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     Peter Epp beschreibt in diesem Abschnitt die Welt der mennonitischen Dörfer in Südrussland (heutige Ukraine) vor den großen Umbrüchen durch die kommunistische Revolution. Begriffe wie Dreschstein (ein von Pferden gezogener Steinzylinder zum Entkörnen) oder Schlafbank (eine Tagesbank, die nachts zum Bett wurde) zeigen die Mischung aus handwerklicher Eigenarbeit und schlichter Lebensweise. Wenn von Maßen wie Werst (ungefähr 1 km) oder Dessejatine (ungefähr 1,1 ha.) die Rede ist, wird die Weite der Steppenlandschaft greifbar.

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Kapitel 2    

 

     Da überkam es mich mit eins, ich konnte mich nicht mehr halten, ich stand auf, fasste ihn um den Kopf, drückte ihn an mich und sagte: „Väterchen, ich bin Ihnen furchtbar gut.” Väterchen sagte kein Wort. Ich aber lief in die Küche und schämte mich. Denn ich war ja damals schon ein erwachsenes Mädchen. Später hab ich solches nie mehr getan. Bloss als er im Sterben lag, ihm die Stirn gestreichelt und die Hand. An seinem Bett gesessen, seine Hand in meiner linken und mit meiner rechten gestreichelt. Als er schon sehr krank war und beinah nichts mehr sprach und auch die Augen fast immer geschlossen hielt, sobald ich kam, mich auf den Stuhl setzte, hob sich seine Hand langsam über die Decke und suchte meine Hand, dass ich sie streichle.

     Mein Väterchen war bräunlich, wie der Davidknabe in der biblischen Geschichte, hatte einen starken, beinahe schwarzen Bartwuchs, den er aber rasierte. Sein Kopfhaar war weiss geworden, aber noch sehr dicht. Bis zu seinem Tode war nicht zu merken, dass ihm die Haare ausgingen.

     In späteren Jahren, als ich schon verheiratet war, ging das Schmiedegeschäft nicht mehr so gut. Es waren allerhand Fabriken aufgekommen und die Leute bestellten da ihre Wagen und Pflüge. Ein Geselle nach dem andern wurde entlassen. Zuletzt blieb nur noch ein Lehrjunge. In dieser Zeit fing Vater an zu kränkeln. Jetzt ging auch der Lehrjunge. Auf unserem Hofe wurde es stille. Nur Väterchen ging noch alle Tage in die Schmiede und hämmerte. Neue Arbeiten nahm er nicht mehr an. Nur allerhand Kleinigkeiten. Zurechtmachen. Und Spielssachen für seine Grosskinder. Kleine Spaten, Schaufelchen, hölzerne Pferdchen, die er sehr hübsch schnitzte mit seinem Taschenmesser, polierte und färbte. Einen hübschen, allerliebsten Pflug mit drei eisernen Scharen, die man aufheben und niederlassen konnte, für unsern David. Hübsche Dosen für uns, um Spitzen und andere Kleinigkeiten hinein zu tun. Meine steht noch jetzt in meinem Zimmerchen auf dem Ecktischchen. Ein weisses Spitzendeckchen liegt darauf. Noch alles unbeschädigt und schön wie neu.

     Was unser Väterchen machte, ging nicht von allein entzwei. Die Schnitzarbeiten machte Väterchen im Winter in der Eckstube in seinem Sorgstuhl am Ofen. Im Sommer in dem kleinen Werkstübchen in der Schmiede. Dort pflegte er auch sein Mittagsschläfchen zu halten. In der Stille, in der Kühle. Einfach auf der harten Hobelbank. Nur seinen blauen Schurz untergelegt und unter den Kopf ein paar Hobelspäne. Früher hatte er immer in der grossen Stube auf der Ruhbank ein Viertelstündchen geruht. Auf dem grossen Kissen mit der Aufschrift: Still, Väterchen schläft. Jetzt so hart auf der nackten Hobelbank. Das war, als sich in unserm Hause schon viel verändert hatte und Väterchen gedrückt, still und nachdenklich geworden war. „Warum tun Sie das, Väterchen?” fragte ich. „Kind,” sagte er freundlich, „du weisst nicht, wie schön ich hier schlafe.” Hierher trugen wir ihn auch, als seine Augen für immer geschlossen waren. Auf derselben Hobelbank, auf weichen Fichtenholzhobelspänen im Sarge ruhte er.

     So ging es mit unserm Väterchen, aber das war schon später. Als mein Mütterchen starb, war er noch gesund und in der Schmiede hämmerte, pfiff und sang es den ganzen Tag. Die breiten Schmiedetüren standen weit offen. Auf dem Hofe war es voll von Wagen, Pflügen und Maschinen und es war ein Kommen, Fahren und Gehen; ein grosses Leben von früh bis spät. Gerade um diese Zeit hatten wir so viel Arbeit, dass wir uns kaum zu bergen wussten. Der grosse Garten mit den alten grossen Bäumen, die so voll Äpfel und Birnen hingen, dass die Äste unter den Stützen schier brachen. Wir verkauften und verschenkten. Alle Armen des Dorfes kamen mit ihren Kinderwagen sich Obst holen. Wir schnitten und trockneten Beutel und Säcke voll. Das war uns von Mütterchen so gelehrt. Nicht für uns allein. Für alle Bedürftigen und Kranken im Dorf, die es oft nach diesem oder jenem hungerte. Besonders im Winter, nach getrocknetem Obst. Auch steckte ich unserm David, wenn er im Winter zur Schule ging, jeden Morgen ein Händchen voll Aprikosen in die Hosentasche, die ihm in der Schule immer sehr schön schmeckten. Überhaupt war das auch später meine Gewohnheit, wenn Gerhardt oder Abrams oder Tienke Kinder zu mir kamen, dass stets etwas zu knuspern in allerlei Beutelchen in der Schlafbank war.

     Zu diesen Sorgen nach Mütterchens Tode kamen noch die schweren Erntearbeiten. Die machten wir meistenteils allein. Väterchen, Abram und der jüngste Lehrjunge, die sonst in der Schmiede arbeiteten, halfen. Wenn das Getreide gemäht war, fuhren wir es auf den Hinterhof in grossen Haufen zusammen. Wir hatten zwei Seitenwagen. Auf dem einen sassen Väterchen und ich. Auf dem andern Abram, Tienke und der Lehrjunge. Ich mochte immer bei Väterchen sein. Beim Nachhausefahren sass ich vorne nahe bei ihm auf dem hohen Fuder im Weizen eingewühlt. Dieses Nachhausefahren war mir das Schönste. Wir erzählten uns dann sehr viel, das heisst, Väterchen war meistens still. Ich aber konnte kein Ende finden mit Plaudern. Unsere Wirtschaft war die erste, gerade wo der breite Weg vom Feld ins Dorf führt. Hier ging es ziemlich bergab. Väterchen richtete sich auf. Ich fasste mit beiden Händen den Strick, der um das Fuder geschnürt war, und war sehr ängstlich.

     „Diesmal werden wir wohl umstülpen,” sagte Väterchen schmunzelnd.

     „Väterchen,” rief ich, „Sie werden doch nicht.”

     Die Deichsel stieg hoch in die Höhe und die Pferde liefen, liefen, liefen, aber umgekippt sind wir niemals. Zu Hause musste ich auf den Haufen. Väterchen warf hinauf und Abram und ich legten zurecht. Hoch oben. Einer konnte weit bis nach Takmak sehen. Ich war ganz klein da oben. Ein Strohhut, ein Forkenstiel, sonst war nichts von mir zu sehen. Manchmal ging auch Felix Kammermann an dem Getreidehaufen vorbei. Dann blieb er jedesmal stehen, legte die Hände zusammen, wie ein Fernrohr, als könne er gar nicht erkennen, was da für ein Kleines auf dem Weizen krabbelte. Ich hob manchmal die Forke in die Höhe und sagte:

     „Felix, ich schmeiss dir die Forke auf den Kopf.” Aber das war ja nur Spass, und er lachte.

     Wenn alles heimgebracht war und rund um die Tenne auf dem Hinterhofe in grossen Haufen stand, fing das Dreschen an. Das taten wir mit dem Stein. Die Gesellen halfen nicht. Nur wenn uns ein Regen dazwischen kam, dass die Tenne rasch aufgeräumt werden sollte, mussten auch die Gesellen herbei. Dann ging es aber! Besonders mit dem Felix Kammermann. Einer kriegte schier Angst, wie der mit Forken und Harken und Schaufeln hantierte, manchmal Hurra schrie und wie ein Orkanwind auf der Tenne hin und her fegte. So unpassend einem in der Dreschzeit solche Regenüberraschung war, mit dem Felix konnte einer gar nicht verdriesslich und unlustig werden.

     Dieser Felix hat bei uns viele Jahre gedient. Väterchen und wir alle waren soweit, dass wir meinten, ohne den Felix geht es gar nicht. Das Dreschen dauerte sehr lange und war die schwerste Zeit. Besonders weil wir so früh aufstehen mussten. Daneben musste der Haushalt besorgt und das viele Essen gekocht werden. Unsere Gesellen konnten was essen! Ja, die konnten was essen! Nur ein Nu! so waren grosse Brote, Berge von Klössen und Kartoffeln hinter den vollen Backen verschwunden. Felix sagte oft: „Wenn wir das alles, was wir bei Euch schon aufgegessen haben, aufspeichern könnten, da würde wohl Eure Querscheune nicht all die Berge von Schinken und Würsten und Broten und allerhand fassen.” Mir war das Kochen und Backen aber niemals zu viel, und Väterchen war das auch niemals zu teuer, was unsere Gesellen aufassen. Im Gegenteil, es war uns eine Freude. Bis zu Väterchen und Mütterchen, die in der Eckstube assen, war das Knacksen und Beissen und Kauen der Gesellen zu hören. Väterchen schnitt mit seinem scharfen Taschenmesser immer ganz kleine, dünne Scheiben rund um das Brot herum für sich und Mütterchen. Den Gesellen aber handbreitdicke Knüllen (Stück Brot), und die Stücke, die sie mit einem Biss abbissen, waren so gross wie meine Faust. „Die 4 Gesellen und die 4 Mastschweine, das sind welche, nicht wahr? nicht wahr?” lachte Felix Kammermann.

     Nach dem Dreschen wurde das Getreide geputzt. Früher noch mit der Schaufel, später mit der Putzmühle. Erst im Spätherbst trat eine Ruhepause in den Arbeiten ein. Dieser Spätherbst nach dem Tode unseres Mütterchens, die nun schon einige Monate im Grabe ruhte, war für uns Geschwister die schönste Zeit. Besonders an den Abenden. Wohl waren wir traurig über unser Mütterchen, das uns so sehr fehlte, und immer wieder, mitten aus dem fröhlichen Plaudern, gingen die Gedanken und Reden zu ihr hin. Aber wir wussten, sie war in einer besseren Welt. Von diesen Abenden waren die allerschönsten die Sonnabende. Da kam auch unser Gerhard nach Hause. Der diente in demselben Dorf bei Esaus in der Werkstube. Das war ganz auf dem andern Ende des Dorfes und Gerhard war an den Werktagen auch nachts dort. Er schlief da mit den Gesellen in der Werkstube. In einer Ecke waren vier Balken eingegraben. Zwischen diesen waren zwei lange und breite Raiten, für je zwei Mann zum Liegen, angenagelt. Unten einer, 3 Fuss von der Erde und oben unter der Stubendecke einer. Wie zwei Stockwerke. In dem obersten schlief unser Gerhard.

     Der Meister, Onkel Esau, war ein sehr tüchtiger Mann. In seiner Familie aber hatte der Herr ihm ein schweres Kreuz auferlegt. Da war Zank, Streit, Unreinlichkeit und Verschwendung. Die Kinder in zerrissenen Kleidern, ohne Hemden, schmutzig und immer voller Läuse. Die Läuse schienen dort in allen Winkeln und Ecken zu hausen, und so sehr unser Gerhard sich auch vorsah, jeden Sonnabend brachte er welche in den Hemden und Kleidern und auf dem Kopfe nach Hause. Er schämte sich zuerst, dann aber sagte er: dieses Vieh ist nicht los zu werden. Dann gab es einen grossen Krieg. Gerhard zog sich aus, kämmte sich den Kopf rein, während ich seine Kleider und Wäsche vornahm. Dann ging es knack, knack. Erst soviel ich mit den Fingern kriegen konnte, dann mit dem heissen Plätteisen. Wenn Felix Kammermann nur konnte, stand er dabei, schaute zu, und spassle mit mir, dass ich so grausam morde. Manchmal kam er auch mit dem grossen Zuschlagehammer aus der Schmiede und wollte damit die Läuse vernichten, dass sie unsern armen Gerhard nicht noch ganz und gar auffressen sollten.

MR 1946-04-10

 

    Am Sonnabendabend assen die Gesellen etwas früher als wir. Dann assen wir Geschw. und Väterchen mit uns. Es gab Tee und frische Zwieback, oder sonst ein Gebäck. Zucker durften wir so viel in den Tee tun, wie wir wollten. Väterchen sass am oberen Ende, links an der Seite Tienke, dann ich bei der Teekanne. An der andern Seite Gerhard u. Abram, und am unteren Ende unser kleiner David. In der Mitte über dem Tisch hing die grosse Hängelampe. Das war in der kleinen Stube. Dann besprachen wir, was alles in der Woche geschehen war, und schwatzten und neckten uns, und waren sehr vergnügt. Väterchen auch. Zwar laut lachte er nicht. Nur um den Mund und in den Augen. Uns war auch das genug. Wer was Lustiges sagte, schaute stets zu Väterchen, ob ihn das auch freute. Das Stündchen ging ihm wohl auch gut.

     Er stand nicht gleich auf, wenn er satt war wie sonst. Wir räumten nicht gleich ab und liessen alles auf dem Tisch stehen, solange es uns gefiel. Dass einer so zwei Stunden lang ohne jede Minute aufspringen und nach irgend etwas laufen zu müssen, still auf dem Stuhl dasitzen konnte, alle Wochenarbeiten getan, das Haus rein und morgen der heilige Sonntag, diese Wohligkeit, die einem dann in allen Gliedern und Knochen lag, ist kaum zu beschreiben. So war es auch den andern. Sie waren alle müde von der Woche. Und doch stand unser Mundwerk keine Sekunde still, ausser bei Väterchen. Auch unser kleiner Doid war meistens still. Nur die schönen goldbraunen Augen leuchteten von einem zum andern über den Tisch. Abram mochte ihn gern necken. Er erzählte die Geschichte von Samuel und dem Hirtenknaben David. Und Samuel fragte: sind das die Knaben alle? Nein, sagte Isai. Da ist noch einer bei der Herde und er kam und war ein brauner Knabe, schön von Gestalt und Angesicht und hiess David. Sogar Väterchen schmunzelte jedesmal, wenn Abram diese Geschichte erzählte. David errötete und sah dann noch hübscher aus. Er war ein so artiges Kind, dass ich mich auf keine einzige Unart in seinem Leben besinnen kann. Schon als kleines Kind war er eine Merkwürdigkeit. Kaum zu spüren im Hause, nur wenn er etwas Freundliches sagen, einem eine Gefälligkeit erweisen, oder sich eine kleine Liebkostung holen wollte. Im Winter, gleich nach Frühstück, nahm er seine Dose mit Pferdchen und Klötzchen und spielte stundenlang. Er war auch sehr sauber. Mit seinen Spielsachen, seinen Kleidern und an sich. Eine Bitte konnte er keinem abschlagen. Nach Weihnachten hatte er noch Pfeffernüsse und Konfekt, wenn wir unsere Teile schon längst aufgegessen hatten. Dann tat es ihm bis zu Tränen leid, dass wir nichts mehr hatten, und wir mussten ihm wehren, dass er uns nicht alles austeilte, was er noch hatte.

     Unserm Gerhard wurde viele Jahre später, nach seiner Silberhochzeit, als er schon erwachsene Söhne hatte, ein Knabe geboren. Der war in allen Dingen das Ebenbild unseres einstmaligen kleinen David. Der ist ums Leben gekommen, als er kaum in den Jünglingsjahren war. Doch damals, als wir noch so jung alle miteinander um den Teetisch sassen, mit unserm Väterchen an dem oberen Ende, da ahnten wir nicht, was uns das Leben noch bringen werde, dass aus uns wenigen Menschen dermaleinst grosse Familien mit Kindern und Kindeskindern entstehen würden, das mit Leid und Freude und viel Zerstreuung in der Welt, wie es jetzt ist. Die einen leben hier bei uns, die andern in Orenburg, die dritten in Sibirien, die andern in Amerika, manche auch schon längst gestorben. Es ist ein langer Weg, den wir gegangen sind, seit jenen Jahren. Ich bin krumm, die Finger von Rheumatismus halb verkrüppelt und der Leib von den Kindern und vielen schweren Arbeiten ganz entzwei, der Mund zahnlos. Abram beinah taub und Gerhard von Altersschwindsucht zu Haut und Knochen abgezehrt. Tienke Witwe mit Stiefkindern, Kindern und Grosskindern, ein altes, ganz armes Mütterchen, alles in allem beinah 100 Personen, die aus jener kleinen Stube, da wir noch um einen kleinen Tisch uns versammeln konnten, hervorgegangen. Es ist kaum zu glauben, und ich bringe manche Stunde in meinem Sorgstuhl damit zu, alle diese Personen langsam eine nach der andern in allen ihren besonderen Lebenswegen mit Gedanken und Fürbitte zu besuchen und zu begleiten. Es ist dies ausser der grossen Bibel, die mir meine Grosskinder geschenkt haben, das zweite Buch, das ich alle Tage lese und das alle Tage um ein paar Seiten grösser wird.

     An jenen Sonnabenden plauderten wir, bis unserm kleinen David die Augenlider mit den dichten, langen Wimpern zufielen und die schönen vollen Lippen einmal ums andere zum Gähnen sich öffneten.

     „Unser David will schlafen,” sagte Väterchen dann.

     „Ja,” antwortete David und glitt langsam vom Stuhl herunter.

     „Ja,” wiederholten Gerhard und Abram lachend. Das war das Zeichen zum Aufstehen, denn unser David schlief in derselben Schlafbank, auf der am Tische Abram und Gerhard sassen.

     Die Einrichtung unserer kleinen Stube war so: rechts von der Tür, die in die Küche führte, an der Wand, stand die Milch- und Schüsselbank. Auf dem untersten Brett lag in einem kleinen Kasten das Wichszeug: das Döschen mit Wichse, zwei Bürsten, eine zum Einwichsen, die andere zum Blankputzen. Daneben war der Platz für Davids Spielsachendose, das heisst, jetzt war es seine. Sie war aber schon sehr alt. Noch aus der Kindheit unserer älteren Halbgeschwister. Ihr Inhalt: die Pferdchen und Klötzchen hatten manche Wechselfälle mitgemacht. Es ging den toten Geschöpfen beinahe wie den menschlichen Geschlechtern, zerbrechen, verlieren, verschwinden, sterben, und dank unseres lieben Väterchens auch immer wieder ein Neugeborenwerden. Von den älteren Vorfahren dieser kleinen Wesen war nur ein schwarz angestrichener alter Gaul geblieben. Es war dies der Liebling unseres David und diente ihm zu den allerverschiedensten Dingen: bald war es der alte Grossvater unter den Pferden, der kaum auf den Füssen stand und aus Dankbarkeit für frühere Dienste nun das Gnadenbrot bekam und dessen Gebrechen mit grosser Liebe gepflegt wurden. Er war schwerhörig, blind und magenleidend. Konnte nur das feinste Weissbrot und kuhwarme Milch vertragen und musste in Kissen und unter warme Decken gebettet werden. War nahe daran zu sterben, um ganz gewiss in den Himmel zu kommen. Ein andermal war er ein starkes Lasttier. Wie der grosse weisse Schimmel bei Willms in der Dampfmühle, der kopfhoch grösser als alle andern Pferde war und doppelt soviel Kräfte besass. Ganz allein zog er den hochbeladenen Leiterwagen, den Abram und Gerhard unserm David gemacht hatten. Drei Pferde hatte er vorgelegt und dennoch blieben sie in der tiefen Niederung vor Tigerweide liegen und konnten gar nicht weiter. Da musste er den Alten holen, der legte sich noch gar nicht mal sehr ins Seil und der Leiterwagen war draussen aus der Niederung. O, der Alte war stark, so stark wie drei andere, vielleicht so stark wie alle andern Pferde zusammen. Oder er war der Oldenburger Zuchthengst, der so böse war, dass kein anderes Pferd neben ihm stehen konnte, der alle Pferderäume entzwei brach, alle Ketten und Stricke, und wahrscheinlich noch mal die ganze Milchbank mit all den Tellern und Schüsseln zerschlagen wird. Ein furchtbar böser Hengst. Er war auch das allerbeste Fahrpferd. Von Altonau bis Melitopol, das doch 25 Werst sind, braucht er bloss 2 Minuten. Nur hatte der Hengst die Schlechtigkeit, dass er immer durchgehen wollte und schier mit aller Gewalt nicht an der Leine zu halten war. Er riss dem armen David beinah die Arme aus. Manchmal musste auch ich und Tienke, sogar Abram zu Hilfe kommen. Nur mit Mühe und Not konnten wir ihn alle miteinander zum Stehen bringen. Dafür spannte ihn David dann am andern Morgen ganz allein vor den Pflug und pflügte an einem Vormittag 4 Dessjatinen um. Wenn gerade nötig, war der Hengst auch ein Schwein, das zu einem grossen Feste geschlachtet wurde und zu dem alle Nachbarn zusammen kamen, oder ein grosser Schäferhund, der Löwen, Bären und andere Untiere von uns abwehrte, dass wir sicher und ruhig schlafen konnten.

     Dieser Hengst hat später, als David aus dem Elternhause war, viel Schweres erlebt und wird sich wohl oft nach seinem jungen, freundlichen David gesehnt haben. Ich bin ihm in späteren Jahren noch hin und wieder begegnet. Einmal fand ich ihn auf dem Misthaufen, ein andermal in der Aschbude. Zuletzt ist er ganz verschwunden. Wo und wohin, das weiss kein Mensch. Auch was sonst in der Dose war, hat sich im Laufe der Zeit in alle Winde zerstreut. Wie auch vieles andere. Denn nach Väterchens dritter Verheiratung war ein Geist in unser Haus gekommen, unter dem vieles, was bisher still geliebt und gepflegt worden war, nicht mehr recht gedeihen konnte. Auch Väterchen selber nicht.

     Ausser dieser Milchbank standen in der kleinen Stube nur noch ein Tisch, einige Stühle und zwei Schlafkbänke. Eine kleinere für unsern David. Sie stand unter dem einzigen Fenster. Die andere, grössere, an der Eckstubenwand. In dieser schliefen Tienke und ich. Diese Schlafbank bekam Tienke zur Aussteuer. Aber als sie in der grossen Auswanderung nach Amerika zog, wurde sie auf dem Ausruf verkauft. Ich bat meinen Bruder Gerhard, ich war damals Witwe, der kaufte sie für mich und sie stand ein Jahr lang in meiner kleinen Stube. Nach einem Jahr war Tienke mit ihrem Mann zurück und ganz arm. Alle Habe vor der Abreise verkauft. Das Geld verbraucht. Da gab ich ihr diese Schlafbank, in der wir beide als junge Mädchen nebeneinander geschlafen hatten, und sie stand bei ihr in der grossen Stube, da wo bei andern Leuten die gepolsterte Ruhbank steht, und war jetzt, trotzdem sie alt und abgeschabt war, doch ihr bestes Möbelstück in der Armut. So ging es unserer lieben Tienke mit ihrer Schlafbank. Sie steht auch Heute noch da bei ihr, in dem kleinen, kleinen Lehmhäuschen, das die Dorfgemeinde meiner verarmten Schwester schenkte. Einst, als sie in unsrer kleinen Stube stand, welche auch das Esszimmer war, sass Felix Kammermann und die andern grossen Gesellen darauf, die in der Schmiede so hämmerten, dass in unseres Väterchens Geldbeutel die schweren Geldstücke und das Papiergeld niemals alle wurden. Die Geldtasche unserer Tienke aber war mager, all die Jahrzehnte hindurch, obgleich sie nach ihrer Verheiratung in einer grossen Wirtschaft wohnte und uns andern Geschwistern gegenüber das grosse Los getroffen zu haben meinte.

MR 1946-04-17

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​​​​​​​Bemerkungen:

     Kein Heller in der Tasche = eine sehr alte deutsche Münze

Mennonitische Wohnkultur & Mobiliar

  • Sorgstuhl: Ein alter Lehnstuhl bzw. Großvaterstuhl für Ältere oder Kranke, oft mit Armlehnen und Polsterung versehen, um Entlastung bei körperlicher Arbeit zu bieten.

  • Ruhbank: Die typische Holzbank mit Rückenlehne (oft gepolstert oder mit Zierkissen), die in der guten Stube („Große Stube“) stand und für das kurze Mittagsschläfchen oder Ehrengäste reserviert war.

  • Schlafbank: mennonitisches Holzmöbel: Tagsüber eine Sitzbank am Esstisch, nachts aufklappbar/ausziehbar als Bett. Dass Felix und die Gesellen tagsüber auf derselben Bank saßen, in der die Mädchen nachts schliefen, verdeutlicht die funktionale Enge der Wohnräume.

  • Milch- und Schüsselbank: Ein zweckmäßiges Regal/Bord nahe der Küche zur Aufbewahrung von Milchgeschirr, Töpfen und Alltagsgegenständen.

  • Eckstube & Kleine Stube: Typische Raumaufteilung des mennonitischen Längshauses (Wohnhaus und Stall/Scheune unter einem Dach).

Handwerk, Landwirtschaft & Arbeitswelt

  • Dreschen mit dem Stein: Bezieht sich auf den Dreschstein (ein getriebener, geschlitzter Granit- oder Kalksteinzylinder), der von Pferden im Kreis über das auf der Tenne ausgebreitete Getreide gezogen wurde, um die Körner aus den Ähren zu quetschen.

  • Putzmühle: Mechanische Windmühle zum Reinigen des Gedroschenen (Trennen von Spreu und Korn), die nach und nach das schwere, manuelle Worfeln („mit der Schaufel“) ablöste.

  • Fuder & Seitenwagen: Ein hoch beladener Erntewagen mit hölzernen Aufsätzen für Getreidebündel. Das Herabfahren vom Feld ins Dorf erforderte Geschick, da hohe Fuder leicht umkippten.

  • Etagenbetten in der Werkstube: Gerhard schlief in einem selbstgebauten Doppelstockbett direkt am Arbeitsplatz bei den Gesellen – ein Beleg für die oft kargen Unterbringungsbedingungen von Lehrlingen und Handwerkern.

Alltag, Hygiene & Vorratshaltung

  • Kamm- und Bügeleisen-Methode gegen Kopfläuse: Das Entlausen mit dem dichten Staubkamm und das direkte Abfahren der Kleidungssäume mit dem glühend heißen Plätteisen war in der damaligen Zeit die effektivste Methode, um Läuse und deren Eier durch Hitze zu töten.

  • Getrocknetes Obst (Dörrobst): Im Winter eine lebenswichtige Vitaminquelle. Das Schneiden und Trocknen von Apfel- und Aprikosenspalten für Bedürftige und Schulkinder spiegelt das gelebte Gemeindethos der gegenseitigen Fürsorge (Diakonie) wider.

  • Pfeffernüsse & Zwieback: Traditionelles Gebäck. Der doppelgebackene mennonitische Zwieback gehört bis heute zur Fest- und Tee-Kultur.

Sprachliche & Ausdrucksformen

  • „Väterchen” / „Mütterchen”: Ehrerbietige, aber zugleich zärtliche Anrede im mennonitischen Sprachraum unter russischem Einfluss (Entsprechung zu Otjez / Matuschka). Auch das Duzen/Siezen gegenüber den Eltern („ich bin Ihnen furchtbar gut“) war Ausdruck tiefen Respekts.

  • Späteres Schicksal & Streuung: Die Erwähnung von Orenburg, Sibirien, Amerika und der Tragik der Verarmung deutet die großen Entwurzelungswellen (Entkulakisierung, Verbannung, Auswanderung nach 1874 bzw. 1920er Jahre) an, die viele Familien auseinandergerissen haben.

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Fortsetzung folgt

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