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Teil 6

Deutsche im Sonnenland

       Bei einer Familie, die ich besuche, müssen die Töchter des Hauses mir ihr Zimmer einräumen. Man hat mir in der Fensterecke ein Bett gerichtet. Bevor ich einsteige, leuchte ich die mir unbekannte Gegend vorsichtshalber noch einmal mit der Taschenlampe ab. Was ist denn das da an der Wand? Ein langer schwarzer Zug zieht die Wand hinauf auf den Dachboden. Tausende großer Ameisen sind es, und alle nehmen den Weg über die der Wand zugekehrte Seite meines Kissens.
      Das ist nur denn doch zu ungemütlich. Leise ziehe ich das Bett etwas von der Wand weg und scharre die Ameisen vom Kissen herunter. Aber mein Gastgeber hat es doch gehört.
      „Sie brauchen keine Angst zu haben,“ sagt er, „die Ameisen tun Ihnen wirklich nichts. Die wohnen dort schon über ein Jahr.
     Das glaube ich gern, aber ich bin doch lieber allein im Bett.
     Aber einer der Kolonisten, ein Canadadeutscher, ist mit seinen Ameisen doch fertig geworden. Und das auf eine höchst einfache, aber originelle Weise.
     Wochenlang hat er sich schon mit den Tieren abgequält und herumgeärgert. Ausgerechnet mitten in der „großen“ Stube haben sie sich eingenistet. Und was hat er nicht schon alles versucht, um sie loszuwerden, hat das Loch unzählige Male zugeschmiert, hat Wasser hingegossen und flüßigen Teer. Aber alles ist vergebens gewesen.
     „Aber nun erst recht“, denkt der Dickschädel, „euch wird schneller die Puste ausgehen als mir.“ Und er grübelt tagelang auf Abhilfe. Und da kommt ihm eine Erleuchtung.
     „Totschlagen soll man die Dinger, einfach totschlagen, dann sind sie weg.“
     „Ja, da kommen doch immer wieder welche aus dem Loch,“ wendet seine Frau ein.
     „Das schon, aber irgendwann einmal müssen die Viecher auch da drinnen doch alle werden, oder nicht? Man muss nur nicht gleich nachgeben.“
     Ein Indianer wird angestellt, alle die aus dem Loch kriechenden Ameisen zu töten. Tagelohn: zehn „Kuffel“ Bohnen. Das ist für den Indianer ein glänzendes Geschäft. So kann er sich ja in wenigen Tagen buchstäblich ein Vermögen zusammenklopfen.
      Der Bauer drückt ihm einen kleinen Eisenhammer in die Hand.
      „Hier, und jetzt los!“
      Und der Indianer beginnt zu klopfen. Mitten im Zimmer sitzt der braune Mann und klopft und klopft Stunde um Stunde. Seine Geduld ist unerschöpflich. Stumpfsinnig sitzt er da, hämmert und hämmert, wischt von Zeit zu Zeit den feuchten Hammer ab und denkt an seine Bohnen.
("Stumpfsinnig sitzt er da"Das ist eine vorurteilsvolle Beschreibung. Der Schreiber schaut auf jemanden einer anderen Kultur und "genießt" es, dass er und seine Leser vermeintlich auf einer "höheren" Kultur stehen. Er kann sich nicht hineindenken, wie ungeschickt er aussehen würde, wenn ein Indianer ihm Pfeil und Bogen geben würde und ihn beauftragen würde, damit ein Wild im Gestrüpp Chacos zu erlegen. Quiring ist darin ein Kind seiner Zeit, die meisten Schreiber seiner Tage würden die Dinge ebenso sehen und beschreiben.)
     Drei Tage lang geht das so. Dann stutzen die Ameisen doch, beginnen weitläufiger zu werden und bleiben schließlich ganz weg. Der Kolonist hat gesiegt.
      „Ha etj Di nijh jesajht?“ meint er nüchtern zu seiner Frau, „etj woa de Tjräten wisen. Daut es doch tjene Sach: medden enne grote Schtaow!
     Das ist mein Mann. Den muss ich kennenlernen.
     Auch in meinem Zimmer in Philadelphia wimmelt es von Ameisen, als ich einziehe. Zwei Sorten unterscheide ich, eine große schwarze und eine etwas kleinere braune.
     Wie man sie vertreibt, weiß ich ja jetzt und fasse mich in Geduld. Ich ziehe meinen roten Vorhang zu, um von außen nicht beobachtet zu werden, stelle einen meiner Schemel vor das Loch und beginne meine Arbeit in Ermangelung eines Hammers - mit den Füßen.
     Es dauert eine ganze Weile, bis die Ameisen merken, dass da irgend etwas nicht stimmt. Aber dann kapieren sie's schließlich doch. Schon nach einer halben Stunde wird der Strom dünner und nach weiteren dreißig Minuten versiegt er völlig. Das war ein leichter Sieg.
     Ganz plötzlich hat der Wind umgeschlagen. Er bläst jetzt genau vom Süden, und es ist empfindlich kühl. Ich friere jämmerlich in meiner offenen Bude. Nachts dient mir mein dünner Mantel als Unterbett, die Aktentasche als Kissen; aber trotzdem ich mich in meine Reisedecke förmlich einwickele, werde ich doch nicht warm.
     Die Leute, die ins Amt kommen, haben alle Mäntel an und gehen geduckt und frierend einher. Sie sind in den wenigen Jahren stark verweichlicht und sehnen sich immer gleich nach der warmen Sonne. Dort sehe ich einen Kolonisten sogar in russischen Filzstiefeln vom Sägewerk herüberkommen. Filzstiefel in den Tropen. Im Tropenhelm am Nordpol!
     Bald bringt Heinrichs mir ein richtiges Bett, das Bett übrigens, in dem der Paraguayische Staatspräsident hätte schlafen sollen, einige Decken und sogar ein Kissen. Doch da schlägt auch der Wind schon um, beginnt aus seinem berüchtigten Backofen, aus Nordost, zu blasen, und wir sehnen uns schon wieder nach dem kühlen Südwind.
 
 
11. Werktag in Fernheim.
 
       Zum zweitenmal komme ich im August nach Lichtfelde. Als ich eines Tages am Nachmittag in das benachbarte Rosenfeld hinübergehe, werde ich am Ende des Dorfes von einer Frau Funk angehalten. Sie hält ein hübsches, etwas blasses Mädelchen auf dem Arm.
     „Entschuldigen Sie“, sagt die Frau schüchtern, „Sie sind doch ein Doktor? Da wollte ich Sie sehr bitten, mein krankes Kind einmal zu untersuchen. Vor einigen Tagen war es noch ganz gesund, und jetzt scheint sich ihm der Hals zuzuschnüren. Es atmet so sehr schwer und ist auch immer ganz heiß . . . “
      „Leider kann ich Ihnen nicht helfen, ich bin nicht Arzt . . .“, antworte ich.
      „Ach, das ist schade. Wenn ich dann wenigstens die Frau Derksen von Rosenort holen lassen könnte“, meinte die Frau und fängt an zu weinen, „aber mein Mann ist an der Bahn, und die Nachbarn mag ich nicht bitten . . . An dieser Krankheit sind hier schon eine ganze Reihe Kinder gestorben. Wenn wir nur wüssten, was das ist . . .“
      Ich unterhalte mich noch etwas mit Mutter und Kind, tröste sie so gut ich kann und gehe nach Rosenfeld weiter.
      Die Rosenfelder kamen alle aus Polen in den Chaco. Sie gelten als besonders fortschrittliche Landwirte und stehen ihren Volksgenossen aus Russland nicht nach.
     Im ersten Hause, einem zweistöckigen, des einreihigen Dorfes, wohnt die Familie Kliewer; d.h. es wohnen hier drei Generationen in einem Hause. Die Urgroßeltern sind bereits über achtzig Jahre alt und heute noch rüstig bei der Arbeit.
     Mit Kollege Kliewer, der in Lichtfelde Lehrer ist, gehe ich durch das ganze Dorf. (Das ist wohl Lehrer Fritz Kliewer, der später nach Witmarsum, Pr. zieht) Wir unterhalten uns hier und dort mit den Leuten, werden von einem Kliewer zum Abendessen und von einem anderen Kliewer, einem Wagnermeister, der noch in einer kleinen Wellblechbude wohnt, für den anderen Tag zum Mittagessen eingeladen. Alle Familien scheinen in diesem Dorf versippt und verschwägert zu sein.
     Die Polländer, wie man sie in Fernheim nennt, sprechen eine andere Mundart als die Kolonisten aus Russland. Es ist das Plattdeutsche, der ehemaligen Waldheimer an der Molotschna, die auch aus Polen stammten.
      Als ich wieder nach Lichtfelde zurückgehe, sehe ich bei Funks einige Frauen vor der Tür stehen. Schon aus ihrer äußeren Haltung schlussfolgere ich, dass es mit der Kranken schlechter stehen muss. Ich gehe hinüber. Das Kind ist soeben gestorben.
     „Wenn man wenigstens hätte helfen können,“ höre ich eine Nachbarin sagen, „aoba dant es efach nuscht, dant wi tjene Dokta han.
     Frau Funk ist ganz verzweifelt. Ihr Mann wird erst in einigen Tagen zurückerwartet, und wie soll sie jetzt ganz allein mit allem fertig werden?
     Der Schulze Wiebe hat einen Boten nach Friedensfeld zu den Geschwistern der Familie Funk geschickt und einen anderen nach Hoffnungsfeld, dem Mann entgegen. Beide aber sind ganz ruhig zu Hause geblieben.

„Der Bote" Mittwoch, den 4. März 1936
 
     Meine Freunde in Lichtfelde wollen mir die Arbeit nach Kräften erleichtern. Ich sitze ganz allein in der „großen“ Stube am Schreibtisch, einer umgestülpten Kiste, über die zwei Frottéhandtücher gelegt sind. Drei Bettgestelle, für mein Format zu kurz und auch zu klein, stehen im Raum.
      Die Fenster sind verhängt mit alten Säcken. Nur einer ist hochgerollt, um etwas Licht hereinzulassen. Gleich neben dem Schreibtisch steht der „Bücherschrank“, ebenfalls eine Kiste mit Hilfe einiger Bretter als Regal ausgebaut. Aber die Hauptsache: auch Bücher sind da, zwar ausschließlich geistlichen Inhalts, aber immerhin sie zeugen von geistigem Leben. Das Zimmer ist sauber aufgeräumt und trotz der offensichtlichen Armut liegt ein Hauch von Wärme und Heimeligkeit über allem.
      Wenn ich zum Fenster hinausschaue, läuft mein Blick ohne aufgehalten zu werden, schräg über die in dieser Jahreszeit noch kahlen Gärten und stößt schließlich im Hintergrunde auf den Busch.
     Alle gehen wir zum Begräbnis. Die Feier findet in der Schule statt. Die kleine Leiche, in einem ausgehöhlten Flaschenbaum liegend, steht draußen vor dem Drahtgitterfenster. Auch die Angehörigen sind draußen geblieben, der Ansteckung wegen.
      Der Vater fehlt, obzwar sich einer der Nachbarn nun doch hat bewegen lassen, ihm entgegenzureiten.
     Dass auch tagelanges „Spazieren“ ermüden kann, hatte ich schon bei meiner ersten Rundfahrt gespürt. Darum bin ich immer froh, wenn ich zwischendurch einige Stunden allein sein und schweigen kann. Aus diesem Grunde gehe ich jetzt auch lieber zu Fuß über Kleefeld und Philadelphia nach Friedensruh, statt zu fahren.
     Was für eine Fülle von Kraft strömt doch dieser uralte, verstaubte Busch aus. Es ist, als hätten Jahrmillionen hier ihre Ruhe abgelagert. Wie in einer Kirche ist das. Fast unwirklich wirkt diese Stille. Hier muss sich die Seele weiten und loslösen vom Kleinraum des Alltags.
     Langsam stapfe ich durch den tiefen Sand der ausgefahrenen Straße der Stadt zu. Die Sonne scheint täglich wärmer, und ich habe schon 35 Grad C. im Schatten gemessen. Aber diese Wärme empfinde ich noch nicht als lästig. Auch nachts ist es noch erträglich warm.
     Das etwa einen Meter hohe Bittergras auf dem Kamps ist gelb und völlig trocken. Schon längst mag es das Vieh nicht mehr. Es drängt jetzt in den Busch, wo noch Blätter und einige Süßgräserarten zu finden sind.
       Verschiedene Bäume blühen schon. Der Paratodo, der dort mit der korkigen Rinde und den harten, blanken Blättern, die im Winde manchmal leicht klappern, blüht in einem feinen Hellgelb, während die Blüten des Warennitje oder Schlorrenholzbomes ein hübsches Blau zeigen.
     Auch der Flaschenbaum, der über und über mit kurzen dicken Stacheln bedeckt ist, beginnt allmählich zu grünen, lauter untrügliche Zeichen, dass der Frühling nicht mehr fern sein kann.
     Immer wieder übrigens irre ich hier anfangs in den Jahreszeiten. Es ist doch bald September, also normalerweise Herbst und hier rüsten die Bauern zum Säen.
     Auf halbem Wege sehe ich am Rande des Busches ein Reh äsen. Antilopen nennt man sie hier. Für meine „Leica“ steht es leider etwas zu weit weg. Ein hübsches Tier ist das. Feingliedriger und graziöser als unsere europäischen. Und auch die Bewegungen sind zierlicher, sind rhythmischer als die der Rehe in Europa. Kurz vor der Stadt sehe ich im ausgefahrenen Geleis der LandStraße wieder etwas Lebendiges. Langsam bewegt es sich dort vorwärts. Ein Wildschwein? Ich setze mich auf die Stelle zu in Trab. Da fährt das Tier erschrocken auf. Eine Rieseneidechse ist es, eine Tejuechse, gut einen Meter lang, die nun auf ihren hohen Beinen durch das Kampgras wackelt. Vergebens versuche ich, sie einzuholen. Bald ist sie im Bittergras verschwunden.
     Die reiche Vogelwelt setzt mich jeden Tag aufs neue in Erstaunen, und dabei soll der Busch jetzt im Winter tot sein. Das Erwachen des Urwaldes komme mit dem ersten großen Regen, sagt man mir. Immer wieder sehe ich neue Vogelarten und freue mich an ihren bunten, prächtigen Farben.
     Stolz wiegt sich der rotbemützte Kardinal auf dem Ast und schaut neugierig zu der „weißen Witwe“ hinüber, die sich dort auf einem Algarrobobusch schaukelt.
    Am niedlichsten aber ist doch das zierliche, kleine Kolibri, das gedankenschnell durch den Busch „surrt“, sekundenlang in der Luft hängen bleibt und den Blütenstaub aus den Blumen saugt - wie die Bienen.
     Eine aschgraue Wildkatze mit buschigem Schwanz huscht über meinen Weg.
    Da stutze ich plötzlich. Vor mir liegt eine Schlange, vielleicht einen Meter lang, von einer seltsamen graubraunen Farbe. Sie soll sehr giftig sein, habe ich gehört, und ich mag sie darum nicht am Leben lassen.
     Schon in den ersten Tagen nach meiner Ankunft ist mir aufgefallen, dass die Leute hier beim Gehen fast immer auf den Boden schauen. Auch die Indianer tun das.
     „Das werden auch Sie sich bald angewöhnen,“ sagt mir jemand, „ganz von selber kommt das, wenn man erst einige Male über eine Klapperschlange gestolpert ist. Diese Angewohnheit merkt man selber gar nicht mehr. Immer wieder sichert man sich zehn -zwanzig Schritte des Weges, bevor man den Blick anderswohin schweifen lässt.“
     Als ich nach einigen Tagen in mein Standquartier zurückkehre, wartet ein junger Mann auf mich, ein Bräutigam.
     „Ich möchte Sie zu einer Hochzeit einladen,“ sagt er, und lächelt verschämt, „die soll nächsten Sonntag stattfinden.“
     Dass ich ihn auch kenne, setzt mein Besucher als selbstverständlich voraus, obzwar ich mich nicht erinnere, ihn jemals gesehen zu haben. Und wenn ich ihn jetzt frage, wer er eigentlich ist, kränke ich ihn vielleicht.
     Mit Dank nehme ich die Einladung an und frage nur, ob die Feier in seinem Dorf stattfinden werde.
      „Nein, bei den Eltern meiner Braut“, sagt er. Aber da bin ich so klug wie vorher. Doch ich werde kommen.
     „Wi han nämlijh tjnen Fotogafen,“ setzt er langsam hinzu, hebt meine Deckentür hoch und geht gebückt hinaus.
     Als der Sonntag da ist, bleibe ich doch zu Hause. Nicht weil mir die Filme dauern, denn ich habe rund tausend Stück, viel mehr als ich brauchen werde.
     Noch viermal werde ich fast mit den gleichen Worten als Photograph eingeladen, und viermal bleibe ich daheim.
     Es ist nicht nur die äußere Form der Einladung, sondern noch etwas anderes, das an dieser Formulierung auffällt.
     Ende August soll in der Zentralschule die erste Lehrerkonferenz stattfinden, und ich bin auf dieses Erlebnis gespannt.
     Am Vortage spät abends machen wir uns auf den Weg von der Nikolaistadt nach Friedensruh, Siemens und ich. Um in der Dunkelheit nicht auf Schlangen zu treten nehmen wir eine Stallaterne mit. Fast feiertäglich still ist es auch abends im Busch, noch ruhiger als am Tage. Nichts, gar nichts rührt sich. Nur die Grillen lärmen manchmal ärgerlich laut.
     Langsam wandern wir durch den dürren schlafenden Urwald. Über uns bläut der dunkle Tropenhimmel. Ich lasse mir von Siemens die einzelnen Sternbilder erklären. Das „Kreuz des Südens“ kenne ich nun schon, und auch die berühmten Nebelflecke habe ich schon oft betrachtet. Dass wir hier auch den „großen Bären“ sehen, will man mir nicht glauben.
     Frau Siemens hat sich bereits zur Ruhe begeben, als wir in Friedensruh eintreffen. Rasch wird in der „Küche“ noch ein Kaffee gekocht, der mit den Päpanät zusammen Stimmung macht, so dass wir noch lange draußen sitzen bleiben.
     Dann aber sinken wir müde ins Bett, das für mich wieder, wie fast überall, zu klein geraten ist. Wenn ich die Knie anziehe, ragen sie weit in die Gegend hinaus. Aber das Holz ist hart und knapp und seine Verarbeitung schwer, namentlich auch für den Schulmeister.
     Pünktlich um die festgesetzte Zeit, um 9 Uhr sind Siemens und ich am Sonnabend im Schulhause. Ausser einigen Kindern ist noch niemand da. Um 10 Uhr endlich treffen die ersten Lehrer ein.
     Das macht hier im Chaco auch eine Stunde aus! Man hat Zeit und lebt nicht so schnellebig wie in Europa. Morgen ist ja auch noch ein Tag. Niemand entschuldigt sich wegen der Verspätung.
     „Meine Ochsen waren wieder mal nicht zu finden...“ wirft einer der Kollegen ganz nebenbei hin. Das gilt stillschweigend als Entschuldigung für alle.
      Ein Lehrer der Zentralschule gibt mit den Kindern der zweiten Volksschulklasse eine Deutschstunde. „Der Hahn und die Hühner“. Ich sehe vor meinen Augen die deutsche Russlandschule erstehen. Nichts hat sich in den anderthalb Jahrzehnten geändert.
      Dreimal wird der Stoff wiederholt, und dreimal atmen die Kinder erleichtert auf, als der Lehrer fertig ist. Und dann stürzt die kleine Gesellschaft vergnügt ins Freie.
     Die Kritik bleibt an der Oberfläche haften. Ich habe das Gefühl, dass man sich gegenseitig nicht weh tun will und vermisse das Vorwärtsstrebende eines zielbewussten Wollens. Aber es ist ja auch erst ein Anfang, und die Lehrer arbeiten unter ungewöhnlich ungünstigen Verhältnissen. Überaus groß ist das Opfer, dass sie ihren Volksgenossen bringen.
      Zum Mittagessen werden wir alle „verlost“. Ich komme mit einigen Kollegen zu Pred. Johann Käthler. Er ist Schreiner, und ich sehe hier zum erstenmal in einem Chacohause richtige Möbel, auch die lange nicht mehr gesehene, aber sehenswerte „Schlafbank“. Sogar eine Dreschmaschine hat Käthler sich selber gemacht.
      Aber dieses Mittagessen hätte ich dem Chaco doch nicht zugetraut. Da haben Kammer und Küche herhalten müssen!
     Fleischklopse, Bataten und Rahmfett, geschmortes Kraut (hier noch eine Seltenheit!), gekochte Rüben und eingemachtes Obst, das ich noch nicht kenne. Und als Nachspeise Tee und Kaffee mit Milch bezw. mit süßem Rahm, „Twebaktjes“, Schnecken und außerdem sehr wohlschmeckendes Gebäck aus Mehl und Erdnüssen...
     Lange hört man im Raume nur eifriges Klappern der Messer und Gabeln. Und in diese andächtige Stille hinein sagt mein Nachbar unvermittelt:
     „Schreiben Sie nur nicht zu rosig über unseren Chaco; das da,“ und er macht eine Handbewegung über den Tisch, „ist keineswegs unser Werktag, nicht einmal unser Sonntag ist das, sondern ein seltener Feiertag einmal im Schaltjahr.“
      Meiner Tür gegenüber, nur durch einen schmalen Gang getrennt, ist der Eingang zum Büro des Konsums. Von früh bis spät geht die Tür auf und zu. Jedes Wort, das dort gesprochen wird, muss ich anhören. Nebenan rumort der Verkäufer des Konsums in seinen Kisten und Büchsen. Ab und zu trampelt er auch auf meinem blechernen Dachboden herum, dass es sich anhört, wie ganz naher Donner.
      In 60-70 m Entfernung arbeitet Tag und Nacht die Dampfmaschine, die gleichzeitig Ölpresse, Mühle und Sägewerk betreibt. Von schräg her am Busch stinkt tagelang ein Haufen Rinderhäute zu mir herüber.
      Von morgens früh bis gegen Abend sitze ich über den verstaubten Akten, schwitze und schreibe.
      Tagsüber kommen und gehen auf dem Hof Fuhrwerke und Reiter, und immer wieder gibt es für mich neue, kleine Bilder zu beobachten. Manchmal verirrt auch ein Konsumsbesucher zu mir ins Zimmer und bleibt für einige Minuten hängen.
     Eines Vormittags ist unser ganzer Hof von weißen Schmetterlingen förmlich überschüttet, für mich ein ungewohnter Anblick. Manche meinen, dass nun endlich die Regenzeit komme.
     „Regen?“ meint Funk, „Raupen gibt das wieder, und aber nicht Regen“, und er behält recht.

„Der Bote" Mittwoch, den 11. März 1936
 
 
      Der Kampf mit dem Chacostaub ist völlig aussichtslos, und ich gebe ihn schon nach wenigen Wochen auf. Wozu auch jeden Morgen die Schuhe putzen, wenn sie nach wenigen Minuten doch wieder genau so staubig sind wie vorher.
     Und dann das Ungeziefer! Seit dem ersten Tage führe ich einen zähen Kampf mit ihm, und dabei soll die eigentliche Zeit des Ungeziefers erst mit dem Regen beginnen.
     Wenn ich abends meine Lampe anzünde, wimmelt es auf meinem Tisch bald von allem möglichen Getier. Was sich da nicht alles durch die engen Maschen meines Fensternetzes und durch die Ritzen der Tür durchzudrängen versteht. Unzählige Käferarten, Falter, Fliegen — alles wimmelt und krabbelt lustig durcheinander.
     Immer spüre ich in den ersten Wochen auch auf dem Körper ein eigentümlich brennendes Jucken und bemühe mich vergebens, herauszubekommen, wodurch das verursacht wird. Da erwische ich eines Tages ganz zufällig einen der Übeltäter, eine Ameise, die nicht viel größer ist als ein Floh.
     Am lästigsten aber sind doch die Sandflöhe, die hier zum Glück lange nicht so häufig vorkommen wie in Brasilien. Winzig klein, schwarz und glatt sind sie, gelangen leicht in die Schuhe, schlüpfen durch den Strumpf und bohren sich mit Vorliebe unter die Nägel der Zehen. Wenn ich erst das kurze brennende Jucken spüre, ist schon alles vorbei, dann sitzt der Floh schon fest.
    Das Weibchen legt unter der Haut ihre Eier ab, die sich langsam entwickeln. In einigen Tagen schon beginnt die Stelle zu schmerzen, und um einen kleinen schwarzen Punkt bildet sich ein gelber Rand. Aber ich lasse die Brut gar nicht erst auswachsen, sondern hebe das ganze Nest mit der Messerspitze aus. Etwas Jod macht den im Nest verbliebenen Eiern den Garaus, und dann hat man einige Tage lang Ruhe, bis sich die nächste „Supsfleeg“ einnistet.
    Nun sichere auch ich schon gewohnheitsmäßig meinen Weg, und das ist gut so, denn immer wieder läuft einem im Busch eine Schlange oder auch ein Skorpion vor die Füße: Eines Abends sehe ich eine Riesenspinne, etwa 10 cm im Durchmesser, mit großem, plumpem Leib, behaart wie eine Maus, und mit Beinen, so dick wie Kinderfinger. Vorn am Maul sehe ich zwei Krallen, die aussehen wie die Krallen einer Katzenpfote.
      Rasch nehme ich einen Stock und drücke die Spinne, um sie besser betrachten zu können, fest an die Erde. Aber das regt sie maßlos auf. Hart pocht sie den Stock mit ihren Scheren, so dass ganz kleine Spähnchen absplittern. Gerne hätte ich eine Aufnahme von ihr gemacht, aber da ich keine Schachtel bei mir habe, muss ich sie töten.
      Abends bellt in der Nähe unseres Hauses nun schon lange ein Fuchs. Wir gehen uns im Busch auf die Lauer, können ihn aber nicht erwischen, obzwar die Füchse hier keineswegs besonders vorsichtig oder schlau sind.
     Mein Zimmernachbar Neufeld hat bereits zwei Füchse mit dem Browning erschossen. Einen konnte er sogar mit dem „Hammerschlüßel“ totschlagen, als er sich für die Nacht in der Asche des Backofens eingekuschelt hatte. Seinem europäischen Meister macht dieser Stümper wirklich keine Ehre. Die Kolonisten halten ihn für dumm und machen sich über seine Tölpelhaftigkeit lustig.
     Eines Tages hört Neufeld die Hühner weiter drin im Busch aufgeregt gadern, und geht nachsehen, was denn wieder los sei. Und was sieht er? Sitzt da Meister Reinecke mitten in der aufgelösten Hühnerschar. Seelenruhig betrachtet er sich der Reihe nach den Hühnerbraten und macht gerade Anstalten, sich den fettesten herauszusuchen. Und erst als Neufeld ihm mit seiner Krücke auf den Leib rückt, trottet er enttäuscht in den Busch hinein.
      Mitte September geht der erste ergiebige Regen nieder, und die Kolonisten beginnen sofort mit dem Säen; sie hoffen, dass nunmehr die Regenzeit einsetzen wird. Gesät wird immer nur sofort nach einem Regen; in trockene Erde zu säen ist zwecklos, da der Same doch nicht aufgeht.
    Auch der trockene Busch erwacht nach dem Regen wie auf Zauberwort zu neuem Leben. Das singt und pfeift und spektakelt auf einmal in den verschiedensten ganz fremdartigen Tonarten und Melodien.
      Manche Bäume stehen bald in voller Blüte, und ich staune über die rasche Verwandlung in der Natur. So blüht auch über Nacht eine häufig vorkommende Strauchart, von den Kolonisten „Weiberholz“ genannt (weil es ausgezeichnet brennt und daher von den „Weibern“ allen anderen Hölzern vorgezogen wird), sehr hübsch rotbraun.
     Auch die Kakteen fangen an, frischer auszusehen. Auf deren Blüten bin ich besonders gespannt. Auffallend hübsche rote Knospen zeigt der am Boden hinkriechende Schlangenkaktus. Auch der runde Kugelkaktus und der oft einen Meter hohe Feigenkaktus — die Siedler nennen ihn Schlorrenkaktus — werden frisch grün und beginnen schon Knospen anzusetzen.
     Der Geruch, den dieser Busch ausströmt, ist ganz eigenartig und uns Europäern völlig fremd. Mir liegt er noch lange in der Nase, auch als ich den Chaco schon längst verlassen habe.
     Jeden Tag entdecke ich jetzt im Busch etwas Neues, Schönes.
     „Gauns fetsaubat haft Än de fetjeddade Bosch,“ sagt Frau Neufeld, meine Wirtin, „Se je je gauns felest en daut jaumalje Schtruck-unetj!
      Und tatsächlich: er zieht unwillkürlich in seinen Bann, dieser uralte Strippelwald. Jeden Abend gehe ich allein die Wegschneise in Richtung Waldesruh hinaus. Das ist immer die schönste Stunde des Tages, denn dieser Spaziergang durch die Einsamkeit erfrischt und sammelt und reinigt nicht nur, er klärt auch innerlich und bereitet vor für die Zukunft.
      Auch die Ansiedler werden sich seinem Einfluss auf die Dauer nicht entziehen können, wenn die Einwirkung auf sie wahrscheinlich auch anderer Art sein wird als auf mich.
     Alle Chacodörfer liegen auf verhältnismäßig kleinen Kamps, rings eingeschlossen von dem dichten Urwald. Niemals kann sich der Blick der Siedler auch nur sekundenlang weiten, niemals kann er ausruhen und hinwegschweifen über eine freie Gegend. Immer stößt er auf das ganz nahe Hindernis, den Busch.
     „Wi sen hia rejhtijh ejeschpoet,“ meint eines Tages ein alter Besucher, ein Mann, an dem allen Ernstes ein Philosoph verloren gegangen ist, „owa wi teschenderih nish emaol crit tjennen, mot onse Seel hia topjchrumpeln...“
 
„Der Bote" Mittwoch, den 18. März 1936





 

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