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Deutsche im Sonnenland

 Walter Quirings Reise 1932/33

in die eben gegründeten Kolonien

der Mennoniten in Paraguay und Brasilien

Teil 14

     Dr. Walter Quiring machte 1932/33 eine Reise nach Süd- und Nordamerika. Über ein Jahr lebte Herr Quiring bei mennonitischen Glaubensgenossen im Chaco von Paraguay und reiste von dort über Argentinien und Uruguay nach Brasilien, wo er etwa drei Monate lang in den mennonitischen Hansakolonien arbeitete.

    Er schrieb danach ein Reisetagebuch, das im "Boten" veröffentlicht wurde. Ich gebe es etwas gekürzt wieder.

 ​

     Es ist längst dunkel, als wir unser Ziel, das Hotel Tilinsky, erreichen. Zum Glück habe ich trockene Wäsche mit und fühle mich bald ein klein wenig wohler. In dem großen Gastzimmer, das für Urwaldverhältnisse gar nicht so übel aussieht, sitzt bereits eine große Gesellschaft beisammen. Dass ich den Wein dankend ablehne, nimmt man mir sichtlich übel, besonders der Gouverneur.

     Mein Tischnachbar hat bereits den Stand erreicht, wo er alles doppelt sieht und wo die Zunge aus Holz zu sein scheint.

    „Von Schrotter. Freiherr von Schrotter,“ lallt er. Ich nenne meinen Namen. Mit einer entwaffnenden Naivität fragt mich der Freiherr aus nach meinem Woher und Wohin. Er hält es auch für seine Pflicht, mich vor den „n.“ in jener auf dieser Ansiedlung zu warnen. Das seien ganz gefährliche Burschen; die hätten schon manchen Neuling unter den Tisch getrunken, um ihn dann ...

      „... aber ich will nichts gesagt haben!“

      Ein richtiges Wespennest scheint das hier zu sein, denke ich. Immer wieder erlebe ich in Südamerika das Schauspiel der sprichwörtlichen deutschen Uneinigkeit, durch die schon so unermesslich viel Kraft verzettelt wurde. Aber in Deutschland ist man heute, Gott sei Dank, daran, diese Eigenbrötelei mit Stumpf und Stiel auszurotten. Wir Deutsche werden uns jetzt die Extrawurst, die wir immer für uns glauben beanspruchen zu müssen, abgewöhnen. Man wird uns das Einigsein sozusagen anerziehen.

     Ich beantworte dem betrunkenen Freiherrn, dass ich die Bekanntschaft der von ihm genannten Landsleute leider noch nicht gemacht hätte und dass ich im übrigen gewohnt sei, mich einzurichten, wie es mir passe.

     „So, also doch schon beeinflusst von Schulz,“ brummt er und wendet sich gekränkt von mir ab seinem Glase zu.

     Eine ganze lange traurige Geschichte erzählt dieses fasrige Gesicht. Aber mein neuer Bekannter ist nicht der Einzige, der hier am Alkohol scheiterte. So und so viele Einwanderer gerieten hier durch den Schnaps schon unter die Räder und kamen im Rausch irgendwo im Urwald um.

     Sobald das weniger auffällig möglich ist, nehme ich an einem anderen Tisch Platz. Aber dort laufe ich einem angeheiterten „Schriftsteller“ in die Arme. Er kommt aus Pommern, lebt auf einer Viehfarm und sammelt „Eindrücke“. Seine müden und trübglänzenden Augen gefallen mir gar nicht. Auch er ist sicher unrettbar dem Alkohol verfallen oder gar dem Morphium.

     Schließlich geselle ich mich zu zwei Tirolern, die heute mit mir aus Asuncion eingetroffen sind. Frische und unverdorbene Gebirgsbauern sind das, Vater und Sohn, und wir unterhalten uns ausgezeichnet. Sie wollen hier Land erwerben, sich notdürftig einrichten und dann ihre Familien nachkommen lassen. Aber nun ist die Reihe zu warnen an mir:

    „Kaufen Sie das Land ja nicht schon morgen oder übermorgen; lassen Sie sich Zeit. Am klügsten ist ohne allen Zweifel, wenn Sie zuerst auf verschiedenen Stellen hier auf der Ansiedlung in Dienst gehen. Dabei machen Sie das allerbeste Geschäft und sparen sehr viel Zeit und Lehrgeld. Lassen Sie sich vor allen Dingen nicht mit den Juden hier ein und nicht mit dem Alkohol ...“

     Tausend Gefahren lauern in Südamerika auf den vertrauensseligen Neuling, den Gringo. Auf fast allen Siedlungsabschnitten sitzen hier die jüdischen Händler, die „Vendisten“, die auch immer eine Schenke unterhalten. Hat das ahnungslose Opfer erst den letzten mitgebrachten Pfennig hergegeben, dann gibt ihm der Teufel Alkohol den Rest.

     Immer mehr Bauern treffen ein, die meisten, auch Frauen, hoch zu Ross. Der große Saal ist bald gesteckt voll. Wie ein dichter Nebelschleier liegt der Tabakrauch über der trinkenden Gesellschaft.

     Die meisten sind schon in Stimmung und möchten gern singen, aber man wehrt ihnen noch. Der Herr Gouverneur werde erst sprechen. Aber erst um elf Uhr beginnt die eigentliche „Feier“. Außer mir und dem Gouverneur ist kaum jemand mehr nüchtern.

     Spanische Reden werden geschwungen und auf irgendjemand ein Hoch ausgebracht. Dann spricht der Gouverneur, hastig, sprunghaft, nervös, aber ich bedaure sehr, jetzt nicht spanisch zu können.

     Zum Schluss seiner Rede wendet er sich auch gegen die verhassten Nazis und schielt dabei auch zu mir herüber. Ohne Rücksicht werde er diese „Pest“ in seinem Regierungsbezirk ausrotten, dolmetscht man mir.

     „Mit genau so viel Aussicht auf Erfolg kannst du den Mond anbellen,“ sagt mein „Schriftsteller“ ziemlich laut, und das versöhnt mich wieder mit ihm.

     Dann lässt der „Gewaltige“ Geld sammeln für sich selber, da seine Reisekosten von der Gemeinde getragen werden müssen. Und es kommt eine stattliche Summe zusammen.

     Als auch der leider nicht mehr nüchterne Bürgermeister gesprochen hat, ein Mensch mit einem stolzen, eckigen Gesicht, lösen sich alle „Bande“. Nun endlich darf man sich gehen lassen, und es scheint bald gar keine Hemmungen mehr zu geben. Alles singt, gröhlt, tobt und säuft durcheinander.

     Angewidert verlasse ich das „Fest“ und begebe mich zur Ruhe. Deutsches Schicksal in Südamerika. Es ist ein Unglück, dass die köstliche Traube hier so gut gedeiht. Und dann erst das Zuckerrohr!

     Gut ausgeruht wache ich morgens auf. Das Wetter ist prachtvoll, wie ich mit Befriedigung feststelle. Wenige Schritte von meinem Fenster beginnt schon der noch unberührte Urwald.

     Ich höre mit Erstaunen durch mein offenes Fenster, dass der Tumult im Saal immer noch anhält. Fensterläden und Türen hat man geschlossen und ist nun ganz unter sich.

     Aber wie sieht das in dem Saal aus! Wirklich wie in einem Saustall. Auf Tischen und Stühlen sitzen und liegen in den seltsamsten Stellungen die „Bierleichen“. In einer Ecke hockt auf einem runden Tisch eine Gruppe junger Männer, in der ich auch meinen „Schriftsteller“ erkenne. Übernächtigt sehen sie alle aus, die Haare zerzaust und die Augen gerötet. Trotzdem brüllt und tobt das ohne Aufhören. Und auch Weiber sind dabei...

     Ich lasse mir ein Frühstück in einem Nebenzimmer geben und bestelle für den ganzen Tag zwei Pferde und einen Reitknecht.

     Der Tag wird strahlend schön, und die Sonne scheint warm wie bei uns im Mai.

     Herrmann, ein ehemaliger Hamburger Matrose, soll mich durch den Urwald führen. Aber es dauert endlos lange, bis er die Pferde gesattelt hat. Als ich schließlich hinausgehe, um nachzusehen, finde ich ihn an einen Baum gelehnt schlafend vor. Die Pferde stehen gesattelt neben ihm. Ich rüttle ihn mit Mühe wach. Auch er hat die ganze Nacht durchzecht und kann kaum auf den Beinen stehen. Endlich können wir losreiten.

     Über den ungestümen Gebirgsbach geht es schnurstracks in den hohen Urwald hinein, in den man zu den einzelnen Farmen schmale Wegschneisen durchgeschlagen hat.

     Wir reiten zuerst zu den Eltern unseres Wirtes Tilinsky. Freundlich empfängt mich der Alte, der Witwer zu sein scheint.

     Sein Garten fesselt mich am meisten. Apfelsinen, Zitronen, Pfirsiche, Bananen und Mispeln, alles gedeiht hier ausgezeichnet. Die Schweinezucht blüht auch hier, und mit Stolz zeigt mir Tilinsky seine Räucherkammer, wo auf Stangen eine Menge Würste und Schinken hängen.

     Im Hause schaltet eine dunkelhäutige Spanierin, eine „Companierin“.

     „Seine Frau ist ihm schon lange fortgelaufen,“ erzählt Herrmann flüsternd, „und mit diese lebt er nun so zusammen.“

     Frau Tilinsky streicht mir fingerdick eine Menge Wurstbrote und baut so einen hohen Teller Stullen vor mich auf.

     Der Alte holt aus dem Keller einige Flaschen von seinem Besten. „Drei Jahre ist er alt“, sagt er stolz und streichelt sie liebkosend, die bauchige Flasche, „aber einem lieben Landsmann zu Ehren gebe ich sie gern her...“

     Es tut mir aufrichtig leid, den liebenswürdigen alten Herrn enttäuschen zu müssen. Aber es ist ihm schlechterdings unfasslich, dass ich keinen Alkohol trinke. Dann vielleicht selbstgebrannten Cania? Auch nicht? Aber das sei doch gar nicht möglich: ein abstinenter Bodenseer! Ein Badenser, der keinen Wein trinkt!

     Was er mir dann anbieten dürfe? Ich bitte um die Erlaubnis, mir einige der prachtvollen Apfelsinen pflücken zu dürfen. Noch seltsamer. Ausgerechnet Apfelsinen, die er an seine Schweine verfüttert.

     Das ist nur ein winziger Ausschnitt aus dem Urwald, diese Farm. Die Sonne liegt freundlich warm über diesem Idyll, und ich lasse mich gern einlullen in die köstliche Urwaldromantik.

     Weiter geht es. Immer tiefer hinein in den Urwald. Undurchdringlich ist er nach rechts und links von unserer Schneise. Ganz unerwartet öffnet sich oft eine künstliche Lichtung, und ein kleines Kolonistenhäuschen wird sichtbar.

     Eine gewaltige, eine Riesenarbeit wird hier von unsern Landsleuten geleistet. Da hatten es die Chacobauern in ihrem ersten Jahr unendlich viel leichter, und die hatten es schon schwer genug. Und Arbeit in den Tropen und dieselbe Arbeit in gemäßigten Zonen ist doch nicht dasselbe.

     Wir halten an verschiedenen Farmen, unterhalten uns kurz mit den Leuten und reiten weiter. Etwas länger bleibe ich bei meinen badischen Landsleuten. Das sind die ersten Großbauern im Urwald, die mir begegnen. Sie sind Weinbauern vom Kaiserstuhl in Baden, und haben hier den Weinbau eingeführt. Nicht ohne Stolz führen sie mich in ihre großen Keller, wo zwanzig Riesenfässer mit Wein lagern.

     Diese Bauern haben eine feine Witterung für die Wirtschaftliche Konjunktur gehabt. Der Yerbabau war schon seit langem nicht mehr so lohnend wie früher, da ihre Hauptabnehmer, die Argentinier, ihn den benachbarten Missiones selber anzupflanzen begannen. Und darum stellten sich die Badenser rechtzeitig auf den Weinbau um.

     Aber wie lange wird es dauern, bis der viel zu kleine paraguayische Markt übersättigt ist und bis eine neue Umstellung notwendig wird. Argentinien ist auf Weineinfuhr nicht angewiesen; sein Mendozwein ist berühmt. Milchwirtschaft anfangen? Sie wäre an sich wohl möglich, aber es fehlt auch für ihre Erzeugnisse der Markt.

 „Der Bote" Mittwoch, den 26. August 1936

 

 

     Herzlich gastfrei sind auch in der Fremde die Schwaben. Ich liebe diesen deutschen Stamm mit seiner etwas derben und kernigen Mundart ganz besonders. Wohl sind die Schwaben manchmal ein bisschen grob und poltrig, dafür aber ehrlich und treu.

     Gegen Mittag komme ich an einen einsamen Hof, der an einem ziemlich steilen Hang liegt. Herzlich werde ich aufgenommen. Die Mutter des Hauses, Frau Kiefer, eine echte Schwäbin, gütig, mütterlich und doch resolut, fragt als erstes, ob man mich denn schon irgendwo zum Mittagessen eingeladen hätte. Als ich verneine, ist sie sofort in ihrem Element. Nun kann sie ihre mütterliche Güte walten lassen.

     Ein Schinken kommt auf den Tisch, ein ganzer, eine dicke Wurst, mindestens einen halben Meter lang, ein Laib Brot, Butter für zehn Drescher, ein Topf mit Honig und eine dickbauchige Kanne mit Milch.

     „So, jetzt aber fesche zugelangt.“ Und ich lange zu. Herrmann lehnt ab mitzutun, aber für einen „Schluck Wasser“ wäre er dankbar, deutet er leise an. Und auch er kommt auf seine Rechnung.

     „Schämen sollten Sie sich was, Herrmann,“ sagt Frau Kiefer, „immer wenn man Sie sieht, haben Sie `nen Schwips. Darum sehen Sie auch aus wie ein richtiger Stinkkäfer...“, dabei gießt sie ihm aber das „Glas“, eine Obertasse ohne Griff, ein zweites Mal voll Feuerwasser. Wie ihren heimgekehrten Sohn behandelt mich Frau Kiefer, nötigt mich immer wieder, ja doch „fesche“ zu essen und fragt mich derweil aus nach meinen persönlichen Verhältnissen. Aber kein bisschen Neugierde oder Zudringlichkeit ist dabei, sondern eine sympathische menschliche Teilnahme. Ihr Mann sitzt schweigend auf einem Klotz und knabbert sein übelriechendes, selbstgezogenes Kraut.

     Dann muss ich es mir in ihrem Schaukelstuhl bequem machen. Herrmann hat längst seinen Kopf auf den Tisch gelegt und schnarcht.

     „Nun möchte ich noch etwas fragen,“ meint Frau Kiefer zutraulich. „Sie dürfen mir aber net bös sein.“ Das verspreche ich.

     „Sagen Sie, sind Sie auch Nazi?“

     „Ein überzeugter?“

     „Ja, Frau Kiefer. Es gibt heute nur sehr, sehr wenige Reichsdeutschen, die nicht Nationalsozialisten sind. Mancher braucht länger, mancher weniger lang, bis er sich von der unbedingten Richtigkeit dieser Weltanschauung überzeugt.“

      „Hm,“ meint Frau Kiefer nur, und ich sehe, dass sie meine Antwort in Verlegenheit bringt.

     „Du... Dann frag doch nicht so dumm,“ tadelt ihr Mann.

     „Ja, was sollen wir dann jetzt tun?“ fragt Frau Kiefer ganz niedergeschlagen, „man kennt sich gar nimmer aus. Wir waren bis jetzt einfach Deutsche und weiter gar nichts.“

     „Das sollen Sie auch in Zukunft bleiben,“ antworte ich ihr, „dann sind Sie schon genau so ein Nazi wie alle die anderen Volksgenossen im Reich. Sehen Sie einmal, Frau Kiefer, wer in seinem Herzen gut deutsch ist, wer für seine deutschen Volksgenossen auch Opfer zu bringen bereit ist, wer auch hier in der Wildnis für sein deutsches Mutterland einsteht und sich zu ihm mutig bekennt, wer seine Kinder deutsch erzieht und dem deutschen Namen Ehre macht, der ist Nationalsozialist. Was man hier im Auslande über das neue Deutschland schwätzt, ist ja alles Unsinn, ist böswillige Verleumdung.“ (Es ist schon auffallend, wie naiv Quiring hier den Vergleich aufstellt, dass "Deutsch sein" selbstverständlich auch "Nazi sein" bedeutet.)

     „Ja, aber die Leute erzählen doch immer...“

     „Natürlich, dass die Christen in Deutschland verfolgt würden, wollen Sie sagen. Aber auch das ist weiter nichts als eine plumpe Hetze, um die Menschen im Auslande misstrauisch und irre zu machen.“

     Nun erst ist Frau Kiefer befriedigt. Ich erzähle ihnen noch viel von Deutschland, und sie hören mir geradezu andächtig zu. Mein Besuch bedeutet für diese schlichten Urwaldmenschen ein großes Ereignis, von dem ihre Phantasie sicherlich noch lange zehren wird.

     Die Mutter Kiefer erzählt mir auch von ihren Kindern, vier erwachsenen Tölpeln. Baumlange Kerle sind das, die ich vorhin am Waldrand bei der Arbeit gesehen habe. Es dauert lange, bis sie ihre Scheu überwinden und sich entschließen, auch ins Haus zu kommen.

     „Urwaldmenschen sind das, meine Jungens,“ sagt Frau Kiefer, „Schuhe mögen sie überhaupt nicht mehr anziehen, auch am Sonntag nicht; die sind ihnen lästig.“

     Aber ihr geistiger Horizont ist nur klein, nicht viel größer als ihre Urwaldlichtung. Ich schenke den jungen Männern eine Bilderzeitung, die noch von Asuncion in meiner Mappe steckt, und wir sehen zusammen die Bilder an. Auf dem einen ist irgendeine Menschenansammlung zu sehen, und ungläubig fragt der eine Kiefer zweifelnd:

     „Ist das wahr, Mutter, gibt es in der Welt so viele Menschen?“

     Als ich aufbreche, stopft Frau Kiefer mir die Taschen voll Obst und Gebäck; sie ist untröstlich, dass ich nicht auch einige Flaschen Wein mitnehmen will. Herrmann, der mittlerweile aufgewacht ist, „plinkert“ mir eifrig zu, ja doch anzunehmen. Aber ich mag ihm diesen Gefallen nicht tun.

     Viel zu rasch geht der Tag zu Ende. Noch eine ganze Reihe Landsleute lerne ich kennen. Als ich den Weg nicht mehr verfehlen kann, schicke ich den Herrmann heim und reite allein noch zu einem Herrn Krammer, der in einer elenden Hütte am Rande des Tilinskyschen Kampes wohnt.

     Elf Jahre ist er nun schon im Lande und ist wirtschaftlich auch nicht einen Schritt vorwärts gekommen, erzählt er. Im Hause sieht es trostlos aus, so wie es in frauenlosen Häusern meistens auszusehen pflegt. Krammer zeigt mir seinen geradezu herrlichen Apfelsinengarten. Das ist hier wirklich eine Pracht. Alle Bäume müssen gestützt werden, so voll hängen sie.

     „Was habe ich davon,“ meint Krammer mutlos, „das Zeug kostet hier ja nischt. Da schlage ich kaum die Fracht heraus. Essen kannste in Paraguay, jawohl, fressen, wenn du willst, denn die Lebensmittel sind spottbillig. Aber etwas verdienen? Nä, hier bleibste ein armer Schlucker dein Leben lang. Bist schon froh, wenn du das Geld für eine Hose beisammen hast...“

     Am zweiten Tage reite ich noch einmal in den geheimnisvollen Urwald hinein. Um neun Uhr brechen wir auf. Diesmal ist mein Ziel die neue deutsche Ansiedlung Vindobana.

     Um meinen Herrmann steht es heute noch schlimmer als am Vortage. „Sternhageldünn“ betrunken ist er, wie er sich selber anklagt.

     „Herr Doktor, lieber Herr Doktor,“ jammert er weinerlich, „Sie dürfen nicht schlecht von mir denken. So bin ich wirklich nicht, nein, nur mein kranker Magen macht das alles, der verträgt eben gar keinen Alkohol...“

     Jeden Augenblick nickt er auf dem Pferd ein und sinkt dann ganz sachte vornüber auf den Hals des Pferdes, an den er sich klammert. Wenn ich die Wegrichtung nicht mehr weiß oder wenn wir uns einer Farm nähern, wecke ich ihn. Dann fährt er erschrocken hoch, richtet sich kerzengerade auf und stammelt: „Zu Befehl!“ Herrmann war nämlich Kriegsteilnehmer.

 „Der Bote" Mittwoch, den 2. September

 

 

     Und für mich wird dieser Tag wieder ein Erlebnis. Überall stehen in dem saftiggrünen Wald zerstreut die wilden Apfelsinenbäume, von denen die goldene Frucht herunterleuchtet. Leider ist sie bitter und ungenießbar.

     Ein Eindringen in dieses Dickicht wäre ohne Axt oder Buschmesser ganz unmöglich. Dicht bei dicht stehen hier die Urwaldriesen, aufs engste durchflochten von einem Netz krausesten Rankenwerkes und wuchernder Schlingpflanzen.

     Ein Herr Schade, Oberst außer Dienst, empfängt mich recht frostig, und ich breche nach wenigen Minuten wieder auf. Abends erzählt man mir, dass sein Sohn wenige Wochen vorher im Chaco gefallen sei.

     Bei einem Neukircher wird gerade Yerba geschnitten. Diese wächst an Bäumen, die so kurz gehalten werden, dass man die Blätter von der Erde aus abschneiden kann.

     Herrmann erzählt seinen Freunden von einer Schlägerei, die es nachts bei Tilinsky gegeben hat. Auch hier bittet er um ein „Glas Wasser“, aber Neukircher will nicht verstehen und lässt ihn leer ausgehen. Das erhöht Herrmanns Katerstimmung noch.

     „Wo er denn alle seine Zähne gelassen hätte,“ frage ich ihn einmal.

     „Die hat man mir in Tokio herausgenommen,“ erzählt er, „drei gegen einen, da wehren Sie sich mal, wenn Sie keinen Schnaps vertragen wie ich...“

     Ziemlich hoch in den Bergen wohnt der Bürgermeister der Ansiedlung, der Ungar Horvath. Er ist zugleich Krämer und Schankwirt. Langer hat mir an ihn ein „Empfehlungsschreiben“ mitgegeben, das ich aber lieber in der Tasche behalte, als ich Horvaths Gesicht sehe. Bald weiß ich, dass es überhaupt falsch war, hieher zu reiten, denn der Bürgermeister erklärt sofort, mitreiten zu wollen und ist den ganzen Tag nicht mehr abzuschütteln.

     Herrmann macht es sich bald in einer Ecke bequem und ist auch augenblicklich eingeschlafen. An dem unbehobelten Tisch sitzt einsam bei einer Flasche Schnaps ein deutscher Landsmann, ein Bayer.

     „Der Cania-Hans ist das,“ stellt Horvath vor.

     Jeden Monat erhält der Bayer von seinen Eltern aus München einen größeren Betrag, den er aber immer schon im voraus vertrunken und verpfändet hat. Längst steckt er bei dem Ungar bis über die Ohren in Schulden und bekommt darum die Zusendungen seiner Eltern überhaupt nicht mehr zu sehen...

     Hier oben lerne ich eine ganz schlimme Krankheit kennen, die sog. Ljaga oder Theismaniasis. Es ist das die auch im Orient verbreitete, sog. Aleppobeule. Der Körper der Kranken bedeckt sich mit großen eiternden Geschwüren, die aber seltsamerweise nicht schmerzen. Tief frisst sich die Krankheit ins Fleisch hinein, oft bis auf die Knochen. Gaumen und Nasenbein werden vielfach völlig weggefressen. Schlimm und abstoßend sehen diese bedauernswerten Kranken aus, und mich schauderts jedesmal, wenn mir einer von ihnen die wunde Hand reicht...

     Die nächste Schenke, die „Venda“, gehört wieder einem Juden Karlsberg. Er ist vor einem Jahr aus Polen eingewandert. Unter seinem Schattendach sitzt eine Gruppe Kolonisten beim Schnaps; sie meinen es sicher gut, wenn sie mich so ungestüm einladen mitzutun. Aber ich ziehe vor, hier lieber überhaupt nicht abzusteigen.

     Mein Pferd, die Julie, eine kleine Schimmelstute, ist scheu und bockig und hat eine schier unüberwindliche Angst, die vielen fließenden Wässerchen zu durchwaten. Jedesmal regt sich Horvath bei einem solchen Flussübergang maßlos auf, und kann es nicht verstehen, dass ich ihm verbiete, meine Julie zu misshandeln.

     Der am weitesten in den Urwald vorgedrungene Kolonist ist ein siebzigjähriger Tiroler, Prangmeier. Seine kleine wackelige Bude, vielleicht zweieinhalb Meter lang und anderthalb breit, ist wirklich sehenswert. Die Wände bestehen aus aufrechtgestellten Baumstämmen und das Dach aus Palmblättern.

     „Lebt er hier?“ „Wie ein Einsiedler mutterseelenallein.“

     Ich erkundige mich nach seinem Ergehen und frage, wie es ihm hier gefalle. „Dann muss ich Sie erst widerfragen, wozu Sie das wissen wollen und warum Sie mich ausfragen...“ entgegnet er. Das erkläre ich ihm gern, und er berichtet mir darauf breit und umständlich von seinem entbehrungsreichen Leben im Urwald. „Da sind zuerst einmal die Ameisen“, sagt er. „Soundso viele Male haben die ihm nun schon Gemüse- und Obstsetzlinge vernichtet.“ Aber dieses Kapitel ist mir längst nicht mehr neu, und ich lenke das Gespräch auf das Wild.

     „Ja, das Wild. Das ist hier mit diesem auch wieder so eine Sache“, meint er. „Manch eine Wildkatze hätte er schon drschlag’n“, aber es kämen immer wieder welche. Sogar die Tiger besuchten ihn recht oft, und erst gestern habe er wieder einen jungen gefangen.

     Horvath horcht auf. Einen lebendigen Tiger? „Hast’n eingesperrt?“ Die Felle sind teuer, und der Krämer wittert ein Geschäft. Und die Kunst des Feilschens handhabt er meisterlich. Er kauft den Tiger schließlich für achtzig Pfennig. Das ist zwar geschenkt, aber Prangmeier flüstert mir zu: „Wissens, ich möcht sie halt beide lossein: den Tiger und den Juden.“ (Die abfällige Art, über Juden zu reden, war damals bei den meisten Deutschen "selbstverständlich" - aber auch in Russland, Polen und in den meisten Ländern Europas - somit wurde es auch zur Vorstufe ihrer Exterminierung) Wir schleppen die Kiste mit dem Gefangenen hinaus und stellen sie auf einen Baumstumpen. Mit dem Beil öffne ich einen Spalt, um mit dem wilden Gesellen erst einmal anzusehen. Aber wütend faucht er mich an und versucht auszubrechen. Doch hübsch ist der kleine Kerl und feurig.

     Prangmeier will seine gute Kiste nicht herschenken, und Horvath gibt sich schließlich mit einer kleineren zufrieden. Nun gilt es, das Tigerlein umzubetten; aber das ist gar nicht so einfach. Die bissige Katze packt sofort wütend zu, wenn wir uns ihr irgendwie nähern.

     „Wart, Nazi, Du Hund...“ schimpft Horvath aufgeregt.

     „Passen Sie ja auf,“ warne ich, „Nazis beißen, das ist stadtbekannt.“ Ich schneide mir eine starke Astgabel zurecht, um den Tiger mit dem Kopf fest an den Boden der Kiste drücken zu können. Dann decke ich ihm einen Sack über den Kopf und fasse Kopf und Vorderfüße mit beiden Händen. Horvath hält Schwanz und Hinterfüße.

     „Wart, Nazi. . .“ Aber der „Nazi“ wartet nicht, und schon ist das Unglück geschehen.

     Gerade als wir das Tigerlein in die kleine Kiste drücken, gibt Horvath etwas zu schnell die Hinterbeine frei, durch einen heftigen Ruck des Tigers rutschen meine Hände rückwärts bis auf das Genick, das Maul wird frei, und schwapp! graben sich die scharfen Tigerzähne in Horvaths Hand. Im gleichen Augenblick schlage ich den Deckel zu, und der kleine Räuber knurrt schadenfroh, wie mir scheint, und zufrieden durch die Ritze.

     „So sind halt die Nazis...“ lacht der alte Prangmeier.

     Horvaths Hand blutet stark, und ich verbinde sie ihm so gut das geht. Aber dem Bürgermeister scheint die Freude an dem Geschäft durch den kleinen Zwischenfall verloren gegangen zu sein, er verspricht, den Tiger später abholen zu lassen.

     Einsilbig reiten wir durch den Urwald heimwärts. Nicht ein einziges Mal höre ich Horvath mehr schimpfen, obzwar sich meine Julie noch wilder gebärdet als vorhin. . .

 „Der Bote" Mittwoch, den 9. September

 

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