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Deutsche im Sonnenland
Walter Quirings Reise 1932/33
in die eben gegründeten Kolonien
der Mennoniten in Paraguay und Brasilien
Teil 16
Dr. Walter Quiring machte 1932/33 eine Reise nach Süd- und Nordamerika. Über ein Jahr lebte Herr Quiring bei mennonitischen Glaubensgenossen im Chaco von Paraguay und reiste von dort über Argentinien und Uruguay nach Brasilien, wo er etwa drei Monate lang in den mennonitischen Hansakolonien arbeitete.
Er schrieb danach ein Reisetagebuch, das im "Boten" veröffentlicht wurde. Ich gebe es etwas gekürzt wieder.
Endlich am Nachmittag des zweiten Wartetages wird das Boot als abfahrtbereit gemeldet. Sofort begebe ich mich an die Anlegestelle hinunter und schiffe mich ein. Dass hier übrigens Eile bei solchen Gelegenheiten immer überflüssig ist, weiß ich nun schon von vielen Erlebnissen, aber wir Europäer können von unseren alten Gewohnheiten nicht so leicht lassen.
Auch hier dauert es noch wieder eine geschlagene Stunde, bis wir startbereit sind. „Wozu auch immer diese europäische Ungeduld?“ tadelt Lehmann, wenn ich auf die Uhr sehe, „das ist eine Unart der Nordländer, die man sich abgewöhnen sollte...“
Offenbar wird noch ein zweiter Fahrgast erwartet, aber niemand zeigt auch nur die geringste Unruhe wegen dessen Unpünktlichkeit. Die Besatzung und die am Ufer stehenden Kolonisten bombardieren sich zum Zeitvertreib mit Apfelsinen und freuen sich königlich, wenn einmal einer trifft.
Da endlich trottet seelenruhig ein Spanier den Berg hinunter auf die Lantscha zu. Trotzdem er sieht, dass wir nur noch auf ihn warten, beschleunigt er seine Schritte auch nicht ein bisschen. Er schleudert ein Stückchen Apfelsinen zu uns ins Boot und wünscht uns gute Reise.
Ich bin auf einem der Beiboote auf die hoch aufgestapelten Apfelsinenkisten geklettert und freue mich auf den bevorstehenden Genuss – nicht der Apfelsinen, sondern der Landschaft.
Der mächtige Parana, der sich in vielen Windungen durch den hohen Urwald schiebt, soll hier sehr schön sein, und ich bedauere, dass wir eine Strecke werden nachts fahren müssen. Ganz langsam und ohne die geringste Erschütterung geht es flussabwärts, dafür aber machen wir auch kaum mehr als 5 km in der Stunde. Die Flussufer sind hier ganz weitläufig besiedelt. Der Spanier scheut die schwere Arbeit des Waldrodens, und wenn dem Urwald hier irgendwo ein Stück Land abgerungen wurde, so war es sicher ein Deutscher, der die widerspenstige Wildnis bezwang. Der Sonnenuntergang erfreut auch hier das Auge, aber so farbenprächtig wie im Chaco ist er bei weitem nicht. Bald ziehe ich mich unter das Schutzdach des Dampfers zurück, da der unvermittelt hereinbrechende Abend empfindliche Kühle bringt.
Ganz romantisch wird diese abendliche Fahrt auf der tiefliegenden Lantscha. Im Fluss spiegelt sich unser blutrotes Toplicht, und an den Ufern stellt geheimnisvoll der dunkle Urwald.
Eine bunte Gesellschaft ist das, die Besatzung unseres Dampferleins, und mit Interesse studiere ich die braunen Gesichter. Da ist zuerst der „Kapitän“, ein eitler Bursche, der gern den großen Herrn spielt. Zweimal hat er sich nun schon aus irgendwelchen Gründen umgezogen. Lange guckt er auch in einen spitzen Spiegelscherben, der zu allgemeiner Benutzung in der Ofennische steckt, und streicht sich von Zeit zu Zeit über das pechschwarze, fettigglänzende Haar.
Offenbar benutzt er die Gelegenheit, während dieser Reise seine am Fluss wohnenden Bekannten zu besuchen. Zweimal halten wir ohne ersichtlichen Grund; einige Leute kommen dann an Bord, man hält einen kleinen Schwatz, trinkt einen Schnaps, verabschiedet sich mit überschwänglicher Herzlichkeit, und dann treiben wir wieder flussabwärts.
Den besten Eindruck von der Besatzung macht der Steuermann, ein junger Bursche nur mit Hose und roter Kappe bekleidet. Sein frischrotes, ernstes Gesicht zeigt einen gesammelten Ernst, der eigentlich schlecht zu einem Spanier passt. Ruhig und verhalten sind auch seine Bewegungen, und wenn er spricht, hat man den Eindruck, einen Germanen vor sich zu sehen.
Der Koch und Putzer, ein gebückter Alter mit spitzem, verschrumpeltem Gesicht, sorgt für unser leibliches Wohl. Ernst, verbissen und schweigsam tut er seine Arbeit. Ihm hat das Leben offenbar mitgespielt und er scheint sich eine recht pessimistische Weltanschauung zurechtgelegt zu haben. Während der ganzen Fahrt spricht er kein einziges Wort.
Und dann ist da noch ein vierter, offenbar ein Liederjahn (Ein „Liederjan“ ist ein altes, umgangssprachliches Wort für einen unordentlichen, unzuverlässigen oder liederlichen Menschen), der fast immer schläft und andere arbeiten lässt. Ab und zu kreist auch die Caniaflasche, wobei sie zuerst immer höflich dem einzigen Fahrgast angeboten wird. Dass ich auch den kleinen Flaschenkürbis mit dem silbernen Saugrohr dankend ablehne, würde beleidigen, wenn ich nicht Magengeschichten vorschützte.
Um zehn Uhr etwa sehe ich verdächtige Vorbereitungen zum Übernachten. Tatsächlich, da legen wir an einer geschützten Stelle auch schon an und machen an einigen Baumstümpfen fest. Ist das eine faule Gesellschaft! In der Ferne sehe ich schon die Lichter von Encarnacion. Hätten die Jungs etwas weniger getrödelt, wären wir jetzt längst am Ziel. Aber der Entschluss des Kapitäns scheint unabänderlich zu sein. Dabei ist es bitter kalt geworden, und ein durchdringender Wind streicht über das Wasser.
Ich suche mir zwischen den Kisten einen möglichst windgeschützten Platz und kauere mich nieder. Auch diese Nacht wird ja einmal zu Ende gehen. Wenn es nur zu kalt wird, beginne ich, sehr zur Verwunderung meiner Fahrtgenossen, die Apfelsinenkisten neu aufzustapeln. Das erwärmt wieder für eine halbe Stunde… Erst um die Mittagszeit des anderen Tages erreichen wir unseren Hafen.
15. In Argentinien und Uruguay.
Es ist gerade Sonnabend, und auch der ganze Sonntag gehört noch mir. So habe ich Zeit, den Schlaf nachzuholen. Am Sonntag-Abend trifft der Buenos Aires-Express aus Asuncion ein, und ich mache mich fertig, mit ihm mitzufahren.
— Und dann kommt wirklich die Stunde, wo ich das gastliche Paraguay verlassen kann. Meine Ausreisepapiere sind zwar in Ordnung, aber ich fürchte große Schwierigkeiten wegen meiner Filme, Karten und des Materials über den Chaco. Lehmann behauptet, dass die Grenzkontrolle wegen des Krieges sehr streng sei. Für mich aber wäre die Beschlagnahme meines wertvollen Materials ein unersetzlicher Verlust und bedeutete ein verlorenes Jahr, darum will ich die Kontrolle, wenn irgend möglich, zu umgehen versuchen.
Hans fährt mit an die Bahn, und wir entwerfen rasch einen Kriegsplan. Es ist bereits dunkel, als wir den Bahnhof erreichen. Während Hans draußen bleibt bei meinem Gepäck, dränge ich mich durch die Menge der Neugierigen an den Schalter und löse eine Schlafwagenkarte nach Buenos Aires. Der Zug kann jeden Augenblick einlaufen. An der Sperre sehe ich neben dem Bahnbeamten auch zwei Militärposten stehen.
Hans hat unterdessen einen kräftigen Gepäckträger herbeigerufen, den ich im voraus entlöhne. Wir haben verabredet, dass ich in irgendeinen Wagen einsteigen und dann durchgehen werde bis in den Schlafwagen. Währenddessen sollen Hans und der Gepäckträger mit je einem Koffer meinen Wagen von verschiedenen Seiten zu erreichen versuchen.
So machen wir’s auch. Als der Zug einfährt, tauche ich in dem Gedränge unter, besteige einen der hinteren, im Schatten stehenden Wagen und schiebe mich die Gänge entlang bis zu dem völlig dunklen Schlafwagen. Die Abteile sind zum Glück nicht verschlossen. Gerade strebt auch mein Gang-Koffer Gepäckträger durch den Gang, den ich abnehme und schiebe Tür gleich wieder zu. Nach wenigen Minuten ist auch Hans zur Stelle. Ich schalte das Licht nicht ein und kann das Treiben auf dem hellerleuchteten Bahnsteig gut beobachten. An der Sperre erkenne ich auch einen alten Bekannten wieder, meinen Polizeibeamten aus Asuncion. Zum drittenmal läuft mir der nun schon über den Weg. Aber vielleicht steht er gar nicht meinetwegen dort und verlebt in Encarnacion lediglich seine Ferien. Im Durchgang laufen Leute hin und her, doch bleibe ich unbelästigt.
Da endlich setzt sich die lange Wagenreihe in Bewegung. In wenigen Minuten sind wir am Fluss. Hier nimmt den ganzen Zug die eine Fähre auf, aber nur langsam, ganz langsam geht die Verladung vor sich. Wagen um Wagen wird auf die Fähre geschoben; dann stößt sie endlich ab, und lautlos gleiten wir über den Fluss. Ein leichter Stoß lässt annehmen, dass wir das argentinische Ufer erreicht haben. Jetzt erst mache ich Licht.
Aber das muss von außen aufgefallen sein, denn sofort erscheinen einige Beamte, die ich an den Uniformen als Paraguayer erkenne. Sie verlangen Pass und Passierschein. Die werden in Ordnung befunden. Dann deutet man auf die Koffer, ich möchte sie öffnen.
Ich schüttle den Kopf.
„Da hätten Sie früher kommen sollen, jetzt sind wir in Argentinien...“
Während wir noch verhandeln, erscheint vom anderen Ende des Wagens die argentinische Zollkontrolle. Die Beamten unterhalten sich kurz mit ihren paraguayischen Kollegen, und der Argentinier lächelt verstehend. Auch er hat an meinen Papieren nichts auszusetzen. Bereitwillig öffne ich nun auch meine Koffer. Der Beamte spricht englisch. Was in dem Paket enthalten sei, fragt er und deutet auf mein Chacomanuskript.
„Ein Buch“.
„Bueno. Allright,“ und er legt die Hand an die Mütze.
Ich bin unendlich froh. Zwar führe ich nichts Verbotenes mit, aber ich habe das Gefühl, großen Unannehmlichkeiten aus dem Wege gegangen zu sein. Schon früher einmal hat die Zensur in Asuncion 160 meiner ersten und besten Chacoaufnahmen beschlagnahmt und nicht wieder freigegeben.
Der Schlafwagenschaffner erscheint mit Wäsche und richtet mir ein Bett. Zu sehen ist draußen wegen der Dunkelheit doch nichts mehr, und ich begebe mich bald zur Ruhe.
Tratata, tratata zählen rhythmisch die Räder und erzeugen eine eigentümlich ungeduldige Stimmung. Wieder geht es südwärts, immer weiter heimwärts. . .
„Der Bote" Mittwoch, den 7. Oktober
Die Fahrt durch die weite nordargentinische Ebene wird bei dem sonnig-klaren Wetter eine richtige Erholungsfahrt. Bei der überaus reinen Luft scheint sich der Horizont vor dem Blick immer weiter zurückzuziehen. Geradezu unermesslich weit scheint dieser Raum zu sein. Nur weitläufig stehen vereinzelte Baumgruppen um kleine Farmen geschart.
Der Zug wird hier auf den Stationen genau so abgefertigt wie früher in Russland: wiederholtes Glockenzeichen, Trillerpfeife und langgezogener Pfiff der Lokomotive. Dieser Landstrich ist auch die Heimat der Heuschrecken, und gleich am ersten Tage sehe ich drei riesengroße Schwärme über Land ziehen. Anfangs glaubt man die seltsame Erscheinung einer dunklen Wolke am sonst völlig klaren Himmel zu sehen. Auch hier laufen die Bauern mit allem möglichen Geschirr und wehenden Sacksahnen bewaffnet einher, um ihre Gärten vor den gefräßigen Schädlingen zu retten. Die argentinische Regierung verpachtet an die Farmer für geringes Entgelt Blechzäune, die der Bauer um sein ganzes Anwesen aufstellen kann, um die hüpfende Brut nicht an den Hof heranzulassen.
Drei Tage dauert diese eindrucksvolle Fahrt. Noch ein zweites Mal setzen wir mit der Fähre über den Parana, fahren mehrere Stunden über eine dichtbesiedelte Ebene, passieren die ausgedehnten Vororte der Hauptstadt, und am 29. August sind wir endlich in Buenos Aires.
Ich schüttle die zudringlichen Hoteldiener am Bahnhof ab, nehme einen Wagen und lasse mich in das angeblich deutsche Hotel „Post“ fahren, nachdem ich festgestellt habe, dass mein „Deutsches Hospiz“ geschlossen worden ist. Aber diese Wahl ist ein Missgriff. Ich bin in ein jüdisches Hotel geraten, was ich leider erst im Speisesaal feststelle. In vielen Exemplaren hängt hier das kommunistische „Argentinische Tageblatt“ aus, und die Söhne Israels scheinen sich hier ein Stelldichein zu geben. Sofort bezahle ich mein Zimmer und ziehe aus. Mit Menschen, die unsere deutschen Volksgenossen in Russland zu Zehntausenden hinmorden, wohnt man nicht unter einem Dache.
Mein nächstes Reiseziel ist Uruguay, von wo ich mit der Bahn nach Brasilien weiterreisen möchte. Leider kann ich in den argentinischen Verkehrsbüros über die Weiterreise aus Montevideo und die Zuganschlüsse in Brasilien nichts Genaues in Erfahrung bringen. Nachdem die auch hier äußerst langwierigen Formalitäten für die Weiterreise erledigt sind, fahre ich am 4. September abends mit einem der täglich verkehrenden, sauberen Küstendampfer ab nach Uruguay. Am Morgen früh sind wir schon in Montevideo.
Aber hier habe ich mich regelrecht festgefahren und gerate in eine richtige Sackgasse. Ich erfahre, dass der nächste Brasilienzug erst in einer Woche geht und dass die Fahrt bis Blumenau mindestens zehn Tage dauert. Das wäre auch nicht weiter schlimm, wenn ich etwas mehr Zeit hätte. Aber diese wird nun allmählich knapp. Wenn ich Weihnachten zu Hause sein und auch in Witmarsum-Auhagen auch noch gearbeitet haben will, muss ich schon mit jedem Tag rechnen.
Ich erwäge darum die Weiterfahrt mit Flugzeug, aber das kostet ein kleines Vermögen. Somit bleibt nur noch die deutsche „Monte Sarmiento“, die am 7. Buenos Aires verlässt und am 8. in Montevideo sein soll. Doch in der Agentur jener Gesellschaft erwartet mich eine neue Enttäuschung. Die „Monte Sarmiento“ hat soeben mitgeteilt, dass sie diesmal in Montevideo nicht anhalten werde, um die hohen Hafengebühren zu sparen. Das wird immer schöner! Nun sitze ich richtig in der Patsche. Der nächste brasilianische Küstendampfer geht auch erst in zehn Tagen. Also bleibt mir als einzige Möglichkeit die Rückkehr nach Buenos Aires, um von dort mit der „Monte Sarmiento“ mitzufahren bis San Francisco in Brasilien.
Aber nur nicht zappelig werden! Auch Montevideo liegt nicht außerhalb der Welt. Nach dem Mittagessen, das auch hier, wie in allen besseren Hotels Südamerikas, billig und ausgezeichnet ist, fahre ich mit der Straßenbahn hinaus nach Pocitos, dem herrlichen Badestrand der Hauptstadt. Fünf Kilometer mag er lang sein; und ich bummle im warmen Sonnenschein die erhöhte Uferstraße entlang, an der sich die gischtende Brandung bricht, und freue mich an dem prächtigen Bild. Einen weiten Überblick genieße ich von hieraus auch über die Stadt, die sich ein gut Stück ins Land hinein ausdehnt. Geradezu eine Erquickung und ein Seelenbad sind mir jedesmal solche Fernblicke, und ich versäume nirgends, sie mir zu verschaffen.
Abends bin ich wieder am Hafen, um nachts nach Argentinien zurückzufahren. Auf mein Drängen gibt mir der Schalterbeamte zwar eine Fahrkarte, sagt aber voraus, dass man mir die Landung in Buenos Aires bestimmt verweigern werde. Ich hätte mir in Montevideo ein neues argentinisches Visum besorgen sollen. Das ist natürlich richtig, aber ich verlasse mich auf mein Glück. Zurückschicken wird man mich nicht, so hoffe ich, schon weil mein Asuncioner Visum erst einige Wochen alt ist. Ein neuer Sichtvermerk ist recht teuer.
Und wirklich, das Glück bleibt mir treu. Zuerst weigert sich der Beamte zwar entschieden, mich passieren zu lassen, als ich ihm aber auseinandersetze, dass ich schon am nächsten Tage mit der „Monte Sarmiento“ Argentinien verlassen möchte, knallt er großmütig den Stempel auf meinen Pass. Durch also!
Aber die eigentliche Hetze beginnt jetzt erst, Schiffskarte, brasilianisches Visum, Geldwechsel usw., alles muss an dem einen Tage erledigt sein. Und in der Heimat würden dazu auch einige Stunden vollauf genügen, hier aber ist das Sache des Zufalls. Die Südamerikaner haben Zeit, viel Zeit. Die größten Schwierigkeiten macht der brasilianische Konsul, und erst als sich unsere Gesandtschaft einschaltet, lässt er mit sich reden. Und dann haben wir’s endlich doch geschafft! Am Nachmittag hält mein Wagen noch rechtzeitig an der Landungsbrücke der „Monte Sarmiento“.
Vor dem Schiffstau entern die Kraftwagen, und eine große Menschenmenge drängt sich zwischen Lagerschuppen und Dampfer. Die langhalsigen Hebekräne arbeiten noch und ihre großen, vollgepackten Netze schweben sekundenlang über unseren Köpfen. An der Schiffstreppe empfängt die Reisenden ein Offizier, eine Krankenschwester steht dabei, mehrere Zivilpersonen und Matrosen. Pass- und Fahrkartenkontrolle. Ein Matrose, ein langer Mecklenburger, führt mich in meine Kabine, eine Außenbordkabine mit vier Betten. Ich habe Aussicht während der ganzen Fahrt allein zu bleiben und freue mich auf die Möglichkeit, ungestört arbeiten zu können. Ich verstaue meine Koffer, schließe ab und gehe hinaus auf das Promenadendeck.
„Der Bote" Mittwoch, den 14. Oktober
Die noch ziemlich neue „Monte Sarmiento“ macht einen ausgezeichneten Eindruck; sie ist ein sog. Einheitsschiff, dass nur eine Klasse führt. Aber diese ist großzügig in der Anlage und vornehm in der Ausstattung. Alles ist blitzsauber, viel sauberer als auf der französischen „Lutetia“ in der ersten Klasse. Auch der reichliche Messingbeschlag glänzt überall wie neu.
Ein bewegtes, buntes Bild ist das dort unten vor dem Schiff — von hier oben gesehen. Gerade zieht eine deutsche Schule auf, um die Abfahrt des Dampfers mitzuerleben. Lauter blonde Blondköpfe sind das. Photographen bemühen sich durch Winken, Pfeifen und Zischen unsere Aufmerksamkeit auf sich zu lenken. Oft gelingt ihnen das auch, und sie machen scheinbar ein gutes Geschäft trotz der großen Konkurrenz.
Da ein Trompetensignal: „Besucher von Bord!“ und ein breiter Menschenstrom beginnt über die Schiffsbrücke zu ziehen. Und als das Signal auch ein zweites und drittes Mal ertönt, sind wir „unter uns.“
Noch einmal geht es von unten aus Abschiednehmen. Letztes muss noch gesagt und Vergessenes noch bestellt werden. Viele weinen, besonders Frauen. Auch einen Mann sehe ich hemmungslos schluchzen. Stumm zeigt er auf sich und dann auf die gelben Fluten. Verzweiflung? Man beachtet ihn nicht.
Zuckerwaren- und Blumenhändler drängen sich durch die Menge. Auch sie machen aus der Stimmung der Abschiednehmenden ein Geschäft. Gern kauft der eine oder andere noch eine Tafel Schokolade oder sonst eine Kleinigkeit und wirft sie aufs Schiff.
Lange stehe ich an das Bordgitter gelehnt und beobachte den krabbelnden Menschenhaufen da unter mir. Es ist nicht ohne Reiz, Menschengesichter einmal von oben zu sehen. Sie erscheinen dann ganz anders als aus dem gewohnten Blickwinkel. Es ist das eine Körperstellung auf die man sozusagen nicht eingeübt ist. Die üblichen Beherrschungsmethoden versagen da. Der Mensch ist irgendwie entblößt, und es ist sehr aufschlussreich, in Menschenantlitzen zu lesen, die sich unbeobachtet wähnen oder die in solch ungewohnten Stellungen zu sehen sind wie hier.
Zum zweitenmal heult die Sirene der „Monte Sarmiento“ auf, und langsam beginnt sich das Schiff vom Pier zu lösen. Die Taue werden eingezogen. Nun kommt auch Bewegung in die Menge da unten. Sie geht mit uns den Pier aufwärts. Weinen, Lachen, Ermahnen, Bitten, Erinnern — alles schallt bunt durcheinander. Der größte Abschiedsschmerz ist vorüber, und viele sind ausgelassen und vergnügt.
„Grüß auch Adolf!“ (gemeint ist der damalige Reichskanzler Adolf Hitler, Mitte der dreißiger Jahre noch ein Mann, der vielen die Hoffnung bedeutete auf eine bessere Welt) ruft einer herauf, will die Hand hochheben zum Gruß und stolpert über ein dickes Tau. Ein anderer windet mimisch sein Taschentuch aus und weint Krokodilstränen.
Die Reisenden auf Deck sind zurückhaltender. Man weiß sich von Menschen umgeben, mit denen man wochenlang zusammen sein soll.
Zwei kleine Pintschen mit den stolzen Namen „Titan“ und „Gigante“ schleppen uns durch den Hafen bis weit hinaus in das offene Wasser. Mindestens 40 km weit fahren wir in der vielleicht 50 km breiten La Plata-Mündung in einem „Kanal“, einen allerdings unsichtbaren, nur durch Bojen abgesteckten. Ganz langsam geht vorerst unsere Fahrt. Von Zeit zu Zeit begegnen uns kleine Fahrzeuge, die respektvoll ausweichen und dem tiefgehenden großen Bruder die eigentliche Fahrrinne überlassen.
Fortsetzung folgt