Menonitas no Brasil
Mennoniten in Brasilien
Nachrichten und Mennonitische Geschichte
06.07.2026
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Editor: Udo Siemens
Nova edição: segundas, às 13 hs


Auf welcher Seite stehst Du? Hältst Du in diesem Krieg zu Russland oder zur Ukraine?
Deutsche im Sonnenland
Walter Quirings Reise 1932/33
in die eben gegründeten Kolonien
der Mennoniten in Paraguay und Brasilien
Hier
der Mennoniten in Brasilien
Teil 12
Die in SC angekommenen Mennoniten erfuhren durch die Mennonitische Rundschau auch Nachrichten aus der weiten Welt.
Hitler war nun seit einem Jahr an der Macht in Deutschland und der brasilianische Präsident Getúlio Vargas sympathisierte mit ihm. Auch die Mennoniten waren in Hoffnung, dass es nun durch Hitler aufwärts gehen würde.
Berlin. Der Präsident von Brasilien hat den Verkauf eines Buches, in welchem Reichskanzler Hitler angegriffen wurde, verboten und angeordnet, dass sämtliche Exemplare des Buches vernichtet werden.
MR 1934-08-01
Verständlicherweise waren Mennoniten dem Kommunismus gegenüber negativ eingestellt und freuten sich, wenn eine Nachricht wie die folgende veröffentlicht wurde:
Fünf Kommunisten wurden in Porto Alegre, Brasilien, niedergeschossen und fünf weitere verhaftet, als Polizisten, die eine Versammlung auflösen wollten, mit einem Kugelhagel begrüßt wurden.
MR 1934-09-26
Nun folgt ein längerer Brief von Isaak Enns von Stoltzplateau. Er erlitt eine Blinddarmentzündung. In der Umgebung gab es weder Arzt noch Hospital. Wie sollte er damit fertig werden?
Ein Erlebnis, wie der Herr hilft.
Im Folgenden möchte ich berichten, dass Gott auch in Krankheitsfällen anders helfen kann, als nur durch Ärzte. Ich habe es hier erfahren. Und Gott hilft wunderbar. Und zu seiner Ehre gebe ich ein kurzes Zeugnis.
Ich litt schon einmal anno 1932 an Blinddarmentzündung. Diese erste Entzündung verheilte langsam. Im August und September 1933 — (Ende Juli — anfangs August) wurde ich wieder krank am Blinddarm. Im August trat auch eine Besserung ein und durfte auf sein. Ende August verschlimmerte sich mein Zustand erheblich, so dass ich mich den 29. August wieder ins Bett legte und seit darniederlag. Es ist dies die höchste Arbeitszeit die Felder mit Saat zu bestellen, besonders August und September. Für mich also eine Zeit der großen Geduldsprobe. Die ersten Tage waren Tage der Unruhe und innerer Qual. Ich fühlte in mir eine Leere, hatte das Gefühl als ob der Herr ferne von mir wäre, obgleich ich flehte und betete. Mittel zu einer Operation besitze ich keine. Und mein Leben ging dahin, der Herr möchte mich gesund machen. Dass er das tun könnte, war bei mir außer Zweifel. Aber ob er es an mir tun wollte, konnte ich nicht zur Klarheit kommen. Es war mir, als ob der Herr nicht höre, trotzdem ich viel flehte. Ich bat endlich den Herrn, wenn er mir helfen wolle auf einem biblischen Wege nach seinem Wort, so möchte er mir einen klaren Wink oder Weisung geben, damit ich es klar verstehen könne, dass es von ihm wäre. Mit diesem Gebet konnte ich mich beruhigen. Am Donnerstag, den 31. August, waren die Brüder Rob. Janzen und Jakob Schellenberg auf Besuch bei mir. Das war um 4 Uhr nachmittags. Nachdem sie weg waren, wollte ich etwas ruhen. Während ich nun nahe am Träumen war, kam es mir wie eine Stimme: „Nach Jakobi Kap. 5.“ Da fühlte ich gleich so etwas anderes, denn es war so ganz klar, beinah wie ein leuchtender Spruch. Ich dachte darüber nach, ja da ist Antwort auf die Bitte. Es hieß bei mir, das musst du lesen, trotzdem ich Jakobus 5 schon vielfach gelesen hatte. Und merkwürdig, in letzter Zeit sogar einigemal extra.
Am selben Tage war es schon zu spät, da wurde es nichts und auch nicht am folgenden Tage, warum nicht, kann ich mir nicht denken. Sonnabend, den 2. September morgens, sagte ich zu meiner lieben Frau, sie solle mir mal die Bibel reichen, um mir Jakobus Kap. 5 zu lesen. Ich erzählte ihr, wie mir’s ergangen wäre. Und beim Lesen dieses Abschnittes Jak. 5, vom 14. Verse an, war’s mir klar, das musst du tun, das ist dein Weg. Auf diesem Wege wird der Herr dir helfen. Nun gab es aber noch viele Kämpfe in Bezug auf die Stellung zu dieser Sache. O, und der Herr gab mir Gnade und ich durfte seine Nähe fühlen, wie schon lange nicht. Auch schenkte er mir Freudigkeit, mich nach Jak. 5 behandeln zu lassen. Abends, desselben Tages, war Gebetsstunde bei Geschwister Siebert. Meine l. Frau blieb bei mir am Bett und wir fühlten die Nähe des Herrn. Sonntag war Hauptversammlung am Ort. Es war ja nicht ein klarer Tag; aber trotzdem fuhren doch viele Geschwister zur Versammlung und ich hatte wirklich Freude daran.
Ich hatte auch ein Verlangen nach Gemeinschaft. Ich wollte nun noch meine Überzeugung mitgeben, aber es wurde nichts. Abends bringen mir die Brüder die Nachricht, ich solle mich bereit machen, man würde mich nach Blumenau ins Krankenhaus bringen; ohne Mittel, nur auf Gottvertrauen bin, da auch die Gemeinde keine Mittel zu solch einem Übernehmen besitze. Ich erschrak etwas, meine liebe Frau sehr. Was jetzt tun? Da gab der Herr uns und mir besonders Gnade, dass ich mich durchfand und dass der biblische Weg der erste Weg für mich wäre und der sicherste Weg, zur Ehre seines heiligen Namens. Ich glaube, dass der Herr seine Ehre retten wollte, und dass der Herr sich in besonderer Weise uns offenbaren wollte. O wie treu ist der Herr! O Herr, mache meinen Glauben groß! Der Feind unserer Seele versuchte nun noch allerhand dreinzureden, aber der Herr gab mir Gnade und Sieg.
Montag sprach ich nun mit den Ältesten unserer Gemeinschaft, welche auch in diesem Gottes Leitung sahen, so dass das Blumenauer Krankenhaus nicht in Betracht kommen konnte. Und Dienstag, den 5. Sept. nachmittags, nach 4 Uhr legten mir die drei Brüder: Rosenfeld, Koh. Janzen und Korn. Neufelder die Hände auf und beteten über mir mit Ölsalbung. O, welch ein heiliger Augenblick! Und wir fühlten, dass der Herr sich zu uns bekannte, und dass er sich weiter bekennt, wenn wir glauben, so sagt uns sein Wort. Und ich kann sagen, der Herr hat geholfen und der Herr hilft! Ihm sei Preis und Dank, Halleluja! Ich durfte glauben, dass ich aufstehen könne, stand auf und zog mich an. O, was das für Gefühle waren! — Satan machte sich auch geltend, mich zu verwirren, schwach zu machen im Glauben; aber dem Herrn die Ehre, der Herr hilft. Heute, den 8. September, der dritte Tag, es geht besser. Ich glaube bestimmt, dass der Herr ganz heilt. Herr mache deine Kinder glaubend. Der Herr sei gepriesen!
Am 9. September habe ich furchtbare Anfechtungen und Zweifel erlebt, Satan versucht alles, aber im Gebet ist die Stärke. Und der Herr bezeugt sich immer wieder. Heute wurde es mir wieder klar, dass der Herr sein Werk bei uns und in uns nicht liegen lässt.
Den 10. September. Der Herr schenkte mir heute Ruhe, ich durfte still werden, ich fühlte mich heute bedeutend besser. Es war mir wie nach einem wütenden Kampfe. Der Herr gibt Gnade, wenn wir still sein können. Ich durfte vormittags der Versammlung beiwohnen, ward wunderbar gesegnet und getröstet. Bekam innerlich noch mehr Klarheit, sagt es doch auch in seinem Worte, wenn wir nur glauben könnten. Und diesen Glauben muss er auch wirken!
Isaak Enns.
Stolz Plateau, Brasilien.
MR 1934-10-31
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Deutsche im Sonnenland
Walter Quirings Reise 1932/33
in die eben gegründeten Kolonien
der Mennoniten in Paraguay und Brasilien
Teil 11
Dr. Walter Quiring machte 1932/33 eine Reise nach Süd- und Nordamerika. Über ein Jahr lebte Herr Quiring bei mennonitischen Glaubensgenossen im Chaco von Paraguay und reiste von dort über Argentinien und Uruguay nach Brasilien, wo er etwa drei Monate lang in den mennonitischen Hansakolonien arbeitete.
Er schrieb danach ein Reisetagebuch, das im "Boten" veröffentlicht wurde. Ich gebe es etwas gekürzt wieder.
Nach dem Abendessen sitzen wir in der großen „Stube“ beisammen. Frau Bückert stellt eine Schale mit gerösteten Erdnüssen eigener Ernte auf den Tisch, und im Zimmer steht bald ein Knistern und Rascheln wie in Russland beim „Knacken“ des Sonnenblumensamens.
Es ist auffallend, wie gern sich Ohm Bückert über weltanschauliche Fragen unterhält. Ganz unvermittelt fragt er seine Gäste:
„Sagt einmal, glaubt Ihr beide auch, dass sich die Erde dreht?“
„Natürlich, das lernen bei uns schon die Kinder in der Schule.“
„So... na, ich jedenfalls glaube das nicht und verstehe das auch nicht, das habe ich Quirinken schon gesagt. Sowas zu lehren, würden wir einfach verbieten. Das ist ja direkt gegen die Bibel. Wo kommen wir denn hin, wenn wir das sogar in der Schule lehren wollen?
Nein, durch das viele Lernen werden die Menschen bloß schlecht und hartherzig, das müsst Ihr doch auch schon beobachtet haben.
Seht mal z. B. bei uns in Kanada: ging da ein Junge erst in die Hochschule, so wurde er stolz, er mochte nicht mehr plattdeutsch sprechen, seine Eltern, die schlichten Farmer, waren ihm oft nicht mehr vornehm genug, und er schämte sich sogar, zu unserer Gemeinde zu gehören...“
Das sind Riesenprobleme, die dieser einfache Bauernprediger da wälzt. Die richtige Lösung, einen Ausweg aus dieser Sackgasse, kann auch er natürlich nicht finden, und es ist von seinem Standpunkt gar nicht so unlogisch, wenn er schließlich sagt:
„Dann bleibt uns nur eins, wenn wir uns gegen das Fremde wehren wollen: wir müssen uns absondern. Tun wir das nicht, gehen auch wir zugrunde...“
Mir wird es im Zimmer irgendwie zu eng, und ich gehe hinaus in den mondhellen Abend. Unterm Schattendach zeichnen sich weiß die zwei Mehlsäcke ab.
Die Zeit scheint in diesem Urwald still zu stehn. Fast unwirklich still ist es wieder; kein Lufthauch regt sich. Auch die Tiere sind verstummt; nur ein Fuchs bellt fern im Busch von Zeit zu Zeit kurz und heiser.
Ich gehe auf dem sandigen Gartenweg auf und ab, vielleicht eine Stunde lang, und jedesmal, wenn ich mich dem Hause nähere, dringen durch das Drahtgitterfenster einzelne Worte und abgerissene Sätze zu mir heraus.
„Wisst Ihr,“ höre ich gerade Ohm Bückert mit seiner tiefen Bass-Stimme sagen, „mit den russischen und kanadischen Mennoniten ist das ungefähr so: als unsere Vorväter aus Preussen nach Russland auswanderten, brachten sie von dort noch ein großes Kapital mit,“ und er zeigt auf sein Herz. „Ihr versuchtet in Russland mit eurem Pfund zu wuchern und habt es dabei fast ganz verspekuliert.
Wir ehemalige Bergtaler und Alt-Kolonier in Kanada hatten Angst, unseren Teil zu verlieren und haben ihn darum einfach vergraben. So konnte er bei uns zwar keine Zinsen tragen, aber auch nicht verlorengehen. Dafür nennt man uns jetzt die Mennoniten von gestern. Gut, zugegeben. Die Russlandmennoniten sind die Mennoniten von heute, aber wo sind dann die Mennoniten von morgen? Das möchte ich gerne wissen...“
Endlich wird auch mein Wunsch, eine Schule in Menno besuchen zu dürfen, erfüllt.
Es regnet leicht, und der Wind bläst kalt aus dem Süden. Solches Wetter erzeugt in diesen Verhältnissen übrigens eine Stimmung der Miesepetrigkeit, die nur durch Einschaltung des Willens abzuschütteln ist. Drinnen ist es genau so kalt wie draußen, denn Fenster und Öfen gibt es im Chaco nicht. Die Menschen laufen eingemummt in Mäntel und Jacken einher, dabei sind die meisten barfuß. Mein kleiner Freund Franz, der als einziger von meinem beabsichtigten Schulbesuch weiß, drückt sich schon lange die Nase platt an meinem Drahtgitter und mahnt ungeduldig: „Omtje Tjwirinti, de Beera jeit aul!“
Also los!
Auf der Straße hole ich eine Kindergruppe ein, die um eine tote Schlange herumsteht.
„Habt Ihr die getötet?“ frage ich.
„Jao, Jöokopp haft daut,“ erzählt zutraulich ein kleines Mädel, „mer met e Taofel schmäed ’a däa ent opm Tjrits. Dann tjenne se nijh krüpen. So donen de Indianna daut ouk...“
Der „Jöokopp“ steht da wie ein kleiner Siegfried, vor Eifer und Stolz ganz rot im Gesicht. An seinen Backen bewundere ich die Dehnbarkeit der menschlichen Haut, so dick sind sie...
Wir gehen zusammen der Schule zu. Wie frisch die kleine Bande zwitschert und schwätzt. Völlig unbefangen geben sie sich. Das Herz geht mir auf in dieser Gesellschaft. Deutsche Kinder im Urwald! Ein prachtvolles Schülermaterial ist das, völlig gesund und unbelastet.
Der Lehrer steht schon wartend am Pult, als wir eintreten. Auf den langen unbequemen Bänken sitzen einige Kinder und holen noch rasch Versäumtes nach. Niemand spricht laut, obzwar der Unterricht noch nicht begonnen hat.
Ich unterhalte mich leise mit dem Kollegen. Dann schaut er auf die Uhr und ruft „Herein!“ Alles trollt in die Klassen.
„Steht auf!“
Der Lehrer holt das Gesangbuch vor, sagt ein Lied an und beginnt zu singen. Vier Strophen werden gesungen, dann beten alle gemeinsam das Vaterunser. Stehend werden hierauf jeden Morgen die „Schulregeln“ aufgesagt:
Das Erste, was Du tust,
Wenn Du erwachest früh,
Sei ein Gebet zu Gott,
Kind, das versäume nie!
Dann stehe schleunig auf
Und biete guten Morgen Den Eltern,
die für Dich In treuer Liebe sorgen.
Dann wasch’ und reinige Dich,
Zieh ordentlich Dich an,
Unreinlich darfst Du nie
Dich Deinem Lehrer nahn…
und so fort — 23 Strophen.
Anschließend hieran geben die Kinder im Chor die Namen der Bibelbücher wieder:
In des altes Bundes Schriften Merke in der ersten Stell’ Mose, Josua und Richter, Ruth und zwei von Samuel, Zwei der Könige, Chronik, Esra, Nehemia und Esther mit, Hiob, Psalter, dann die Sprüche, Prediger und Hohelied usw., insgesamt sechs Strophen.
„Setzt Euch!“
Auch ich komme dieser Aufforderung nach.
„Lesen!“ Alles greift unter den Tisch. Es gibt in der Klasse vier Abteilungen: Fibler, Katechismer, Testamenter und Bibler.
Die Bibler, die Oberstufe, zerren schwere Bibelfolianten hervor, während die anderen Testament, Katechismus und die Fibel vor sich bereit legen. Eigentliche Schulbücher werden grundsätzlich nicht benutzt. Jedes Kind weiß, was es zu tun hat.
Die Fibler lesen zuerst. Buchstabiermethode: ha, ha — au, au — te, te = haut (hat); de, de — au, au — es, es = daut (das).
Währenddessen fährt in den anderen Abteilungen immer wieder jemand in die Höhe und meldet: „Neues Wort!“
Der Lehrer geht zu dem Fragenden hin und spricht das neue Wort vor: Nebukadnezer, Zephania usw.
Dann lesen nacheinander die Katechismer, Testamenter, Bibler, während die Anfänger schreiben. Mich wundert die unnatürliche Stimmlage der Lesenden: das ist die Technik des überlieferten Gesanges auf das Lesen übertragen. Besonders stark betont werden aus irgendwelchen Gründen die Endsilben; hier wird die Stimme immer entweder gesenkt oder gehoben. Das bleibt offenbar dem Geschmack des einzelnen überlassen.
Die unruhigen ABC-Schützen stören übermütig. Längst haben sie die halbe Seite vollgeschrieben und melden der Reihe nach:
„Haub schon ne haulbe Seite voll, haub schon ne haulbe Seite voll . . .“
In der Klasse wird es immer kälter. Der Südwind streicht ungehindert durch die Drahtgitter. Zusammengekauert und fröstelnd sitzen die Kinder da.
Mit dem Lehrer, einem verständigen und einsichtsvollen jungen Bauern aus dem Dorf, habe ich mich schon viel unterhalten, und er legt jetzt Pausen zwischen die Stunden. Bis dahin hat er drei Stunden ohne Unterbrechung unterrichtet. Wer verschwinden musste, durfte sich melden.
Aber die Pausen sind nur kurz. Es geht da so, wie bei unseren D-Zügen: sobald die Reisenden eingestiegen sind, geht die Fahrt weiter.
Auch die zweite Stunde wird noch gelesen, dann kommt Schreiben an die Reihe.
Ich versuche, mich mit einem dicken Kerl in meiner Nähe anzufreunden. Aber der Versuch misslingt, der kleine Mann bleibt unnahbar.
„De es emma so bled,“ sagt leise entschuldigend ein hübsches Mädelchen, und zeigt mir ein Christusbild das sie in der Fibel aufbewahrt. Auf der letzten Seite dieser Fibel ist mit Stolz der Hahn, der allen älteren Russlanddeutschen aus ihrer Schulzeit rühmlichst bekannte.
„De taun Kapittjes kacken“, sagt meine kleine Freundin wichtig.
„So?“ sage ich überrascht. „Kapittjes?“
„Jao, mi haft ’a eemol, aoba daut weeren Besos . . .“
Der Kollege baut einen Stapel Probeschriften vor mich auf. Jeden Monat werden sie geschrieben und dem „Ohm“ zur Einsichtnahme vorgelegt. Die Schrift ist ordentlich und sauber.
Endlich ist es halb zwölf. Ganz steif bin ich geworden.
Die Kinder sagen gemeinsam das Einmaleins auf (aber das zählen sie bis hundert vorwärts und rückwärts), dann beten sie:
„Aller Augen warten auf Dich . . .“
„Adtje“ sagt der Lehrer; die kleine Gesellschaft grüsst auch und verlässt langsam und gesetzt die Klasse.
Nachdenklich wandere ich heimwärts. Das war ein starkes Erlebnis, dieser Schulbesuch. Hier möchte ich Lehrer sein. Aber wer hier helfen und fördern wollte, müsste erst seine innere Berufung und Vollmacht dazu nachweisen.
Ganz verfehlt und oberflächlich ist es, diese ländliche Altväterschule mit überlegenem Lächeln abzutun. Mit überlegener Weisheit und Besserwisserheit ist hier gar nichts erreicht. Die Ursachen dieses Zustandes liegen viel, viel tiefer.
Ein kleiner mennonitischer Splitter wehrt sich hier gegen den gefürchteten „Einfluss der Welt“. Jeden Augenblick ist er sich dieser Abwehrstellung voll bewusst. Diese Gemeinde hält den Weg anderer mennonitischer Gruppen für falsch, und weil sie selber den richtigen Weg nicht kennt, zieht sie es vor, von dem sicheren Ufer überhaupt nicht abzustoßen.
Oft unterhalte ich mich mit den führenden Männern hierüber. „Ganz richtig,“ sagt mir einmal ein Ohm, „wir stehen, was unsere geistige Entwicklung betrifft, auf einer Stelle. Wir sind an dem gemeinsamen westpreussischen Ausgangspunkt einfach zurückgeblieben. Die verschiedenen mennonitischen Gruppen, die sich in Russland bald bildeten, gingen auch verschiedene Wege. Aber wir halten jene Wege eben für falsch. Sobald wir den richtigen Weg erkennen, setzen auch wir uns in Bewegung…“
„Ja, fürchten Sie bei dieser Politik des grundsätzlichen Wartens nicht, Ihr Ziel nicht zu erreichen oder es zu verfehlen?“ wende ich ein.
„Nein. Gott hat Zeit, und Er lässt auch Zeit. Wir müssen nur horchen. Als in Russland die allgemeine Wehrpflicht eingeführt wurde, griffen wir zum Wanderstab. Heute sehen wir, dass das richtig war. Im letzten Krieg versuchte Kanada, uns unsere deutsche Muttersprache zu nehmen, und da gingen wir ein zweites Mal auf Wanderschaft. Und auch hier sollten wir uns nicht zu festsetzen…“
„Gut, aber auch für Sie wird doch irgendwann einmal die Zeit kommen, wo Sie der „Welt“ und der Auseinandersetzung mit ihr nicht mehr werden ausweichen können. Diese Zeit kommt für alle Menschengruppen und auch für die Indianer hier im Chaco wird sie einmal kommen…“
„...Das glaube ich Dir alles. Ihr Gelehrten könnt das alles so schön sagen, während wir es nur fühlen. Noch ist unsere Zeit jedenfalls nicht gekommen, und wenn sie einmal da sein wird, gilt es, auf die innere Stimme zu horchen und die Zeit nicht zu verpassen.
Ich weiß, dass Du nicht stolz bist, dass Du auf uns nicht herabsiehst, aber Du gehörst doch auch zu denen, die schon auf dem Wege sind. Übrigens sieh doch einmal: in Russland wären damals alle unsere Leute ausgewandert, dann hätten sie das Elend dort jetzt nicht durchmachen brauchen. Und meinst Du vielleicht, die in Kanada werden deutsch bleiben, wenn sie nicht auswandern? Aber was hilft das Reden hierüber?“ und er schlägt mit der Hand, als wolle er etwas Lästiges abwehren.
Gestern Abend, während ich im Vorgarten meinen Spaziergang mache, pirscht sich schüchtern der zwölfjährige Peter immer näher an mich heran. Ein aufgeweckter, frischer Bengel ist das, und ich unterhalte mich gern mit ihm. Beim Mittagessen hatte ich etwas von unseren Schulen erzählt, und diese Schilderung hatte ihn offenbar gepackt. Als ich in mein Zimmer ging, hatte er mir ganz verstohlen, damit es der Vater nicht höre, gesagt:
„Jekst wea aul want fe ons.“
„Wovon, Peter?“
„Na, wi weete je nuscht.“
Und nun steht er da, an den Zaun gelehnt und wartet, dass ich ihn anrede. Ich weiß, was ihn bewegt: er möchte hören von diesem Deutschland. Bald sitzen wir beide in dem mondscheinhellen, ruhevollen Urwaldschweigen auf dem Zaun, und ich erzähle. Wenn ich einmal etwas zögere, fragt Peter rasch dazwischen. Fragt hastig, als fürchte er, ich könnte aufhören. Seine Augen glänzen und die Wangen glühen.
Als ich später abreise, bleibt Peter ganz abseits stehen und sieht stier auf die Erde nieder.
„Juchst Du metfoaren nao Ditschland?“ fragt seine Mutter.
„Jao!“ antwortet Peter und wendet sich rasch ab. —
Die Straße ist lang, und ich wohne weit weg von der Schule. In Gedanken sehe ich unsere Schulen in Russland, die in Deutschland und nun die hier im Chaco nebeneinander.
Nein, mein Ideal ist diese Schule von vor 150 Jahren nicht, wirklich nicht. Aber sie hat doch einen ungeheuren Vorzug: sie verdirbt an den Kindern gar nichts. Zwar kommt der Verstand hier nicht auf seine Rechnung, aber das Herz bleibt urgesund. Und in ihrem landwirtschaftlichen Beruf sind diese Bauern nicht weniger tüchtig und fortschrittlich, als ihre Volksgenossen anderswo in der Welt.
Hunderte Gespräche habe ich mit ihnen nun schon geführt, niemals vorsichtig und diplomatisch, sondern immer frisch von der Leber weg. Über alles mögliche haben wir uns schon unterhalten: über Schule, Kirche, Hitler, Mussolini, Russland, die Juden, das Tanzen, das tausendjährige Reich und vieles andere. Und immer finde ich es bestätigt: die Ansichten, die hier vertreten werden, sind vernünftig und gesund; auch mit unserem deutschen Mastab gemessen.
Vor einigen Tagen war ich Zeuge eines kennzeichnenden Vorganges. Ein Fernheimer kaufte bei meinem Nachbar eine Kuh und bemühte sich zäh, den Preis herunterzuhandeln.
„Wenn ich vorhätte, die Kuh für weniger herzugeben, hätte ich natürlich auch weniger verlangt,“ sagt ungeduldig mein Nachbar, und er geht auch nicht einen Centavo im Preis herunter.
Schließlich werden sie doch handelseinig. Der Käufer darf das Geld in zwei Wochen bringen oder schicken, so verabreden sie. Und nach dem Mittagessen zieht unser Fernheimer mit seiner Kuh ab.
„Wer war das?“ frage ich meinen Nachbar.
„Das weiß ich nicht; ich kenne den Mann nicht, er sagte, er sei aus Fernheim.“
„Der Bote" Mittwoch, den 8. Juli 1936
Wir sind auf dem Wege nach Laubenheim. Hunderte hoher, zweirädriger Militärkarren, die immer von vier Ochsen gezogen werden, halten den Weg besetzt. Und das Fahren neben der Straße ist kein Vergnügen; es hat geregnet und der Boden ist aufgeweicht.
„Wann ons de Ochsen en dissem Modd mau nijh met eenmol netisch woaren,“ meint besorgt Reimer, „dann halpt tjen hoalen.“
Aber wir erreichen unser Ziel ohne Zwischenfälle. Laubenheim ist nur klein und zählt nur sechs Wirte, alles Westreservier.
Gleich auf dem Ende steht ein hübsches, zweistöckiges Haus, das Fehrsche. Fehr ist „Storemann“. Seinen Nachbar, Prediger Johann Töws, zu dem ich will, treffen wir leider nicht zu Hause an. „Was nun?“ frage ich.
„Was nun?“ lacht Reimer, „abladen natürlich. Irgendwann einmal werden Töwsen bestimmt heimkommen…“
„Jao, aoba etj tjan je de Lit goanijh.“
Da wird Reimer ungeduldig.
„Ihr müsst in eurem Deutschland doch merkwürdige Sitten haben,“ sagt er, „aber hier bist Du eben in Menno. Hier kannst Du zu einem beliebigen Menschen auf den Hof fahren und sagen:
„Gondach! Well Ji Jast han?“ und schon ist die Bekanntschaft geschlossen. Überall bist Du willkommen.“
Wir tragen also meine Koffer in den Vorraum, und Reimer verabschiedet sich.
Aber ich fühle mich in dieser Situation keineswegs behaglich.
Es ist möglich, dass Töwsen erst am anderen Morgen heimkommen.
Die Gärten sind hier überall schon viel weiter vorgeschritten als in Fernheim, aber diese Ansiedlung ist ja auch drei Jahre älter. Der Boden besteht in Laubenheim aus fast reinem Sand. Trotzdem sehe ich viele gesunde Paraiso-, Apfelsinen- und Zitronenbäume, von denen einige schon Früchte tragen. Auch Mamonen und Bananen stehen gut.
Aber Ameisen gibt es hier! große gelbe Sandhaufen schütten sie überall auf. Doch geht man ihnen hier auch ganz besonders tatkräftig zu Leibe, wovon die tiefen aufgewühlten Gänge und Löcher zeugen.
Eine Stunde mag ich mich im Garten aufgehalten haben, aber von meinen zukünftigen Bekannten ist noch nichts zu sehen. Ich gehe schließlich die Straße entlang und sehe mir das Dörfchen an. Auf dem einen Ende aber stosse ich auf ein großes Militärlager und kehre schleunigst wieder um.
Ein alter Lengua begegnet mir mit zwei Weibern. Ich muss auf sie einen überaus komischen Eindruck machen, denn kaum haben sie mich erblickt, als sie alle drei unbändig zu lachen anfangen. Sie bleiben stehen, schauen mir nach, und dann bricht immer wieder mit Urkraft eine neue Lachsalve aus. Und wie diese Naturkinder lachen können: mitreissend und ohne jegliche Hemmung!
Da Töwsen auch gegen Abend noch nicht zurück sind, gehe ich zum Nachbar hinüber, zu Fehr. Ich klopfe an die Tür des Wohnhauses, klatsche in die Hände, aber niemand antwortet. Übrigens scheint man in Menno auch in ein fremdes Zimmer immer unaufgefordert einzutreten. Ich erlebe wiederholt, dass man mir auf mein Klopfen gar nicht antwortet und nachher ganz erstaunt fragt:
„Ha Ji doa aune Däa jekloppat?“
Da drücke ich auf die Klinke und trete ein. Aber ganz unwillkürlich stutze ich. Ich stehe in einer fast vornehm ausgestatteten europäischen Wohnung, so jedenfalls kommt sie mir vor in meiner Chacoeinsamkeit.
Geschmackvoll gefärbte Wände, und Möbel, die sich überall sehen lassen könnten: runder Tisch mit Decke und großer Stehlampe, Divan, Kommode, Korbmöbel, Läufer, Teppiche.
Ich traue meinen Augen nicht; das ist ja Europa, ist ja wie in der Heimat...
Die Tür dem Wohnzimmer gegenüber steht offen. Ich sehe richtige breite deutsche Betten, die sicherlich aus Kanada herübergebracht worden sind. weiße Wäsche... Junge, Junge! denke ich. Wie ein Knecht komme ich mir vor, der heimlich in die „große“ Stube seines Herrn eingedrungen ist.
Nicht ohne Hast verlasse ich das vornehme Haus; es wäre mir peinlich, hier von jemandem überrascht zu werden.
Unwillkürlich sehe ich draußen an mir herunter. Jetzt erst fällt mir auf, wie gründlich ich mich im Chaco angepasst und auch äusserlich akklimatisiert habe. Meine schon lange nicht mehr gewichsten Schuhe, die nie gebügelten Hosen, der arg mitgenommene Mantel mit dem fettigen Kragen, der mehrere Tage alte Bart, kurzum — mir ist plötzlich recht unbehaglich zumute.
Vielleicht sollte ich umkehren und mich erst etwas herrichten? Aber nein... Und wo sollte ich das übrigens auch tun? Ich gehe um das Haus herum. Dort ist der Kaufladen. Er ist voll Menschen. Ich begrüsse sie alle mit Händedruck. Ein alter Mann hält meine Hand fest und fragt: „Na, wäa best dann Dü?“
Fehr lädt mich ein ins Wohnzimmer, das ich soeben fluchtartig verlassen habe. Ich werde auch zum Abendessen eingeladen. Die Hände darf ich mir in einem modernen, sauberen Bad waschen.
Nach dem Abendessen begleitet mich Fehr zu Töws hinüber. Jetzt endlich sind sie zu Hause.
Mitte Juni an einem Sonnabend komme ich von Waldheim auch in das der Bahn zunächst gelegene Bergtal. Wir sind mitten im Winter; der Busch ist trocken, und die Gärten sind kahl. Der „Komiteemann“ Kornelius Wiebe hat mich für die Nacht eingeladen.
Zwar bin ich nun schon in fast allen Dörfern der beiden Ansiedlungen gewesen, aber immer wieder benutze ich gern die Gelegenheit, jemand zu besuchen, denn fast jedesmal fällt mir irgendeine bis dahin unbeachtete Kleinigkeit neu auf oder ich sehe sie in einem anderen Licht. So lerne ich jeden Tag etwas Neues hinzu.
Am Sonntag Nachmittag sammelt sich bei Wieben eine große Gesellschaft. Gehörte es in Russland in manchen Gegenden beinahe zum guten Ton, Sonnenblumenkerne zu essen, so wird hier den Gästen etwas anderes gereicht: geröstete Erdnüsse oder Mate. Zwischendurch wird er meistens kalt getrunken, der teeartige, weil seine Zubereitung dann eine äusserst einfache ist. In einen kleinen Flaschenkürbis oder in ein abgesägtes Rinderhorn wird eine „tjniphaunt“ voll von dem grünen, feingemahlenen Yerba geschüttet, Wasser aufgegossen und dann durch ein dünnes Saugrohr, die Bombilla, genossen. Einer gibt das Horn an den anderen weiter, und ohne Unterbrechung kreist es den ganzen Nachmittag in der Runde. Und bei der Hitze kann im Trinken allerhand geleistet werden! Von Zeit zu Zeit steht Wiebe auf, um aus der Küche eine neue Karaffe mit Wasser herbeizuholen. Aber schließlich wird ihm die Lauferei doch zu langwierig, und er stellt einen großen Eimer mit Wasser auf den Tisch. „So Tjeedels, nü mau emma färewajh, daut Frohe Leawen haft een Endj.“ — —
„Der Bote" Mittwoch, den 15. Juli 1936
Fortsetzung folgt
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- Tagebuch aus dem Reich des Totentanzes - Ein Bericht über die Zeit von Machnos Terror unter den Mennoniten
- Erinnerungen aus dem alten und neuen Rußland
- Besuch bei den Aultkolonia, Bolivien
- Mennoniten und die Herstellung von alkoholischen Getränken in Russland
- Erinnerungen an Moskau, 1929, Heinrich Martins
- Schwere Verbrechen und Vergehen in Russland
- Was macht mennonitische Beerdigungen so einzigartig?
- Mennonitische Namen
- Reisen eines Schweizers nach Südrussland, 1822-1828
- Über die Abspaltung der Sectierer. Geschichte der Gründung der MBG in Russland in den Augen eines Aussenseiters
- Die Reise von Charbin zum Chaco - Irmgards Vorfahre erzählt dieses Abenteuer
- Lehrer Heinrich Heese (1787-1868) -Die Widerwärtigkeiten eines bedeutenden Lehrers unter den Mennoniten Russlands
-Als der Weltkrieg zu Ende ging, welche Nachrichten unsere Eltern bewegten
- Der "Stundismus" - Eine evangelische (rein russische) Erweckung zur Zeit der Mennoniten in Russland