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Teil 9
Freude und Trauer wechselten bei den Flüchtlingen. Ebenso Sorge und Hoffnung. Wohin kommen wir? In welchem Land werden wir eine Zukunft aufbauen können.
Aber nun kamen Weihnachten und Silvesterabend. Das wurde gefeiert. Es folgt eine Beschreibung einer Feier. Der Text erschien in einer deutschen Zeitung und wurde im Boten wieder gedruckt.
Jahreswende bei den Auswanderern
Aus der "Deutsch. Allg. Ztg."
Mölln
Ende Dezember. Damals waren es 323 Seelen, die ich in primitivsten Verhältnissen in einem Hafenspeicher in Kiel besuchte. Jetzt, nach 6 Wochen, sah ich sie und noch viele Hunderte dazu in Mölln wieder. Von Kiel aus waren sie nach Hamburg gebracht und dort im Auswandererheim der Habag aufgenommen worden. Das Reich, viele soziale und religiöse Organisationen und auch die durch die Presse alarmierte Oeffentlichkeit haben den Unglücklichen wirkliche Hilfe zukommen lassen.
Man rechnete damit, daß dieser Vortrupp alsbald nach Canada abtransportiert werden würde. Leider hatte man aber mit der scharfen Kontrolle und den mannigfachen Bedenken der kanadischen Gesundheitsbehörben nicht gerechnet: nur der allergeringste Teil hat die vorläufige Bestätigung einer enwandfreien Gesundheit erhalten; bei vielen ist die Entscheidung bis heute noch nicht gefallen, und die meisten wurden zurückgewiesen. Wohin nun?
Mittlerweile hat sich die Zahl der in Deutschland eingetroffenen Flüchtlinge verzwanzigfacht, und es ist immer noch nichts Bestimmtes über ihr weiterer Schicksal bekannt. Am wahrscheinlichsten ist es wohl, daß das Gros in Brasilien eine neue Heimat finden wird. Darüber schweben Verhandlungen, die bis jetzt einen positiven Verlauf genommen haben - man weiß dort deutsche Kraft und deutschen Geist zu schätzen. Die Auswanderer selbst glauben in den letzten Tagen, daß in Brasilien ihre Zukunft liegen wird.
Der Aufenthalt in Hamburg stellte sich als zu teuer heraus (ein Dollar pro Tag und Kopf), und so wurden am vergangenen Donnerstag die Auswanderer nach Mölln transportiert, wo sie unter verhältnismäßig recht günstigen Umständen in einer ehemaligen Unteroffiziersschule untergebracht sind. Einige größere Familien haben getrennte Räume für sich, es gibt Zimmer mit 10 bis 12 Betten und noch 4 Säle mit je 25 Betten.
In Kiel sah ich noch einige scharlach- und masernkranke Kinder. Das ist jetzt nicht mehr der Fall. Die jüngste Generation ist wohlauf, wohl aber haben sich bei einigen älteren Auswanderern die Folgen der furchtbaren Entbehrungen und seelischen Erschütterungen eingestellt: man sieht sie in den Ecken hocken, teilnahmslos vor sich hinstarren. Bei drei, vier Frauen macht sich die früher erduldete Unterernährung in chronischen Magenleiden bemerkbar. Heute haben bereits rund 1200 in Mölln Aufnahme gefunden, weitere Transporte werden erwartet.
Ich fragte die Führer der Gruppe, ob sie und ihre Leidensgefährten nicht durch die Ungewissheit ihrer Zukunft nervös gemacht werden.
„Nein, dazu haben wir zu viel erlebt. Schlimmeres werden wir nie erleben als die entsetzlichen Wochen und Monate vor Moskau: wir sind ruhig und warten. Etwas ungeduldiger sind die letzten Transporte, die nur zwei oder drei Tage am roten Herzen gelegen haben; sie haben nicht so viel ertragen müssen wie wir. Und dann sind noch einige unter uns, die Verwandte vor Moskau zurückgelassen haben, die auch schon einige Monate dort lagen und mit dem ersten Transport uns folgen sollten. Man hat sie zurückgeschickt, nach Sibirien, der Krim, und in diesem Leben werden wir sie nicht mehr sehen. . . ."
Eine robuste Frau in mittleren Jahren: „Im vorigen Jahre machte ich meinem kleinen Buben ein Weihnachtsbäumchen zurecht, und einige Nachbarskinder besuchten uns dazu. Am nächsten Morgen wurde ich wegen religiöser Propaganda verhaftet. Ich habe drei Wochen gesessen, dann wurde ich wieder herausgelassen. Aber zwei Monate später haben sie mir wegen rückständiger Steuern alles, was ich hatte, verkauft. Und ich bin doch bloß eine Witwe, wenn auch mit zwei kräftigen Fäusten, die noch viel arbeiten können und wollen. Der Sekretär des Vollzugskomitees, der die Versteigerung leitete, hat mich angelacht: „Nun, Täubchen, Weihnachtsengel, jetzt hast du's leichter, kannst fliegen, meinetwegen in den Himmel. . . !"
Tiefe Dankbarkeit empfinden diese Menschen: noch in Hamburg hat die Auswanderungskommission, das Rote Kreuz, das Übersee-Heim und besonders die Hamburger Sparkasse 27 am Tage vor der Abfahrt einen Weihnachtsabend veranstaltet und die Flüchtlinge sehr reich mit Kleidung, Wäsche, Lebensmitteln, Naschereien für die Kinder, ja, sogar mit Zahnpasta und ähnlichen Luxusartikeln, die sie in Russland schon seit Jahren nicht mehr gesehen hatten, beschenkt. Und täglich bringt die Post Pakete mit Liebesgaben aus allen Teilen Deutschlands.
Drei oder vier dieser Menschen sagten nur: „Das Land, das unsere Väter vor 150 und mehr Jahren verlassen haben, ist uns jetzt in diesen kürzeren Wochen beinahe mehr Heimat geworden, als es Russland für alle vorangegangenen Generationen jemals gewesen ist!"
„Der Bote", Mittwoch, den 15. Januar 1930
Eine Meldung über die Lage der Mennoniten in Russland zur Weihnachtszeit.
Die Gemeinde ist gänzlich verwaist; es ist selten Andacht. Aber am heiligen Abend vor Weihnachten war die Kirche ganz voll, ohne dass jemand benachrichtigt worden wäre. Die Ausgesiedelten waren auch alle erschienen. Auch Prediger Peter Funk war da; aber er darf nicht predigen. So wurden denn von den Versammelten etliche Lieder gesungen, der Chor trug etliche Lieder vor, Gedichte wurden von der Jugend deklamiert, die besonders für unsere Zeit passten.
"Der Bote", Mittwoch, den 11. Februar, 1931
Briefe und auch die mennonitischen Zeitungen aus Amerika hielten die Ausgewanderten auf dem Laufenden mit der Lage der zurückgebliebenen Mennoniten. Unweigerlich haben sie Vergleiche gezogen und feststellen müssen, welch immenses Glück gerade ihnen widerfahren war.
Noch ist besonders Brasilien als Auswanderungsziel gedacht. Paraguay hat sich noch nicht gemeldet. Brasilien wird sich später als ähnlich wie Kanada schwierig erweisen und sehr streng in der Gesundheitskontrolle vorgehen. Aber unter den Mennoniten gibt es viele mit Behinderungen als Folge der schweren Jahre im Sowjetrussland.
Paraguay wird dann alle aufnehmen, ohne Ausnahme. Das wird dann ein Grund werden, warum die meisten Paraguay vorziehen.
Nun folgt eine Meldung, die die Geflüchteten viel Schmerz bereitet hat: das Kindersterben.
“Die Assoziierte Presse meldet unter dem 2. Januar aus Hammerstein: Unter den Kindern der deutschen mennonitischen Flüchtlinge hier ist eine fremde Krankheit ausgebrochen, an der schon 40 Kinder gestorben sind. Weitere 50 sind noch krank an dieser Krankheit, welche die Ärzte verwirrt. Trotz allen sanitären Maßnahmen verbreitet sich die Epidemie, weil, wie man sagt, viele Mütter ihre kranken Kinder verstecken und für sie beten, anstatt sie in ärztliche Behandlung zu geben. Die Krankheit hat Ähnlichkeit mit den Masern, aber die Kinder sterben im Laufe einiger Stunden nach der Infektion.
"Der Bote", Mittwoch, den 8. Januar 1930
Ich habe es von meiner Mutter selbst gehört: man versteckte die erkrankten Kinder, denn welche ins Hospital eingeliefert wurden, starben sicherlich. “Das war eine Epidemie und die Krankenschwestern, sonst so lieb, verstanden aber nicht mit der Krankheit umzugehen.”
Die Geflüchteten erhalten regelmässig Briefe aus Russland. Briefe von Verwandten, von Familienmitgliedern, von Nachbarn. Der Inhalt wird sofort rundgereicht und allen bekannt gemacht. Und die Nachrichten aus Russland sind schrecklich.
Gesuch. Von den Flüchtlingen aus Russland in Prenzlau.
Ein Notschrei, der nicht länger überhört werden kann und darf, tönt aus Sowjetrussland herüber und wendet sich an alle zivilisierten Nationen und Völker der ganzen Welt. Um Hilfe rufende Stimmen der Männer steigen gen Himmel: Helft uns! Rettet uns!
Verzweifelte, händeringende Frauen, die unsäglich leiden, richten ihren Blick gen Himmel und jammern: Helft unsern Männern! Rettet uns und unsere Kinder!!
Kinder, deren jugendliches Antlitz den Ernst der Erfahrung verrät, heben die gefalteten Händchen zu Gott und rufen: Hilfe! Helft Vater und Mutter! Rettet uns!
Ja, unsere Brüder in Russland sind in Not, in großer Not! Ihre Existenz ist ganz unmöglich. Sie werden dort zugrunde gemartert. Unschuldige Menschen füllen die Gefängnisse. Hier werden sie zu Tode gefoltert. Andere werden in den hohen Norden verbannt. Täglich neue Verhaftungen und Vertreibungen von Haus und Hof, oft von Frau und Kindern. Und worin besteht die Schuld? — Sie gehören zu denjenigen, die vor der Revolution nicht ganz mittellos waren, oder sie sind Geistliche und Gläubige des mennonitischen, lutherischen oder katholischen Glaubensbekenntnisses, denn der Glaube an Gott soll genommen, geraubt werden.
Die Armen kommen zum Wahnsinn! Täglich erhalten wir schreckliche Nachrichten aus Russland von unsern Brüdern, sie sind der Verzweiflung nahe und bitten, flehen nach Hilfe und Rettung.
Wir können ja nicht helfen, wir sind aber auf eine wunderbare Weise gerettet, haben Unterkunft in Deutschland gefunden; aber Deutschland, das Vaterland unserer Vorfahren, kann nicht allen helfen, und deshalb wenden wir uns im Namen aller Flüchtlinge, ja auch im Namen der leidenden Männer, Frauen und Kinder in Russland an den Völkerbund:
Helft unsern Brüdern! Rettet sie von dem unvermeidlichen Verderben! Schauen sie doch sehnsüchtig nach Hilfe aus und rufen, bald verzagend, bald hoffend: Helft! Helft! Helft!
Beiliegende Briefe (Auszüge) unserer Landsleute sollen die wirkliche Lage in jenem Lande schildern. Dass diese Auszüge der Wahrheit entsprechen, bestätigen wir.
Da die Menschen in Russland, die so geknechtet, gepeinigt und gemartert werden, doch ebenso wie wir alle ein Menschheitsrecht haben, da wir wissen, dass die Schmachtenden der Verzweiflung nahe sind, so begreifen wir auch folgende Fragen, welche die armen Bürger Russlands mutlos aussprechen: Hören die Völker der Welt unsern Notschrei? Werden die Völker auf unsere Bitte reagieren? Wird die Völkerliga den um Erlösung Flehenden Gehör schenken?
Dennoch rufen wir mit ihnen: Helft! Helft!
In der Hoffnung, dass der Völkerbund die nötigen Schritte unternehmen wird, zeichnen bittend:
Jakob Janzen, Abram Isaak, Paul Busse, Kornelius Neufeld, P. Penner, Heinrich Löwen, Nikolai Wiebe, Jakob Epp, Hermann Konrad, Fr. Görtz, David Enns, Peter Isaak, Peter Epp, Johann Riediger
„Der Bote", Mittwoch, den 26. März 1930
Heute wissen wir, dass niemand etwas tun konnte, um den Verfolgten in Russland zu helfen. Viele Jahrzehnte später, als Gorbatschow das Land leitete, konnten die Mennoniten endlich auswandern. Zwischen 1951 und 1996 fast 1,6 Millionen Russlanddeutsche die Sowjetunion, wie viele davon Mennoniten waren, weiss man nicht.
Die Mennoniten Hollands zeichnen sich schon seit langem durch ein sehr gemässigtes Christentum aus. Was aber an ihnen seit eh und je hervorragend war, war ihre Hilfsbereitschaft, wo Menschen in Not sind. Ein gutes Beispiel lesen wir hier:
“Der Christliche Bundesbote berichtet: Die Gemeinden in Holland haben den armen Flüchtlingen, welche nicht gesund genug sind, um in Canada eingelassen zu werden, angeboten, nach Holland zu kommen, um dort gesund zu werden.”
„Der Bote", Mittwoch, den 26. März 1930
Franz Bargen erzählt wie sie aus einem russischen Dorf es geschafft haben, in Kanada einreisen zu können:
Carlyle, Sask., den 12. März. Unsere Reise nach Canada.
Auch wir sind unter den Bevorzugten, die Gott aus dem Lande der Schrecken herausgerettet hat. Den 1. November vorigen Jahres entschlossen wir uns, alles zu verkaufen und nach Moskau zu fahren, um dort die Ausreiseerlaubnis zu erhalten. Wir wollten unsere Sachen durch öffentlichen Ausruf verkaufen, doch schon am 3. November wurden die Ausrufe durch einen Befehl untersagt, so dass wir unsere Sachen, so viel wir eben konnten, im Geheimen verkauften, um doch Geld zur Reise nach Moskau zu haben. Die verkauften Sachen wurden des Nachts abgeholt, weil am Tage Wachposten aufgestellt waren, die keine Sachen aus dem Dorf ließen.
In Moskau erfuhren wir, dass die Wanderungssache schlecht stehe. Jede Nacht wurden Verhaftungen vorgenommen; meistens waren es Sänger, die arretiert wurden, weil man in ihnen die Agitatoren gegen die Sowjetregierung vermutete. Es dauerte auch nicht lange, da wurden viele gewaltsam in die Waggons einverladen und zurückgeschickt. Wie es dabei zugegangen ist, kann man sich nur vorstellen. Die Frauen wurden aus dem Wochenbett geholt und auf Lastautos geladen. Bei der Fahrt ging's durch Löcher und über Steine, so dass einige davon gestorben sind. Ungeheizte Güterwagen wurden trotz der großen Kälte eingeladen und ohne Brot zurückgeschickt, so dass viele erfroren und verhungert sind, besonders von denen, die nach Sibirien geschickt wurden.
Als die meisten zurückgeschickt waren, kam die Nachricht, dass die Übergebliebenen nach Deutschland fahren konnten. Wir wollten es anfänglich nicht glauben, aber zu unserer Freude sahen wir am 29. November die erste Gruppe abfahren. Wir konnten am 4. Dezember abfahren und kamen den 6. nachts in Deutschland an. Auf der Grenze wurden unsere Sachen durchsucht und alles Geld wurde weggenommen. Ich hatte noch 3 Rubel bei mir, die ich abgeben musste, so dass ich ohne einen Cent nach Deutschland kam. Hier wurden wir gut untergebracht und verpflegt. Doch die Folgen der Strapazen zeigten sich bald, besonders bei den Kindern. Es brachen die Masern und Lungenentzündung aus, so dass wohl 70 Kinder gestorben sein mögen, unsere zwei Kleinsten waren auch sehr krank, aber sie sind wieder gesund geworden, dem Herrn sei Dank.
Trotzdem Deutschland mit der eigenen Not so schwer zu kämpfen hat, wurden wir doch gut aufgenommen, besonders die kranken Kinder genossen eine gute medizinische Pflege. In besonders dazu gebauten Baracken wurden die masernkranken Kinder untergebracht. Schon im Januar untersuchte der englische Arzt die Emigranten, doch wir wurden erst den 6. Februar besichtigt, da unser Sohn Peter im Krankenhause war. Wir wurden für gesund befunden und konnten am 8. Februar unsere Reise nach Canada antreten.
Es ging über Hamburg nach England, wo wir am 14. Februar das Schiff „Montagema" bestiegen. Nach neuntägiger Fahrt kamen wir wohlbehalten in St. John an und am 27. Februar kamen wir in Winnipeg an, wo wir freundliche Aufnahme bei unserem früheren Nachbar I. Wiebe fanden. Von dort holte uns unser Onkel Johann Martens nach Springstein, und dort blieben wir bis zum 3. März.
In Springstein durften wir an drei Tagen der Bibelbesprechung beiwohnen. Hier trafen wir viele Bekannte aus Russland. Von dort ging's zum letzten Ziele unserer Reise zu, durch Carlyle zu den Geschwistern Peter Bargen. Die Freude des Wiedersehens war groß.
Beim Aussteigen hier in Carlyle aus dem Zuge wurden wir von einem englischen Prediger willkomm geheißen, der uns versicherte, dass wir in Canada unseres Glaubens leben können.
Wir sind froh und dankbar, dass wir dem Elend entkommen sind. Wenn wir auch von allem Irdischen los sind, so sind wir doch in einem Lande, wo wir frei unserm Gott dienen können. Gott möge auch die noch in Russland verbliebenen Geschwister und Freunde retten, die Tag und Nacht gequält werden.
Franz Bargen.
„Der Bote", Mittwoch, den 26. März 1930
Harold S. Bender, einer der grossen Mennoniten des vorigen Jahrhunderts, verbrachte im Jahre 1930 über sieben Monate in Deutschland, um B. H. Unruh behilflich zu sein, um für die Flüchtlinge eine neue Heimat einzuleiten. Hier ist seine Biographie.
Nach seiner Rückkehr gab er einen Bericht, anhand dessen die folgende Mitteilung gebracht wurde:
Hilfswerk-Notizen des Mennonitischen Zentralkomitees
Von Levi Mumaw.
Dr. H. S. Bender landete am 15. September in New York nach einem Aufenthalt von sieben und eineinhalb Monaten in Deutschland. Er war während dieser Zeit hauptsächlich im Interesse der mennonitischen Flüchtlinge aus Russland tätig. Sein Bericht über das Werk dieses Sommers ist sehr interessant und zeigt die ernste Bemühung, der großen vorliegenden Aufgabe gerecht zu werden. Es galt, der großen Menge von Flüchtlingen in jeder möglichen Weise behilflich zu sein und die nötigen Vorbereitungen für die Reise über See zu treffen, wie früher an dieser Stelle berichtet worden ist.
Im Allgemeinen ist die Auswanderung aus Russland zur gegenwärtigen Zeit verboten. Berichte über die jammervollen Verhältnisse daselbst treffen noch immer ein, und man muss annehmen, dass viele durch Hunger und schlimme Wohnungsverhältnisse umkommen. Leider steht zu erwarten, dass während des kommenden Winters noch viele andere von demselben Schicksal ereilt werden, wenn ihnen nicht Hilfe geleistet werden kann. Zur gegenwärtigen Zeit ist dazu leider keine Aussicht vorhanden.
Von den 3700 mennonitischen Flüchtlingen, welche im November des vorigen Jahres nach Deutschland gekommen waren, sind jetzt (am 15.09.1930) noch etwa 300 übrig, die auf Gelegenheit warten, nach einem überseeischen Lande zu gehen. Man hofft, dass dieselben binnen kurzem Deutschland werden verlassen können. Neben dieser Gruppe sind noch einige, denen die Ausreise aus Deutschland vorläufig nicht gestattet wird und für deren Unterhalt von den europäischen Mennoniten gesorgt werden wird.
Die Aufgabe, die verschiedenen Gruppen auszuwählen und den Wünschen der einzelnen Personen nachzukommen in dem ernstlichen Bestreben für sie das Beste zu tun, war mit nicht geringen Schwierigkeiten und Kosten verbunden. Doch kann gesagt werden, dass die Resultate wenigstens einigermaßen befriedigend sind. Die deutsche Regierung hat sich zufrieden geäußert über das Werk der Umsiedlung der russländischen Mennoniten aus Deutschland. Vonseiten der Beamten der deutschen Regierung wurde die bereitwilligste Mitwirkung in dieser Sache bewiesen, und dies war zum Gelingen des Projekts absolut nötig.
Bezüglich derjenigen, die nach Paraguay gingen, hat das Mennonitische Zentralkomitee gewisse Verantwortlichkeit für die Ausrüstung übernommen. Diese Verpflichtung ist durch die freigebige Mithilfe der Mennoniten Amerikas erfüllt worden. Die Flüchtlinge in Paraguay wohnen jetzt auf ihrem Lande und besitzen die nötige Ausrüstung zur Bearbeitung ihres Landes; doch sind sie bis zur Ernte auf weitere Unterstützung angewiesen. In ihrem neuen Lande steht jetzt die Frühlingszeit vor der Tür. Diejenigen, welche in den ersten Gruppen kamen, haben einige Vorteile den später Gekommenen gegenüber, doch hofft man, dass im Laufe dieses und des nächsten Monats genügend Land bestellt und eingesät werden kann, sodass die Ernte für den Unterhalt der Kolonie genügend sein wird. Die Ernte in Paraguay fällt in den Februar. Bis dahin muss durch uns für hinreichende Nahrung gesorgt werden.
Die Beiträge aus den mennonitischen Kreisen Amerikas sind in den letzten drei Monaten nur sehr spärlich eingekommen, und nur weil noch von früherer Zeit Fonds vorhanden waren, konnte das Werk unbehindert weitergeführt werden. Es ist zu hoffen, dass unser praktisches Interesse an der Sache in den nächsten Monaten wieder mehr hervortreten wird, damit das Komitee imstande sein kann, der vorliegenden Aufgabe wie bisher zu entsprechen.
Scottdale, Pa., 22. September 1930
"Der Bote", Mittwoch, den 8. Oktober 1930
Da die Mennoniten Brasiliens Hilfe von Holland bekamen, verpflichteten sich die kanadischen Mennoniten den Flüchtlingen in Paraguay zu helfen.
Mit dem ersten April ist das Flüchtlingslager in Prenzlau aufgelöst worden. Die Flüchtlinge sind nach Mölln übergeführt worden.
"Der Bote", Mittwoch, den 16. April 1930
Von den drei Lagern bestand das in Mölln bis zuletzt
Aus der alten Heimat: Ein trauriges Schicksal
Ein trauriges Schicksal ist Heinrich P. Hildebrand, früher Chortitza, Südrussland, zuteil geworden. Er wanderte im Jahre 1923 mit seinen Brüdern aus Russland aus, wurde aber mit ihnen zu einer Augenkur auf dem Lager Lechfeld zurückgehalten. Den zwei jüngeren Brüdern gelang es, nach einem halben Jahre in Canada einzuwandern. Heinrich Hildebrand jedoch wurde in St. John aufgehalten und zurückgeschickt. Nun beginnt für ihn eine langwierige sechsjährige Kur unter verschiedenen Ärzten auf dem Lechfelde, in Hamburg und im Matlantic Park mit wechselndem Erfolg und steigenden und fallenden Hoffnungen. Schließlich wurde er von Prof. Zorab von der Universität in Southampton für gänzlich ausgeheilt erklärt, und Dr. Jeffs, der kanadische Regierungsarzt, stellte ihm ein Gesundheitszeugnis aus. Daraufhin begab er sich wieder auf den Weg nach Canada.
Er langte am 17. Januar in St. John an und wurde wieder aufgehalten. Auf Verwendung der C.P.R. wurde der Fall von Ottawa aus dem höchsten Gesundheitsbeamten zur Entscheidung vorgestellt, und der verweigerte die Einreise. So ist H. Hildebrand am 27. Februar wieder zurückgeschickt worden. Wohin? Es ist verständlich, wenn er erklärt, dass er die Hoffnung auf eine Einwanderung aufgegeben habe und sich weigert, sich einer weiteren Behandlung zu unterziehen. Mutig und tapfer hat der liebe junge Freund sieben seiner besten Jahre geopfert, um hierher zu gelangen.
Möge ihm der Mut und das Gottvertrauen auch jetzt nicht schwinden, wo er die Hoffnung auf ein Wiedersehen mit seinen Brüdern und seiner Braut auf lange Zeit, vielleicht auf immer aufgeben muss.
"Der Bote", Mittwoch, den 11. März, 1931
Bericht vom Mennonitenheim in Mölln
Von Dr. P. Dyck
Mit der Aufrichtung des Mennonitenheims am 1. Februar 1931 mussten jegliche Angestellte durch Flüchtlinge ersetzt werden. Es wurde von Herrn Prof. Unruh ein Verwaltungsausschuss ernannt, der die Betreuung der Flüchtlinge übernahm. Die Kardinalfrage, die gelöst werden musste, war die Verpflegungsfrage. Es wurde die Verpflegungsnorm Mk. 0,45 und die Unterhaltungsnorm Mk. 1,— pro Kopf und Tag festgelegt. In dem Rahmen dieser haben wir uns bis heute mit kleinen Abweichungen gehalten. Jetzt, bei einer Belegschaft von 50-60 Personen, darunter etwa 4-5 Kranke, ist es nicht möglich, die Verpflegungsnorm einzuhalten. Die genannten 4-5 Leidenden erhalten täglich Extrazulage von Butter, Milch, Eier und auch vitaminreiche Speisen. Als Grundlage der Verpflegung aller Gesunden dient der normale Kaloriengehalt einer erwachsenen Person.
Als Voraussetzung gilt, dass jede Person Brot und Kartoffeln in unbeschränktem Maße erhält. Weiter gibt es zu Mittag ein Durchschnittsgericht mit der Variation: eines Tages mehr feste, trockene Speise. Selbstverständlich fehlt für den Sonntag nicht die berühmte Pflaumensuppe und in der Woche nicht der russische Borschtsch. Für morgens und abends gibt es Marmelade, Schmalz oder Margarine. Die Einrichtung der Kochgelegenheiten in jedem Flur gestattet den Leuten die Anfertigung eines Sondergerichts am Abend für sich selbst. Als Extrabeilage erhält jede Person 1/4 Liter Vollmilch. In Familien, wo Kinder sind, erhalten diese Milch die Kinder. Ein kleiner Teil des Brotes ist Weißbrot. Die älteren Leute erhalten davon etwas mehr, etwa den vierten Teil, mit Rücksicht auf Gebiss und Magen.
Der Speisezettel wird nach Stimmenmehrheit im Rahmen der Verpflegungsnorm zusammengestellt. Als Unterstützung der Kasse haben uns der Gemüsegarten und unsere Schweine gute Dienste geleistet. Der Nettoertrag der Schweine ist bis heute auf Mt. 350,- gestiegen. Die Kartoffelernte im Jahre 1931 lieferte fürs Heim das Ihre auf 11 Monate. Die Ernteaussichten sind für dieses Jahr der Dürre wegen nur sehr gering.
Die zweite Frage, nicht minder von Bedeutung, ist die des Gesundheitszustandes. Der Gesundheitszustand ist befriedigend, obwohl wir einen großen Prozentsatz auf der Liste führen. Von Infektionskrankheiten sind wir seit zwei Jahren verschont geblieben. Gegenwärtig haben wir 18 Kranke. Davon sind 12 Augenleidende, die für eine Auswanderung nach Übersee vorbereitet werden. Es sind meistens Komplikationen nach der chronischen Augenlidentzündung, dem Trachom. Dann folgen 3 Lungenleidende, die teilweise im Heim, teilweise in der Lungenheilanstalt in Mölln ambulant behandelt werden. Die weiteren 3-4 Leute sind ebenfalls „Chroniker“, doch ist ihr Leiden schwerer Natur. Dann kommen hie und da unter den alten und schwachen Personen ambulante Fälle vor. Es sei hier bemerkt, dass das Krankenhaus „Elim“ Hamburg für uns in der Vergangenheit Großes geleistet hat. Es sind etwa 20 Leute von uns dort behandelt und viele darunter operiert worden. Auch für die Zukunft stehen uns dort die Türen offen.
Die geistliche Betreuung des Heims konzentriert sich bei Herrn Hauptpastor Bruns, der jeden Sonnabend um 6 Uhr abends und jeden zweiten Sonntag um 9½ Uhr morgens im Heim Gottesdienst hält. Den anderen Sonntag gehen wir in die Kirche. Weiter finden jeden Donnerstag abends Bibelbesprechstunden mit Herrn Pastor Bruns in Mölln statt, wo auch unsere Leute nicht fehlen. Hin und wieder haben wir auch auswärtigen Besuch, wie Rienecker-Neumünster, Pastor Schowalter-Altona und Harder-Altona. Herr Harder hat uns wiederholt besucht, einmal mit einem russischen Quartett, das andere Mal hielt er einen Lichtbildervortrag „Die Reise durch die Schweiz“ und anschließend wurden Bilder aus dem früheren und heutigen Russland gezeigt. – Am 26. Juni besuchte uns Herr Past. Schowalter unter Begleitung seiner Gattin. Nach dem Gottesdienst wurde ein Ausflug an die Möllner Seen und in die Möllner Wälder unternommen. Nach Kaffee wurden alle immer von den werten Gästen besucht. Ein Konzert auf Streichinstrumenten, von der Jugend im Heim gebracht, beschloss den Abend. Vergebens hielten wir in den Tagen der Altonaer Mennonitenkonferenz Ausschau nach einem Besuch unserer Brüder Neff, Foth, Händiges, Göttner.
Die Beschäftigung der Leute im Heim ist vielseitig. Dank dem Wohlwollen des Möllner Magistrats gehen unsere Kinder, zehn an der Zahl, in die Möllner Volksschule. Am Sonntag werden alle Kinder in Religion im Heim unterrichtet. Es gilt auch noch vieles nachzuholen, was in Russland nicht ausgeführt werden konnte. Die Jugend ist im Frühling in Stellung auf das Land verbracht worden, wofür die Genehmigung des Herrn Arbeitsministers vorliegt. Weiter werden fünf von den älteren Leuten auf Wunsch des Herrn Reichskommissars täglich mit der Wache am Hoftor beschäftigt. Dann folgen weiter: Wäsche, Einkaufen, Austeilen und andere interne Angelegenheiten. Wir haben weiter zwei Morgen Gemüsegarten, der gepflegt werden muss. Außerdem haben wir die Pflicht, das Gelände der H.O.V. in Ordnung zu halten. Da gilt es, außerhalb des Tores, im Hof und in den großen Räumen nachzusehen. Sämtliches häusliche Inventar, Gerät und Ausstattung muss nachgesehen und kontrolliert werden.
Den Leuten steht eine kleine Bibliothek zur Verfügung. Weiter besuchen uns die Zeitschriften: „Mennonitische Blätter“, „Der Bote“, „Mennonitische Rundschau“, „Dein Reich komme“, „Das Rehrohr“, „Lübecker Zeitung“ und andere.
Menn. Blätter.
"Der Bote", Mittwoch, den 19. Oktober, 1932