Menonitas no Brasil
Mennoniten in Brasilien
Nachrichten und Mennonitische Geschichte
21.09.2026
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Editor: Udo Siemens
Nova edição: segundas, às 13 hs

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Deutsche im Sonnenland
Walter Quirings Reise 1932/33
in die eben gegründeten Kolonien
der Mennoniten in Paraguay und Brasilien
Hier
der Mennoniten in Brasilien
Teil 23
Die Ausgabe vom 2. Dezember 1936 der Mennonitischen Rundschau veröffentlicht einen Brief der Tochter des Kolonieleiters Heinrich Martins, der auch die erste Gruppe von Mennoniten nach Brasilien führte.
Ich stelle mir Gertrud als ein etwa elfjähriges Mädchen vor, das einem anderen Mädchen – vermutlich in Kanada – aus dem brasilianischen Urwald berichtet.
Die Einleitung des Textes stammt von der Redaktion der MR:
Der Briefwechsel mit Brasilien hat insofern interessante Seiten aufzuweisen, als es sich hier um ein landschaftlich sehr interessantes Gebiet handelt, das von russlanddeutschen Flüchtlingen im Jahre 1930 besiedelt wurde.
Wir lassen Gertrud Martins erzählen:
Witmarsum, den 26. November 1932
Liebe Frida,
Ich freute mich sehr, als ich von Dir einen Brief erhielt. Den besten Dank dafür! Ich will Dir jetzt auch viel erzählen. Im Herbst 1929 fuhren wir von Russland los und kamen auch durch das liebe Deutschland. Zuerst waren wir im Flüchtlingslager in Prenzlau, dann wurden wir ins Lager nach Mölln geschickt und von dort nach Hamburg. Hier stiegen wir in den Dampfer „Bayern“ und fuhren nach Amerika. Der Anfang war sehr schwer. Als wir erst konnten, bauten wir uns Häuser aus Holz. Dann dachten unsere Eltern an die Schule. Auf dem Bilde 1 siehst Du unsere Schule. Vor der Schule siehst Du eine Brücke über den reißenden Fluss Krauel, die haben auch unsere Leute gebaut. Es hat schon eine ganze Woche geregnet, und die Brücke ist jetzt unter Wasser. Wenn wir zur Schule wollen, müssen wir über einen dicken Baumstamm gehen. Wir wohnen am Nebenfluss vom Krauel, Kambara genannt, 5 Minuten von der Schule entfernt, aber einige aus meiner Schule müssen 2 Stunden gehen.
Wir wohnen in einem Bretterhäuschen, das ist 6 m lang und 4 m breit. Im Sommer ist es hier sehr heiß, da baden wir uns alle Tage bis dreimal im Krauel. Ich kann auch schon schwimmen. Wenn's auch viel Urwald gibt, aber unsere Umgebung ist sehr schön. Es gibt hier viele Arten von Affen. Die Brüllaffen schreien mehrere Tage vor dem Regen, so wissen wir immer, wann eine Regenperiode kommt. Dann gibt es hier noch viele meterlange Eidechsen und sehr viele Schlangen, darunter auch sehr giftige. Ich habe noch keine totgeschlagen, denn ich fürchte mich sehr.
Unlängst hatten wir ein schönes Schulfest. Wir Mädchen aus unserer Klasse trugen das Gedicht: „Zwiebelgemäße“ vor. Ich war die weiße Lilie. Auf dem Bild 8 siehst Du die Kinder, welche die Zwiebelgewächse unserer Heimat vorstellen. Es wurden auch viele Gedichte vorgetragen und Rotkäppchen gespielt.
Für heute genug. Es grüßt Dich
Deine Gertrud.
MR 1936-12-02
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Das Baden im Fluss: Ob sich die Mennoniten wohl auch schon im Dnjepr gebadet haben? Oder haben sie das Flussbaden erst von den Brasilianern gelernt? Der Krauel führte damals vermutlich noch deutlich mehr und vor allem saubereres Wasser als heute, sodass das tägliche Baden im Sommer sicherlich eine große Erfrischung und ein Vergnügen war.
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Brüllaffen als Wetterfrosch: Die Funktion der Brüllaffen als natürliche Wettervorhersage wird in Texten aus dieser Zeit immer wieder bezeugt.
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Die Angst vor Schlangen: Die Furcht vor Schlangen war unter den Siedlern riesig. Interessanterweise gibt es jedoch nur sehr wenige Berichte über tatsächliche Schlangenbisse – und gestorben ist daran in der Kolonie vermutlich niemand.
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Deutsche im Sonnenland
Walter Quirings Reise 1932/33
in die eben gegründeten Kolonien
der Mennoniten in Paraguay und Brasilien
Teil 22
Dr. Walter Quiring machte 1932/33 eine Reise nach Süd- und Nordamerika. Über ein Jahr lebte Herr Quiring bei mennonitischen Glaubensgenossen im Chaco von Paraguay und reiste von dort über Argentinien und Uruguay nach Brasilien, wo er etwa drei Monate lang in den mennonitischen Hansakolonien arbeitete.
Er schrieb danach ein Reisetagebuch, das im "Boten" veröffentlicht wurde. Ich gebe es etwas gekürzt wieder.
Herr Mumaw und ich verabreden recht lange zu schlafen, da wir erst nach Mitternacht ins Bett kommen. Aber früh schon bin ich wieder auf den Beinen. Meine zehn Tage hier werden viel zu bald herum sein, und ich will die Zeit recht ausnutzen.
Als ich hinauskomme auf die Straße, nimmt mich die winterliche Stimmung sofort wieder gefangen. Es mag vielleicht zehn Grad kalt sein, und der Schnee knirscht unter den Füßen. In der Luft flimmert es silbrig weiß.
Ziellos gehe ich unsere Straße hinunter und stoße nach wenigen Häuserblocks auf den Broadway. Das also ist sie, die berühmte Schlagader New Yorks. Es ist tatsächlich ein „breiter Weg", auf dem auch Wagen in Zehnerreihen wohl Platz hätten. Und Geschäft reiht sich hier an Geschäft, eines reicher und größer als das andere.
Ich gehe in den ersten besten Frühstücksraum. Vorn am Eingang drückt mir ein Mädchen einen kleinen Zettel in die Hand, auf dem verschiedene Zahlen stehen. Aber dann muss ich mich in dem Raum erst etwas umsehen, um mich zurechtzufinden. Aha, so also läuft das Geschäft hier.
In einer längs durch den Raum reichenden erhöhten Glasvitrine stehen alle möglichen kalten Speisen in geschmackvoller Aufmachung bereitgestellt, und weiter oben verabreichen weißbemäntelte Kellner auch heiße Gerichte. Auf kleinen Emailleschildchen sind die Preise angegeben, was langes Fragen überflüssig macht.
Ich nehme mir eines der vorne aufgestapelten Tabletts, dazu Messer und Gabel und was ich sonst zu benutzen gedenke.
An einem blitzsauberen Messinggeländer gehe ich nun die Vitrine entlang und suche mir aus, was ich frühstücken möchte. Ich sehe, dass die anderen Besucher als erstes ein kleines kelchähnliches Gläschen mit irgendeinem farbigen Saft auf ihren Untersatz stellen. Das muss ich doch versuchen. Aber dabei habe ich Pech; statt Apfelsinensaft, den ich zu nehmen glaubte, habe ich Tomatensaft erwischt, den ich gerade zum Frühstück wenig schätze.
Am Ende des Geländers, am Eingang zum eigentlichen Speisesaal zählt ein Kellner fix zusammen, was mein Frühstück kostet und locht entsprechend meine Karte. Dann nehme ich an einem der gedeckten Tischchen Platz.
Die größten Vorteile hat von dieser Einrichtung sicher der Gast, da er das, was er genießen will, vorher sehen kann. Ob dabei an Personal gespart wird, scheint mir zweifelhaft zu sein. Ich sehe drei Kellner, und ein Mädchen an der Kasse; bei uns würden solchen Betrieb zwei Kellnerinnen bedienen.
Als ich in das Hotel zurückkomme, sitzt Herr Mumaw bereits wartend in der Halle. Er teilt mir mit, dass sie auf einer Zusammenkunft in Philadelphia beschlossen haben, mich zu bitten, nach Chicago zu fahren. Das ist natürlich billiger, als wenn die drei Herren des Komitees nach New York kommen. Herr Mumaw hat mich bei Prof. H. S. Bender in Goshen bereits drahtlich angemeldet und dort gebeten, die anderen Herren zu benachrichtigen.
Bei der Gelegenheit lerne ich auch einen Missionar Mosiman kennen, einen jungen Mann, der sich ebenfalls auf die Ausreise nach Afrika vorbereitet. Ich erwähne beiläufig, dass mich manche Passanten auf der Straße wegen meines dünnen Mantels mitleidig angekuckt hätten; wahrscheinlich vermutet man in mir einen armen Einwanderer.
„Natürlich ist es heute in Ihrem Mantel zu kalt," sagt Herr Mosiman, zieht sofort seinen warmen, schwarzen Mantel aus und nötigt mich, ihn anzuprobieren. Der Mantel ist in der Weite beinahe recht, aber die Ärmel sind ein gut Stück zu kurz, und auch unten reicht er kaum bis über die Knie.
„Das schadet doch gar nichts," wendet Mosiman ein, „man kennt Sie ja in New York nicht, und so bleiben Sie wenigstens gesund. Heute Morgen waren es fünfzehn Grad, und kann leicht noch kälter werden."
Meine Hochachtung vor diesen Altmennoniten wächst; dieses kleine Erlebnis erinnert mich stark an manche ähnlichen in Menno.
„Waut halpen de fäle Weed," hat es mein Freund Janzen in Menno oft gesagt, „done sell wi, on nijh emma blos räden."
Herr Mumaw und ich gehen ein Stück den Broadway hinunter zu einer Station der Untergrundbahn. Auch dieser Betrieb ist stark mechanisiert, um Menschen zu sparen. Man wirft an der Sperre einen Fünfer in den Schlitz, und das Zählgitter öffnet sich selbsttätig.
Beim Norddeutschen Lloyd belege ich einen Platz auf unserer großen „Europa", die New York am 16. Dezember verlassen soll. Dann kann ich genau am heiligen Abend in Hohenfels eintreffen.
Vom Lloyd führt Herr Mumaw mich zu der Landgesellschaft, von der unsere Kolonisten im Chaco das Land gekauft haben. Die Hauptaktionäre sind zwei Herren, die im Büro der Gesellschaft schon auf uns warten, ein weißhaariger, sympathischer Amerikaner und ein Jude in mittleren Jahren.
Ich berichte in meinem dürftigen Englisch, das Herr Mumaw wiederholt verdolmetschen muss, über die Chacosiedlungen, und es ist erfreulich zu sehen, mit welch menschlicher Anteilnahme der ältere der beiden Herren meinen Ausführungen folgt. Seine klugen und warmherzigen Fragen zeigen, dass ihm das Schicksal jener deutschen Pioniere keineswegs gleichgültig ist und dass er nicht zu den Geschäftsleuten gehört, die bereit sind, ihren Opfern gegebenenfalls das Fell über die Ohren zu ziehen. Anders sein Partner, hier ist Geschäft eben Geschäft, so scheint es mir (Hier wird das antisemitische Klischee des rein geldgetriebenen, gewissenlosen jüdischen Geschäftsmanns bedient.).
Da Herr Mumaw noch vor Abend zurückfährt nach Philadelphia, sehe ich mir New York auf eigene Faust an. Als Erstes fahre ich zu dem 120 Stockwerke hohen Empire State Building, um die Stadt erst einmal von oben kennenzulernen. Leider behindert ein leichter Nebel etwas die Fernsicht, aber ich bekomme doch eine Vorstellung von der ungeheuren Ausdehnung dieser Riesenstadt. Lange kann ich mich nicht losreissen von dem fesselnden Bild, das diese Wolkenkratzerstadt von oben gesehen bietet, und als ich hinunterfahre, beginnt es bereits zu dämmern.
Mit Mühe frage ich mich am anderen Morgen zum Zentralbahnhof durch. Ein gutgelaunter Schutzmann nimmt sich meiner schließlich an und führt mich an eine Straßenecke, von wo ich mein Ziel nicht mehr verfehlen kann.
Die Sonntagsrückfahrtkarte nach Chicago kostet rund 40 Dollar und gilt von Freitag bis Dienstag abend. Das ist ein größerer Spielraum als in Deutschland, und ich brauche nicht sofort nach New York zurückzueilen.
Ich habe noch Zeit, mir den weitläufigen Bahnhof anzusehen, und steige dann die vielen Treppen hinunter auf den Bahnsteig. Dieser ist auffallend schmal und ungepflegt, und passt gar nicht recht zu den anderen großzügigen Anlagen des Bahnhofes.
Die amerikanischen Eisenbahnwagen führen, wie ich hier sehe, nur zwei Klassen: eine erste Klasse und die Pullmannwagen. Alle die zweisitzigen Bänke sind gepolstert. Natürlich sichere ich mir wieder einen Platz am Fenster, denn auch auf dieser Fahrt, die in meinem ursprünglichen Reiseplan nicht vorgesehen war und darum eine unerwartete zusätzliche Bereicherung bedeutet, will ich nichts versäumen.
„Der Bote" Mittwoch, den 6. Januar 1937
Auffallend ruhig laufen diese schweren Wagen, und ich spüre die Erschütterung und das Stoßen kaum. Unendlich bedauere ich, dass der Nebel seit dem Vortage eher dichter geworden ist, so dass ich kaum einen Kilometer weit sehen kann.
Es dauert eine geraume Zeit, bis wir aus dem Gewirr von Straßen, Häusern, Gärten, Fabrikanlagen und Schienen heraus sind. Viele Stunden lang läuft die Bahn dann den Hudson aufwärts durch eine sehr schöne Gegend, wie man mir später erzählt, die mir durch den Nebel leider so gut wie verborgen bleibt.
Unser Wagen ist nur schwach besetzt. Im Gegensatz zu denen in Südamerika sind die Fahrgäste hier wieder auffallend gut gekleidet und sehen im allgemeinen sogar gepflegt aus. Man sitzt sich auch hier genau so stumm und unnahbar gegenüber wie bei uns in Deutschland.
Nur einmal wendet sich ein Mitreisender an mich mit irgendeiner Frage, die ich aber nicht verstehe, da der Amerikaner sehr rasch spricht, so dass ich mit meiner mühsamen Übersetzung nicht mitkomme.
„Sie sind doch Deutscher?" fragt er dann in meiner Muttersprache.
„Jawohl, aber woraus schlussfolgern Sie das?"
„Das zeigt doch Ihr Haarschnitt."
„Mein Haarschnitt?" frage ich verwundert.
„Ja, wenn Sie sich die Köpfe der Herren hier im Wagen ansehen, wird Ihnen auffallen, dass bei niemandem die Haare an den Schläfen so kurz geschnitten sind, wie bei Ihnen, den Deutschen..."
Tatsächlich, das stimmt, wie ich auch später beobachte.
Bald erscheint auch der Schaffner und kontrolliert die Fahrkarten. Dabei steckt er bei jedem Reisenden zwischen die Naht des Vordersitzes kleine verschiedenfarbige Kärtchen. Ich bekomme eine grüne.
„Hm, wozu die wohl da sind?" denke ich.
Als das Kärtchen einmal zufällig herunterfällt, stecke ich es doch lieber in die Tasche. Aber das fällt dem Schaffner sofort auf.
„Sind Sie in Albany eingestiegen?" fragt er.
„Nein, in New York."
„Hatte ich denn hier kein Kärtchen hingesteckt?"
„Doch, hier ist es," und ich hole es aus der Tasche heraus.
„Ja, das dürfen Sie natürlich nicht einstecken," lacht der Schaffner, „die Karte zeigt mir nämlich, wieweit Sie fahren, sonst müsste ich Sie jeden Augenblick wegen der Fahrkarte bemühen."
Ach, so ist das. Die Amerikaner sind halt praktische Leute.
Von Zeit zu Zeit ertönt ein mehrstimmiger, recht melancholischer Pfiff der Lokomotive, der mir noch Monate später in den Ohren liegen soll. Der Zug hält nur in größeren Städten wie Albany, Rochester, Buffalo u. a.
Auf den Haltestellen erscheint immer ein junger Beamter einer Telegraphengesellschaft und bietet seine Dienste an, während Händler sorgfältig verpackte Erfrischungen feilhalten. Auf dem einen Ende des Wagens sehe ich einen Trinkwasserhahn angebracht und in einer Nische ineinandergestülpt die Papierbecher.
Das Gelände ist im allgemeinen, soweit sich das in dem Nebel erkennen lässt, eben und waldfrei. Das Bild der Landschaft mit den zerstreut liegenden gut bebauten Farmen ist sympathisch und muss bei besserer Sicht eindrucksvoll sein.
Da ich erst am anderen Vormittag in Chicago sein werde, siedle ich abends in den Schlafwagen über. Besondere Schlafwagen wie in Europa gibt es hier allerdings nicht; durch wenige Handgriffe wird der Pullmannwagen in einen Schlafwagen umgewandelt.
Morgens, wir haben gerade Goshen passiert, werde ich vom Schlafwagenschaffner, einem Neger, geweckt. Ob ich hier jemand erwarte, fragt er, und da sehe ich durch den Vorhang vorn auch schon Herrn Prof. Bender sitzen.
Beim Ankleiden passiert mir ein kleines Missgeschick. Ich schicke mich gerade an, die Leiter hinunterzuklettern und stosse dabei dem Neger, der unten mit meinen Schuhen wartend steht, ins Gesicht. Ganz unwillkürlich fährt meine Hand von oben bedauernd über die getroffene Stelle, und ich entschuldige mich wahrscheinlich etwas wärmer, als das einem Neger gegenüber hierzulande üblich sein mag.
Mein Neger ist ganz gerührt und versichert mir ein ums andere Mal, dass ihm die Kleinigkeit rein gar nichts ausmache (Die Wortwahl ("Mein Neger ist ganz gerührt") zeigt eine herablassende, paternalistische Haltung).
Mir fällt auch bei dieser Gelegenheit auf, wie verschieden die Stellung der Neger hier im Vergleich zu denen in Südamerika ist. Während sie dort geachtete Staatsbürger und den Weißen völlig gleichgestellt sind, scheint man sie hier doch nur als Menschen zweiter Klasse anzusehen.
Das mag zwar als hart und ungerecht erscheinen, doch verhalten sich die weißen Nordamerikaner hier rein instinktiv ganz richtig. Eine Vermischung mit den Schwarzen müsste zwangsläufig zum Verfall der weißen Rasse und damit zur Zerstörung aller kulturellen und sittlichen Werte, die durch die Jahrtausende erworben wurden, führen (Das offenbart, wie sehr Quiring bereits der Nazi-Ideologie verfallen war. Er übernimmt unkritisch das völkische Wahngebilde von der ‚Reinheit des Blutes‘, plädiert für strikte Rassentrennung und rechtfertigt die Diskriminierung Schwarzer Menschen mit dem überheblichen Glauben, einer angeblich ‚höheren Rasse‘ anzugehören).
Bis Chicago haben wir noch einige Stunden zu fahren, und Herr Bender und ich haben so Zeit, eine Reihe Fragen zu erörtern, die sich mir bei meinen Arbeiten in Fernheim aufgedrängt haben.
Auf dem Bahnhof in Chicago erlebe ich eine nicht geringe Überraschung. Wir werden hier von zwei Herren erwartet, von Prof. P. C. Hiebert aus Hillsboro und einem alten Bekannten aus Deutschland — A. Warkentin. 1921–22 arbeiteten wir zusammen im Büro der Deutschen Mennoniten Hilfe in einem kleinen schwäbischen Dörfchen Wilhelmsdorf am Bodensee. Und nach zehn Jahren trifft man sich auf dem Hauptbahnhof in Chicago. Aber der Raum, über den wir Weltwanderer uns zu denken angewohnt haben, ist eigentlich ohne Grenzen. Charbin, Berlin, Rio und New York werden in einem Atem genannt mit Halbstadt, Gnadenfeld und Waldheim.
Wir fahren in ein mennonitisches Heim, und der erste Mensch, dem ich dort begegne, ist wieder ein Bekannter. Es ist Missionar Nelson Littwiller, den ich vor bald zwei Jahren unter nicht ganz gewöhnlichen Umständen in Buenos Aires kennenlernte.
Den ganzen Tag sitzen wir beisammen, und ich berichte anhand einer Denkschrift eingehend über unsere Ansiedlungen in Paraguay und Brasilien.
Viel zu rasch geht der Tag zu Ende, und wir müssen gegen Abend schon aufbrechen. Die Herren machen mit mir noch eine kleine Rundfahrt durch die Stadt, vorbei am größten Hotel der Welt, das dreitausend Zimmer hat, über das Gelände der Weltausstellung, am Michigansee entlang usw. Aber dann müssen wir leider schon auf den Zug eilen.
Herr Bender hat mich zu sich nach Goshen eingeladen; da Frau Bender gerade krank ist, werde ich von einem Prof. Gustav Enns abgeholt. Dieser gemütliche Abend bei der Familie Enns wird für mich sehr eindrucksvoll. Auch Herr Enns stammt aus Russland und hat in Deutschland studiert.
Von den zehn Kindern spricht nicht ein einziges mehr deutsch, und auch innerlich haben sie keine Beziehungen mehr zu Deutschland. Das ist ein erstaunlich kurzer Anpassungsprozess: schon die erste im Lande geborene Generation gibt das angestammte Volkstum auf (Mennoniten sollten für immer deutschsprachige Mennoniten bleiben).
„Der Bote" Mittwoch, den 13. Januar 1937
Fortsetzung folgt
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