Menonitas no Brasil
Mennoniten in Brasilien
Nachrichten und Mennonitische Geschichte
17.08.2026
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Editor: Udo Siemens
Nova edição: segundas, às 13 hs


Es gab "Mensageiros da Paz" und die "Friedesboten"
Beide Mannschaften waren mit den besten Arbeitern besetzt und wirkten in großem Segen in Brasilien
Deutsche im Sonnenland
Walter Quirings Reise 1932/33
in die eben gegründeten Kolonien
der Mennoniten in Paraguay und Brasilien
Hier
der Mennoniten in Brasilien
Teil 18
Der vorliegende Brief von A. G. R. in der Mennonitischen Rundschau aus dem Jahr 1936 bietet einen eindrücklichen Einblick in die Alltagsrealität und die Gefühlswelt mennonitischer Einwanderer im brasilianischen Urwald. Die Mennoniten waren vor den Repressionen und der religiösen Verfolgung in der Sowjetunion („Russland“) nach Brasilien geflohen, um hier neu anzufangen.
Es werden die extremen Bedingungen im brasilianischen Regenwald beschrieben. Der anhaltende Dauerregen gerade in den Pflanzmonaten September/Oktober, die vielen Feinde die das Gepflanzte schädigen. Aber eines ist wunderbar.
Freuden und Leiden unserer Leute in Brasilien.
Alles hat seine Zeit; Gottes Lieb’ wehret in Ewigkeit. — So ist es ja, alles hat eine Zeit, ob Freuden, ob Leiden, es hat ein Ende hier auf Erden, aber Seine Liebe bleibet. Auch in Brasilien gibt es Kämpfe zu bestehen — im Irdischen und auch im Glaubensleben. Jetzt haben wir unsere Pflanzzeit, und es hat jetzt schon über einen Monat lang tagaus, tagein geregnet; da will der Mut sinken und die bange Frage kommt: wann werden wir pflanzen. September und Oktober sind hier bei uns die Pflanzmonate. Auf anderen Stellen ist es etwas früher. Aber diese beiden Monate sind wohl die besten zum Pflanzen. In diesem Jahr nun hat es schon seit dem halben September geregnet. Was sollen wir sagen? Wenn wir auf’s Feld schauen, wollen die Sorgen uns bedecken, aber der liebe Vater weiß, was uns not tut, er kann auch eine ‚späte Ernte“ segnen. Er wird uns nicht verlassen. Wenn wir auf ihn vertrauen, dann geht auch trotz dem Regen alles fröhlich weiter.
Es ist ja hier alles so ganz anders als es in Russland war und es ist nicht leicht, sich einzuleben. Was man pflanzt, wächst schön, weil es so viel regnet. Mit Freuden nimmt man wahr, wie der Mais so schön wächst (Mais ist ja bis jetzt noch unsere Hauptpflanze), aber ach, da sind schon wieder die Vögel gewesen und der schöne Mais liegt ausgerissen am Boden. Wieder muss man frischen Mut fassen und von neuem säen. Nach 6 Tagen nimmt man mit Freude wahr, dass die Maispflanzen ihre Köpfchen hervorstrecken. Wieder die Vögel — es muss wieder gesät werden. — Der Mais wird gut eingetränkt, ehe er gesetzt wird, auch vergiftet wird er, und sonst alles Mögliche wird versucht, und doch bringen die Vögel viel zunichte. Bis viermal muss man nachsäen, bis man den Hektar voll bekommt.
Es ist auch verschieden; die Farmen an den Flüssen werden mehr von den Vögeln heimgesucht. Das Land an der See wieder (da gibt es viel Mais) wird von den Vögeln mehr verschont, aber nicht jeder Farmer hat gutes Säeland, deshalb so ein Unterschied in der Ernte. Dann kommt der Maniok, unsere Knollenfrucht, die eine große Rolle bei uns spielt. Maniok gedeiht besser, wenn es nicht zu viel regnet. Der Maniok wird wie Kartoffeln gepflanzt, aber nicht die Wurzel, sondern der Stengel, die oben wachsen. Die Staude wächst strauchartig und die Stengel, wie man sie hier nennt, besitzen „Augen“. Diese Stengel werden in Stücke geschnitten, so dass jedes Stück 2 bis 3 Augen erhält und gepflanzt. Er wächst schnell, und wenn guter Boden ist, werden die Wurzeln (Knollen) sehr groß und dick. Es gibt von einer Staude mehrere Kilo.
Gegenwärtig bauen wir eine Stärkefabrik, wo der Maniok zu Stärke verarbeitet werden soll (unsere Ansiedlung ist so arm, sonst wäre die schon fertig). Wenn die erst fertig ist, dann kann es, so der Herr will, etwas leichter werden für unser Volk hier, wenn sie den Maniok verkaufen können. Doch aber, auch der Maniok hat seine Feinde und das auch wieder da, wo die Armen am Fluss liegen. Es sind die sogenannten Pakas, eine Art Nagetiere; die fressen die Wurzeln und bringen ganze Felder zugrunde. Man macht Fallen, doch sind sie sehr vorsichtig und gehen nicht so bald hinein. Man kann sie erschießen, wenn man sie auflauert. Jedoch haben lange nicht alle Farmer Flinten; es fehlt am Geld, selbige zu kaufen. So ist hier im Urwald manches, was das Leben erschwert. Wenn der Mais reif ist, so kommen noch die Wildschweine dazu, die oft sehr viel vernichten. Im Garten verursachen die Schlehenmäuse großen Schaden, nicht nur unter dem Gemüse, sondern auch Obstbäume vernichten sie oft.
Doch haben wir auch Freuden. Niemand stört uns, wenn wir unsere Gottesdienste abhalten; wir dürfen frei unseres Glaubens leben. Wir Kinder und die Jugend dürfen frei unterrichtet werden in göttlichen Sachen, was in Russland nicht möglich ist. Wir haben oft geeignete Stunden in der Gemeinschaft der Kinder Gottes. Unsere Chöre dürfen zur Ehre des Herrn singen. Die Jugend hatte unlängst in Waldheim einen Abend mit ernsten Gedichten und Vorträgen. Die Mütter haben hier in Brasiliens Urwäldern, trotz Armut und Entbehrungen, die Freude, dass ihre Kinder gedeihen und wohl aussehen. Das Klima bekommt den Kindern gut. Die Großen müssen oft zu schwer arbeiten und das wirkt auf die Gesundheit. Frauen helfen auch tapfer mit.
Heute scheint die Sonne so hell, vielleicht wird es endlich mal schön, hört man sagen. Gott wird schon machen, wie’s für uns am besten ist. Gebe der Herr, dass die Seinen bei Ihm bleiben, und dass wir bereit sind auf Sein Kommen! Der Gesundheitszustand ist auch nicht auf’s Beste gewesen, einige Frauen sind noch krank. Wir haben in diesen Tagen einen Arzt für unsere Ansiedlung bekommen. Dr. Dück aus Deutschland ist in diesen Tagen angekommen. Ein Arzt fehlte und auch sehr. Mussten mit den kranken Fällen immer eine Tagesreise fahren, und dazu war die Behandlung teuer. Wir sind froh und dankbar, dass wir jetzt einen Arzt in unserer Mitte haben.
Grüßend, A. G. R.
MR 1936-02-05
Die Grundnahrungsmitteln sind Mais und Maniok. Und die wachsen in Brasilien wunderbar. Wenn da nicht so viele Schädlinge wären. Aber die Stärkefabrik weckt große Hoffnungen. In Russland waren Mennoniten waffenlos. Hier brauchen sie aber Waffen, um Wildtiere zu bekämpfen. Ob jemand dabei von Gewissensbisse geplagt wurde, zu Hause eine Waffe zu haben?
Der Alltag der Eingewanderten wird noch immer von den Vergleichen mit der alten Heimat Russland geprägt. Wir sehen ihr Leben steht im Spannungsfeld von extremer materieller Not und tiefer Dankbarkeit für die religiöse Freiheit.
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Deutsche im Sonnenland
Walter Quirings Reise 1932/33
in die eben gegründeten Kolonien
der Mennoniten in Paraguay und Brasilien
Teil 17
Dr. Walter Quiring machte 1932/33 eine Reise nach Süd- und Nordamerika. Über ein Jahr lebte Herr Quiring bei mennonitischen Glaubensgenossen im Chaco von Paraguay und reiste von dort über Argentinien und Uruguay nach Brasilien, wo er etwa drei Monate lang in den mennonitischen Hansakolonien arbeitete.
Er schrieb danach ein Reisetagebuch, das im "Boten" veröffentlicht wurde. Ich gebe es etwas gekürzt wieder.
16. Wieder im Kaffeeland.
Nun bin ich schon auf deutschem Boden, wenn auch noch nicht in Deutschland. Ein Gefühl des Zuhause seins und des Geborgenseins umfängt mich, ein Gefühl, dass unsere mennonitischen Auslanddeutschen leider niemals kennenlernen. Ein starkes Heimatgefühl, das sich nicht auf die eigenen Ansiedlungen beschränkt, kann bei uns in der Fremde gar nicht aufkommen, und weder in Kanada noch in Russland oder Brasilien oder sonstwo sind wir wirklich ganz zu Hause. Erst wenn wir für immer heimkommen dürfen zu Mutter Deutschland, lernen wir das allumfassende, beseligende Heimatgefühl kennen.
Die Mitreisenden Südamerikaner äußern schon in den ersten Tagen ihre Unzufriedenheit wegen des Essens. Das ist an sich zwar ungerecht, aber doch verständlich. Wohl sind die Mahlzeiten auf dem Schiff gut und reichlich, aber mit den üppigen Mahlzeiten in Südamerika halten sie einen Vergleich natürlich nicht aus.
Schon am zweiten Morgen nähern wir uns Rio Grande do Sul. Durch das Bullauge sehe ich weit vorn die Stadt liegen und etwas näher die hellgelbe Sandküste. Die Wanderdünen machen den Bewohnern sichtlich viel zu schaffen, denn der junge Wald vermag offenbar noch nicht, sie festzuhalten.
Etwa zwei km vor der Stadt geht unsere „Monte Sarmiento“ vor Anker. Den Verkehr mit dem Hafen vermitteln drei kleine Dampfer der Hamburg – Süd. Es kommen recht viele Fahrgäste dazu.
Hier sehe ich auch zum ersten Mal auf der Reise die gefürchteten Haie. Große, fette Kerle sind das, auffallend schwerfällig in ihren Bewegungen. Etwa ein halbes Dutzend tummelt sich dort im warmen Sonnenschein an der Mole.
Ganz langsam führt uns der Lotse wieder aus dem Hafenbecken hinaus. Die Ausfahrt ist eng und sicherlich nicht ungefährlich, das zeigen auch die zwei Schiffswracks, die hier aus dem Wasser ragen. Das eine der Schiffe ist ein gut Stück auf die Steinmole hinaufgefahren, und der Schiffsrumpf ragt jetzt zur Hälfte aus dem Wasser heraus. Auf dem Wrack hat man zerstreut eine Reihe Eisenkreuze errichtet, ein Zeichen, dass bei dem Anprall auch Menschen ums Leben gekommen sind.
Am dritten Tage früh holt der Steward mein Gepäck ab; wir sind bereits in der Bucht von San Francisco, dem brasilianischen. Auch hier bleiben wir sehr weit draußen liegen, zwischen drei hochragenden, größtenteils bewaldeten Inseln. Ein kleiner Dampfer holt uns ab, aber bis zur Stadt brauchen wir zwei volle Stunden. Es ist das rückwärtsschauend ein herrliches Bild, der zwischen den grünen Inseln auf der glatten See ruhende schnittige, weiße Dampfer mit dem dunkelbewaldeten Bergen im Hintergrunde. Dann biegt unser Boot um einen Felsenvorsprung, und das Stückchen deutscher Heimat ist unseren Blicken entschwunden. Vor uns öffnet sich der Blick auf ein kleines, hübsches Städtchen, das ringsum eingefasst ist von hohen bewaldeten Bergen. Ohne Schwierigkeiten passiere ich die Zollsperre, lasse mich in ein deutsches Hotel fahren, speise zu Mittag und fahre sofort an die Bahn. Vor dem ziemlich weit von der Stadt entfernten Bahnhof steht ein einziger, keineswegs sehr einladend aussehender Eisenbahnwagen. Er ist schon vollbesetzt, als ich eintrete. Ich verstaue meine Koffer im Waschabteil und finde schließlich für mich noch einen Platz. Noch einmal fahren wir um das freundliche Städtchen herum und sind nach wenigen Minuten im Urwald, allerdings einem ehemaligen. Er ist hier bereits einmal geschlagen worden und wieder nachgewachsen. Von den mir aus Paraguay bekannten Bäumen sehe ich vom Zug aus nicht einen einzigen.
Die Farmen der Eingeborenen unterscheiden sich hier nicht wesentlich von denen in Paraguay. Eine dürftige Lehm- oder Holzhütte, einige Bananen- und Mamonenstauden, drei bis vier Apfelsinenbäume, eine Kuh, das ist die ganze Farm. Ganz anders sehen die Wirtschaften der deutschen Kolonisten aus. Diese Leute pflegen einen etwas größeren Maßstab an die Bedürfnisse zu legen und begnügen sich nicht mit Essen und Trinken.
Unsere Fahrt geht durch die hier überall bewaldeten Berge westwärts. Joinville, ein so gut wie rein deutsches Städtchen, erreichen wir noch am Tage, dann aber wird es bald dunkel, und mit der Aussicht ist es vorbei. Zu Jaraguá muss ich aussteigen, um von dort mit dem Verkehrsauto weiterzufahren nach Blumenau. Kaum steht der Zug, als auch schon ein junger Mann durch die Abteile eilt und nach Reisenden fahndet, die mitfahren wollen nach Blumenau.
„Der Bote" Mittwoch, den 21. Oktober
Auch Jaraguá ist stark deutsch, und man glaubt, durch irgendein Städtchen Deutschlands zu fahren. Die Häuser sind so gut wie alle im deutschen Stil gehalten, und die Straßen sind ordentlich gepflastert. Allerdings täuscht die Dunkelheit auch, und am Tage würde manches vielleicht doch weniger echt aussehen.
Unsere Fahrt nach Blumenau wird geradezu halsbrecherisch. Kurz nach Jaraguá beginnt die Straße zu steigen, und zwar führt sie eine Serra, einen Höhenzug, hinauf, der vielleicht 1200 m hoch sein mag. Unzählige Kurven sind dabei zu nehmen, aber der Chauffeur fährt mit einer geradezu verblüffenden Sicherheit. Nur einmal wären wir um ein Haar mit einem Fuhrwerk zusammengeprallt, was aber weder Fahrer noch Reisende aufregt.
Schemenhaft flitzen die farbigen Farmhäuser vorüber, und mit einer unheimlichen Geschwindigkeit preschen wir die Serra wieder hinunter, als ginge es ums Leben. Fast wie ein Wunder erscheint es mir, dass wir nicht an irgendeiner der unzähligen Ecken hängen bleiben.
Um neun Uhr halten wir zu kurzer Rast in einer deutschen Ortschaft – Pommerode. Hart am Wege liegt ein Gasthaus, und wir haben Gelegenheit, eine Erfrischung zu uns zu nehmen. Auch hier ist alles unverfälscht deutsch. Pommerode hat eine große Käserei und Wurstfabrik. Die deutschen Molkerei- und Metzgereierzeugnisse sind bis weit über die Hauptstadt rühmlichst bekannt.
Ich komme mir vor wie in Deutschland; die Landschaft sieht in der Dunkelheit etwa aus wie die in Thüringen. Die meisten unserer Farmer hier müssen wohlhabend sein, nach ihren Häusern zu urteilen; mich freut, dass diese alle so ganz im deutschen Stil gehalten sind. Auch das zeugt noch von einer Verbundenheit mit der deutschen Heimat, vom Festhalten an deutscher Überlieferung.
Um elf Uhr abends etwa erreichen wir Blumenau; von diesem hatte ich sehr viel gehört und gelesen und auch prachtvolle Aufnahmen gesehen und bin darum gespannt auf den ersten Eindruck. Blumenau ist ein deutsches Städtchen, wie es deutscher auch in Deutschland nicht anzutreffen ist und der geistige Mittelpunkt eines großen Gebietes.
Nur mit Mühe finde ich noch ein Zimmer; es soll hier in den nächsten Tagen eine große Lehrertagung stattfinden, und alle Hotels sind im voraus besetzt.
Immer näher komme ich meinem Ziel; noch einige Stunden Bahnfahrt und 60 km mit Pferdefuhrwerk, dann bin ich in Witmarsum.
Zum Glück geht mein Zug am anderen Tage erst am Nachmittag, so dass ich Zeit habe, mir das berühmte Blumenau anzusehen. Und auch bei Tage verstärkt sich der Eindruck — dieses Blumenau ist deutsch, trotz des leichten portugiesischen Anstriches. Wenn ich diese Häuserfront entlangsehe, glaube ich in Ravensburg oder in Stockach oder in Überlingen zu sein. Das ist es!!
Einen malerischen Blick auf den Itajahífluss und einen Teil der Stadt öffnet sich von der Terrasse meines Hotels. Auch einen nahen Berg erklettere ich noch, um das besonnte Städtchen auch von oben zu sehen, und fahre dann mit einem Autobus an die Bahn.
Überall dasselbe Bild: die Beamten, die Zugschaffner, die Angestellten — alles sind Deutsche. Aber gern sprechen sie unter sich auch schon Portugiesisch wie ich mit Bedauern feststelle.
Für die etwa 70 km bis nach Hammonia brauchen wir gut drei Stunden. Aber die Fahrt zwischen den steilen, größtenteils bewaldeten Bergen wird keinen Augenblick langweilig.
Mit einem alten Mütterchen lasse ich mich in ein Gespräch ein. Wie ihre Augen glänzen, als sie hört, dass ich aus Deutschland komme.
„So, aus unserem Deutschland kommen Sie,“ wie traumverloren sagt sie’s und streicht ihre blumige Schürze glatt. Sie sehne sich immer so nach Deutschland, erzählt sie stockend, aber ihre Kinder seien in Brasilien schon ganz zu Hause... Das sei ihr großer Kummer.
Gegen abend sind wir in Hansa, der Bahnstation unserer Kolonisten. Ein Autobus bringt uns nach dem etwa 20 Minuten entfernten Hammonia, einem kleinen in einem Tal gelegenen Städtchen. Ich lasse mich in das „beste“ Hotel, in das Gasthaus Berg fahren. Es ist das ein für deutsche Verhältnisse nur sehr, sehr bescheidenes Haus, übertrifft in der Güte der Verpflegung aber sogar die Hotels zweiter Klasse in meiner Heimat.
Was die Frau Berg da alles allein zum Abendessen auftischt! Zuerst Brot, zweierlei — schwarzes und weißes, Butter, nicht etwa eine genau abgemessene Portion oder ein sparsames deutsches Portiönchen, sondern mindestens ein halbes Pfund, ein ganzer Schinkenberg und ein Stück Wurst für mindestens fünf ausgehungerte Drescher und Weichkäse. Aber das ist erst die Vorspeise, die „sakuska“. Als Hauptgang erscheint ein saftiger Rinderbraten mit gekochter Mandioka, Bratkartoffeln, Blumenkohl und etwas Eingemachtem, das ich nicht kenne.
Und die Nachspeise? Verschiedener Käse, Mate, Milch, Sprudel und Obst. Der ganze Tisch ist für den einzigen Gast mit verschiedenen Tellern, Schüsseln und Kannen bedeckt. Ganz unwillkürlich muss ich bei dieser satten Fülle an unsere verhungernden Volksgenossen in Russland denken. — Und dieser ganze Reichtum kostet — 20 Pfennig! Glückliches Brasilien! Ein Volk, dem Nahrungssorgen unbekannt sind. . .
17. Endlich in Witmarsum.
Eine richtige gelbe Postkutsche mit Verdeck, abgeschleiften Ledersitzen und erschlafften Federn, zwei ordentlichen Gäulen und einem uniformierten deutschen Kutscher bringt mich am anderen Tage ein gut Stück den Ansiedlungen näher — bis Neu Breslau. In einem Gasthaus Bock steige ich ab.
„Kolonisten aus Witmarsum kämen jeden Tag vorbei,“ meint der Wirt, „man dürfe nur den Augenblick nicht verpassen, wenn sie vorbeikämen.“
Von Breslau aus kann ich schon das ferne viereckige und sehr hohe Bergmaßiv sehen, das sog. Stolz Plateau, auf dem die eine unserer beiden Ansiedlungen — Auhagen — liegt.
Als ich über den Fluss, den Krauel, gehe, um mir das Dörfchen von einer Anhöhe anzusehen, begegne ich Pferdefuhrwerken, die mich sehr stark an die der Russlanddeutschen erinnern. Ob das vielleicht schon Witmarsumer sind? Auf dem vordersten sitzt ein Mann, etwas beleibt, rasiert, recht ordentlich gekleidet — nein, ein Witmarsumer wird das wohl kaum sein. Dazu sieht mir dieser Kolonist beinahe zu vornehm aus. Unsere Chacokolonisten pflegen auf ihren Fahrten durch den staubigen Busch doch ganz anders auszusehen.
Der Wagen hält vor meinem Hotel, und der Wirt ruft zu mir herüber, dass gerade ein Witmarsumer eingetroffen sei. Also doch! Ich gehe an seinen Wagen heran. Jawohl, er sei aus Witmarsum und heiße Heinrich Löwen.
„Kennen Sie auch Plattdeutsch?“ frage ich.
„Aoba jao!“ antwortet er und ist ungeheuer überrascht, als ich meinen Namen nenne.
„Sundat doa haud etj bol jefajht, ha wi aul op an jelütet,“ sagt er, „on Brew ewa Brew, en gaunsa Hüpen se fe An bi Peta Klaoffes“...
Löwen fährt Holz nach Hansa; er will sich sehr beeilen und mich dann morgen früh mitnehmen nach Witmarsum, so vereinbaren wir.
Mit ungewohnter Pünktlichkeit ist er am anderen Morgen auch zur Stelle: wir verstauen meine Sachen und fahren gleich los. Es mögen von hier bis zur Ansiedlung noch 30-35 km zu fahren sein. Der Weg führt bald bergauf, vorbei an steilen Hängen und tiefen Abgründen. Das Wetter ist schön, und ich freue mich an der großzügigen Gebirgslandschaft. Löwen hat zwei gutgepflegte Pferde vorgespannt, und wir kommen trotz des schwierigen Geländes rasch vorwärts. Es führen von Neu Breslau nach Witmarsum zwei Wege, und da Löwen den über Boa Vista nimmt, genieße ich von oben eine sehr weite, schöne Aussicht über das ausgedehnte, breite Tal, in dem die vielen deutschen Farmen zerstreut liegen. Längs unseres ganzen Weges bis nach Witmarsum treffen wir weitläufig deutsche Kolonien. Übrigens, „Kolonien“ heißen hier nicht etwa bloß ganze Ansiedlungen, sondern die einzelnen Farmen. Die meisten Häuser sind auch hier aus Holz, besonders die höher gelegenen, während in den Tälern auch viele Stein- und Ziegelhäuser anzutreffen sind.
„Der Bote" Mittwoch, den 28. Oktober
Bergauf und bergab geht unser Weg, dabei immer allmählich steigend. Weite Strecken fahren wir auch durch hohen Urwald, aus dem aber das beste Holz bereits herausgefischt wurde, wie Löwen erzählt.
Kurz nach fünf Uhr begegnen wir einer Gruppe deutscher Kolonisten, die Löwen Plattdeutsch grüßt. Aha, also schon Witmarsumer. Da sehe ich auch das erste Haus von Witmarsum, ein schmuckes Holzhäuschen, das einem Klassen gehört. Und dann passieren wir Kolonie um Kolonie, die auch hier recht weit auseinanderliegen.
Das fällt als erstes auf: diese Einwanderer hatten keinen Mangel an bestem Bauholz und ihre Häuser konnten darum weit größer und schöner ausfallen als die im Chaco. Bei manchen erkenne ich sogar das Bestreben, nicht nur praktisch, sondern auch schön zu bauen, eine sehr erfreuliche Erscheinung, bei der nüchternen Sachlichkeit unserer Kolonisten.
Und da biegen Löwens Pferde auch schon von selber auf einen Hof. Ich sehe links ein kleines Häuschen aus Holz, weiter oben eine größere ordentliche Scheune im Bau und rechts ein Nebenhaus, die Küche. Das Grundstück liegt an einem Hang und der Wirtschaftshof musste darum etwas kleiner werden, als das bei diesen Kolonisten sonst üblich ist. Frau Löwen setzt uns sofort einen guten brasilianischen Kaffee vor mit Maisbrot und Honig; dann brechen wir bald wieder auf. Ich habe mich bei der Familie Klassen, dem Schriftleiter der „Brücke“ eingeladen, und es ist schon dunkel, als wir dort eintreten. Wir halten an einer Gartenpforte neben einem geräuschvoll stampfenden Sägewerk und gehen durch den werdenden Garten dem höher gelegenen recht stattlichen Wohnhaus zu.
Löwen klatscht in die Hände, und die Tür auf den Vorbau wird geöffnet. Ein breiter Lichtstreifen fällt in den Garten, der uns stark blendet. In der Tür erscheint ein hochgewachsener Mann; es ist Peter Klassen.
Sehr herzlich werde ich aufgenommen und in ein gemütlich eingerichtetes Wohnzimmer geführt. Frage und Antwort gehen sofort hin und her...
Nun habe ich das zweite Ziel meiner langen Reise erreicht, und ein ganz neuer Abschnitt beginnt.
Äußerst fesselnd ist diese erste Unterhaltung zwar für mich, aber ich kann den Augenblick doch kaum erwarten, wo ich in mein Zimmer geführt werde. In diesem Hause liegt ja irgendwo auch meine Post, und ich brenne darauf, an sie heranzukommen. Von Anfang April habe ich von meinen Jungs auf Hohenfels nichts mehr gehört, und heute haben wir bereits Mitte September.
Endlich ist es soweit. Frau Klassen hat für mich ihr Dachzimmer nett hergerichtet. Wir steigen die Treppe hinauf. Richtig: dort liegt auf einem Bücherbrett auch meine Post. Löwen hatte recht: ein ganzer Haufen ist es. Auch ein Telegramm ist dabei. Ich öffne es zuerst. Es kommt aus Nordamerika. Das Mennonitische Zentralkomitee lädt mich ein, auf der Rückreise nach Deutschland meinen Weg über New York zu nehmen, um dem MZK einen Vortrag über unsere Siedlungen in Südamerika zu halten.
Und dann sitze ich endlich über den Briefen. Ich öffne sie zuerst alle, lege sie zeitlich zurecht und beginne zu lesen. Seite um Seite. Geradezu gierig saugt sich mein Blick fest an den Zeilen. Überwältigendes ist in Deutschland in den letzten Monaten geschehen, das ich leider nur unmittelbar und nur nachträglich miterleben darf. Und so vieles hat sich dort auch in meiner engeren Heimat zugetragen, das mich nahestens berührt und angeht. Meine Schule Hohenfels ist endgültig geschlossen worden, erfahre ich jetzt erst, und alle Lehrer sind endgültig entlassen. . .
Drei Uhr nachts ist bereits vorüber, als ich das Bett aufsuche. Aber an Schlaf ist natürlich nicht zu denken. Das Bewusstsein lässt sich nicht ausschalten, und das Gehirn arbeitet selbsttätig weiter. Und um halb sechs früh heult schon die Sirene des nahen Sägewerkes.
Aber die freundlichen Gesichter als ich ins Wohnzimmer hinunterkomme, und der geschmackvoll und appetitlich gedeckte Frühstückstisch lassen bald die Müdigkeit vergessen. — Für den zweiten Tag vereinbaren Klassen und ich einen ersten Rundgang durch die Ansiedlung. Gleich am Sägewerk begegne ich Bekannten. Johann Hiebert aus Sibirien, einem ehemaligen Kameraden aus der Volksschule, übrigens sicher dem stärksten Mann der Ansiedlung; ferner David Priess, Friesen, Penner, Derksen aus Orenburg und anderen. Wiederholt werden wir auch von Leuten aufgehalten, die sich nach Bekannten und Verwandten im Chaco erkundigen, und in den meisten Fällen kann ich auch die gewünschte Auskunft geben, da ich sehr viele Chacosiedler kenne.
Die Ansiedlung zieht sich etwa 18 km den Krauelfluss aufwärts, und von Klassens mögen es noch rund 15 km sein bis zum letzten Siedler. Lediglich aus verwaltungstechnischen Gründen haben die Kolonisten drei Dorfeinheiten geschaffen: Witmarsum, Waldheim und Gnadental. Unsere zweite russlanddeutsche Ansiedlung — Auhagen — ist von hier rund 40 km entfernt.
Die Krauelsiedlung liegt in der Hauptsache am rechten Ufer des Flusses; die linksseitigen „Kolonien“ sind weniger begehrt und wurden teils schon wieder verlassen. Die Äcker dort, so erzählt mir Klassen, bekommen wegen der hohen Berge zu wenig Sonne, was zur Folge hat, dass die Mandioka oder der Aipim, wie diese wertvolle Knollenfrucht hier heißt, ausfällt.
Wild und zerklüftet sind auch hier die hohen waldbedeckten Berge, von denen die ganze Siedlung krauelaufwärts flankiert wird. Das auch hier von Hammonia an immer noch steigende Gelände ist stark uneben, und die Kolonien liegen unregelmäßig zerstreut auf Anhöhen, an Hängen und in Schluchten. Nicht ein einziger der Siedler hat ein ebenes Grundstück, geschweige denn einen flachen Acker. Bis weit hinauf in die Berge zieht sich das Land der Kolonisten hin, und es wird noch Jahrzehnte dauern, bis es ganz und tatsächlich in Besitz genommen werden kann. Wahrscheinlich werden die Siedler die 40 Hektar, die sie gekauft haben, niemals ganz brauchen. Bei diesem Farmbetrieb genügen 10—20 ha vollkommen.
Die wirtschaftlichen Verhältnisse sind hier denen in Independencia und am Parana sehr ähnlich, von jenen im Chaco aber völlig verschieden. Unvergleichlich viel schwerer als in Westparaguay ist hier die erste Arbeit der Einwanderer gewesen, bis sie sich in dem dichten Urwald etwas Luft geschaffen hatten und auf einem kleinen gerodeten Fleckchen Fuß fassen konnten.
Heute liegen die faulenden Urwaldriesen zu zehntausenden hingestreckt am Boden, während die etwa einen Meter hohen Stumpen dicht bei dicht stehen wie Grabsteine auf einem Friedhof. Acht bis zehn Jahre wird es im ganzen dauern, bis diese Stämme verfault sind und bis hier der Pflug über freie Äcker hingehen kann. Bis dahin ist das einzige Ackergerät des Urwaldsiedlers — die Hacke. Im Chaco dagegen standen dem Pflug gleich zu Anfang nur vereinzelt stehende Kampfbäume im Wege.
„Der Bote" Mittwoch, den 4. November
Fortsetzung folgt
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- Mennonitische Namen
- Reisen eines Schweizers nach Südrussland, 1822-1828
- Über die Abspaltung der Sectierer. Geschichte der Gründung der MBG in Russland in den Augen eines Aussenseiters
- Die Reise von Charbin zum Chaco - Irmgards Vorfahre erzählt dieses Abenteuer
- Lehrer Heinrich Heese (1787-1868) -Die Widerwärtigkeiten eines bedeutenden Lehrers unter den Mennoniten Russlands
-Als der Weltkrieg zu Ende ging, welche Nachrichten unsere Eltern bewegten
- Der "Stundismus" - Eine evangelische (rein russische) Erweckung zur Zeit der Mennoniten in Russland