Menonitas no Brasil
Mennoniten in Brasilien
Nachrichten und Mennonitische Geschichte
28.09.2026
Esta página em português.
Clique aqui!
Contato:
menonitasnobrasil@gmail.com
whatsapp: (43) 99990 1023
Editor: Udo Siemens
Nova edição: segundas, às 13 hs

Je mehr Brasilien uns zur Heimat wird, desto mehr interessieren wir uns für seine Geschichte.
Deutsche im Sonnenland
Walter Quirings Reise 1932/33
in die eben gegründeten Kolonien
der Mennoniten in Paraguay und Brasilien
Hier
der Mennoniten in Brasilien
Teil 24
Blick in die Geschichte:
Wie Benjamin H. Unruh 1930 für die Auswanderung nach Brasilien warb
Im Januar 1930 stand unsere Gemeinschaft vor gewaltigen Umbrüchen. Viele Flüchtlinge aus der Sowjetunion saßen in deutschen Lagern und suchten verzweifelt nach einer neuen Heimat. In dieser kritischen Phase veröffentlichte Benjamin H. Unruh in der Zeitung Der Bote eine Artikelserie über Brasilien.
Sein Ziel war klar: Er wollte den verunsicherten Familien die Angst vor dem unbekannten Südamerika nehmen und ihnen zeigen, dass dort bereits eine gut entwickelte deutsche Infrastruktur auf sie wartete.
Der untenstehende Originaltext vermittelt einen faszinierenden Einblick in die Argumente und das Weltbild jener Zeit:
In S. Catarina erscheinen folgende Tageszeitungen: „Die Blumenauer Zeitung", „Der Urwaldsbote" (in Blumenau), „Die Koloniezeitung" (in Joinville).
Die deutsche Mitarbeit an der Kolonisation und Kultur Brasiliens setzte schon bald nach der Entdeckung des Landes ein. Es kamen deutsche Abenteurer ins Land und deutsche Jesuiten als Indianermissionare. Die Tochter des Kaisers Franz I. von Österreich, Leopoldina, die Gemahlin des Kaisers Don Pedro I. (1817–1826) wurde die Patronin der deutschen Kolonisation. Mit Leopoldina kamen Naturforscher nach Brasilien, welche alle drei Naturreiche Brasiliens aufs eingehendste studierten.
In den zwanziger Jahren des 19. Jahrhunderts setzte eine deutsche Einwanderung in Gruppen, ja in Massen ein. Es kamen Soldaten (als Söldner in die Fremdenbataillone), Arbeiter, Kolonisten ins Land. Die erste Welle von Kolonisten kam 1824–30 ins Land, etwa 5000 Menschen. Sie gründeten São Leopoldo in Rio Grande do Sul, São Pedro in S. Catarina, Rio Negro in Paraná. — Die zweite Woge 1845–59 brachte neue Einwanderer (besonders auch Legionäre für den Krieg gegen Argentinien 1851). In dieser Zeit entstanden unter anderem Blumenau und Joinville. 1860–90 stockte die Einwanderung. Seit 1890 strömten Deutschrussen ins Land.
Wir gründen deutsche Kolonien in Rio Grande do Sul, in S. Catharina und in den Staaten nördlich von S. Catharina.
Rio Grande do Sul ist ein Staat im südlichen Brasilien. Hier entstand die älteste deutsche Kolonie Sao Leopoldo. Die Kolonisten zogen der am untern Jacuhy-Fluss auf der linken Seite sich erstreckenden grasigen Niederung das fruchtbare Waldland vor, selbst wenn es bergig und steil war. So legte sich um Sao Leopoldo nur nach oben hin ein Halbkreis deutscher Kolonien, während die Südhälfte mehr von Bewohnern portugiesischer Herkunft besetzt blieb. Sao Leopoldo liegt also auf der Grenze von zwei Kulturen und Volkstümern. Hier fand 1865 die erste Lehrerkonferenz (18 Lehrer) und 1866 die erste Pastorenkonferenz (7 Geistliche) statt. Hier ließen sich aber auch 1869 die Jesuiten und 1870 die Franziskanerinnen nieder und bauten großartige Schulen. Hier machten die Kolonisten in den ersten Jahren trotz der Fürsorge der Regierung doch schon die bittersten Erfahrungen der Landunsicherheit und Grenzstreitigkeiten, der Unsicherheit der Kontrakte und der Unsicherheit des Lebens in den Revolutionen durch. Trotzdem setzte sich Sao Leopoldo durch und setzte immer neue Sprossen an, da schon in den ersten 6 Jahren an 5000 Personen eingeführt wurden. Es entstanden auch schon Tochterkolonien.
Im Jahre 1830 sagte der brasilianische Reichstag jede Unterstützung der Kolonisation ab. 1835–1845 erschütterte das Land eine Revolution, so dass die Einwanderung ins Stocken kam. 1845–59 belebte sie sich. In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts wurde der ganze Urwaldgürtel zwischen Hochland und Jacuhy-Niederung besetzt. Hinter den Deutschen wurde seit 1872 eine breite Zolle italienischer Ansiedlungen angelegt. — Von den Wohltätigkeitsanstalten sind zu nennen: das Waisenhaus Asyl Pella, das Altenheim Bethanien, das Heim für Geistesschwache und Epileptische Bethesda 1909. (Pfarrer M. Hätinger war der Gründer).
Weiter nach Westen wurde Santa Cruz ein neuer Sammel- und Brennpunkt deutschen, christlichen Lebens. Getrennt von dem bisher behandelten Koloniegebiet entstand im Süden des Staates der Koloniebezirk São Lourenço. Da der Gründer sich nicht der Fürsorge für Kirche und Schule annahm, so kam nirgends das deutsche Kirchen- und Schulwesen so ins Arge, wie hier im Süden. — Eine isolierte Koloniegründung ist Barao de Triumphs, 12 Stunden südwestlich von Porto Alegre.
Alle ländlichen Kolonien sind im Urwalde entstanden. Als dieses in dem vom Hochland zur Niederung absteigenden Terrassengebiet aufgebraucht war, wandten sich die Blicke der Landsucher und Kolonisatoren der Siedelung in den Wäldern aus dem Hochland im Nordwesten des Staates zu, um dann in das große Waldgebiet des oberen Uruguay einzudringen. Jenseits des Uruguay liegen die Siedlungsgebiete der Argentinischen Missionen von Paraguay und des Alto Paraná. — Besonders erwähnt seien die Kolonie Neu-Württemberg und Erechim, letztere eine Regierungsgründung.
Neben dem deutschen evangelischen Schulwesen gibt es ein ebenso entwickeltes katholisches Schulwesen. Neben der gewöhnlichen Volksschule hat man die Bürgerschule und die Realschule. Das deutsche Vereinsleben blüht. Die deutschen evangelischen Gemeinden in Rio Grande do Sul sind zu einer Synode zusammengeschlossen. Die Gemeinden sind zum größerem Teil dem Ev. Oberkirchenrat in Berlin angeschlossen. Zu einem großen deutsch-evangelischen Krankenhaus ist 1914 in der Hauptstadt der Grundstein gelegt worden. Im Hamburger Berg besteht ein evangelisches Stift (Töchterschule). Ein ev. Volksmissionsverein ist entstanden und auch eine Schriftenmission.
Im Staate Santa Catarina begann die Kolonisation im Jahre 1828, zumeist mit katholischen Rheinländern. In den vierziger Jahren kamen auch Evangelische, Pfälzer und Hessen, in die Gebirgsgegend zwischen der Hauptstadt Florianopolis und dem Hochlande Santa Isabella. Diese Siedler wurden von Geistlichen aus dem Missionshaus in Basel betreut.
Der im Jahre 1849 gegründete Hanseatische Kolonisationsverein führte 1851 die ersten Siedler nach Dona Francisca (Joinville) ein. 1850 entstand Blumenau. Von den Mutterkolonien zweigten sich Tochtersiedlungen ab. Die der Hanseatischen Kolonisationsgesellschaft gehörenden Kolonien liegen in dem Bundesstaate Santa Catarina. Die Direktion befindet sich in der Ortschaft „Hammonia"; in der Ortschaft „Hansa-Humboldt" gibt es eine Unterverwaltung. In beiden genannten Ortschaften gibt es Post, Telegraph, Gemeindeverwaltung, Friedensgericht und Polizei. Weiter sind da: Kirchen, Schulen, Kaufläden, Hotels, Apotheken, Schlachtereien, Bäckereien etc. Hammonia ist durch eine Eisenbahn mit der Stadt Blumenau verbunden.
Hammonia liegt 150 Meter über dem Meeresspiegel und ist etwa 150 Kilometer von der Küste entfernt. Um die Hauptortschaft herum ist das Gelände bergig, jedoch der Boden von sehr guter Beschaffenheit. Berggegenden sind außerdem die Flusstäler Taquaras, Sellin, Rafael, Scharlach, Laeiss, Griesebach, Wiegand, während sich an den Flüssen Krauel, Indios, Dona Emma und ihren Seitentälern große Ebenen ausdehnen, die 300–400 über dem Meeresspiegel liegen. Der Sprache nach ist der größte Teil der Ansiedler deutsch.
Die Ländereien der Hansakolonie sind von vielen Bach- und Flussläufen durchzogen, an welchen die Siedlungslinien entlanggelegt werden. Der Preis ist abhängig von Bodenbeschaffenheit, Terrain, Wasserverhältnissen und Lage. Die Größe der Grundstücke ist verschieden (von 15–50 Hektar, durchschnittlich 25 Hektar). Jeder Kolonist kann so viel Kolonien kaufen, wie er will, aber eine Durchschnittskolonie (Kolonielos) ist gewöhnlich vollkommen genügend.
Bei Wege- und Brückenbauten gibt die Direktion den Siedlern den Vorzug, damit diese Gelegenheit haben, einen Teil ihrer Schuld abzutragen. — Über die Kaufbedingungen orientiert ein besonderer Prospekt der Gesellschaft. Dabei ist zu bemerken, dass die Gesellschaft auf die Anzahlung verzichtet, und dass die Fahrpreise ermäßigt sind. Kinder unter drei Jahren zahlen nichts, Kinder von 4–7 Jahren ein Viertel, Kinder von 7–12 meines Wissens die Hälfte. Der volle Fahrpreis beträgt £13—10—0.
„Der Bote", Mittwoch, den 15. Januar 1930
-
Werbe- und Informationsmaterial: Unruh hob bewusst die positiven Aspekte der bestehenden deutschen Kolonien hervor, um Mut zu machen. Die extrem dichten Urwälder und die harten Anfangsbedingungen auf Stoltz-Plateau oder in Witmarsum traten in diesen allgemeinen Übersichtsdarstellungen oft noch in den Hintergrund.
-
Zeitungen: Die erwähnten Blätter wie "Der Urwaldsbote" oder "Die Koloniezeitung" waren damals wichtige Bindeglieder der deutschsprachigen Bevölkerung in Brasilien. Die Mennonitenn bekamen den Eindruck, in eine vertraute Welt zu treten
-
Geografischer Wandel: Viele der genannten Ortsnamen haben sich später geändert (so wurde Hammonia zu Ibirama, Hansa-Humboldt zu Corupá und Neu-Zürich zu Presidente Getúlio).
Abend mit Gott: 33 wunderschöne Kirchenlieder für die Seele – Sanfte Abendlieder zum Einschlafen
Deutsche Volkslieder wie früher - 33 Lieder unserer Kindheit, Heimat & Erinnerung
Por que a Bíblia evangélica é diferente da católica
Como a hermética comunidade amish combate o surto de sarampo mais mortal da história recente dos EUA
Ex-bruxa se rende a Jesus após orar o ‘Pai Nosso’: “Senti paz”
Policiais invadem igreja na China e proíbem louvores a “Jesus”, “Deus” e “Senhor”
Em tempos de polarização, Jesus ordena: “Guarde a espada!”
67% dos evangélicos são contra o casamento entre pessoas do mesmo sexo, diz pesquisa
Santa ou pecadora? 10 obras que mostram por que Maria Madalena é uma das personagens mais polêmicas da Bíblia
Por que eu falo quando estou dormindo? Um psicólogo especializado em sono explica
O casamento não é um troféu a ser conquistado
Cada pessoa é, na realidade, três: aquela que ela acredita ser, aquela que os outros acreditam que ela seja e aquela que ela realmente é.
Como os 'divórcios grisalhos' afetam a vida dos filhos adultos
Se dois indivíduos estão sempre de acordo em tudo, posso garantir que um deles pensa pelos dois
A maneira mais fácil de alcançar a felicidade é aprender a querer as coisas que já temos
Pessoas que precisam saber antecipadamente por que devem realizar uma tarefa não estão sendo complicadas; o sentido é um dos maiores motivadores do esforço
A era do autismo
Muskelschwäche im Alter? Forscher entdecken überraschenden Grund und vielversprechende Lösung
Drei Dinge in der Erziehung sind entscheidend, wenn sich das Gehirn von Kindern verändert
A equipe da Chapecoense volta ao local do acidente aéreo após 10 anos
Chuva de mais de 200 mm chega a 3 estados antes de nova onda de frio de 4°C; veja como frentes frias e ciclone vão mudar o tempo nos próximos 10 dias
Granizo faz mais danos com alerta de novos temporais no Sul do Brasil
Filho assume finanças dos pais idosos e tem surpresa ao descobrir empréstimos e compras de R$ 72 mil feitos pelo próprio irmão em SC
5 mentiras comuns sobre mudanças climáticas
Motorista deixa homem com suspeita de AVC em ambulância e vai almoçar junto com enfermeira durante transferência de paciente
Mãe e filha morrem vítimas de câncer em intervalo de 10 horas no interior de SP: 'Nenhuma queria ver a outra morrer'
Homem que socorreu menina atacada por abelhas relata resgate: 'Foi instinto mesmo'
Dona de apartamento de praia aluga imóvel por quatro meses e, ao voltar, descobre que locatário retirou armários planejados de R$ 25 mil e substituiu móveis por peças mais baratas; discussão envolve indenização e restituição do imóvel nas condições originais
Formanda de SC ganha R$ 6 mil na Justiça após ‘I Kissed A Girl’, de Katy Perry, não tocar em formatura
Warum russische Frauen zur Entbindung nach Brasilien reisen
Video: Vor 6 Mio. Jahren: Das MITTELMEER trocknete aus … und füllte sich in Wochen wieder
Video: Atlantik - Ozean der Stürme
"Deus odeia o culto à Rainha dos Céus”, diz pastor de Flávio Bolsonaro
Eleição pode acabar no 1º turno, diz fundador de instituto de pesquisa
Lula chega à reta final sem impulso de popularidade visto em presidentes candidatos à reeleição
Casamento de filho de Moraes fecha rua com polícia e morador é agredido
A 9 dias das eleições, governo Lula anuncia proibição de bets no Brasil
Como foi a reunião das bets para definir contra-ataque à MP de Lula
Proibição das bets tem efeitos colaterais e surgem vários de sites ilegais
Lula proibir bets é 'desespero por votos' e pode ter impacto em eleição apertada, afirma professor da USP
“GloboNews” corrige fala sobre Flávio e padroeira e pede desculpas.
'Um clã tão radical quanto disfuncional': o que diz a reportagem de capa do Financial Times sobre a família Bolsonaro.
É #FAKE foto de Flávio Bolsonaro usando camisa com ofensas a nordestinos; trata-se de montagem
Escândalo de Moraes com Vorcaro 'energizou' a direita brasileira perto da eleição e 'eclipsou' caso Dark Horse, diz NYT
Cury diz que Lula “destruirá” Flávio no 2º turno.
A distância entre Lula e Bolsonaro no Datafolha a três semanas da eleição de 2022
Na ONU, Lula critica ação dos EUA na região: 'Brasil não cabe no quintal de ninguém'
Votos nulos, brancos e abstenções devem ser recorde este ano, aposta autor de livro sobre eleições no Brasil: 'Tem algo diferente desta vez'
Atlas: Lula é desaprovado por 53% e aprovado por 45% da população
TSE determina remoção de vídeo em que Lula associa Flávio ao caso Master
Eleição para presidente pode terminar no primeiro turno
AP Exata indica que fim das bets não se converteu em apoio a Lula
Flávio Bolsonaro acusa CNBB de participar de fake news; bispos dizem que ‘mentira não se combate com mentira’
Saiba como estão Lula e Flávio nas pesquisas a 7 dias da eleição.
Salles desiste de concorrer ao Senado em SP e declara apoio a Derrite e André do Prado.
Seis hospitais dos EUA param de tratar adolescentes trans após acusação de fraude do governo Trump
Por que os Estados da antiga Alemanha comunista passaram a ser o bastião da extrema direita no país.
Tratores israelenses destroem oliveiras palestinas antes da colheita anual
Russland hat laut Trump »die Kontrolle über seine Dieselindustrie verloren«
Jetzt holt sich Putin das Geld für den Krieg



Neto do presidente Jair Bolsonaro agradecendo pelo alimento
Deutsche im Sonnenland
Walter Quirings Reise 1932/33
in die eben gegründeten Kolonien
der Mennoniten in Paraguay und Brasilien
Teil 23
Zwischen Glaubensbrüdern und NS-Ideologie:
Walter Quirings Heimkehr 1936/1937
der folgende Reisebericht von Walter Quiring (1893–1983), veröffentlicht im Januar und Februar 1937 in der Zeitung Der Bote, ist ein erschütterndes und zugleich aufschlussreiches Zeitzeugnis. Quiring, der spätere Schriftleiter des Boten, war in den 1930er Jahren einer der engagiertesten mennonitischen Publizisten. Doch seine Schriften zeigen auch die tiefe Verstrickung vieler mennonitischer Intellektueller jener Zeit in die nationalsozialistische Ideologie.
Wenn wir seine Schilderungen heute lesen, blicken wir auf eine doppelte Realität: Einerseits beschreibt er die blühende, wohlhabende Welt der nordamerikanischen Mennoniten in Indiana (Goshen und Berne); andererseits offenbart sich in seinen Begegnungen und Gedanken die schwere Vergiftung des Zeitgeistes durch den Rassenhass und den Antisemitismus der Nationalsozialisten.
Für den nächsten Tag, einen Sonntag, haben wir eine Autofahrt nach Berne vereinbart. Leider schneit es morgens stark, und Herr Enns hat Bedenken, unter diesen Umständen aufzubrechen. Aber dann entschließt er sich zu meinem Glück doch noch zu fahren. Auch Frau Enns und zwei ihrer Töchter fahren mit.
Im 120 km Tempo sausen wir auf dem „Hochweg", der übrigens ganz flach und niedrig ist, unserem Ziel zu. Überall am Weg stehen die charakteristischen Briefkästen der Farmer aus Holz oder Blech. Den Bauern scheint es hier wirtschaftlich gut zu gehen, nach ihren meist stattlichen Farmhäusern zu schließen.
Herr Enns macht mich auf die Farmen aufmerksam, die einen mennonitischen Besitzer haben; sie sehen im allgemeinen noch besser aus als die anderen.
Der Gottesdienst hat bereits begonnen, als wir Berne erreichen. Neben der hübschen Kirche liegt das Haus des Ältesten der Gemeinde. Die Kirche ist voll besetzt. Kopf an Kopf sitzen sie hier auf den halbkreisförmig angelegten Sitzreihen. Es mögen etwa 300 Personen beisammen sein. Gleich hinter der Kanzel hat in einem schmalen Ausbau der Gesangchor einen Platz, dessen Darbietungen sich mit denen der Chaco-Chöre wohl messen können.
Erst predigt der Älteste der Gemeinde, ein Herr mit einem auffallend gepflegten Äußeren, und nach ihm ein älterer Prediger aus Chicago, der um Weihnachtsgaben bittet für die Armen seiner Großstadtmission. Da er langsam spricht, kann auch ich ihn verstehen.
Nach dem Gottesdienst lerne ich einige der führenden Männer der Gemeinde kennen, unter anderem auch Herrn Fast, den Schriftleiter des „Bundesboten".
Eine Familie Lichti, die einige Kilometer außerhalb des Städtchens wohnt, lädt uns ein zum Mittagessen. Es ist eine Durchschnitts-Farmerfamilie, wie mir Herr Enns sagt, und ich staune über das hohe zivilisatorische Niveau dieser Bauern. Die Einrichtung der Wohnung ist für eine Bauernfamilie vornehm und gemütlich, und die Kleidung und was sonst in den Zimmern an Vorhängen, Decken usw. zu sehen ist, fast gediegen und geschmackvoll.
Dass unsere Farmer in Nordamerika sich eine gute Kost gönnen, hatte man mir schon erzählt, aber was hier zum Mittagessen an Schmackhaftem geboten wird, übersteigt doch meine Erwartungen. Dabei sind Gäste kaum erwartet worden. Auch der wohlhabende Bauer in Deutschland kann sich eine so gute Kost nicht leisten. Es scheint hier üblich zu sein, dass die Speisen während der Mahlzeit immer im Kreise herumgereicht werden, so dass sie eigentlich die ganze Zeit in Bewegung sind.
Die Kinder, auch hier ist es das bekannte „mennonitische" Dutzend, behaupten, noch deutsch zu können, doch wenn ich versuche, mich mit ihnen deutsch zu unterhalten, höre ich als Antwort nur ja oder nein. Aber nicht viel besser geht es ihnen, wenn sie nur etwas in ihrer Muttersprache erzählen; immer wieder muss ich dann bitten, das Tempo doch zu verlangsamen.
Unsere Rückfahrt nach Goshen wird eine Fahrt mit Hindernissen. Über Mittag ist Tauwetter eingetreten, während es am Nachmittag wieder zu frieren begonnen hat, dadurch ist die Straße ganz glatt geworden. Zum Überfluss ist das Eis noch mit einer dünnen Schneeschicht bedeckt.
Sehr bald gerät unser Wagen denn auch ins Schleudern, und Herr Enns hat Mühe, ihn wieder in die Gewalt zu bekommen. Das macht den Führer auf die Dauer nervös. Langsames Fahren mindert die Gefahr zwar herunter, schaltet sie aber doch nicht ganz aus. Auf verschiedenen Stellen sehen wir umgekippte Wagen im Straßengraben liegen; manchmal steht ein Wagen auch quer über die Straße, so dass wir Mühe haben, uns vorbeizudrängen. Sich gegenseitig zu helfen, scheint hier nicht üblich zu sein.
Hier und da ist am Straßenrand auch eine Stelle vom Schnee gesäubert, auf der merkwürdigerweise, es beginnt bereits zu dämmern, eine brennende Laterne steht.
„An der Stelle ist heute jemand verunglückt," erklärt mir Herr Enns, „das Licht soll uns zur Warnung dienen."
In Fort Wayne, einem Städtchen, dem man sein Neusein noch ansieht, bleiben wir endgültig stecken. Die Schneedecke ist mittlerweile so dick geworden, dass es ratsam scheint, das Ende des Schneefalles abzuwarten. „Vielleicht schickt man unterdessen auch einen Schneepflug hinaus," hofft Herr Enns.
Wir sehen uns die weihnachtlich ausgestatteten Schaufenster an und gehen dann in ein Cafe. Fast geniere ich mich, dass sich bei mir eine Verstimmung gar nicht einstellen will. Für mich bedeutet diese Fahrt ein schönes Geschenk, für das ich der Familie Enns herzlich dankbar bin. Der Gegensatz zu den Tropen ist so stark, dass ich immer wieder das beglückende Gefühl habe, nun endlich nach Hause gekommen zu sein, in die klimatischen Breiten, wo wir Nordländer am besten gedeihen.
Nach einigen Stunden des Wartens hört es tatsächlich auf mit Schneien, und wir brechen auf. Da die Schneedecke Goshen zu immer dünner wird, kommen wir unerwartet gut vorwärts und landen gar nicht einmal so spät vor der Villa Enns.
Am Vormittag halte ich den Studenten des College, dem Herr Prof. Bender als Rektor vorsteht, einen Vortrag über die Indianer im Chaco. Herr Bender dolmetscht, weil mein Englisch nicht ausreicht, und da kaum einer der Studenten, unter denen eine stattliche Anzahl Mennoniten ist, deutsch versteht.
Nach einigen angenehmen Stunden bei der Familie Bender und einem Besuch auch bei Littwillers, die in Goshen wohnen, mache ich mich am Dienstag auf den Rückweg nach New York. Am Mittwoch früh bin ich in Buffalo und fahre von dort hinüber nach Niagara Falls, um eines der sieben Weltwunder kennenzulernen. Es wäre natürlich töricht, diese günstige Gelegenheit zu verpassen.
Mit einem Arbeiterzug fahre ich hinaus. Es ist grimmig kalt. Ich habe keine Ahnung, ob der Wasserfall weit weg liegt von der Stadt und verhandle darum mit einem Wagenführer. Für zehn Dollar will er mich den Fall zeigen und mich auch ein Stück nach Kanada hineinfahren. Natürlich glaubt er, ein „Grünhorn" vor sich zu haben, an dem er einen schönen Happen verdienen könne. Schließlich einigen wir uns auf drei Dollar.
Wir haben im Wagen kaum Platz genommen, als der Fahrer mich fragt: „Sind Sie vielleicht Deutscher?" „Ja."
„Dann möchte ich mir erlauben, eine Frage zu stellen, die mir keine Ruhe lässt. Bitte sagen Sie mir aber nicht, ob Sie Nazi oder Kommunist sind. Ich werde Ihnen nachher erklären, warum ich so naiv frage. Ich wüsste nämlich so gern etwas über den Lebenslauf Hitlers und über seine Stellung zur Arbeiterfrage . . ."
Aber da höre ich auch schon das mächtig anschwellende Rauschen des Wasserfalles und lasse halten. So nahe wie möglich gehe ich an den Rand des tief und breit ausgewaschenen Flussbettes heran. Alles ist stark vereist und äußerste Vorsicht darum geboten, um nicht in den brodelnden Kessel hinunterzurutschen. Schneeweißer Schaum und riesengroße Dunstballen steigen aus der Tiefe hoch und rauben mir ein gut Teil der Aussicht.
Am besten soll man den ganzen Fall vom kanadischen Ufer überblicken, und während wir dorthin fahren, halte ich meinem Fahrer einen Vortrag über unseren Kanzler. Ganz von selber fährt der Chauffeur bald etwas von der Straße herunter an eine geschütztere Stelle und hört gespannt zu. Das war sicherlich nicht gewöhnliche Neugier, die diesen Mann fragen ließ. Was ich ihm da erzähle, scheint ihm völlig neu zu sein, und er nimmt es auf wie eine Offenbarung.
„Nun will ich Ihnen auch erklären, warum ich so eindringlich fragte," meint er, als ich geendigt habe. „Unser Fuhrhalter ist nämlich ein Jude. Fast jeden Tag hält dieser Mann uns Fahrern eine Hetzrede gegen Deutschland und euren Hitler. Die schlimmsten Greuelmärchen erzählt er, so dass ihm nicht einmal seine Kommunisten so recht glauben. Weil er weiß, dass ich kein Kommunist bin, hält er gerade mich bei jeder Gelegenheit auf, in der Hoffnung, mich doch noch zu bekehren. Aber jetzt werde ich ihm zu antworten wissen..."
„Der Bote" Mittwoch, den 20. Januar 1937
Die Vereinigten Staaten und Kanada verbindet hier eine lange Eisenbrücke. Ich muss eine Karte lösen um zehn Cents, und wir dürfen hinüberfahren. Kanadische Beamte kontrollieren am anderen Ende der Brücke Pass und Aktentasche, und dann kann ich ein Stückchen nach Kanada hineinfahren.
Tatsächlich, von hier wirkt das Bild unvergleichlich viel wuchtiger, aber im ganzen bleibt dieses Erlebnis, das ich mit soviel Spannung erwartet habe, für mich doch eine große Enttäuschung. Die Wirklichkeit entspricht auch nicht im entferntesten der Vorstellung, die ich mir von diesem Naturwunder gemacht hatte. . .
„Hoffentlich lässt man Sie jetzt auch wieder in die Staaten hinein", meint besorgt mein Fahrer, als wir uns anschicken zurückzufahren. „Es ist nämlich schon vorgekommen, dass jemand schon auf der Brücke war und nun weder von dem einen noch von dem anderen Land hineingelassen wurde. Der Bedauernswerte kann dann auf der neutralen Brücke hin und herspazieren oder sein Zelt mitten auf der eisernen Grenze aufschlagen."
Aber es geht alles glatt. Unser Wagen wird von unten nach Schmugglerware durchleuchtet und meine Tasche sorgfältig durchsucht. Und dann sind wir wieder im gelobten Lande.
Da mein Zug nach Buffalo erst in einer Stunde geht, bleibe ich beim Chauffeur im Wagen sitzen und erzähle dem Amerikaner von Russland, davon, dass meine Geschwister einen Sommer lang von Feldmäusen und Sauerampfer gelebt haben, dass man die wertvollste, die führende Schicht des russischen Volkes ganz planmäßig ausrotte, dass alle Schlüsselstellungen von der Regierung von Juden besetzt seien usw.
Immer aufgeregter wird mein Zuhörer. Von dieser Seite hat er Sowjetrussland offenbar noch nie beleuchten sehen, er hat bis dahin nur Gutes über jenes Land gehört.
„Sowas ist auch bloß in Russland, dem rückständigen Land, möglich," unterbricht er mich, „unser Volk z. B. würde sich das niemals gefallen lassen . . .
„Sagen Sie das nicht," wende ich ein, „wenn diese Denker erst einmal in den Händen haben, den lassen sie so bald nicht wieder los . . ."
Als ich mich von dem sympathischen Mann verabschiede, weiß ich: Hier hast Du wieder einen Kämpfer gewonnen gegen das Verbrechen des jüdischen Kommunismus. Auch Gott hilft. (Quiring agiert hier wie ein geschulter Propagandist des NS-Regimes. Die Verknüpfung von Judentum und Bolschewismus („Jüdischer Bolschewismus“) war das zentrale Feindbild Adolf Hitlers, das Quiring unkritisch übernommen hat. Besonders erschreckend aus heutiger Sicht ist die geistliche Verblendung, mit der er diesen politischen Rassenhass mit dem Namen Gottes („Auch Gott hilft“) verbindet.)
Trotzdem ich die verbliebenen zwei Tage in New York vollpacke bis aufs Äußerste und mir kaum Zeit nehme zum Essen, kann ich doch nur einen Bruchteil von dem kennenlernen, was es in dieser Riesenstadt Sehenswertes gibt.
Am 15. nachmittags, dem Tage meiner Abreise, lädt man mich in meinem Hotel ein zu einer Christbaumfeier. Eine Anzahl meist älterer Leute hat sich in der Halle versammelt, und ich werde von manchen als alter Bekannter begrüßt.
Auch in Goshen und Berne war es mir schon aufgefallen, dass sich die Leute hier nicht etwa mit „Grüß Gott" oder „Guten Tag" begrüßen, wie bei uns, sondern mit „Hallo" und „Wie geht es Ihnen?" Und noch seltsamer berührt es mich, wenn sich jemand, den ich kaum eine Minute lang kenne, mit den Worten verabschiedet:
„Ich bin glücklich, Sie getroffen zu haben..."
Als ich nach der Feier noch einmal in die Agentur des Norddeutschen Lloyd hinunterfahre, um meine Schiffskarte abzuholen, fährt mich der Pförtner an:
„Wo wollen denn Sie hin?"
„Was?! Das ist doch ..." und ich wende mich an den Abteilungsleiter wegen dieser Grobheit.
Erst draußen kommt mir zum Bewusstsein, dass mein Verhalten nicht ganz gerecht war. Der Portier hatte so unrecht gar nicht. Wie sehe ich denn aus! Braune Halbschuhe und dünne Strümpfe bei 15 Grad Frost, ein Mantel, dem man es von weitem ansieht, dass er nicht für mich gemacht wurde, und dünne, abgegriffene Lederhandschuhe. Kleider machen Leute, und wahrscheinlich hat der Pförtner geglaubt, einen der erwerbslosen Landsleute, der um eine Unterstützung bitten will, eintreten zu sehen.
Ganz New York ist bereits weihnachtlich geschmückt. Beim Hinausfahren nach Brooklyn sehe ich auf verschiedenen Stellen vielfarbige Lichterketten quer über die Straße gespannt. Riesengroße Transparente mit weithin lesbaren religiösen Aufschriften werben in den Straßen.
Der Amerikaner hat sichtbarlich eine Vorliebe für das Gewaltige und Ungewöhnliche. Auf manchen Balkons stehen Riesenchristbäume, behangen mit hunderten grellfarbiger Lichter, die bald hell aufleuchten und dann wieder erlöschen — wie eine Lichtreklame. Das ist für unser Empfinden weder hübsch noch geschmackvoll, aber vielleicht würden die Amerikaner über unsere Einrichtungen genau so urteilen, denke ich.
22. Im neuen Deutschland.
Auf unserer „Europa", einem Schwesterschiff der „Bremen", ist kaum durchzukommen, so viele Reisende drängen sich in allen Räumen des Schiffes. Erst als die Besucher von Bord müssen, bekommen wir etwas Luft. Aber es bleibt trotzdem voll, denn über tausend Personen benutzen die Gelegenheit, mit unserem Weihnachts-Dampfer nach Deutschland zu fahren. Mir wird eine zweibettige Außenbordkabine angewiesen, in der sich bereits ein deutscher Arzt aus Chicago eingerichtet hat. Die Kabine ist ausgezeichnet ausgestattet und blitzsauber. So reise ich auf einem deutschen Dampfer dritter Klasse unvergleichlich viel bequemer, als auf der französischen „Lipari" in der ersten und auf der amerikanischen „Western World" in der zweiten Klasse und natürlich auch sehr viel billiger.
Ich möchte während der Fahrt gerne arbeiten und bitte die Schiffsleitung um eine Einzelkabine. Trotzdem unsere Klasse voll besetzt ist, bringt man es fertig, eine Innenkabine für mich freizumachen. Es ist überlieferter Grundsatz auf deutschen Schiffen, jeden vernünftigen Wunsch der Fahrgäste wenn eben möglich zu erfüllen.
Nun bin ich endgültig auf deutschem Boden. Wie einen dieses Gefühl des „Zuhauseseins" doch so ganz einhüllen kann. Es sind eben „unsere" Leute, mit denen ich auf „unserem" Schiff heimwärts reise, keine Russen oder Spanier.
„Der Bote" Mittwoch, den 27. Januar 1937
Leider haben wir gerade in der Deckklasse auch eine Anzahl Slawen an Bord, die ihre Begriffe von Sauberkeit auch auf dem deutschen Dampfer ausleben. Und diese Begriffe decken sich keineswegs mit denen der Deutschen. Keinem deutschen Fahrgast würde es einfallen, Apfelsinenschale oder sonstige Abfälle in irgendeine Ecke zu schleudern oder gar auf den Fußboden zu spucken. Für die Tschechen und Polen ist das selbstverständlich. Natürlich übt das Schiffspersonal mit diesen Fahrgästen weitgehend Nachsicht und bleibt gegen alle gleich höflich und zuvorkommend.
Mit meiner Tischnachbarin — die Fahrgäste sitzen zu zweit an kleinen Tischen — habe ich kein Glück. Es ist ein älteres deutsches Mädchen aus Chicago mit einem Mundwerk für drei. Trotzdem ich noch zugeknöpfter bin als sonst auf Reisen, fällt unser Tisch während der ersten Mahlzeit ringsum auf, und ich atme geradezu erleichtert auf, als meine „Berlinerin" am anderen Tage wegbleibt. Die Seekrankheit hat ihr glücklich den Mund geschlossen.
Aber meine Freude hierüber soll nicht ungetrübt bleiben, denn bald packt diese unästhetische Unpässlichkeit auch mich, und mit dem Arbeiten ist es vorbei. Ich war der naiven Ansicht gewesen, dass das Schaukeln auf so großen Dampfern auch bei höherem Seegang kaum zu spüren sein werde.
Da unsere beiden Decks fast winzig klein und immer besetzt sind, liege ich viel in der Koje und lese noch einmal mit innerer Sammlung Hitlers „Mein Kampf". Kein Deutscher kann beim Lesen dieses Buches unparteiisch bleiben, jeden packt's, und jeder stellt schließlich fest, dass Hitler ihm, dem Lesenden, aus der Seele redet. (Die Formulierung „mit innerer Sammlung“ verdeutlicht, dass Quiring Mein Kampf fast wie eine Andachtsschrift liest. Ende 1936, als Quiring auf der Europa reiste, war das NS-Regime in Deutschland bereits gefestigt, Synagogen und jüdische Geschäfte wurden boykottiert und politische Gegner saßen in Konzentrationslagern. Quirings Begeisterung zeigt, wie stark völkisches Denken damals auch Teile der mennonitischen Eliten erfasst hatte.)
Wie alle Großen ist Hitler einfach und schlicht, und unter seinen Händen werden auch die schwierigsten Probleme durchsichtig und klar. Er versteht es, den Kern seiner ganz großen Angelegenheit mit wenigen Sätzen vor den Leser hinzustellen und den bis dahin mitgeschleppten Wust und das wuchernde Rankenwerk von ihr abzustreifen. —
Das unfreundliche Wetter hält während der ganzen Fahrt an, so dass wir auch von Cherbourg und Southampton wenig zu sehen bekommen. Aber für mich ist die anderthalbjährige Reise ohnedies zu Ende, und in Gedanken eile ich der „Europa" weit voraus.
Im Kanal wird der Nebel so dicht, dass wir auf halbe Fahrt gehen müssen; in kurzen Abständen ertönt das Nebelhorn, um nicht mit anderen Schiffen zusammenzustoßen.
Die kleinen Bullaugen unserer Decks sind jetzt dicht besetzt, denn nun muss ja unser Deutschland bald in Sicht kommen. Aber der Nebel bringt uns auch um diesen ersehnten Genuss der Vorfreude. Ganz unerwartet tauchen am Nachmittag vor uns die Hafenanlagen von Bremerhaven auf. Leider kann die „Europa" nicht gleich festmachen, da eine dicke Eisschicht an der Hafenmauer sie daran hindert. Über eine Stunde lang muss das Schiff hin- und herschaukeln, bis die Eismasse zwischen Dampfer und Kaimauer zerrieben ist. Es ist schon dunkel, als wir endlich anlegen können.
So haben wir's denn glücklich und wirklich erreicht, unser geliebtes Deutschland. An einer gewaltigen, vorn offenen Halle liegt die „Europa" fest. Und dort unten stehen sie, die Menschen, zu denen wir gehören, unsere deutschen Volksgenossen. Eine kleine Gruppe Wartender wandert unten ungeduldig auf und ab. Viele haben Blumen in den Händen. (Der Begriff „Volksgenosse“ war der zentrale Rechts- und Sprachbegriff der NS-Rassenideologie. Er definierte den Einzelnen nicht mehr über seinen Bürgerstatus oder seinen persönlichen Glauben, sondern ausschließlich über die vermeintliche „blutsmäßige Abstammung“.)
Meine Jungs sind bestimmt nicht dabei, das weiß ich, denn vom Bodensee bis an diese nordwestliche Ecke unseres Vaterlandes ist ein weiter Weg. Beamte eilen hin und her, und auch die Polizei mag einen oder den anderen von den tausend Fahrgästen schon erwarten.
Und da stelle ich meinen Fuß endlich wieder auf deutschen Boden. Nun bin ich zu Hause, in der Heimat. Hier kenne ich jede Einzelheit und jede Kleinigkeit. In wenigen Minuten sind die Zoll- und anderen Formalitäten erledigt. Meinen Jungs in Hohenfels drahte ich einen Weihnachtsgruß.
Auf dem Bahnsteig am Ausgang der Halle klingt uns ein flotter Marsch entgegen. In wenigen Minuten sind die bereitstehenden Sonderzüge nach Bremen und Berlin besetzt. Aber meine Hoffnung, dass ich noch am selben Abend werde nach Hamburg zu Bekannten fahren können, soll sich nicht erfüllen, und ich muss in Bremen übernachten.
In Hamburg fahre ich gleich durch nach Altona zu meinen Freunden, der Familie Bernhard Harder. Harder ist Leiter der Hamburger Großstadtmission. Ich treffe ihn in seinem Büro mit einigen Fürsorgeschwestern inmitten einer Menge Liebesgaben, die für die Armen der Stadt vorbereitet werden.
Um hier in der Arbeit nicht aufzuhalten, gehe ich bald zu dem Verleger Hans Harder hinüber. Und dort habe ich eine sehr interessante Begegnung, ich treffe bei Harders den mennonitischen Schriftsteller Alexander Schwarz, dessen Bekanntschaft ich mir schon lange gewünscht hatte.
Aufmerksam sehe ich mir dieses ausdrucksvolle Gesicht an und charakterisiere unwillkürlich: begeisterungsfähig (impulsiv bis leidenschaftlich), klug, gütig.
Hier reift in der Stille der erste mennonitische Schriftsteller von Format, wenn er sich selber treu bleibt und seine Kraft nicht in kleiner Münze verplempert.
Es ist ganz sicher, dass Schwarz nicht das einzige Talent unter uns ist, aber wir sind offenbar keine Mitte, in der Talente gedeihen. Lebte Schwarz unter uns, so würde auch seine starke Quelle sicherlich in kürzester Zeit versiegen.
Kaum jemand von den Botenlesern wird das hochbedeutsame Buch „In Wologdas weißen Wäldern" gekauft haben, während es in Deutschland weite Verbreitung findet. Die größte und führende deutsche Zeitung, der „Völkische Beobachter", brachte einen großen Teil des Buches in Fortsetzungen mit einer sehr anerkennenden Kritik, während wir an diesem Künstler, der doch in erster Linie uns gehören könnte, recht gleichgültig vorübergehen. (Der Völkische Beobachter war das offizielle Parteiorgan der NSDAP. Dass Quiring die positive Besprechung eines mennonitischen Autors (Alexander Schwarz) in diesem Hetzblatt als Qualitätsmerkmal hervorhebt, unterstreicht, wie sehr er nach Anerkennung der Mennoniten durch das NS-Regime strebte.)
Bernhard Harder macht sich für einige Stunden frei, um mir Hamburg zu zeigen. Aber immer noch liegt der milchige Nebel über dem Hafen, so dass ich von Hamburg eigentlich nur eines richtig zu sehen bekomme — den Elbtunnel.
Es ist bereits der 23., und wenn ich am heiligen Abend in Hohenfels sein soll, muss ich mich beeilen. Gegen Abend breche ich auf. Schon lange hatte ich mir vorgenommen, bis Berlin mit dem schnellsten Zug der Welt, dem „Fliegenden Hamburger", zu fahren.
„Der Bote" Mittwoch, den 3. Februar 1937
In den ersten Jahren waren es besonders die seit 1923 aus Russland nach Kanada gekommenen Immigranten, die auf diesen Provinzialversammlungen erschienen. Man nannte sie wohl auch Immigrantenversammlungen. Doch mit den Jahren verwischten sich die Grenzen. Es kommen zu ihnen nunmehr auch Vertreter der seit 1874 hier sesshaften Mennoniten. Und das ist gut so. Wir gehören alle zur großen mennonitischen Familie, die in Kanada allein nach neuester Zählung rund 88,000 Personen umfasst.
„Der Bote" Mittwoch, den 3. Februar 1937
(Aus heutiger Distanz mahnt uns dieser Text, wie anfällig auch Menschen aus unserer eigenen Gemeinschaft für die Versuchungen von Nationalismus, Propagandalügen und Hass sein konnten. Er fordert uns auf, wachsam zu bleiben, wo immer der christliche Glaube mit politischer Ideologie vermischt wird.)
Fortsetzung folgt
Weitere Inhalte
- Deutsche im Sonnenland Hier
-Einwanderung und Anfänge der Mennoniten in Brasilien Hier
- "Geschichten aus der Geschichte der Mennoniten"
Das Programm vom Jahr 2025 - Hier
Das Programm vom Jahr 2024 - Hier
Das Programm vom Jahr 2023 - Hier
Texte, die über Whatsapp angefordert werden können:
-Die Mennoniten Brasiliens sterben aus
- 1930 Weihnachten bei den Deutschrussen im Flüchtlingslager
- Ob der Prediger es schaffen wird, Russland zu verlassen
- Warum wir die Auswanderung verpasst haben
- Nicht alle haben am Roten Tor gesungen
-Ak-Metschet - eine Mennonitenkolonie im fernen Asien
- Russland im Jahre 1929, Der Bote
- Die vielfältigen Rollen der Mennoniten im Holocaust
Helene Berg - mennonitische Hebamme in Molotschna, eine gute Bekannte Himmlers, ein Naziführer
Amalie Reimer - aus Chortitza, Mennonitin, Agentin der Kommunisten, Kollaborateurin der Nazis.
- Ein Besuch bei den Amischen Mennoniten - Cornelius Krahn
-Flucht aus der Hölle Stalins
-Schreckenstage in Moskau Was unsere Eltern in jenen Novembertagen erlebt haben anhand von Berichten der Mennonitischen Rundschau
- Die hutterischen Brüder - Wanderungen und Leid
-Texte:Brautschau eines Predigers, Gehen Mennoniten in der Stadt unter?, u.a.m.
-Die Mennoniten Russlands und die Zaren
-Das tragische Ende der Danzig- Westpreußischen Mennoniten Gemeinden
-Turkestan-Eine mennonitische Auswanderung mit Folgen
- Die Autobiographie Wilhelm Hüberts
- Mennoniten in Polen/Preussen
- Die erste Auswanderung der Mennoniten nach Südrussland
- Tagebuch aus dem Reich des Totentanzes - Ein Bericht über die Zeit von Machnos Terror unter den Mennoniten
- Erinnerungen aus dem alten und neuen Rußland
- Besuch bei den Aultkolonia, Bolivien
- Mennoniten und die Herstellung von alkoholischen Getränken in Russland
- Erinnerungen an Moskau, 1929, Heinrich Martins
- Schwere Verbrechen und Vergehen in Russland
- Was macht mennonitische Beerdigungen so einzigartig?
- Mennonitische Namen
- Reisen eines Schweizers nach Südrussland, 1822-1828
- Über die Abspaltung der Sectierer. Geschichte der Gründung der MBG in Russland in den Augen eines Aussenseiters
- Die Reise von Charbin zum Chaco - Irmgards Vorfahre erzählt dieses Abenteuer
- Lehrer Heinrich Heese (1787-1868) -Die Widerwärtigkeiten eines bedeutenden Lehrers unter den Mennoniten Russlands
-Als der Weltkrieg zu Ende ging, welche Nachrichten unsere Eltern bewegten
- Der "Stundismus" - Eine evangelische (rein russische) Erweckung zur Zeit der Mennoniten in Russland