniten in Brasilien

   Nachrichten und Mennonitische Geschichte 

23.03.2026


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Editor: Udo Siemens

Nova edição: segundas, às 13 hs

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Heinrich Martins hatte sich schon in Moskau als fähig und mutig erwiesen, um Mennoniten aus dem Land des Terrors herauszuführen.
Auch deswegen ernannte ihn B.H.Unruh als Führer der 1. und in dem Augenblick vielleicht einzigen Gruppe, die nach Brasilien auswandern würde. Dass weitere Gruppe folgen würden, klärte sich erst im Laufe des Jahres. Somit wurde er auch der erste Kolonieleiter. Mit der Aufgabe aber wurde er nicht fertig. Weiteres darüber im heutigen Beitrag weiter unten.
Er ging darum lieber nach Blumenau, wo er als Lehrer sein Brot verdiente.
Im folgenden Text lesen wir einen Bericht von ihm in einer Ausgabe von Bibel und Pflug aus dem Jahre 1954.

 

Meine Ferien.
Heinrich Martins, Blumenau.
(1954)

 

    Es war mir vergönnt, für einige Tage meiner diesjährigen Ferien auf Reisen zu gehen. Am 23. Juli brachte mich das Flugzeug bis São Paulo. Im Hause unserer Tochter traf ich auch ihre Schwiegereltern, die beiden alten Rosenfeld. Ältester Gerhard Rosenfeld ist bereits 75 Jahre alt. Von seiner letzten Krankheit hat er sich soweit erholt, daß er an den Sonntagen wieder regelmäßig das MCC-Heim besuchen und mit dem Wort dienen kann. Im Auto des Schwiegersohnes hatte ich Gelegenheit verschiedene Sehenswürdigkeiten der Stadt zu besuchen und das enorme Wachsen von São Paulo zu beobachten. Am Sonntagabend, dem 25. Juli, war ich Gast im MCC-Heim, wo ich die Heimeltern, Ältester Johannes Janzen und Frau wie auch verschiedene andere Freunde und Bekannte begrüßen durfte. Meinen besonderen Gruß an die Mennonitengruppe in São Paulo stellte ich unter das Wort: Du sollst lieben Gott, deinen Herrn von ganzem Herzen... und deinen Nächsten wie dich selbst! Am Montagabend bot sich eine zweite Gelegenheit, das MCC-Heim zu besuchen, um einem Bildervortrag von Br. Abram Dick, dem Hausvater, beizuwohnen. Die Bilder führten uns in die verschiedenen mennonitischen Siedlungen in Brasilien.

     In einem großen Überlandomnibuß kam ich am 27. Juli auf der asphaltierten Dutra-Strasse nach Rio de Janeiro, um hier in erster Linie die Familie Ahrentz zu besuchen. Br. F. Ahrentz ist in unseren mennonitischen Kreisen kein Unbekannter. Manchen Durchreisenden durfte er am Flughafen oder auch sonst empfangen und in verschiedenen Angelegenheiten Wegweiser und Berater sein. Heute ist ihm diese Möglichkeit genommen, denn der bereits 75-jährige ist seit Februar dieses Jahres vollständig erblindet. In einem kleinen Heim auf dem Hofe seines jüngsten Sohnes Edgard ist er auf die Pflege seiner an Rheuma und Ischias leidenden Frau angewiesen. Mehr als 20 Jahre hatten wir uns nicht gesehen. Die Begrüßung war herzlich und rührend, und dem alten Bruder gingen die Augen über. Wir hatten uns manches zu erzählen. Nur zu rasch verflossen die Abendstunden, zu welchen sich auch die Familienglieder der in der Nähe wohnenden Söhne einfanden. Br. Ahrentz fühlt sich etwas vereinsamt, aber er klagt nicht. Er weiß sich stets in der Nähe seines Gottes, und auch in der jetzigen Lage bleibt noch genug Ursache zum Danken. Sein Geist ist noch sehr rege, und er bemüht sich, seine frühere Tätigkeit als Vertreter aufrecht zu erhalten unter Mithilfe seines jüngsten Sohnes. Es steht ihm eine Augenoperation bevor, von welcher er erwartet, daß einem Auge das Licht wiedergeschenkt wird. Mit Gottes Hilfe, meint der Arzt, wolle er sein Möglichstes versuchen. Die Unkosten dieser schwierigen Operation werden durch Spenden gedeckt. Dieser alte Bruder bedarf unserer Fürbitte. Wenn jemand aus den mennonitischen Kreisen Nord- und Südamerikas den lieben Bruder brieflich besuchen oder auch etwas zur Deckung der Unkosten seiner Operation beitragen möchte, der schreibe an Herrn Frederico Ahrentz, Caixa Postal, 4781, Rio de Janeiro.

     Am 28. Juli setzte ich meine Reise fort nach Barra Mansa, wo unser Sohn in einer größeren Industrie Anstellung als Ingenieur in einem Walzwerk gefunden hat. Sehr angenehme Tage verlebte ich im Hause unserer Kinder. Den beiden Enkelkindern wurde der Besuch ihres Opa zu einer Reihe von Festtagen. Das in der Nähe liegende größte Industriezentrum Brasiliens „Volta Redonda“, das heute schon weltbekannt ist, konnte ich an zwei Abenden in seinen ungeheuren Lichtermeer zwischen Rauch und Dampf sehen. Dieses Unternehmen kündet vom Willen unseres Landes, in der Stahlerzeugung nicht zurückzubleiben vor den führenden Industrieländern der Erde.

     Am 2. August war ich schon wieder auf der Rückreise nach São Paulo, um den Kindern dort noch ein Lebewohl zu sagen. Am selben Tage erlebte ich den Höhepunkt meiner kurzen Ferienreise im buchstäblichen Sinne des Wortes von der Spitze des 35 Stockwerk hohen Gebäudes des Banco do Estado de São Paulo, mit einer Sichtweite von 45 km. in der Runde bewunderten wir die Ausmaße der sich immer mehr ausbreitenden größten Industriestadt Brasiliens. Vor dem Abstieg mit dem Fahrstuhl wurde mir als auswärtigem Besucher ein kleines Andenken überreicht.

     Gott gab Gnade zur Reise, und am 3. August brachte mich das Flugzeug bis Itajaí, und von hier erreichte ich bald Blumenau, wo ich die Angehörigen wohlbehalten antraf. Die besten Erinnerungen sind mir von allen Begegnungen mit Verwandten und Freunden geblieben. Ich grüße hiermit nochmals alle recht herzlich und danke für die erwiesene Freundlichkeit. Bei dieser Gelegenheit grüße ich den Herausgeber und die Leser dieser Blattes.

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Die Mennoniten Brasiliens sterben aus

Ihre Geschichte aber bleibt.
Peter Klassen, Paraguay, hat sie aufgezeichnet.
Schauen wir uns Teile daraus noch mal an!


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Die Mennoniten Brasiliens sterben aus

Ihre Geschichte aber bleibt.

Peter Klassen, Paraguay, hat sie aufgezeichnet.

Schauen wir uns Teile daraus noch mal an!

Teil 8

     

      

Selbstverwaltung als Tradition

      Das oben zitierte zeitgenössische Urteil von Walter Quiring läßt erkennen, welche maßgebende Bedeutung der Selbstverwaltung als Garantie für den gesunden Fortbestand der Mennonitensiedlungen in Brasilien beigemessen wurde.

      Doch die Mennoniten Brasiliens standen mit dieser Auffassung durchaus nicht allein da. Die Verzahnung von Mennonitentum, Volkstum und kolonisatorischer Organisation hatte sich während der Siedlungsgeschichte in Rußland zu einem festen Denkmuster geformt, in dem allgemein das Heil für die Gemeinschaft gesehen wurde.

     Auch die Betreuer der mennonitischen Flüchtlinge in Deutschland Benjamin H. Unruh, Harold S. Bender und auch die Vertreter der holländischen Mennoniten sahen in der geschlossenen Mennonitensiedlung in Südamerika die besten Voraussetzungen für eine gesicherte Zukunft dieser Gruppen. In diesem Sinne nahmen sie dann auch Einfluß auf die Entwicklung der neuen Siedlungen. Bender sagte auf der hier schon oft erwähnten Welthilfskonferenz in Danzig mit Bezug auf Paraguay, wohin ein Teil der Flüchtlinge gebracht worden war: "Uns schwebt ein zukünftiger Mennonitenstaat vor, wo, wenn möglich, sämtliche russische Mennoniten in unbeschränkter Freiheit ihr Leben und ihre Kultur neu gründen und weiterentwickeln könnten... Das Mennoniten-Völklein kann in Paraguay weiterbestehen mit seiner Kultur und seinem Glauben, ungefährdet und unter den denkbar günstigsten Verhältnissen."

     Das gleiche Ideal schwebte auch Pastor Gorter aus Holland für die Mennoniten in Brasilien vor. Auf derselben Konferenz sagte er: "Eine feste Einheit formen unsere Mennoniten da noch nicht. Sie sind... eine Gruppe, die zusammengewürfelt ist. Aber aus dieser Verschiedenheit entwickelt sich langsam eine Einheit, vor allem, weil alle dasselbe Los zu tragen und dieselbe Pflicht zu erfüllen haben."

    Den besten Beleg für die tiefe Verwurzelung der Idee der Selbstverwaltung in einer mennonitischen Gemeinschaft liefern jene Auswanderer, die Rußland 1874 in Protest gegen die Einführung der allgemeinen Wehrpflicht verließen und nach Kanada auswanderten.

    In Kanada, wo ihnen beidseits des Red Rivers in Manitoba Ländereien zugewiesen wurden, legten sie unbekümmert und ohne Rücksicht auf die andersartigen Verhältnisse und Gesetze in diesem Land ihre Dörfer an, mit Schulzen und Oberschulzen wie in Rußland. Erst im Laufe der Jahre wurde ihnen klar, daß Verwaltungsfragen der Siedlung Angelegenheit der von der Regierung eingesetzten Munizipalität seien. Die "rußländischen" Schulzen und Oberschulzen verloren sehr bald an Bedeutung. Bis zu einem gewissen Grad konnten dann die Ältesten der Gemeinden die Funktion der Gruppenführung übernehmen.

    Doch als ein Teil der Gruppe dann nach Lateinamerika weiterwanderte, nach Mexiko 1922 und nach Paraguay 1927, waren für sie geschlossene Siedlungen mit Selbstverwaltung wieder Selbstverständlichkeit. Auf einer Predigerberatung in Saskatchewan am 17. Januar 1923, vor der Ausreise nach Paraguay, wurde nach Punkt 2 des Protokolls beschlossen, "nur in Dörfern anzusiedeln, und zwar mit je 30 Wirtschaften von je 190 Acker auf 3 Meilen im Quadrat." Die Dörfer hatten wieder Schulzen und die Kolonie eine Siedlungsleitung.

    Als bestes Beispiel und Modell für die traditionelle Selbstverwaltung nach russischem Muster galt die Kolonie Fernheim in Paraguay, gegründet von den Schicksalsgenossen der Mennoniten Brasiliens im Jahr 1930. Hier erwiesen sich die äußeren Umstände und die besonderen Gegebenheiten durch die geographische Abgelegenheit im Chaco als so günstig, daß die von Rußland her bekannte Form der Selbstverwaltung bis in alle Einzelheiten übertragen werden konnte.

    Noch in Deutschland formierten sich die Auswanderer zu Dorfschaften und wählten ihre Gruppenführer, die nach dem Protokoll Nr. 1 in Mölln vom 16.2.1930 auch nach der Ankunft in der neuen Heimat vorläufig die Organisations- und Kolonisationsfragen zu übernehmen" hatten. In der neuen Siedlung wurden dann wieder gewählten Schulzen und einem Oberschulzen Führung und Verantwortung übergeben.

    Während der ersten Siedlungsjahre in Brasilien, als die Verbindung zu den Schicksalsgenossen in Paraguay noch enger war, galt das Beispiel der Kolonie Fernheim als Vorbild für die angestrebte Selbstverwaltung.

     1931 besuchte Altester J. Hübert die Glaubensbrüder im Chaco, 1938 Dr. Peter Dyck. In ihren Berichten tritt natürlich sehr stark der schwere Existenzkampf der Siedler in den Vordergrund. Beide sind aber besonders von der gut funktionierenden Selbstverwaltung beeindruckt. Im Vergleich wird dann deutlich, daß die Siedler in Brasilien es in diesen Fragen mit weit größeren Schwierigkeiten zu tun hatten, als das in Paraguay der Fall war.

    Das kam auf einer Sitzung der "Vereinigung der Mennoniten Brasiliens" am 5. und 6. November 1931 zum Ausdruck, wo Ältester Hübert über seine Eindrücke in Paraguay berichtete. Er sprach zuerst über die bürgerliche Verwaltung in Fernheim mit Kolonieamt, Oberschulzen, Bezirksrichter, Schulzen in den Dörfern und Zehntmännern, Dorfrichter, Waisenamt, Brandversicherung und Schulrat. Dann sprach er über die "Kommission für Kirchenangelegenheiten" (KfK), zu der die leitenden Prediger der drei Gemeinden und je ein Kandidat gehörten. "Wir freuen uns an dem Mut und der Eintracht unserer lieben Leidensgenossen im Nachbarstaate und wünschen ihnen von Herzen Gottes Segen," beschließt das Protokoll diesen Punkt der Sitzung.

    Das Beispiel in Paraguay war mit ein Ansporn für das angestrebte Ziel in Brasilien.

 

Die administrativen Voraussetzungen in Brasilien

     Die Mennonitensiedlungen in Santa Catarina lagen im Munizip Hammonia, und sie gehörten zum Distrikt Hercilio. Damit unterstanden sie der staatlichen Administration, wie auch alle andern von der HKG angelegten Siedlungen.

     Alle hier nun dargestellten Bemühungen um eine lokale Verwaltung für die Mennonitensiedlungen waren ein ganz privates Anliegen der Mennoniten selbst, um, wie es Gerd Uwe Kliewer ausdrückt, "alle Mennoniten in einer umfassenden Organisation zusammenzufassen." . . . Diese Organisation sollte vor allem "die gegenseitige Kontrolle, Waisenamt, Feuerversicherung und die kulturelle Förderung" übernehmen. Kliewer macht hier gleich die Einschränkung, daß "in Brasilien die gesetzlichen Voraussetzungen für solches Sondersystem fehlten."

    Obwohl es im Siedlungsgebiet viele mehr oder weniger geschlossene deutsche Siedlungsgebiete gab - Grothe erwähnt die am Rio Hercilio, Rio Sellin, Rio Wiegand, Rio Dona Emma mit insgesamt 10.000 Köpfen - stehen die Bemühungen der Mennoniten um eine eigene Verwaltung für sich allein und einmalig da.

    Dabei mußten sie sich von Anfang an wohl bewußt sein, daß ein mennonitisches Selbstverwaltungssystem in Brasilien als politischer Fremdkörper aufgefaßt werden könnte.

    Dr. Friedrich Lange, Direktor der "Deutsch-Russenhilfe", warnte, als Heinrich Martins ihn über die Einrichtung von Schulzenämtern informierte: "Ich möchte Sie darauf aufmerksam machen, daß es dringend wünschenswert ist, alles zu vermeiden, was irgendwie als ein Eingriff in staatliche Hoheitsrechte, bzw. munizipale Verwaltungsrechte aufgefaßt oder von böswilliger Seite ausgelegt werden könnte. Man ist hier in Südamerika sehr empfindlich gegen Derartiges und mißtraut häufig dort, wo nichts zu mißtrauen ist. Unleugbar hat das Wort Schulzenamt einen gewissen politischen Einschlag, der vielleicht nicht sehr glücklich ist..." (29.7.30).

     R. Herbert Minnich stellte 1966 in seiner Studie über die Mennoniten in Brasilien fest, daß die zivile Autonomie in keiner Weise garantiert sei und daß das von den Mennoniten aufgebaute System ausschließlich durch freiwillige Mitarbeit der Siedler erstellt worden sei, ganz im Gegensatz zu der Lage in Rußland, wo der Staat das System schützte. Die vielen gemeinschaftlichen Einrichtungen wie Schulen und Wegebau habe die Organisation aber notwendig erscheinen lassen.

    Jedenfalls begann sofort nach der Einwanderung ein zähes Ringen um eine mennonitische Verwaltung, wobei die größeren Schwierigkeiten nicht in einer Gefährdung durch staatliche Organe, sondern in internen Differenzen zu suchen sind.

 

Heinrich Martins, der Vertrauensmann

      So spontan und dem Anschein nach überstürzt, wie der erste Transport der Flüchtlinge auf den Weg nach Brasilien gebracht wurde, so spontan war auch die Ernennung von Heinrich Martins als Leiter der ersten Gruppe und gleichzeitig als Vertrauensmann von Benjamin H. Unruh und den Vertretern des "Hollandsch Doopsgezinden Emigranten Bureaus" Gorter und de Jong. Martins hatte sich schon durch seinen Einsatz in Moskau als Leiter der sog. Kieler Gruppe und dann während der Verhandlungen mit den mennonitischen und deutschen Dienststellen einen Namen gemacht. Er beeindruckte durch seine Intelligenz, Wendigkeit und vor allem durch seine bedingungslos Hingabe für die Sache der Übersiedlung nach Brasilien.

     Heinrich Martins kam aus der Krim, wo er in Danilowka Mittelschullehrer gewesen war. Er hatte an der Universität Leipzig einige Semester Theologie studiert und war in Rußland auch Prediger gewesen.

     Er genoß das uneingeschränkte Vertrauen vor allem auch der holländischen Mennoniten, die sich beim Abschied von ihm für die Unterstützung der Ansiedler in Brasilien verpflichtet hatten. Pastor S.H.N. Gorter berichtete über Martins im "Zondagsbode": "Er ist der Leiter der gesamten zukünftigen Siedlung in Brasilien, ein Mann mit großer innerer Kraft, Bauer und Prediger. Er ist der Mann von einer kleinen, aber klugen Frau und Vater von vier Kindern, für die er freiwillig die Zukunft in Kanada preisgab, um die schwere Kolonisation in Brasilien zu leiten. So einen Mann braucht man nur kurz kennenzulernen, um seine innere Kraft zu verspüren." Das Vertrauen der holländischen Glaubensbrüder zu Martins hielt auch, als er mit seinen Plänen in der Ansiedlung längst gescheitert war.

     Seinen Glauben bekundet Martins immer wieder in seinem Tagebuch, das er während der Schiffsreise führte. Die Aufzeichnungen müssen echt und ehrlich sein; denn sie waren nicht für die Öffentlichkeit geschrieben. Nach dem Gespräch mit einem Mitreisenden: "Ehre, Macht, Vermögen, Wohlleben ist alles nur Dreck im Verhältnis zu den Reichtümern, welche Jesus uns gibt... Gott stärke seine Kinder an allen Orten der weiten Welt" (21.1.30). Einen Tag später: "Das Christentum ist deshalb vor der heutigen Welt vielfach stinkend geworden, weil seine Träger faul sind. - Gott sitzt im Regiment, das ist der Trost für uns alle! Möge er uns stets viel Kraft und Weisheit schenken, wirklich in seinen Fußstapfen zu wandeln" (22.1.30).

     Ein ausgeprägtes Verantwortungsgefühl für seine Glaubensbrüder scheint das Hauptmotiv bei Martins gewesen zu sein, als er nicht nur die Führung der ersten Gruppe übernahm, sondern während und nach der Ankunft aller weiteren Gruppen auch die Leitung der neuen Siedlungen. Ein weiterer Faktor war sicher auch ein starkes Sendungsbewußtsein, der Glaube, von einer höheren Macht, deren Führung er stark empfand, für diesen Dienst beauftragt zu sein. Am stärksten aber war und blieb seine Bindung an die Helfer und Berater in Europa. Ihnen berichtete er eingehend und ausführlich in unzähligen Briefen, und von ihnen erhielt er Rat und Weisungen. Dabei war die empfangene Hilfe und die weitere laufende Unterstützung ein stark bindendes Element, das ihn und die Siedler immer neu in die Dankbarkeit und Verpflichtung rief.

     Das alles mag dazu beigetragen haben, daß Martins es nach der Ankunft und im weiteren Verlauf der Siedlungsarbeit versäumte, den Leiterposten in der Siedlung durch eine demokratische Zustimmung aller Beteiligten entsprechend absichern zu lassen.

     Walter Quiring schreibt in seinem Entwurf, daß "B.H. Unruh und die Vertreter des HDEB den Auftrag gegeben hätten, gleich während der Seereise von der ganzen Gruppe einen Ausschuß wählen zu lassen, der die Ansiedlung in der neuen Heimat vorläufig zusammen mit den Führern der nachfolgenden Gruppen leiten sollte. Sobald die Einwanderung der Flüchtlinge in die Hansa beendet sein werde, sollte eine allgemeine Siedlerversammlung sich eine Leitung wählen."

    Martins notierte in seinem Tagebuch am 17.1.30, also am zweiten Tag der Reise, nach der ersten allgemeinen Versammlung in Punkt 12: "Die Wahl eines Ausschusses von drei Personen hält man für notwendig. Dieser Ausschuß kann in Brasilien nach Bedarf umgewählt oder vervollständigt werden. Gewählt sind: Heinrich Martins, Peter Friesen, Peter Wiens; Kandidaten: Johann Hübert, Heinrich Kasdorf."

    Hier setzt nun die Kritik an Martins' Taktik ein. Neben den vielen harten Urteilen, die sich für die Jahre 1930 bis 1933 in Protokollen und Briefen niedergeschlagen haben und auf die weiter unten Bezug genommen werden soll, mag das von Walter Quiring in seinem Entwurf als sachlich gelten. Da es 1937 aufgezeichnet wurde, entsprach es jedenfalls wohl der Meinung damaliger maßgebender Persönlichkeiten:

    Der gewählte Ausschuß habe nur auf der "Monte Olivia" gegolten, dann seien Wiens und Friesen ausgeschieden worden. Der Führer des zweiten Transportes Jakob Neufeld habe dem Verwaltungsausschuß nur nominell angehört. Nur Gerhard Schierling, der Leiter des dritten Transportes, sei zur Mitarbeit herangezogen worden.

    "Leider unterläßt Martins es, die ordnungsgemäße Wahl eines Siedlungsleiters vornehmen zu lassen, nachdem die letzte Gruppe eingetroffen ist. Darin muß die Geschichte ein bedauerliches Versagen und eine Kurzsichtigkeit erblicken, besonders angesichts der ruinösen Folgen, die sich auch aus jenem Verhalten der ersten sieben Jahre ergeben haben. Zwar werden von Martins mehrere unsichere Versuche unternommen, eine Verwaltung zu schaffen, die aber alle scheitern müssen, weil sie auf eigene Faust gemacht werden, ohne Beziehung auf ihre geschichtliche Vergangenheit und ohne den eigentlichen Wirt der Ansiedlung: die Siedlerversammlung."

     Die Versuche, eine funktionsfähige Verwaltung zu schaffen, der Streit darum, der schließlich in einen Machtkampf gipfelte, gingen weiter, bis Heinrich Martins 1934 schließlich die Ansiedlung verließ und Lehrer an einer Realschule in Blumenau wurde.

    Nach all den Kämpfen, auf die weiter unten noch Bezug genommen werden muß, erscheint das Urteil Quirings über Heinrich Martins sachlich. Danach besteht "kein Zweifel, daß die von Martins in den ersten schwersten Jahren begangenen Fehler lediglich taktische gewesen sind. Mit nie ermüdendem Eifer hat sich Martins mit seiner ganzen großen Arbeitskraft dem Aufbau der neuen Ansiedlung gewidmet und sich unbestreitbare Verdienste um ihre Entstehung erworben. Bei einem etwas größeren Verständnis für die seelische Verfassung der überreizten und empfindlichen Kolonisten und für ihre angestammte Eigenart hätte Martins noch viele Jahre auch als Lehrer für die Ansiedlung wirken können.".

     Am 30. November 1930 wurde aufdringliches Anraten von Dr. Lange und der HKG eine landwirtschaftliche Genossenschaft gegründet. Nach Lange war das die einzige legale interne Organisation, die in Brasilien möglich war.

     Heinrich Martins wurde erster Vorsitzender der Genossenschaft. Er veranlaßte, daß Heinrich H. Löwen Ende Januar 1931 vom Stoltz-Plateau nach Witmarsum übersiedelte, um in der Genossenschaft mitzuarbeiten. Am 1. April wurde Löwen Geschäftsführer der Genossenschaft.

     Mit H.H. Löwen trat ein Mann auf die Bildfläche, der in den nun folgenden harten Auseinandersetzungen eine maßgebende Rolle spielen sollte. Dabei brach ein Konflikt zwischen der kommunalen Führung, die die gesamten Gemeinschaftsinteressen vertrat und der Genossenschaft, die lediglich die Wirtschaft zu fördern hatte, auf. Gleichzeitig entwickelte sich daraus ein Machtkampf zwischen Personen, der der Entwicklung der Siedlung viele Hindernisse in den Weg gelegt hat.

 

"Die Vereinigung der Mennoniten in Brasilien”

     In dem Entwurf von Walter Quiring heißt es, daß es im April 1931 zu einem erneuten Versuch kam, die schwierige Lage der Verwaltung zu regeln, indem "eine sog. Vereinigung" ins Leben gerufen wurde, "allerdings auch diesmal wieder ohne vorherige Fühlungnahme mit der Siedlerversammlung. Heinrich Martins, der auch Vorsitzender der Genossenschaft war, wurde auch Vorsitzender des siebenköpfigen Präsidiums der Vereinigung. Man ging am 26. und 27. April 1931 jedenfalls mit allem Ernst ans Werk, obwohl es sich dabei tatsächlich um eine Versammlung von nur 31 Vertretern und nicht um eine Vollversammlung der Siedler handelte.Vertreten waren der Vorstand der Genossenschaft, Gemeindevorsteher, Älteste, Pre- diger, Lehrer und Vertreter der Ortschaften Witmarsum, Waldheim und Auhagen (Gnadental existierte damals noch nicht).

    Für diese Sitzung, die zwei Tage dauerte, war das Statut für die geplante "Vereinigung" vorbereitet worden. Heinrich Martins machte in seiner Begrüßungsrede auf die Bedeutung des Vorhabens aufmerksam. "Aus den verschiedensten Gauen Rußlands sind wir hier zusammengekommen. Viele kannten sich gegenseitig kaum, und siehe, schon nach einem Jahr unserer Einwanderung in Brasilien haben wir uns so weit verständigt und geeinigt, daß wir heute im Begriff stehen, etwas ins Leben zu rufen, das uns noch enger zusammenschließt, noch enger verbindet, in dem Bewußtsein der großen Verantwortung, die wir einer für den andern tragen in unserer neuen Heimat... Deshalb ist der heutige Tag ein historischer Tag, denn wir stehen heute in Begriff, unter Gottes Leitung das Schicksal unserer Mennonitengruppe in Brasilien, sein Wohl und Wehe, gewissermaßen selbst in die Hand zu nehmen. Ich denke, wir sind uns alle der Verantwortung bewußt, die der heutige Tag mit sich bringt, der Verantwortung vor Gott, vor dem ganzen Mennonitenvolk, insbesondere vor der jungen Mennonitengeschichte Brasiliens!... Gottes Wort sagt uns in Sprüche 2,7: Dem Aufrichtigen läßt Gott es gelingen."

    In einer weiteren sehr ausführlichen Einführung zu dem Vorhaben, die "Vereinigung" zu gründen, führte Martins ein allegorisches Bild von der russischen Troika vor, wobei er die drei Pferde mit den drei Siedlungen verglich. "Die drei Pferde sollen den Wagen gleichmäßig und ruhig ziehen, langsam, aber beständig vorwärts. Eine neue Biegung des Weges liegt vor uns. Noch geht der Weg steil. Die Stimmung ist wohl gedrückt, aber nicht hoffnungslos! Der Wagen ist stehengeblieben. Wir machen eine kleine Ruhepause. Der Kalender zeigt den 27. April 1931. Was nun? Wie werden wir durchhalten?

     Ein altes Sprichwort sagt: Einigkeit macht stark. Gott wird uns helfen!"

     Martins tippt auf die Herkunft der Siedler aus den verschiedenen Kolonien Rußlands, was oft eine Ursache für die vielen Meinungsverschiedenheiten war.

    Lieder und Gebete der Sitzung sind sorgfältig aufgeschrieben worden. Doch der Protokolltext über die Annahme des Vorschlags zur Vereinigung ist dann sehr knapp: "Das Statut wird verlesen und nach den einzelnen Paragraphen und Punkten durchgesehen. Es werden einige Änderungen und Beifügungen gemacht. - Beiliegendes Statut, in welches die Änderungen und Beifügungen eingeschaltet sind, wird als Original des Statuts der "Vereinigung der Mennoniten in Brasilien einstimmig angenommen."

     Am nächsten Tag wurde das Präsidium gewählt: David Koop, H.H.Löwen, Jakob Hübert, Gerhard Schierling, H.H. Martins, Johannes Janzen, Jakob Kasdorf. Als Vorsitzender wurde mit Stimmenmehrheit Heinrich Martins gewählt. - Sämtliche Vertreter der Versammlung unterschrieben das Statut. Es sollte dann in deutscher und portugiesischer Sprache registriert werden. In seiner Begrüßungsrede am 26. April hatte Martins gesagt: "Der große Gott ging mit uns wunderbare Wege, er hat uns geführt wie das Volk Israel, und deshalb ist die Welt gespannt, wie es uns weiter ergehen wird und welche Schritte wir weiter tun werden."

     Die ganze mennonitische Welt wurde über die Gründung der "Vereinigung" informiert, Abschriften des Statuts gingen an alle Vertrauensstellen und an die mennonitischen Zeitschriften. Der "Christliche Gemeindekalender der Konferenz der süddeutschen Mennoniten" veröffentlichte das Statut. Christian Neff vermerkte dazu: "So sieht denn die Ansiedlung einer hoffnungsvollen Zukunft entgegen. Der Anfang ist schwer, das Los der Ansiedler ist hart, der Fortschritt gering; es kostet viel unsagbare Arbeit und Entbehrung. Doch es geht vorwärts."

    Was war nun das Wesen dieser "Vereinigung"? Dem Statut nach war es ein Verein, der alle Funktionen der mennonitischen Gesellschaft einbeziehen sollte, und deshalb nennt sie Quiring wohl auch "eine schwerfällige Einrichtung".

     In einem kurzen Überblick soll das Statut hier charakterisiert werden: Die Ziele waren umfassend. In Punkt 3 A 4 heißt es: "Fördernd in allen Fragen des wirtschaftlichen, kulturellen, geistigen und geistlichen Lebens zu wirken", und in Punkt 3 B 10: "Durch alle hier nicht aufgezählten gesetzlich erlaubten Mittel die wirtschaftliche, soziale und kulturelle Lage der Mennoniten Brasiliens zu fördern."

     Über die Mitgliedschaft heißt es in Punkt 4.1.: "Jeder, der als Mennonit aus Rußland ausgewandert und bis heute an allen Begünstigungen und Unterstützungen, die die Mennoniten als solche in Brasilien genossen haben und noch genießen, teilgenommen hat, ist Mitglied der Vereinigung, sofern er das 20. Lebensjahr erreicht hat", und in Punkt 4.2.: "Die Mitglieder sind verpflichtet, in christlicher Art und Weise sich gegenseitig zu überwachen, damit keine Handlungen geschehen, die gegen mennonitische Sitten, Gebräuche und Glauben verstoßen..." Punkt 4.3.: "Den Anweisungen und Verfügungen der Vertreterversammlung und des Präsidiums, das in Vollmacht dieser Versammlung handelt, muß Folge geleistet werden."

     Bei Zuwiderhandlung konnte nach einer Anmerkung zeitweilige Sonderung oder auch Ausschluß erfolgen.

     Bezeichnend für das Anliegen ist die Zusammensetzung der Vertreterversammlung. Mit der Begründung, daß es "die höchste bürgerliche, wirtschaftliche, soziale, kulturelle und geistliche Instanz der Mennoniten Brasiliens" sei, gehörten dazu die Gemeindevorsteher jeder Siedlung, der Vorsitzende der Genossenschaft, der Vorsitzende des Aufsichtsrates (wenn es Mennoniten waren), Vertreter des Lehrerstandes, der Vorsitzende des Schulausschusses, Vertreter der Arbeiter- und Angestelltenfamilien, der Waisenälteste, der Brandälteste, je ein Abgeordneter von 10 Kolonisten, der leitende Prediger jeder der drei Mennonitengemeinden.

     Zusammenfassend kann festgestellt werden, daß hier der Versuch gemacht werden sollte, das Mennonitentum, wie es sich in der Kolonisationsgeschichte in Rußland entwickelt hatte, als eine geistliche, kulturelle und wirtschaftliche Ganzheit aufzufassen und zu verwalten.

     Wie aufrichtig es gemeint war, geht aus den Aufzeichnungen von Heinrich Martins hervor, die er vor der entscheidenden Sitzung machte. In seinem aufgezeichneten Gebet heißt es: "Es ist Dir bewußt, großer Gott, in welcher Angelegenheit wir uns hier versammelt haben! Wir haben es getan im Aufblick zu Dir! Laß daher Deinen Geist reichlich unter uns wohnen heute, erleuchte unsern Verstand, daß nur gute Gedanken entstehen, erfülle unsere Herzen mit Deiner Liebe, daß nur solche Gefühle rege werden, die ausschließlich auf das Wohl unseres Volkes bedacht sind... Dein heiliger Wille geschehe! Amen!"

 

Kritik an der "Vereinigung"

     Walter Quiring vermerkt über die "Vereinigung" lakonisch: "Aber auch dieser Verwaltungsform ist nur eine Lebensdauer von etwa sechs Monaten beschieden." Sie funktionierte nicht wie erwartet, und trotz einiger Änderungen im Statut und im Präsidium kam sie als Verwaltungsorgan nicht zur Geltung.

     Auf einer Sitzung des Präsidiums am 28. Januar 1932 bekennt der Vorsitzende, daß die Arbeit des Präsidiums "eine durchaus bescheidene gewesen sei... "Es ging dem Präsidium so, wie es jedem Kolonisten in den ersten Jahren seiner Neuansiedlung geht: erst muß viel Urwaldarbeit getan werden, ehe Erfolge aufzuweisen sind," steht im Protokoll. Die Schulzen hätten die Anordnungen des Präsidiums nicht anerkennen wollen. "Das Präsidium ist der Meinung,... daß es die Rechte eines Oberschulzenamtes haben müsse, die ihm von der Versammlung gegeben werden müßten. Dann wären die Schulzen dem Präsidium unterstellt, und die Verfügungen und Anordnungen wären anzuerkennen."

     Die Ursachen dafür, daß das großangelegte Projekt für eine Verwaltung nicht zu dem erwarteten Ziel führte, waren verschiedene. Das Präsidium sah sie im Mangel an Autorität und Vollmacht, und da tauchte wieder der Traum von den rußländischen Oberschulzen auf. Unterschwellig war man sich dabei aber bewußt, daß das nach dem zivilen Recht in Brasilien kaum durchführbar sei.

     Quiring sah die Hauptursache für das Scheitern in dem Streit in der Siedlung, vor allem in der aufgebrochenen Rivalität zwischen Heinrich Martins und Heinrich H. Löwen. In seinem Urteil stützt er sich auf seine eigenen Beobachtungen in den Jahren 1933 und 1937, als er die Siedlungen von Deutschland aus besuchte.

     Die Hauptursache für das Scheitern gerade der "Vereinigung" lag aber wohl in einem sehr allgemeinen Problem des sog. Kolonisationsmennonitentums. E.K.Francis hat diese Frage am Beispiel der Geschichte der russischen Mennoniten eingehend untersucht. Er geht von der Tatsache aus, daß dort die religiösen, ökonomischen, politischen und anderen Existenzmerkmale so ineinander griffen, daß keine Institution, nicht einmal die Religion, allen ihre charakteristische Form aufzuprägen vermochte. Die Schwierigkeiten hätten schließlich dazu geführt, daß am Ende die Erhaltung der mennonitisch-völkischen Gemeinschaft gegenüber den Glaubensfragen den Vorrang erhalten habe.

     In diesen Konflikt war auch die mennonitische Gemeinschaft in Brasilien geraten, um nicht zu sagen gestolpert. Selbst dem Führer und Initiator Heinrich Martins wurde erst nachträglich bewußt, in welche ungeheuren Schwierigkeiten er sich begeben hatte, als er den Versuch machte, das gesamte Mennonitentum mit allen seinen Aspekten einer menschlichen Gesellschaft unter eine über alles bestimmende Dachorganisation zu bringen.

     Arglos, könnte man sagen, und voll guten Glaubens hatte er die Statuten der Vereinigung in den Medien des Weltmennonitentums publiziert, und dann hagelte es von allen Seiten Kritik mit dem Hinweis, daß so eine Utopie nicht realisierbar sei, jedenfalls zu keinem guten Resultat führen könne.

     Eine erste sehr sachliche und treffende Stellungnahme zu dem Statut stellte der Schriftleiter des "Boten" Dietrich H. Epp aus Kanada Martins zu. Die Statuten waren im "Boten" veröffentlicht worden, und Peter Braun hatte dazu ausführlich Stellung genommen.

    Da diese Stellungnahme wohl den Kern der Problematik trifft und auf die symptomatischen Schwierigkeiten eingeht, soll sie hier im Überblick dargestellt werden:   

    Am schwersten fällt die Vermengung von bürgerlichen und geistlichen Fragen auf: "Fördernd in allen Fragen des wirtschaftlichen, kulturellen, geistigen und geistlichen Lebens zu wirken." Die Vertreterversammlung sei "die höchste bürgerliche, wirtschaftliche, soziale, kulturelle und geistliche Instanz," heißt es im Statut.

     Die Vertreterversammlung sei doch eine rein bürgerliche Körperschaft und es sei unnormal, wenn sie sich mit geistlichen Fragen befassen solle. Das sei unmennonitisch. Die Mennoniten hätten seit jeher die Trennung von Kirche und Staat befürwortet. In Rußland sei man da auch nicht konsequent gewesen, und erst die Februarrevolution von 1917 habe die Mennoniten zur Besinnung gebracht. Dann erst habe ein "Kongreẞ" die bürgerlichen und die "Bundeskonferenz" die geistlichen Fragen vertreten.

    Auch rein organisatorisch habe sich die "Vereinigung" die Hände gebunden, indem für Beschlüsse eine Dreiviertelmehrheit und im Präsidium sogar Einstimmigkeit festgelegt worden sei. So würde es zu keinem Beschluß kommen.

     Braun beanstandet auch den Begriff "mennonitische Rechte", deren man verlustig gehen könne, wenn man sich nicht einordnet. Über mennonitische Rechte entscheide doch nur eine Kirchengemeinde und keine bürgerliche Organisation.

     Braun schließt: "Die unerbittliche Praxis wird schon dafür sorgen, daß die notwendigen Korrekturen eingetragen werden."

    Das war bereits geschehen, als die Kritik von Peter Braun eintraf. Martins schrieb an den Schriftleiter: "Wir hatten wohl eine Vereinigung, aber heute liegt alles still... In allgemeinen Fragen sind wir noch etwas zu jung, und wir möchten gern von unseren älteren Brüdern in Kanada lernen . . . Vertraulich teile ich Ihnen mit, daß das Statut heute nicht in Kraft ist. Das Präsidium ist aufgelöst" (5.8.32).

     Sehr ernst genommen wie immer wurde der Einspruch von Prof. Benjamin H. Unruh aus Karlsruhe. In seinem ausführlichen Schreiben vom 11. August 1931, also ziemlich bald nach der Veröffentlichung des Statuts, wird deutlich, daß Unruh in der doppelten Aktivität der Rußlandmennoniten auf geistlicher Ebene als Glaubensgemeinden und auf bürgerlicher als Kolonien an sich keinen Konflikt sieht. Der Wandlungsprozeß vom Täufertum zum Kolonisationsmennonitentum, wie er oben schon einmal dargestellt wurde, war voll und ganz akzeptiert worden.

     Was Unruh kritisierte, war die Vermengung der beiden Bereiche in einer Organisation, und er urteilt ähnlich wie Peter Braun. "Die von Ihnen geplante Vereinigung ist ein Gemisch von 'Bundeskonferenz' und 'Kongreẞ', zwischen 'KfK' und 'Mennozentrum'.

     Unruh operiert hier mit Begriffen, die ihm von Rußland her geläufig waren, weil er 1917 selber maßgebend beteiligt war, als die Mennoniten nach der Revolution in dem Wirrwar nach neuen Wegen suchen mußten. Die Privilegien und die Kolonialordnung existierten nicht mehr. Die Gemeinden fanden sich damals in der "Bundeskonferenz" mit der KfK als Exekutive. Alle bürgerlichen Interessen der Unruh bediente sich hier der in Rußland geläufigen Begriffe für die Trennung von "Kirche und Staat" in mennonitischem Sinn. Er präzisiert dann in seinem Schreiben: "Ich empfehle von vorneherein eine Abgrenzung zwischen den kirchlichen und kulturellen Funktionen. Die Kirche ist mit ihrer Allgemeinen Bundeskonferenz und der KfK das Gewissen, unsere Siedlungen, der Kongreß mit dem Mennozentrum ihr Gehirn."

    Die Begriffe aus Rußland, zumal es Notlösungen in der allgemeinen Verwirrung nach der bolschewistischen Revolution waren, mögen das Verständnis für die komplizierte Lage bei den Mennoniten in Brasilien erschwert haben. Der Klartext wurde jedoch verstanden:

    Die drei Gemeinden sollten sich zu einer Dachorganisation, der Kommission für Kirchenangelegenheiten (KfK), zusammenschließen, um kirchliche Anliegen gemeinsam regeln zu können. Alle Organe des wirtschaftlichen und kulturellen Lebens der Gemeinschaft sollten in einer Siedlungsverwaltung vereinigt werden, die man auch "Vereinigung" nennen könnte. Die bereits bestehende Genossenschaft wäre dabei der Vereinigung unterstellt.

    Unruhs Brief vom 11. August 1931 wurde auf einer Vorstandssitzung der Genossenschaft verlesen. Es heißt im Protokoll: "Laut Brief von Prof. B.H. Unruh sollte eine Trennung der kirchlichen Angelegenheiten von den bürgerlichen vorgenommen werden. Man ist allgemein für eine Teilung. Das Präsidium der Vereinigung müßte diese Frage ventilieren und durchführen" (5.10.31).    

     Mit einer einfachen Teilung in der Zuständigkeit allein war es jedoch nicht getan, wie im weiteren deutlich werden wird.

Fortsetzung folgt​​​

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