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Eine Mutter
Ein getreues Bild des mennonitischen Lebens in Russland,
wie es sich in den Erinnerungen eines alten Mütterchens abspiegelt
Veröffentlichung der Mennonitischen Rundschau, 1946
von Peter Epp
1. Historischer Kontext: Die Entstehung im Nachkriegsjahr
Dieser Text erschien 1946 in der Mennonitischen Rundschau (einer der wichtigsten mennonitischen Wochenzeitungen, damals mit Sitz in Winnipeg, Kanada). Nach dem Zweiten Weltkrieg boten solche Erinnerungsberichte den über die Welt verstreuten, oft traumatisierten Flüchtlingen und ausgewanderten Mennoniten einen emotionalen Anker, um die verlorene Welt der südrussischen Kolonien (wie Chortitza oder Molotschna) im Gedächtnis zu bewahren.
2. Das Leben in den mennonitischen Dörfern
Die Schmiede als wirtschaftliches Zentrum: Im Text spielt die väterliche Schmiede mit ihren vier Feuern eine zentrale Rolle. In den geschlossenen mennonitischen Siedlungen im Zarenreich waren solche Gewerbebetriebe überlebenswichtig. Da die reine Landwirtschaft oft nur den Grundbedarf und Naturalien sicherte, brachte das Handwerk (Schmieden, Tischlern, Mühlenbau) das notwendige Bargeld ein, um den Wohlstand und die berühmte Aussteuer der Jugend zu finanzieren.
Kapitel 1
Mein Vater ist dreimal verheiratet gewesen. Von seiner ersten Frau hatte er 5 Kinder. Alle sind in den Jahren 1870—80 nach Amerika gezogen. Alle haben da Kinder und Kindeskinder, sodass aus Vaters erster Ehe schon ein grosses Menschengeschlecht in der Welt lebt. Ein Jahr nach dem Tode seiner ersten Frau verheiratete sich mein Vater zum zweiten Mal, mit einer Jungfrau Agathe Bolt. Diese hatte ihm 8 Kinder geboren. Das erste war ein Mädchen, das bin ich. Ich heisse auch Agathe. Dann folgten: Tienke, Gerhard, Abram, dann drei, die alle an Scharlach starben, und zuletzt, als unser Mütterchen schon an der Schwindsucht krank war, das letzte, unser kleiner David. Wir alle Geschwister haben dunkles Haar und braune Augen und sind alle nicht so hoch gewachsen, wie die andern grossen Menschen. Ich bin noch die kleinste in unserer Familie, war immer sehr dünn und leicht. Noch leichter als ein Wiedehopf, sagte mein Vater oft, und wenn wir beide im Sommer mit Getreide von der Steppe kamen und auf dem hohen, hohen Fuder sassen und es windig war, spasste er immer und wollte mich an sich anbinden, damit mich der Wind nicht herunter wehe. Aber der Wind hat mich niemals heruntergeweht. So spasste Väterchen mit mir. Das ging ihm sehr schön. Auch der Felix Kammermann, der bei uns in der Schmiede arbeitete und ein sehr starker, grosser Mensch war, hatte immer seinen Spass mit meiner Leichtigkeit. Wenn er gerade auf dem Hinterhof war, wo die Fuder zum Dreschen hielten, kam er an den Wagen und sagte: Agatchen, deine Füsschen. Dann schlug ich mir den Rock fest um die Knie, hielt mich mit der einen Hand an dem Strick, der über das Fuder geschnürt war, und liess mich langsam hinuntergleiten. Der Felix Kammermann fasste mich mit der linken an die Füsse, mit der rechten an die Hände und setzte mich hoch durch die Luft auf die Erde. Das war ihm gar nichts. Manchmal tat er auch, als wolle er mich wie einen Ball wieder auf das Fuder werfen. Dann schrie ich aber sehr und schaute hilfesuchend nach meinem Vater hin. Der sagte kein Wort, lachte auch nicht gerade, schmunzelte bloss ein wenig um den Mund. Der Felix aber hatte mich kaum losgelassen, dann bumste auch schon der Hammer auf dem Amboss, denn er war ein sehr fleissiger Felix.
Wegen dieser meiner Leichtigkeit tat ich mir auch niemals weh, wenn ich mal hinfiel. Ich lag noch nicht einmal recht, so stand ich schon wieder. Und mein Gehen, Gerhard sagte oft, das ist überhaupt kein richtiges Gehen, das hört einer nicht und sieht einer nicht und ihre Schuhsohlen gehen nie entzwei und schmutzen auch beinah nicht ein. Das war auch schier so wie er sagte. Es brauchte nur ein klein wenig zu frieren, dann ging ich glatt weg über das Gefrorene. Auch dass meine Kleider zerrissen, war eine Seltenheit. Da ging es meiner Schwester Tienke ganz anders. Überhaupt war es etwas schwer mit unserer Tienke, die Freundlichkeit schaute ihr nicht so aus den Augen wie bei meinen andern Geschwistern. Sie war leicht gekränkt und beleidigt und hat es nachher im Leben recht schwer gehabt. Eine häufige Klage von ihr war, dass mich alle Menschen viel lieber hätten als sie. Diese Worte waren mir sehr schmerzlich, denn sie waren nicht ganz unrichtig. Alle Menschen, auch ganz fremde, sind immer freundlich zu mir, und ich habe in meinem langen Leben viel Liebes erfahren. Aber ich war nicht stolz darauf. Das war ja nicht mein Verdienst, sondern eine Gnade Gottes, der mir ein Angesicht gegeben hat, das bei den Menschen Freundlichkeit und Wohlgefallen weckt. Darum tat mir das leid um unsere Tienke, dass sie sich sozusagen etwas zurückgesetzt fühlte. „Ich bin dir sehr gut, Tienke und die Leute sind dir auch gut,” sagte ich zu ihr. „Du musst nur fleissig zum lieben Gott beten, dass er dir aus dem Herzen alle Unzufriedenheit und Bitterkeit weg nimmt. Denn wenn in dem Herzen etwas Bitteres ist, dann schaut das auch aus den Augen heraus, und dann sehen die Leute das und können gleich nicht mehr freundlich sein.” Auch in ihrem äusseren Aussehen war unsere Tienke nicht ganz so wie die andern. Sie war grösser als ich und hatte etwas dickere Backen, während wir andere Geschwister niemals im Leben dicke Backen gehabt haben. Ihre Augen waren zwar auch dunkel, aber doch nicht ganz so wie bei den andern. Meine Brüder Gerhard, Abram und David waren gerade so wie ich. Immer ruhig, freundlich und still vergnügt. Gerhard und Abram waren sich so gleich, dass in ihrem Aussehen und in ihren Naturen beinah kein Unterschied war. Sogar mein Vater selbst rief oft Gerhard, wenn er Abram sah, und Abram, wenn er Gerhard sah. Unser David aber, der kleinste und jüngste, war ein so hübscher und lieber Junge, dass die Leute oft sagten, er sei zu gut für diese Welt, er werde bald sterben. Er ist doch aber 50 Jahre alt geworden. Dieser David war sozusagen auch mein Kind. Meine Mutter war ja die letzten Jahre kränklich, da hab ich ihn beinah ganz besorgt. Wir sind uns deshalb auch sehr gut gewesen, auch später, bis er starb. Wir rechten Geschwister ähnelten sehr unsern Eltern.
Unser Väterchen war ein sehr guter Mann. Er konnte sehr schön erzählen und machte gern mal ein Spässchen. Aber viel netter als andere Männer und lachte dabei auch nicht so lärmend wie ein Bretterwagen. Bloss ein wenig um den Mund und mit den Augen. Das sah mir immer sehr hübsch aus an meinem Väterchen. Grobe, laute Redensarten liebte er auch nicht.
Als mein Vater meine Mutter heiratete, waren die Kinder aus der ersten Ehe noch alle zu Hause, und meine Mutter bekam 5 beinah erwachsene Stiefkinder. Diese meine Halbgeschwister, das waren sozusagen 2 Sorten, einige waren ganz nach dem Vater geartet: Martin, Jakob und Retke, und mit diesen ging es meiner Mutter sehr gut. Sie waren zu ihr wie zu ihrer rechten Mutter und hatten sie sehr lieb. Peter und Johann aber waren nicht nach Vaters Natur geraten. Sie passten mehr in die Familie von Vaters erster Frau hinein. In ihnen war ein gewisser Geist der Verdriesslichkeit, der Unzufriedenheit und des Murrens wie bei den Kindern Israels. Sie haben meiner lieben Mutter viel zugesetzt. Besonders der Bruder Johann. Auch als er schon selber verheiratet war. Ich wurde manchmal böse auf sie. Meine Mutter mühte sich so sehr um sie und sie rechneten alles nichts. Vater seufzte so manchmal darüber. „Wissen Sie was,” sagte ich einmal zu meiner Mutter, „ich denke, der Peter und Johann sind einfach schlechte Menschen.” „Aber Agatchen,” sagte sie, „so musst du nicht sprechen.”
„Sie machen Ihnen doch so viel Kummer,” sagte ich.
„Ich bin gar nicht böse dafür. Mir tut das bloss sehr leid um sie.”
Da schaute ich sie ganz verwundert an.
„Ja, ja,” sagte sie, „sie haben solche Naturen, dass es ihnen im Leben sehr schwer werden wird.”
Das ist auch wirklich so gekommen wie meine Mutter sagte. Der Johann ist später mit seiner Familie nach Amerika gezogen. Dort ist er ganz verarmt. Seine erste Frau aus Russland ist ihm gestorben. Von der zweiten hat er sich geschieden und die dritte ist ihm, wie die Leute sagen, einfach davongelaufen. So sehr hat er in seinem Leben Schiffbruch erlitten und ist so im Elend umgekommen. Ich habe manches mal an mein verstorbenes Mütterchen denken müssen. Sie war dem Johann niemals böse, es tat ihr bloss sehr leid um ihn. Ich habe sehr viel länger auf dieser Welt gelebt als mein liebes Mütterchen. Jetzt bin ich schon über 80 Jahre alt, habe Kinder, Grosskinder und Urgrosskinder, drei Menschengeschlechter, und habe mit meinen eigenen Augen gesehen, dass Mütterchen ganz recht hatte. Einer soll eigentlich keinem Menschen böse sein, weil er nach unserer Meinung schlecht ist. Denn ob er in seinem Herzen wirklich schlecht ist, das können wir mit unserm kleinen Menschenverstande nicht wissen. Ist aber jemand wirklich nicht gut, dann wird er schwer genug daran im Leben zu tragen haben, und wir brauchen ihm nicht noch mit unserm Zorn weh zu tun.
Mit Bruder Peter war es etwas leichter und ihm ist auch in Amerika ein besseres Los zuteil geworden, obgleich der Herr ihn mit irdischen Gütern nicht gesegnet hat, wie Martin, Jakob und Retke. An diesen hat es sich bewahrheitet: Wer Vater und Mutter ehrt, dem wird es wohlgehen. Sie sind sehr wohlhabende Leute dort. Als Retke vor 20 Jahren mit ihrem Mann Heinrich Böse zu Besuch nach Russland kam, hatten beide goldene Zähne im Mund und waren in allen Ländern immer erster Klasse gefahren. So reich waren sie geworden.
In den letzten Jahren als meine Mutter noch lebte, waren die älteren Halbgeschwister schon alle von Hause weg und wohnten in andern Dörfern. Jetzt war es so ruhig und schön in unserer Familie. Nur ein Trauriges war, dass unsere liebe Mutter so schwächlich war. Tienke und ich besorgten ja den ganzen Haushalt und die jüngeren Kinder auch; unser David war schon aus dem grössten Dreck draussen, und sie hätte einen leichten, sorgenlosen Lebensabend haben können. Der liebe Gott aber hatte ihr schon im Himmel eine bessere Wohnung bereitet, und trotz unserer Pflege wurde sie immer kränker. Unser Väterchen wurde ganz grau darüber. Zuletzt blieb sie liegen und wir sahen alle, dass es mit ihr zu Ende gehe. In diesen Tagen hatte ich mein letztes, langes Gespräch mit ihr, das mir noch heute nach vielen, vielen Jahren unvergessen geblieben ist.
Es ging ihr nämlich eines Tages auffallend besser, dass wir schon einige Hoffnung fassten. Da liess sie mich zu sich ans Bett kommen. Vater und Abram waren in der Schmiede, Gerhard arbeitete bei Esaus in der Werkstube. Tienke und David jäteten im Garten. Wir waren ganz allein in der grossen Stube, wo ihr Bett stand. Ich musste mich ganz nahe zu ihr hinsetzen. Sie fasste meine Hände und schaute mich erst lange an!
„Mein liebes Agatchen,“ sagte sie endlich. „Jetzt werde ich bald, bald nicht mehr hier sein.“
„Mütterchen,“ schluchzte ich. „Sie sind ja viel besser heute, Sie werden wieder gesund werden und noch lange, lange bei uns bleiben. Wir sind schon alle gross. Sie haben immer gearbeitet in ihrem Leben. Jetzt sollen Sie’s mal schön haben und sich ausruhen.“
Sie lächelte, ich musste mich etwas zu ihr beugen und sie streichelte mir die Backen.
„Der liebe Gott hat es anders mit mir vor,“ sagte sie leise, „und so wird es wohl auch gut sein. Ich habe es schon lange gewusst, dass ich von diesem Lager nicht mehr aufstehen werde, und ich wollte schon lange mit dir darüber sprechen. Die Last der Wirtschaft, die Sorge um Väterchen und die Geschwister fallen jetzt auf deine kleinen Schultern. Du wirst es sehr schwer haben und ich wollte noch einmal vor meinem Ende alles mit dir besprechen. Ich war aber immer so schwach, dass ich gar nicht konnte. Da hab ich den lieben Gott gebeten, er möchte mir noch ein leichtes Stündchen dazu geben. Und er hat mein Gebet erhört. Es ist sein Geschenk, dass wir so zusammen sein dürfen und mir so wohl ist, dass du meinst, ich werde bald gesund sein. Nein, Agatchen, wir feiern unser letztes Stündchen heute und du wirst das nicht vergessen, was ich dir sagen werde, nein?“
Da legte ich meinen Kopf auf ihr Kissen und weinte und weinte, dass mein gutes Mütterchen jetzt sterben sollte. Als ich endlich etwas zu mir gekommen war, redete sie lange zu mir und sagte mir viel schöne Ermahnungen und Trostworte. Zuletzt sprach sie von dem Allerschwersten.
„Es kann geschehen,“ sagte sie, „dass du deinen Pflichten in Haus und Wirtschaft aufs getreulichste nachkommst, Friede und Eintracht unter den Geschwistern aufrecht hältst und Väterchen es scheinbar in allen Dingen eben so gut hat wie zu meinen Lebzeiten, dass er doch still, gedrückt, traurig, verstimmt, vielleicht sogar ärgerlich und verdriesslich wird. Dir wird das weh tun und du wirst geneigt sein, ihn darob in deinem Innern zu schelten, als ob ihm all deine Mühe so wenig wert sei. Das tu nicht. Es ist das die Sehnsucht nach mir, nach der Frau, die ihn überkommen wird. Du kannst das vielleicht nicht verstehen. Aber glaube mir, Agatchen, und lass dich das nicht kränken, dass du ihm bei aller Liebe auf die Dauer die Frau doch vielleicht nicht ersetzen kannst. Väterchen hat es sehr schwer gehabt in seinem Leben. Er war sehr glücklich mit seiner ersten Frau. Sie starb ihm bald und er blieb ganz allein mit seinen Kindern. Da fand er mich. Ich war ein junges Mädchen. Die Aufgabe war so gross. Beinah zu gross. Doch Gott hatte solche Gewissheit und freudige Zuversicht in mich gelegt, dass ich ihm froh und glücklich mein Jawort gab, als er um mich warb. Nun steht ihm dieselbe Erfahrung zum zweiten Mal vor. Ich bete aus tiefster Seele zu Gott, er möchte auch das dritte Mal, wenn Väterchen wünschen sollte, seine Wahl lenken und segnen. Du könntest ihm hierin sehr behilflich sein.”
„Wie sollte ich in solchen Dingen Väterchen helfen können?” fragte ich erstaunt.
„Vor allen Dingen damit, dass du ihm in keinerlei Weise ein Hindernis in den Weg setzest. Sieh mal, Agatchen, Väterchen wird ja, wenn er diese Absicht fasst, nicht bloss an sich denken. Ebenso wird es ihn quälen, was ihr Kinder dazu sagen werdet. Es wird ihm aber nicht leicht sein davon zu sprechen. Komm ihm entgegen. Siehst du, dass er gedrückt, traurig und einsam ist, fang selber an. Sag ihm, du als die Älteste, dass ihr allem, was er beschliessen sollte, freudig zustimmen, und auch die neue Mutter, wenn es sein muss, in Liebe und Gehorsam wie Kinder anerkennen wollt.“
Als Mütterchen dieses sagte, gab es mir einen Stoss ins Herz, dass ich geradezu aufschrie. Sie streichelte wieder meine Wange und lächelte so traurig, so sehr traurig.
„Ich weiss das, Agatchen, das tut sehr weh. Es wird dir tief ins Herz hineinschneiden und du wirst bitterlich weinen müssen.“
„Mütterchen,“ schluchzte ich, „wie soll ich nach dir eine andere lieb haben!“
„Das wird viel innere Kämpfe geben,“ sagte sie. „In den Haushalt, der von dir und Tienke, wie ich feste Zuversicht habe, treu und ordentlich besorgt werden wird, wird eine neue Hausfrau kommen. Vielleicht noch neue Stiefgeschwister – ich will dir nichts vorenthalten. Du wirst allen Liebe und Freundlichkeit entgegen bringen wollen. Du wirst das trotz allem schweren können, wenn du, wie ich dir schon sagte, von dir und deinem eigenen kleinen Ich ganz absehen wirst. Denk an Väterchen, denk an mich, dein Mütterchen, u. wie weh es mir getan hätte, wenn mir meine Stiefkinder in diesem Hause mit bösem Willen begegnet wären und wie schwer es mir ohnehin oft mit ihnen wurde. Denk daran und dann wirst du der neuen Mutter, falls eine kommen sollte, ihre harte Aufgabe zu erleichtern suchen, nicht wahr?“
Ich nickte bloss.
„Und weiter denk auch an dich. Weisst du denn, was dir selber bevorsteht? Ob du nicht selbst einmal Waisenkindern Mutter sein, oder die eigenen Kinder einer Fremden wirst überlassen müssen. Wird es dir dann nicht eine Beruhigung und ein grosser Trost sein, dir sagen zu dürfen, dass du selber in ähnlicher Lage zu Stiefmutter und Halbgeschwistern gut und liebevoll gewesen bist? Willst du mir versprechen, Väterchen nach Möglichkeit alles zu erleichtern?“
Ich versprach es ihr.
„Such sein Vertrauen zu gewinnen, dass er dich auch bei seiner Wahl zu Rate zieht. Und wenn er dir nun eines Tages sagt, die oder die hätte er im Auge, was meinst du dazu? Was wirst du dann sagen, Agatchen?“
„Erst werd ich in den Garten gehen und mich von ganzem Herzen ausweinen,“ sagte ich.
Wieder lächelte sie traurig.
„Tu das, Agatchen, dann aber ringe solange mit dir, bis alles eigene Wollen, Fürchten und Wünschen aus deiner Seele weg ist und nichts als der ernste Wille, Väterchen zu helfen, bleibt. Bist du so weit mit dir gekommen, dann rate ihm. Sollte er aber nach deinem aufrichtigen Dafürhalten gegen dein Raten und Abraten eine Wahl treffen, ich muss dir das auch sagen, es kommt vor, dass Männer in solcher Zeit zuletzt ungeduldig werden und bei aller Vernunft ihrer älteren Jahre, einen Schritt tun, der ihnen später bitter leid wird. Auch in diesem Fall lass keine Unzufriedenheit in dir aufkommen und wahre Väterchen deine ganze Liebe und Achtung, und so viel an dir ist, halte den Frieden im Hause aufrecht. Sogar wenn es sehr schwer sein sollte. Du und Tienke seid ja schon erwachsen und es dauert vielleicht nicht mehr lange, so gründet ihr einen eigenen Hausstand. Dann seid ihr allem entronnen. Vergiss deine jüngeren Geschwister nicht. Sollte es einmal nötig und dir möglich sein, ihnen in deinem Hause ein Heim zu bieten, so wirst du das tun, nicht wahr?“
„Aber sicherlich, Mütterchen,“ rief ich.
„Jetzt noch ein Wort zu dir, über deine eigene Zukunft, wenn du heiraten solltest. Es ist ein sehr ernster Schritt. Darum wirst du auch vorher jede leichte Verbindung, die nur ein Spiel und Zeitvertreib ist und doch oft so viel Kummer und Unglück mit sich bringt, vermeiden und nur ein ernstes Angebot in Erwägung ziehen, nicht wahr?“
Ich nickte.
„Erst wenn nach ernster Prüfung dein Herz ruhig und still ist, gib der Liebe Raum in dir. Überkommt sie dich dann so, dass unaussprechliche Freude und frohe Zuversicht und kein Schatten von Schwanken und Zweifeln mehr in dir ist, dann sag ja, und du wirst glücklich sein. Solange aber noch Unruhe und Zweifel in dir besteht, tu es nicht. So — dies war, was ich dir sagen wollte. Willst du mir noch einmal versprechen, an meine Worte zu denken?“
Ich versprach ihr alles, dann fragte ich: „Mütterchen, Sie haben mir so viel schwere Dinge vorgelegt und ich glaube, mit Gottes Hilfe, werde ich allem nachkommen. Sagen Sie mir nur noch eines. Sie betonten immer wieder, ich soll von meinem Glück und Ich ganz absehen, es ganz beiseite lassen, und ich will das auch. Aber geht es nicht gegen unseres Herzens Begehren? Will der Mensch es nicht gut haben und glücklich sein in dieser Welt? Oder ist das nicht erlaubt und kommt alles Glück erst in jener Welt, wohin Sie jetzt gehen wollen?“
„Das reine Glück und die ewige Freude, die liegen dort, aber auch hier auf Erden dürfen wir viel Gutes erleben, nur ist der menschliche Verstand so klein. Wenn wir uns das Glück selber schaffen wollen, machen wir nur Fehler und finden es doch nicht. Überlassen wir es dem, der alle Dinge regiert, und wir werden es besser haben, hier und dort.“
So starb mein liebes Mütterchen.
Wenn ich nun, ich wohne jetzt weit von meiner Heimat in einem grossen Russendorf, mit grossen Mühlen und Fabriken, bei meiner Tochter, wo alles anders ist als damals in meinen Jugendjahren, wenn ich in meinem kleinen Stübchen, mit dem einen Fensterlein, in dem alten Lehn- und Sorgstuhl sitze, beinah schon unnütz bin und nur noch Strümpfe stricke oder meinen Enkeljungen die Hosen flicke, wenn ich jetzt an die ersten Monate nach dem Tode meines Mütterchens denke, so muss ich sagen, es war trotz des Verlustes eine schöne Zeit. So froh und einträchtig sind wir Geschwister später nicht mehr zusammen gewesen. Nur unser Vater war sehr gedrückt und alterte zusehends.
Zunächst brachte der Haushalt und die Wirtschaft um diese Zeit viel Arbeit mit sich. Es war Frühjahr. Glucken mussten gesetzt, Ferkel besorgt, Gemüse gepflanzt, der Garten gereinigt, Kartoffeln gesätet, auf dem Felde Arbusen und Melonen gesetzt. Seidenwürmer auf der Bodenstube gefüttert, Heu gemäht. Bei allen Arbeiten mussten Tienke und ich immer dabei sein, und auch die innere Wirtschaft durfte deshalb nicht hinten bleiben. Sogar Pferde und Kühe füttern, striegeln, ausmisten haben wir müssen, wenn Abram, der das sonst tat, in der Schmiede zu tun hatte. Wir hatten damals ausser der Schmiede auf dem Hofe, in der oft 3 bis 4 Gesellen arbeiteten, eine Vollwirtschaft. Vater und Abram arbeiteten hauptsächlich in der Schmiede, die uns auch eigentlich ernährte. Besonders in den ersten Jahren. Die Wirtschaften brachten damals lange nicht so viel wie später, als all die wunderbaren Maschinen aufkamen. Väterchen sagte oft, die Wirtschaft gibt uns das Brot, die Brennung, das Futter für Pferde und Kühe, Bargeld aber gibt sie kaum welches, und wäre nicht die Schmiede, ihr hättet nie die Aussteuer bekommen, die ihr bekommen habt. Und wir waren sehr reich versorgt, besonders mit Wäsche. Die hat mir schier für mein ganzes Leben gereicht. Als ich nach vielen, vielen Jahren, als ich selber schon zum zweiten Mal Witwe geworden war, mir ein neues Hemd nähen musste, da war ich schier traurig, und es war mir beinah unglaublich, dass der reiche Vorrat, den ich in meiner Jugend besass, nun wirklich zu Ende gegangen war, wie alles in dieser Welt mal zu Ende gehen muss. Aber Überreste jener Wäsche sind mir noch geblieben, in meinem Flickenbeutel, in der messingbeschlagenen Kiste, für meine jungen Enkel, ihnen die Finger und Zehen zu verbinden wenn sie sich dieselben blutig gestossen haben. Das muss ja immer Grossmütterchen tun, wenn irgendwo Blut kommt.
Auch sonst war alles reichlich in unserm Hause vorhanden. Während in jener alten Zeit in manchen Familien für mehrere Geschwister nur ein Paar Schuhe und Stiefel da waren, hatten wir jeder unsere Sonntags- und Alltags-Schuhe und Schlorren. Abram und Gerhard gingen alle Sonntag in blitzblanken Stiefeln in die Kirche. Das alles machte die Schmiede. Vater trug immer einen Knispsgeldbeutel in der Tasche und wenn er den aufmachte, dann sah einer immer Goldstücke und dicke Pakete Papiergeld. Daher konnte er auch allen Leuten eine Mithilfe sein. Immer, wenn sie in Geldnot waren, kamen sie zu ihm, und ich war schier stolz auf ihn, dass er solch ein Mann war, auf dem so sichtbar der Segen Gottes ruhte. Daher war die Schmiede uns allen so ans Herz gewachsen. Das Klingen der Hämmer auf den Ambossen, das Blasen der Blasebalge und das Pfeifen und Singen der Gesellen, klingt mir noch heute in den Ohren, wenn ich an meine Jugend zurückdenke.
Die Schmiede hatte vier Feuer. Daneben war noch eine Stube, in der eine Hobelbank mit allen Tischlerwerkzeugen stand, denn mein Vater konnte auch tischlern. Auch Sielen machen, zimmern, grosse Scheunen und Wohnhäuser bauen, Wanduhren zurecht machen. O, es gab wohl nichts, was unser Väterchen nicht machen konnte. In der Rockentasche trug er immer einen kleinen, zusammenlegbaren Zollstock. Wo er etwas Neues sah, was er noch nicht gemacht hatte, wurde der Zollstock herausgeholt, gemessen, ein wenig im Kopf gerechnet und dann war es auch schon bald gemacht. Überhaupt sein Zollstock. Alles musste gemessen werden. Das war seine Gewohnheit. Und was gemessen war, war in seinen Gedanken so gut wie fertig. Wie er das alles konnte, versteh ich nicht.
Ich hab mich manchmal im stillen über die Leute gefreut. Da kamen sie, wollten irgend was haben. Was Neues. Was Väterchen vielleicht noch niemals gesehen und sprachen und erklärten, ein langes und ein breites, wie und was. Väterchen aber hämmerte und feilte weiter, als wenn er überhaupt nichts hörte und dann mit einmal, der Mann meinte, er müsse das alles noch lange erklären und besprechen, sagte er, dann und dann ist es fertig. Die Leute blieben gerade so mit offenem Munde stehen, dass Väterchen mit einem Schlag aus ihren Worten verstanden hatte, was sie selber nicht mal recht verstanden.
Mir sah mein Väterchen sehr hübsch aus, wenn er so bei seinem Amboss stand, dass ich oft als kleines Mädchen auf der Schmiedeschwelle sass und ihn anschaute und mich nicht los reissen konnte und kaum merkte, dass mir die Funken an die Füsse schlugen. Ich hatte ihn so lieb, dass ich manchmal nicht wusste, was ich vor lauter Liebe tun sollte. Auch später, als ich schon aus der Schule war. Einmal sassen wir auf dem Beischlag. Er auf der Bank und ich auf dem Fussbänkchen. Es war gegen Abend, beinah Zeit Abendbrot zu machen.
MR 1946-03-27 und 04-03
3. Familienstrukturen im 19. Jahrhundert
Die Erzählung beginnt mit den drei Ehen des Vaters und den damit verbundenen familiären Spannungen (die erwähnten „zwei Sorten“ Stiefkinder). In den kinderreichen mennonitischen Kolonien waren frühe Todesfälle von Müttern durch Krankheiten wie Tuberkulose oder Kindbettfieber an der Tagesordnung, weshalb rasche Wiederheiratungen und komplexe Familienstrukturen typisch für diese Gesellschaft waren.
4. Kulturelle Besonderheiten: Seidenraupenzucht und Landwirtschaft
Nebenbei erwähnt die Erzählerin Details, die das spezifische Bild des südrussischen Steppenlebens ausmachen – etwa den Anbau von Arbusen (Wassermelonen) und Melonen auf den Feldern oder die traditionelle Seidenraupenzucht auf dem Dachboden („Seidenwürmer auf der Bodenstube gefüttert“), die in vielen mennonitischen Dörfern als Nebenerwerb betrieben wurde.