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Teil 5

   

      Mitten im Dorf steht ein prachtvoller Baum, ein Algarrobo, der seine krummen Äste beinahe bis über die Straße breitet.

     „Der trägt im Herbst Schoten,“ erzählt Siemens, und die Art, wie er das erzählt, lässt darauf schließen, dass er ein guter Beobachter ist, „aus diesen stellen unsere braunen Nachbarn einen Schnaps her, durch den sie dann bei ihren Festen richtig in Stimmung kommen.“

     „Wie heißen denn die Bäume dort, jene struppigen, an beiden Seiten der Straße?“

     „Das sind Rizinusbäume; eigentlich sind das keine richtigen Bäume, sondern eher Sträucher. Das Zeug wächst überall wie Unkraut. Im Sommer sieht das übrigens ganz hübsch aus, außerdem geben die großen Blätter dichten Schatten. Darum heißen sie bei uns auch Schattenbäume. Wo einer der schwarzen Kerne zufällig hingetragen wird, wächst in kürzester Zeit ein Baum.“

      „Ob man die Kerne nicht irgendwie verwerten könne,“ werfe ich ein.

      „Das kann man schon, aber es würde sich für uns kaum lohnen, damit anzufangen. Man macht aus den großen, schwarzen Bohnen das Rizinusöl, außerdem Flugzeugmotorenöl, das den Vorzug hat, sehr dünnflüssig zu sein.“

      „Jene hohen Stauden dort die Ausfahrt entlang, das ist unser Chacosauerampfer. Unsere Frauen verwenden sowohl die dunkelrote, fleischige Frucht als auch die Blätter, und zwar zu Mus, Kuchen, Marmelade u. a.“

      Etwa zwei Kilometer von Friedensruh entfernt kommen wir an Schönwiese heran. Vorn auf dem Ende des Dorfes liegt die Zentralschule, ein ziemlich langes, mit Wellblech gedecktes Gebäude, und ich betrachte mit Staunen und Bewunderung dieses Denkmal auslanddeutschen Lebenswillens. Das soll nun einmal eine andere Gruppe nachmachen!

       Vom ersten Jahr an, vom unsagbar schweren Ansiedlungsjahr, besitzen die Fernheimer diese Zentralschule. Gewiss sind derartige Glanzleistungen fast immer auf die Tätigkeit Einzelner zurückzuführen, hier auf Lehrer Wilhelm Klassen, aber ohne den guten Willen, ohne innere Bejahung und verstehende Mitwirkung der Allgemeinheit wäre ein solches Werk doch nicht möglich.

      Mir fällt auf, dass auf den Höfen so gut wie nirgends Brunnen zu sehen sind.

     „Hat denn nicht jeder Wirt seinen eigenen Brunnen?“

     „Nein, daran können wir vorerst noch nicht denken,“ Ohm Wiebe sagt es. „Die meisten Dörfer haben 2-5 Süßwasserbrunnen, und diese können zufällig auch weit auseinander liegen. Eines der Dörfer, Auhagen, hat überhaupt noch keinen Süßwasserbrunnen und muss alles Wasser etwa drei Kilometer weit von außerhalb heranfahren. Was das für Reinlichkeit und Gesundheit der Leute bedeutet, können Sie sich denken. Und gerade hier in den Tropen, wo man eigentlich immer schwitzt, sollten alle mindestens einmal am Tage baden können.“

     Gleich an Schönwiese liegt Schönbrunn, mein vorläufiges Reiseziel. Meine Begleiter haben sich allmählich verkrümelt, und jetzt steigt auch Wilhelm Klassen ab. Ich bewundere im Vorbeifahren sein schmuckes Haus, das zum Teil zweistöckig ist und darum etwas mehr Raum hat als die meisten anderen.

     Auch Frau Balzer hat um unsere Ankunft schon gewusst. Sie steht gerade am Herd, und ich sehe gerade, wie sie schnell noch einen dicken Hühnerschinken im Grapen zurechtlegt. Hungrig werde ich also im Chaco offenbar nicht.

     Gleich werde ich ins Haus gebeten, das aus einem einzigen Zimmerchen besteht. Balzers haben drei kleine, lebhafte Jungen, die den Onkel aus Deutschland mit ehrfurchtsvoller Neugierde anstaunen.

     Bald wird uns Kaffee vorgesetzt.

     „Daut es mau Kaffiprips,“ entschuldigt die Hausfrau, „wo Se waoren dän fleijht nijh mägen.“

     Auch das Brot ist zu zwei Dritteln aus Kaffir, einer Hirseart, gebacken. Eigentlich sieht der Laib fast so aus wie „Bobbat“, da Kaffirmehl trotz der Hefe nicht hochgeht. Überaus süß ist der aus Zuckerrohr gepresste Syrup, und er schmeckt auch gut.

      Mit Verwunderung sehe ich an Tragbalken und Wänden eine Reihe Gefäße verschiedener Art hängen.

      „Das ist wegen der Ameisen,“ erklärt Balzer, der meinen Blick gesehen hat, „der lästigen Dinger kann man sich hier kaum erwehren. Überall hocken sie drin, und besonders gern im Brot, im Schmalz und im Zucker. Wenn übrigens die Drähte, an denen die Gefäße hängen, nicht eingefettet werden, erreichen die Ameisen ihr Ziel dennoch.“

      Balzer scheint übrigens meinen heimlichen Wunsch zu ahnen. Gleich nach dem Kaffee hängt er vor die eine Ecke der im Bau begriffenen Küche ein Segeltuch auf, stellt mir eine Schüssel und einen Eimer mit Wasser hin, und ich darf mich endlich abbohnern. Ist das eine Wohltat! Nach diesem viertägigen Staubbad!

      Unvermittelt bricht im Chaco die Dämmerung herein, und unsere erste Hühnersuppe genießen wir schon beim Schein eines kleinen Lämpchens.

      Dabei sehe ich an der Wand eine große Spinne hochklettern. Ihre Beine mögen 4-5 cm lang sein, und der Rumpf ist merkwürdigerweise flach wie eine Münze. Ich bin kein Freund von Spinnen und mache Balzer auf das Tier aufmerksam.

      „Ach, die sind zwar groß, diese Spinnen, aber harmlos,“ sagt er, „jedenfalls haben sie uns noch nie was getan.“

      Da das Haus keine Decke hat, können auch diese Viecher, wie viele andere, ungehindert hereinspazieren.

      Bald nach dem Abendessen begeben wir uns zur Ruhe. Im Zimmer ist es trotz der Drahtgitterfenster schwül und sehr warm. Und das mitten im Winter!

      Balzer fragt mich, ob er den Fensterladen vor meinem Bett schließen solle, die Zugluft sei hier im Chaco besonders gefährlich und die Lungenentzündungen außerordentlich hartnäckig. Aber ich fürchte, bei geschlossenem Fenster überhaupt nicht schlafen zu können, und will es lieber einmal so versuchen.

       Gleich der erste Tag im Chaco, ein Sonnabend, wird für mich ein eigenartiges Erlebnis. Ich genieße den ersten richtigen Sandsturm. Fast genau aus Nordosten kommt er.

      Um die Hausfrau in ihrer Arbeit nicht zu behindern, stelle ich meine Schreibmaschine draußen auf einen Stuhl, setze mich auf einen Baumstumpen und fange an zu arbeiten. Aber von meiner Arbeit soll vorerst noch nicht viel werden. Ein Nachbar nach dem anderen kommt herüber, um dem Deutschländer „guten Tag“ zu sagen. Wieder begegne ich einem Bekannten, Peter Löwen, dem Bruder meines Schwagers, der heute in Kanada ist. Er lädt mich zum Mittagessen ein.

      Bald müssen wir doch wieder das Zimmer aufsuchen, so pfeffert uns der Sturm den Sand in die Augen. Nimmt der die Backen voll! Wie besessen hetzt er hinter den großen Staub- und Sandwolken her. Aber der Unterschied zwischen drinnen und draußen ist während eines Sturmes nicht sehr groß. Auch im Zimmer staubt’s, wie weiland in Russland bei der Dreschmaschine. Hui, pfeift das um die Ecken des Hauses! Und da fegt er gerade wieder eine volle Zimmerladung durch das offene Fenster. Die Kinder scheinen dieses Unwetter gewohnt zu sein, nur Hans reibt sich ab und zu die geröteten Augen, und der kleine Peter, der in der Wiege strampelt, muss immer wieder niesen.

      „Ist das nicht wie der Buran in Orenburg?“ fragt Löwen und zeigt zum Fenster hinaus. „Bald aber kommt das noch ganz anders. Wir stehen jetzt erst am Anfang. In den ersten Wintermonaten treibt er’s noch nicht so toll, der Sturm, dann aber gibt er sich immer ungenierter. In der zweiten Hälfte des Winters bläst er manchmal zwei Wochen ununterbrochen, und das bei 42 Grad C im Schatten! Es ist ein Glück, dass er sich an eine gewisse Ordnung hält. Morgens pünktlich zwischen acht und neun Uhr beginnt er sich auszupustern, um sich zwischen vier und fünf Uhr nachmittags wieder abzuregen. Nach dem Sturm haben wir meistens ganz wundervolle Abende und völlig windstille Nächte.“

       Löwens haben die Fenster an einer Seite des Hauses geschlossen. Dadurch wird es im Zimmer fast dunkel und noch schwüler.

      „Wan de Henabroaden de Schtähnen gnorsche sull, da mott 'e Se sijh nijh wundern,“ meint die Hausfrau.

      Nein, das tue ich bestimmt nicht, im Gegenteil, ich werde mich wundern, wenn es nicht knirschen sollte. Eigentlich wundere ich mich schon jetzt im Chaco über gar nichts mehr oder über alles. Es ist das eine ganz andere und völlig neue Welt, in die ich da gekommen bin. Aber brennend interessant ist sie, und was haben da die kleinen Unbequemlichkeiten schon zu bedeuten! Ich bin begierig, diese ganze geheimnisvolle Chacowelt kennenzulernen.

„Der Bote" Mittwoch, den 12. Februar 1936

 

 

       Der Nachmittag bringt mir eine freundliche Überraschung. Frau Esau von über der Straße kommt zu Löwens, begrüßt mich und sagt:

      „Hia ha etj däm ditschländschen Onkel waut jebrocht,“ und ich sehe, wie sie etwas offenbar Schweres in der Schürze hochhebt. Da tut sie die Schürze auseinander und legt eine prachtvolle Arbuse auf den Tisch. Jawohl, eine richtige Arbuse, eine grüngesprenkelte, und das mitten im Winter!

      Fünfzehn Jahre lang habe ich keine Arbusen mehr gesehen: d.h. einmal doch, und zwar im Schaufenster eines Konstanzer Lebensmittelgeschäftes ein Pfund für RM. 2.50.

     „Jao, de haud sich em Goede en bat feschtoeke," sagt sie, "on etj docht so, de Onkel wud sejha aul lang tjene Arbuse jejäte han."

      „Na, daut haft 'a nijh,“ und ich nehme gleich ein Messer und „schpunje" sie erst sachmäßig an, die Arbuse. Feuerrot ist sie und saftig. Dann schneide ich ihr an den beiden Enden, wie sich das gehört, die Kappen herunter und setzte das Messer an.

       Rrrrt... sagt es, und meine Arbuse spaltet sich der Länge nach von selber auf. Ein gutes Zeichen. „Sogoa daut Aobraumtje es noch fresch", sagt Frau Löwen. „Daut Aobrautje?" frage ich verwundert.

      „Jao, daut Meddelschte; men etj so het daut hia.”

      „Ach so,.."

      Und dann lange ich zu. Höflichkeitshalber lade ich auch die Frauen ein mitzutun. Aber sie lehnen dankend ab. Vielleicht sind sie der Meinung, dass ich die Arbuse auch allein zwinge. Und ich leiste mein Möglichstes, schaffe es aber doch nicht.

     „Schnettje on Orbüs", denke ich, und Frau Löwen spricht es aus.

     „Em Comma, da jeft daut noch gauns aundre Arbusen, sone, de bat siwontjäwentish Punt han. Da mot Se emaol to de Schnettje on Orbus kaome".

       Wird gemacht.

       Und Taunte Eseiwsche hatte seit der Zeit bei mir einen Stein im Brett. Ein Mensch, der daran denkt, durch solche „Kleinigkeiten" Freude zu machen, muß ein guter Mensch sein.

      Sonntag früh rüsten wir zum Kirchgang. Bei besonderen Anlässen halten die drei genannten Dörfer ihre Gottesdienste gemeinsam in der Zentralschule ab.

     Es ist ein eigenartiges Gefühl, nach bald fünfzehn Jahren wieder durch ein auslanddeutsches Dorf zu gehen. An beiden Seiten der Straßen bewegen sich Gruppen und Grüppchen feiertäglich gekleideter Menschen der Kirche zu.

       Als wir an die Schule herankommen, dringt schon mehrstimmiger Gesang durch die Drahtgitter. Und dann sehe ich sie wieder, meine gequälten Volksgenossen aus Rußland. Kopf an Kopf sitzen sie da; das ganze Haus ist dicht besetzt. Vorne am Eingang sitzen die Frauen und weiter hinten die Männer. Hunderte Augen richten sich auf den Gast.

       Mit einem Blick umfasse ich die ganze Versammlung.

      „Aber wie sehen diese Menschen aus," ist mein erster Gedanke. Es sind nur Sekunden, die der Gesamteindruck auf mich wirken kann, aber dieser ist irgendwie niederdrückend. Ich sehe in viele, viele müde, versorgte, abgespannte und meist magere Gesichter. Vielleicht ist es auf die Wirkung des ungewohnten Klimas zurückzuführen, denke ich, dass so gut wie keiner unter ihnen wirklich frisch aussieht.

       Aber da ist in diesen Gesichtern doch noch etwas anderes, etwas für mich Neues, Fremdes, über das ich mir nicht sofort klar werden kann.

      Vor uns sitzt der Gesangchor; er singt zwischendurch ein Lied. Dann singt irgendjemand aus der Versammlung eines vor, ein zweites, drittes. Aber man singt keine Choräle, wie ich mit Bedauern feststelle. Eines der Lieder gehört sogar unter die leichten englischen Hopfer, die musikalisch nicht viel mehr wert sind als die Niggerjazz (eine damals gängige Art, sich abfällig über Menschen anderer Hautfarbe auszudrücken).

      Die Einrichtung der Vorsänger ist verschwunden; überhaupt gilt im Chaco bei allen gottesdienstlichen Versammlungen, zu denen sich alle drei Gemeinderichtungen zusammenfinden, die Ordnung der Brüdergemeinde.

      Nach der Predigt richte ich Grüße aus von Herrn Prof. M. B. Unruh und dem Deutschen Ausland Institut in Stuttgart. Ich erzähle auch kurz von Deutschland, von der kommunistischen Gefahr dort und dem starken Damm, den die Nationalsozialisten gegen diese asiatische Flut aufgeschüttet haben.

       „Wir haben es in Deutschland nicht begreifen können," erzählt mir am Abend eine Frau, „dass auch dieses schöne kluge Deutschland so kommunistisch werden könnte. Wenn wir in Prenzlau unsere Kinderchen auf den Friedhof trugen, schrien uns die Kommunisten ins Gesicht: „Arbeitermörder, Verräter, Ausbeuter", und warfen mit Steinen nach uns. Auch in Deutschland konnte die große Furcht darum nicht von uns weichen, und erst hier im Chaco wurden wir wieder ganz ruhig. Wie froh wären wir, wenn Deutschland vor dem Schrecklichen bewahrt bliebe "...

 

 10. Drohende Kriegsgefahr

 

      „Se woeren doch aoba nijh foets losoebeide welle?" mein neuer Bekannter in Lichtfelde fragt es. Da gerade er mir viel helfen soll, habe ich ihm soeben erzählt, daß ich vorhabe, ein Buch zu schreiben über den Chaco, und zwar in etwa drei Monaten. Ein Buch über ihre schweren Erlebnisse vor Moskau. die Flucht nach Deutschland, die Weiterwanderung nach Paraguay, über die unsagbar schweren Anfänge im Chaco, die Lebensmöglichkeiten hier, die Landwirtschaft, die Schulen usw.

       „Und das alles in drei Monaten?" ungläubig fragt ers. Daran erlaube ich mir doch zu zweifeln, ob Sie das in der kurzen Zeit fertig bringen. Nicht geringe Schwierigkeiten werden Sie da zu überwinden haben. Schon allein der Sandsturm und die Hitze! Die ermüden den Europäer hier in den ersten Monaten sehr stark, Und außerdem: wenn Sie den Chaco wirklich in- und auswendig kennenlernen wollen, müssten Sie mindestens ein ganzes Jahr lang hier sein? Sie lachen? Aber Sie werden ja sehen.

       Eigentlich hat er so unrecht nicht, mein Gastgeber. Alles, aber auch alles ist hier anders als in Deutschland. Klima, Wachstum, Aussaat und Ernte, alles müsste ich selber erlebt haben, um es richtig beurteilen zu können.

      „Nein, nein, Zeit sollten Sie sich schon lassen," drängt er weiter, hier im Chaco sind wir ohnedies nicht so zeitknickrig wie Sie in Europa. Das mag unser heißes Klima mit sich bringen. Jetzt sollten Sie erst einmal ohne Ungeduld durch die Dörfer reisen, erst einmal richtig „spazieren“ und sich ein bisschen umgucken. Die Leute haben von Ihrer Ankunft schon gehört und wollen Sie jetzt auch kennenlernen."

Auch das ist zweifellos richtig.

     „Se mote efach fon Darp to Darp foere, fon Henabraode to Henabraode"... Jawohl hungern brauchen Sie bei uns nicht. Unsere Hühner legen und brüten das ganze Jahr hindurch.

Und so fahre ich denn los. Innerlich etwas unruhig zwar, weil es mich zur Arbeit drängt, aber es ist sicher gut so, wenn ich mir erst einmal einen allgemeinen Überblick verschaffe. Die sechswöchige Reise hierher hat mich kein bisschen ermüdet, und ich bin völlig frisch. Aber höchstens drei Ferienwochen will ich mir jetzt im Urlaub zubilligen, und soll's losgehen, mit Volldampf.

       Ich bin wieder in Schönbrunn, als sich die Nachrichten von einer drohenden Kriegsgefahr zwischen Paraguay und Bolivien verdichten. Bald springen wilde unkontrollierbare Gerüchte von Dorf zu Dorf. Der Krieg soll bereits erklärt sein, erzählt "man", und die Feinde sollen Hoffnungsfeld, das vor der Ansiedlung Menno liegt, bereits besetzt haben. Also wären wir abgeschnitten!

     Das fehlte gerade noch! Da wäre ich also direkt in den Schlamassel hineingefahren. An ein ernsthaftes Arbeiten wird unter diesen Umständen kaum zu denken sein. Am 29. Juli überfliegt ein bolivianisches Flugzeug die Ansiedlung. In den Dörfern steht jung und alt draußen, hält die Hände schützend vor die Augen und starrt zu dem glitzernden Vogel hinauf.

      Über Philadelphia dreht er einige Schleifen, schießt plötzlich steil herunter und feuert einige Garben aus dem Maschinengewehr auf die wenigen Häuser nieder. Alles stiebt dort auseinander. Die Kugeln klappern wie Hagelkörner auf das Blechdach. Zum Glück wird niemand getroffen.

     Die Siedler sind unruhig. Die Erinnerung an vieles in Russland Erlebte wird wieder lebendig. Sollte nun auch hier das bekannte Auf und Ab der Fronten und Banden kommen?

     Die Bolivianer sollen fast ausschließlich Indianer sein, wilde und rauhe Burschen, und die Kolonisten machen sich auf das Schlimmste gefasst. Alles sitzt wie auf Nadeln, und man spricht nur noch vom Krieg.

      Wie ein Blitz aus heiterem Himmel schlägt die Nachricht ein, dass die ganze Ansiedlung auf Befehl des Kriegsministeriums in kürzester Frist geräumt werden solle. Außerdem müssen dem Truppenkommando sofort dreißig Ochsenfuhrwerke zur Verfügung gestellt werden.

       Fernheim fiebert! Dieser Befehl ist Wahnsinn! Ihn ausführen, heißt sich das eigene Grab schaufeln. Das ist leicht gesagt: die Ansiedlung ist sofort zu räumen. Aber wie? Wohin sollen die Kolonisten gehen? Die ganze Ansiedlung hat nicht einmal siebzig Wagen. Dreißig sollen die Siedler an die Truppen abgeben, und auf den verbleibenden vierzig können nicht einmal genug Lebensmittel für einige Wochen mitgenommen werden. Und die Kinder und Frauen, die Kranken und Alten aus siebzehn Dörfern? Nein, nein, diesem Befehl zu gehorchen wäre gegen jegliche menschliche Vernunft.

      Flusswärts sollten sie abziehen, hat man ihnen sagen lassen. Kleinigkeit! 250 km zu Fuß durch dichtesten völlig wasserlosen Urwald zu marschieren. Aber auch wenn sie den Fluss erreichen sollten, so wären sie auch dort immer noch in der Wildnis. Geld hat die Regierung für diese Übersiedlung keines, das auszurichten, hat sie nicht versäumt. Die Flüchtlinge wären also völlig auf sich selber angewiesen.

     Dass man den Bolivianern die deutsche Ansiedlung, diese ausgezeichnete Basis für kriegerische Unternehmungen, nicht gönnt, ist zwar verständlich. Was bedeuten für das Heer allein schon die Brunnen! Aber trotzdem: der Befehl ist eine gedankenlose Grausamkeit und ihn auszuführen, heißt Selbstmord verüben. Das ist die allgemeine Ansicht.

      Ich bin gerade bei Martens in Waldesruh, als ein Nachbar vom Kolonieamt einen Zettel bringt, der jene schlimmen Nachrichten voll bestätigt. Das Rundschreiben lautet:

     „Es ist eben Befehl eingelaufen vom Kriegsministerium, dass unsere Kolonie zu evakuieren hat

      Unsere Vordermänner fahren sofort nach Isla Poi, um dieser Sache halber dort zu verhandeln.

      Im Falle, dass sich aber nichts ändern lassen und unsere Regierung darauf bestehen bleibt, so raten wir den Bürgern, sich auf längere Zeit mit Gebäck zu versorgen, da nicht zu wissen ist, was sich noch ereignen kann.

      Ferner hat jedes Dorf zu heute Abend eine Person herzuschicken, um weitere Nachrichten einzuholen."

                                                                   Das Amt: gez. Harder.

      „Da haben wir die Bescherung," sagt Onkel Martens. „Was tun? Sollen wir uns wirklich fertigmachen? Ich kann es nicht glauben, dass unsere Leute sich auf diese Sache einlassen."

       Ich sehe beim Nachbar einige Männer am Zaun stehen und gehe hinüber.

     „Nun, werdet Ihr wirklich aussiedeln?" frage ich unvermittelt.

      Aussiedeln? Niemals! Unsere Ansiedlung räumen wir nicht! Die wissen ja dort oben gar nicht, was sie da von uns verlangen! Räumen heißt sterben, das ist sicher, und dann soll man sich doch lieber gleich hier begraben lassen. Ich jedenfalls bleibe hier, auch wenn alle flüchten..."

     „Was raten Sie uns?" fragt man mich.

     „Hierzubleiben, denn dass Ihr unter diesen Umständen heil in das östliche Paraguay kommt, glaube ich nicht."

      Onkel Martens hat für mich ein paar alte Hosen hervorgesucht und einen arg mitgenommenen Rock. Auch ein Strohhut, dessen Deckel mit schwarzem Zwirn festgenäht ist, liegt bereit...

       „On plautditsch tje Ji uck aus bille en plautfotja Mennist," sagt er, „wann de Boliviauna kaomen, se Ji efach min Sän, o foedijh."

      "Jao, Faoratje."

„Der Bote" Mittwoch, den 19. Februar 1936

 

 

       Den fälligen Hühnerbraten nehme ich bei Gerhard Isaak zu mir. Es ist der fünfzehnte in genau vierzehn Tagen, manchmal mit Bobbat, manchmal ohne, hier braun und knusprig gebraten, dort etwas blass und weich, und zwischendurch auch mal eine Hühnersuppe.

      An die Süßkartoffel, die Batate, habe ich mich rasch gewöhnt, sie schmeckt vorzüglich, wenn nur die mennonitischen Soßen nicht so fett wären. Reines Fett mit manchmal ein bisschen „Mengsel“ genießen die Kolonisten zu allen Hauptmahlzeiten. Ich wundere mich, dass die Menschen bei so viel Fettgenuss in den Tropen gesund bleiben.

     „Daut bättje Fatt woat doch nusch'n schoaden,“ meinen sie.

      Wir sitzen gerade bei der Nachtspeise, beim Rossellamuss, das so gut schmeckt, als ich etwas ganz Seltsames die Straße heraufrasen sehe.

      „Was ist denn das?“ Mit einem Satz bin ich draußen und stürme an die Straße.

      „Ein Strauß!“ höre ich einige Kinder schreien.

     „Wahrhaftig, ein richtiger Strauß!“ Mit geradezu fantastisch langen Schritten kommt er die Straße heraufgesegelt. Eigentlich wirkt es komisch, wie er seinen langstieligen Hals hochreckt und verwirrt und hilflos nach allen Seiten äugt. Was der für lange Schritte macht! Immer wieder versucht er nach rechts abzubiegen, aber offenbar sieht er den Stacheldraht gar nicht, der ihn daran hindert.

     Als ihm die Kinder gar zu nahe kommen, wirds ihm doch zu gefährlich. Mit einem entschlossenen Ruck setzt er über den Zaun, und nun fegt er über das breite Grundstück dem schützenden Busche zu, dass eine große Staubwolke hinter ihm hochgeht. Weg ist er!

      „Wie in richtigen Indianergeschichten ist das hier“, sage ich zu Ohm Isaak und entschuldige mich, dass ich so formlos vom Tisch weggerannt bin.

     Aber alles passt hier zusammen. Der tiefe Sand der Landstraße, die dickbäuchigen Flaschenbäume dort auf dem Grundstück des Schulzen Rempel, die hochstrebenden Kakteen dort am Buschrand, das hohe Kampfgras und die grelle Sonne. Ein „Sonnenland“, aber gerade darum auch mit sehr viel Schatten.

     Der Oberschulze ist sofort nach Eingang jenes Befehls in das 50 km entfernte Fort Isla Poi hinausgefahren, um beim Armeeoberkommando eine Abänderung oder Rücknahme des unsinnigen Räumungsbefehls zu erwirken. Mit größter Spannung wartete die ganze Ansiedlung auf seine Rückkehr.

     Abends wird in der Schule eine Gebetsstunde abgehalten. Einträchtig versammeln sich im Chaco alle die drei verschiedenen Gemeinderichtungen. Längst haben sie erkannt, dass die meisten Unterschiede, an die sie bis jetzt so fest glaubten, in Wirklichkeit gar nicht bestehen.

     Lange sitzen wir abends wartend unterm Schattendach. Onkel Martens ist ein guter Erzähler, und ich höre ihm gerne zu. Der nach Philadelphia entsandte Bote aber kommt und kommt nicht. Mitternacht ist schon vorbei, als wir uns endlich entschließen, ins Bett zu gehen.

      Ich kann noch nicht lange geschlafen haben, als es klopft.

     „Wi tjennen bliwen!“ höre ich jemand am Fenster sagen.

      Gott sei Dank! Wie eine Erlösung wirkt das! Nun ist wenigstens Zeit gewonnen.

      Ich sehe auf die Uhr. Der kleine Zeiger steht auf drei. Jetzt endlich kann ich einschlafen.

     Drei Wochen bin ich unterwegs. Ich gehe viel zu Fuß, fahre gelegentlich auch auf Ochsenkarren, wenn mich jemand mitnehmen will, bin hier zum Mittagessen und dort zum Abendessen eingeladen und lerne so ein gut Stück der Ansiedlung kennen. Manchmal besuche ich vier bis fünf Familien an einem Tag.

     Und gerade das ist richtig, merke ich bald. Allerhand bekomme ich so über den Chaco zu hören und kann mir bald ein ungefähres Bild von dem Leben in dieser Buschwüste machen.

     Dann aber gebe ich mir doch einen Ruck und breche das bequeme und so angenehme „Spazieren“ kurz ab. Wenn ich mit meiner Arbeit bis Weihnachten fertig sein will, muss ich baldigst beginnen.

      Mitte August siedle ich in die „Stadt“ über. Heinrichs und Funk haben für mich neben ihrem Büro ein Zimmerchen freigemacht. Es ist ein kleiner Raum mit einer Decke teils aus Holz, teils aus Wellblech. Es gelingt ihnen auch, irgendwo ein kleines wackeliges Tischchen, einen „Kreuzbein“, zwei Schemel und ein Feldbett aufzutreiben. So sind Büro und Schlafzimmer in kürzester Zeit fertig.

    Sogar einen Fensterladen, den ich bei Bedarf an einem Strick hochziehen kann, lässt man bei mir anbringen. Und als Heinrichs von irgendwoher Stoff auftreibt und einen halben Fenstervorhang machen lässt, komme ich mir reich beschenkt vor.

     Aus dem Haufen leerer Kisten hinter dem Konsum suche ich mir zwei größere heraus, um meine Lederkoffer draufstellen zu können. Das ist wegen der Ameisen dringend notwendig, meint Heinrichs. Die Termiten können über Nacht das ganze Leder verspeisen, so dass für mich nur noch die Eisenteile übrigbleiben.

     Ja, diese Chacoameisen. In fast jedem Hause haben sie irgendwo ein Nest, oft mitten im Zimmer, und sind durch gar nichts zu vertreiben. Der Kampf mit diesen Schädlingen sei aussichtslos, sagen mir die Siedler immer wieder. Alles Mögliche hätten sie schon versucht, um diese Plage wenigstens aus den Zimmern loszuwerden, aber vergebens. Gift, heißes und kaltes Wasser, Asche, das Nachgraben der oft über hundert Meter langen Gänge, das Verstopfen der Ausgänge, alles ist bereits versucht worden, aber nichts, gar nichts hilft.

      Einige von den Ameisenarten sehen geradezu gefährlich aus, besonders die großen Schlepperameisen, die den Kolonisten am meisten zu schaffen machen. In einer einzigen Nacht können sie sämtliches Gemüse und alle Obstbäume eines Hofes vernichten.

    In langem Zug kommt die braune Gesellschaft angekrabbelt. An beiden Seiten des wimmelnden Streifens marschiert die Wache - gepanzerte Soldaten. Diese sind etwas größer als ihre Artgenossen und haben einen unverhältnismäßig großen Kopf. Ihr ganzer Leib glänzt wie braunes Metall.

     Merkwürdige Schleifen und Kurven machen sie auf ihrer Wanderung. Hier schiebt sich ein Zug durch unser Schlafzimmer, kriecht unten an der Tür durch in den Nebenraum, klettert einen Ständer hoch, weiter den Tragbalken entlang, die Wand hinunter und in der Ecke wieder hinauf, bis endlich der Kaffirhaufen auf dem Boden gefunden ist.

     Jede Ameise nimmt eines der großen Körner zwischen den Scheren auf den Kopf und schleppt mit ihm ab. Wie ein langer Zug Lastträger sieht das aus. Aber nun geht es nicht etwa auf dem kürzesten Wege zum Bau zurück, nein, stumpfsinnig trotten sie dieselbe kurvenreiche Straße wieder entlang und nehmen mit ihrer Last noch einmal alle die schwierigen Hindernisse.

     Ist die Strecke sicher, so helfen die Soldaten auch mit, ist aber Vorsicht geboten, so geht die Wache, stets abwehrbereit, neben dem Zuge her. Stundenlang kann ich diesen unbequemen Hausgenossen zuschauen.

     Einmal suchte ich mir im Schein der Taschenlampe eine Ameise, die nicht zu den Schleppern gehört, und setzte sie in den lebendigen Zug, und zwar an einer Stelle, wo gerade keine Soldaten zu sehen sind. Augenblicklich kommt die Kolonne ins Stocken und gerät durcheinander. Manche Träger lassen ihre Last fallen und stehen scheinbar fassungslos da. Alles rennt hin und her.

     Aber das ist nur scheinbar eine Verwirrung. Schon brausen zwei Soldaten, auf unerklärliche Weise verständigt, wie kleine Panzerwagen heran. Alles macht ihnen Platz, und da haben sie den Feind auch schon beim Wickel. Dieser ahnt längst die Gefahr und hat sich vergebens bemüht, den starken Ring der Feinde zu durchbrechen. Gleich der erste Soldat, säbelt ihm glatt den Kopf vom Rumpf. Dann ordnet sich der Zug rasch und setzt sich wieder in Bewegung.

„Der Bote" Mittwoch, den 26. Februar 1936

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